Wohin mit schwächeren Schülern? Gemeinschaftsschulen greifen Realschulen an – „Rosinenpickerei“

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STUTTGART. Inklusion, Integration, sozial benachteiligt oder privilegiert, lernschwach oder leistungsstark – die Schülerschaft wird immer heterogener. Gemeinschaftsschulen stellen sich darauf ein, Realschulen wollen lieber homogene Klassen. Und fordern deshalb in Baden-Württemberg die Rückkehr zur verbindlichen Grundschulempfehlung. Dann könnten Eltern dort nicht mehr so leicht ihre Kinder an der Realschule anmelden. Die Gemeinschaftsschulen sehen das kritisch.

Links oder rechts? Für immer mehr Eltern scheint es nur eine Richtung zu geben. Illustration: pixabay.de / (CC0 1.0)
Verbindliche Vorgaben in Sachen Schulwahl sind in Deutschland selten geworden – der Elternwille ist fast überall frei. Illustration: pixabay.de / (CC0 1.0)

Die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg werfen den Realschulen Rosinenpickerei vor. «Die Realschulen nehmen die gesellschaftliche und pädagogische Aufgabe nicht an, jedem Kind gerecht zu werden», sagte Matthias Wagner-Uhl, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der Gemeinschaftsschulen. Die Begründung der Realschulvertreter, der großen Vielfalt der Schüler und ihrer Begabungen nicht entsprechen zu können, sei nicht nachvollziehbar. «Diversität sollte an einer Schule als Bereicherung und nicht als Hemmschuh betrachtet werden.»

Damit reagierte er auf die Forderung der Realschuldirektoren, die verbindliche Grundschulempfehlung wieder einzuführen und den Hauptschulabschluss an dieser Schulart abzuschaffen. Grund: Viele Kinder seien in den Eingangsklassen heillos überfordert und in den höheren Klassen landeten frustrierte Schüler vom Gymnasium auf der Realschule, die die Heterogenität verstärkten. Ähnliche Effekte gibt es auch an den Gemeinschaftsschulen.

VBE: Nötig sind multiprofessionelle Teams an Schulen

Der Verband Bildung und Erziehung warnte davor, die beiden Schularten gegeneinander auszuspielen. «Beide brauchen die Ausstattung, damit sie ordentlich arbeiten können», sagte Landesverbandschef Gerhard Brand. Wichtig seien mehr Zeit für individuelle Förderung und multiprofessionelle Teams, etwa mit Sozialarbeitern. Die Abschaffung des Hauptschulabschlusses an der Realschule sei schon allein deshalb nicht praktikabel, weil nach Schließung Hunderter Hauptschulen ansonsten dieser Abschluss nicht mehr flächendeckend angeboten werden könne.

Ein Merkmal der «Schule für alle» ist laut Wagner-Uhl, dass bessere Schüler schwächere mitziehen. «Das funktioniert glänzend, die Leistungsstärkeren profitieren ebenfalls und wachsen an der Verantwortung.» Die Gründung einer Gemeinschaftsschule sei in der Anlaufphase mit Mehraufwand verbunden. Danach gebe es für die Lehrer keine längere Vorbereitung für den Unterricht auf drei verschiedenen Niveaus, weil Aufgaben und Material im Team weitergegeben werden. «Lehrer müssen vom Einzelkämpfertum Abschied nehmen – denn im Team steigt die Qualität der Lehre.»

Lehrer benötigen „Energie, Intelligenz und Leidenschaft“

Die Ergebnisse der Absolventen der Starterschulen zeigten, wie individuelle Förderung die Leistungsfähigkeit der Schüler erhöhe. Von den 47 Prozent Schülern mit ursprünglicher Prognose Hauptschule machten nur 19 Prozent den entsprechenden Abschluss, der Rest strebte höhere Abschlüsse an. Die Kollegen in den Realschulen erhielten – wie die Gemeinschaftschulen auch – Stunden für differenzierten Unterricht. «Es braucht ein stückweit Energie, Intelligenz und Leidenschaft, mit Vielfalt adäquat umzugehen.» Gelinge das nicht, werde Deutschland bald nicht mehr international wettbewerbsfähig sein, sagte Wagner-Uhl.

In der Arbeitsgemeinschaft sind zwei Drittel der rund 300 Gemeinschaftsschulen im Südwesten organisiert. dpa

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Zu viele überforderte Schüler: Realschulen wollen Hauptschulabschluss loswerden

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16 KOMMENTARE

  1. Es geht glaube ich weniger um den Hauptschulabschluss an der Realschule als um den nach dem Geschmack der Gemeinschaftsschulen viel zu hohen Hauptschulanteil gerade dort.

