Unmenschlicher Drill, Jugendschutz missachtet? Leiter der Ballettschule Berlin freigestellt

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BERLIN. Drill, unverhältnismäßige Lehrmethoden, Verstöße gegen Jugendschutzregeln: Schulleiter und Künstlerischer Leiter der Staatlichen Ballettschule Berlin sind im Zuge von Untersuchungen nach anonymen Vorwürfen zum Umgang mit Schülerinnen und Schülern vorübergehend vom Dienst freigestellt worden. Darüber wurden beide nun von der Bildungsverwaltung informiert.

„13-Stunden-Tage, harter Drill, Bodyshaming, Magersucht“ an der Staatlichen Ballettschule Berlin? Foto: Shutterstock

Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) hat nach Hinweisen eine Kommission eingesetzt. Diese untersucht, ob das seelische und körperliche Wohl von Schülerinnen und Schülern der Ballettschule unzureichend geschützt wurde. Zudem wurde eine unabhängige Anlaufstelle für Betroffene eingerichtet. Gedacht ist dabei an Eltern, Schülerinnen und Schüler sowie Ehemalige.

Laut Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb) – der wochenlang im Umfeld der Schule recherchierte – ist davon die Rede, dass „Schülerinnen und Schüler jahrelang gelitten haben: 13-Stunden-Tage, harter Drill, Bodyshaming, Magersucht“. „Jeder wusste: Wenn ich verletzt bin, gibt es sofort jemanden, der mich ersetzt. Wer nicht mehr funktionierte, wurde einfach ausgetauscht. Wir wurden behandelt wie Maschinen“, so wird eine ehemalige Schülerin zitiert. Der Druck, abzunehmen, sei enorm gewesen. Viele Mädchen hätten Essstörungen wie Bulimie entwickelt. Das sei von der Schulleitung ignoriert worden.

Der Schulunterricht, so heißt es in dem Bericht, beginne morgens um 7:50 Uhr, nachmittags und abends gebe es Tanzunterricht, Gymnastikeinheiten und Proben. Wenn die Jungen und Mädchen dann abends noch auf der Bühne stünden, dauere der Arbeitstag schon mal gut 13 Stunden. Dabei werde der Jugendschutz häufig missachtet. So sollen Erholungszeiten regelmäßig vernachlässigt worden seien – Freizeitphasen von mindestens 12 Stunden zwischen einem Auftritt und dem nächsten Schulunterricht seien vorgeschrieben, würden aber oft nicht eingehalten. Ohnehin seien Jugendliche bis spätabends aufgetreten, obwohl das Jugendschutzgesetz regelt, dass Minderjährige nur bis höchstens 23 Uhr auf der Bühne stehen dürfen.

Schulleiter und Künstlerischer Leiter weisen die Vorwürfe zurück

Schulleiter Ralf Stabel und Künstlerischer Leiter Gregor Seyffert bestätigten auf Anfrage die Freistellung. In gleichlautenden persönlichen Stellungnahmen hieß es, die Freistellung «erfolgte nicht, weil ich meine Dienstpflichten verletzt hätte oder weil andere von mir zu vertretende Gründe vorliegen». Die Vorwürfe seien stets anonym erhoben worden. «Es kursieren Verleumdungen, Falschbehauptungen und Anschuldigungen in der Öffentlichkeit, für die kein einziger Beleg beigebracht wurde», hieß es von Stabel und Seyffert. «Es liegen also bisher keine konkreten Fälle vor, denen ich hätte nachgehen können.» Es wäre an der Zeit, die anonymen Behauptungen auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und rechtlich zu bewerten, hieß es. «Aus dienstrechtlichen Gründen» wollten sich beide «zum Sachverhalt nicht weitergehend äußern».

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Die anonymen Vorwürfe wurden nach Senatsangaben im September über das Internet bekannt. Anfang Januar ging in der Verwaltung ebenfalls anonym ein Dossier mit Beschuldigungen ohne Quellen ein. Die Senatsverwaltung verlangte daraufhin eine ausführliche Stellungnahme der Schulleitung und führte Gespräche mit Lehrkräften.

„Hoffen, dass ein Neustart der Schule gelingt“

Aus Sicht der bildungspolitischen Sprecherin der Grünen-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Marianne Burkert-Eulitz, wurde «nach verschiedenen Gesprächen mit den Betroffenen deutlich, dass eine rückhaltlose Aufarbeitung unter der Leitung der Ballettschule nicht möglich ist». Deshalb sei die Entscheidung wichtig. «Wir hoffen, dass nun alle Betroffenen sich zu Wort melden und alle Vorwürfe aufgeklärt werden, damit ein Neustart der Schule gelingen kann.»

An der Staatliche Ballettschule und Schule für Artistik (SBB) lernen rund 300 Schülerinnen und Schüler im Alter von zehn bis 19 Jahren. Sie können nicht nur die Berufsausbildung zum Bühnentänzer oder Artisten machen, sondern auch das Abitur und einen Bachelorabschluss erreichen. Viele kämen aus Übersee, lebten im Internat – „alles für ihren Traum von einem Leben als Primaballerina, als Startänzer, Künstlerin oder Artist. Ihre Absolventinnen und Absolventen tanzen auf den ganz großen Bühnen der Welt: London, New York, Moskau“, so heißt es im rbb-Bericht. News4teachers / mit Material der dpa

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3 KOMMENTARE

  1. Wenn Sie meinen, eine Stellenausschreibung für die Schulleitung der Staatlichen Ballettschule Berlin und Schule für Artitstik sei verfrüht, es müsse die Aufklärung auf Fakten basieren, dann sind Sie nicht auf dem Laufenden. Die hanechüchenen Missstände an dieser Schule herrschen dort schon seit 13 Jahren und sind in der Szene sehr wohl bekannt. Bei den Krokodilstränen von Stabel kommen mir fast selbst die Tränen. Ich habe in meinem Leben nie einen abgefeimteren Lügner als ihn kennen gelernt, und ich habe wahrlich schon viel gesehen! Es sind übrigens die Eltern und die Lehrer der Schule gewesen, die mit Ihren Vorwürfen und Beweisen an die Behörden und an die Öffentlichkeit gegangen sind. Ich persönlich habe es vor 10 Jahren schon einmal vergeblich als Klassenlehrerin versucht, wurde nicht gehört und von dieser Schule weg gemobbt. Jetzt werde ich als Nebenklägerin zur Hauptklage des Landes Berlin gegen meine ehemalige Schulleitung vor Gericht gehen wegen sexuellen Missbrauchs, Nötigung, Gewaltverherrlichung, Vorteilsnahme, Kinderarbeit, Betrugs, Bildung einer kriminellen Organisation („Sauna-Connection“), … was habe ich da noch vergessen? Auf jeden Fall liegen alle meine Unterlagen bei der Rechtsabteilung meiner Gewerkschaft und schon längst bei der Staatsanwaltschaft.

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