    • „Schulen des längeren gemeinsamen Lernens“ – egal wie sie im jeweiligen Bundesland heißen – können nur sann sinnvoll mit der Schülerklientel arbeiten, wenn die Vorgaben bezüglich der Klassenzusammensetzung annähernd eingehalten werden können. Die Vorgaben sehen vor, dass ein Gleichgewicht zwischen den beiden geschlechtern erreicht wird, dass Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf in gleichem Verhältnis auf die neu zu bildenden Klassen aufgeteilt und vorallem dass die Drittelparität der von der Grundschule prognostizierten Bildungsabschlüsse eingehalten wird. Die Drittelparität sieht vor, dass ein Drittel bedingt oder uneingeschränkt Gymnasialempfohlene. ein Drittel bedingt oder uneingeschränkt Realschulempfohlene und ein Drittel Hauptschulempfohlene sein sollten.

      Das mittlere Drittel der Realschulempfohlenen leidet darunter, dass das erstgenannte Drittel zahlenmäßig zulasten des Drittels der Hauptschulempfohlenen zahlenmäßig deutlich unterschritten wird. Gleichzeitig hat das zur Folge, dass der Jungenanteil den der Mädchen in den Anfangsklassen übertrifft (w: 40% – 45% und m: 55% – 60%).

      • Ich kann mir auch kaum vorstellen, dass die Gemeinschaftsschulen überhaupt ein Drittel Gymnasiasten, selbst wenn sie es nur eingeschränkt sind, zusammen bekommen.

        • Es sind zumeist die bedingt Empfohlenen, um der wahrheit ie ehre zu geben. Und wenn dann die Realschule in der Nähe des wohnortes in eine GemS umgewandelt worden ist und die Eltern eine gebundene Ganztagsschule wünschen, ja dann …

        • Nein, bekommen sie nicht. Die Gemeinschaftsschulen gehen auch nur bis einschließlich Klasse 10 und wer ein Abitur haben möchte, muss nach Klasse 10 woanders 3 Jahre dranhängen. Will heißen: Wer auf ein Gymnasium wechselt, macht dort noch einmal Klasse 10, 11 und 12. Oder man wechselt auf ein berufliches Gymnasium und macht dort die 11, 12 und 13.

  2. Bei uns in der Gegend sind in den Gemeinschaftsschulen hauptsächlich Kinder mit Hauptschule/Gemeinschaftsschul- Empfehlung, wenige Realschüler und so gut wie keine Gymnasiasten. Somit ist für mich die Gemeinschaftsschule leider zur „Resteschule“ geworden. Wenn man das Konzept konsequent hätte umsetzten wollen, hätte man alle anderen Schularten abschaffen müssen. Das die Realschulen das G- Niveau/ Hauptschulniveau anbieten müssen, dies aber erst ab Klasse 7, wurde nur eingeführt um die Schulart Hauptschule/Werkrealschule abzuschaffen. In meinen Augen haben Eltern und Kinder keinerlei Vorteile mit diesen neuen Schularten, es herrscht nur mehr Verwirrung im Schul- Dschungel. In all diesen Schularten reiben sich Kollegen durch die neuen Konzepte auf und verlieren immer mehr an Motivation, das Zulasten der Kinder.
    Letztlich wurde auf Grund von Sparvorgaben unser dreigliedriges Schulsystem zerschlagen, ohne das richtig ausgereifte Konzepte vorhanden waren. Jede Gemeinschaftsschule hat ein eigenes Konzept entwickelt, inklusive der Materialien (ich möchte mir nicht ausrechnen mit wie vielen Extrastunden). In das Ganze Rezept wurde dann noch die Inklusion hineingerührt und fertig war der Abstieg des Bildungslandes Deutschland.
    Oberste Prämisse, es soll möglichst billig sein.
    Effekt: Frust bei Eltern, Kindern, Schulleitungen, Lehrern und on top schlechte Ergebnisse bei VERA und Co.
    Billig ist es auch nicht!
    Über Bildung sollten nicht Politiker entscheiden, die nie in den Schularten unterrichtet haben über die sie entscheiden. Bildung muss von wirklichen Experten (sprich Lehrern im Unterricht) entwickelt werden.

    • Den Vorteil haben die Schulträger, sie können in allen Gemeinden ein Angebot für eine weiterführende, allgemein bildende Schule machen, die alle SekI-Abschlüsse vergeben kann.
      Dies ist – zumindest hier in NRW – eine Forderung, die sowohl die Politik (Kommunalpolitik) als auch die Wirtschaft (HWK und IHK) aufgestellt haben. Die Kommunen wollen nicht, dass ihre Gemeinden unattraktiv werden, weil es keine weiterführenden Schulen im Gemeindegebiet mehr gibt bzw. es nur noch ein eingeschränktes Angebot – entweder HS oder RS – gibt. Wobei hier in NRW die GemS lediglich als Schulversuch – von Schwarz-Gelb eingeführt und von Rot-Grün fortgeführt – ist, bei dem HS und RS unter einer Leitung und mit einem Kollegium kooperativ unterrichten. Die eigentliche Gemeinschaftschule ist die Sekundarschule, die eine integrative Schulform wie die Gesamtschule ist. Die SekS ist quasi eine GE light; SekS wurden und werden an Standorten errichtet bzw. durch Umwandlung auslaufender HS geschaffen, wenn keine 4 Eingangsklassen für eine GE zusammen kommen.
      GE sind grundsätzlich mindesten vierzügig und werden im verbindlichen Ganztag geführt. Die SekS sind ebenfalls Ganztagschulen, sind aber bei den Eltern weniger beliebt. Deren Favoriten sind neben dem GY entweder die GE oder die RS. Somit degenerieren die SekS zu Resteschulen, die die ehemaligen HS subtituieren.

    • Richtig: Die wahren Experten sind unterrichtende Lehrer mit möglichst mehrjähriger Berufserfahrung. Nur sie wissen wirklich, was los ist und wovon sie reden.
      Die sonstigen „Experten“ und ihre Kanzelreden sind eher mit Vorsicht zu genießen.

  3. „multiprofessionelle Teams an Schulen“. Super. Von der ewigen Wiederholung von „Einhörnern“ wird es die aber in der freien WIldbahn auch nicht geben.

  4. Vom Kindergarten über Grundschulen nur noch Offene Selbstferwirklichende Konzepte.
    Und Empfehlungen die das Papier nicht wert sind. Zitat :“Unsere Grundschule hat die höchste Übergangsquote in der Region.“
    Leider nur eine Null Bleibequote. Alle Kinder werden um eine Schule runter gesetzt.

    • Der eigentliche Widerspruch liegt aber außerhalb der Schulen. Dass die Eltern die bestmögliche Schulbildung möglichst wohnortnah für ihre Kinder wünschen ist aus meiner Sicht nachvollziehbar. Was die bestmögliche Schulbildung bzw. der bestmögliche Schulabschluss werden wird, ist von seiten der Eltern wegen Befangenheit aber schwer zu prognostizieren. Grundschulen bzw. deren lehrkräfte haben aber auch keine hellseherischen Fähigkeiten, sie haben aber profunde Erfahrungen. Nichts desto trotz war ein großer Teil der Grundschulempfehlungen nach Klasse 3 bezüglich des Schulabschlusses am Ende der Schullaufbahn wenig aussagekräftig, da die spätere Entwicklung nur schwer vorhersagbar ist.

      In dieser Situation haben große Teile der Politik beschlossen, die verbindliche Grundschulempfehlung abzuschaffen, um die potentiellen Wähler nicht zu verschrecken. Im gleichen Zeitraum hat man medial den Ruf von Hauptschulabsolventen degestalt beschädigt, dass die Anmeldequoten an die HS nur noch deren schließung bzw. deren Auslaufen zuließen. Was die Politik übersieht ist, dass mit der abschaffung der Hauptschulen, deren Schülerschaft nicht verschwindet. Folglich musste eine Auffangmöglichkeit geschaffen werden. Die Befürworter des „längeren gemeinsamen lernes“ haben folglich Morgenluft gewittert und Schulformen an den Start gebracht, die den gemeinsamen Schulbesuch aller Kinder und Jugendlichen ermöglichen soll. Oben drauf wurden dann noch Inklusion von Schülerinnen und Schülern mit speziellen Förderbedarfen und Integration von Zugewanderten gesattelt – und das bei gleichzeitiger Einsparung zusätzlicher materieller und auch personeller Ressourcen.

      Ich persönlich halte die Idee einer Gesamtschule, die nach sechs Jahren gemeinsamen Unterrichtes unterschiedliche Schulabschlüsse vergibt, für gut. Ich sehe aber auch, dass infolge des gesellschaftlichen Wandels diese Idee zum Scheitern verurteilt ist, wenn nicht zusätzliche personelle Ressourcen geschaffen werden.

      Auf der anderen Seite ist die wirtschaft, die einerseits immer höhere Bildungsabschlüsse wünscht, da für die Ausbildungsgänge heutiger Zeit deutlich höhere Kompetenzniveaus vorausgesetzt werden müssen als in den 60er und 70er Jahren. Gleichzeitig ist eine Tätigkeit ohne Meister- oder Techniker-/Fachwirtabschluss finanziell unattraktiv. Hinzu kommt dass Stellen für die vormals eine betriebliche Ausbildung genügte mit BAchelorabsolventen bestzt werden. Dies geschieht vorallem im kaufmännischen Bereich; Stellen für die früher der HöHa-Abschluss genügte, werden heute mit BWLern mit Master-Abschluss besetzt. Tempora mutantur – nur geschieht dies schneller als wir bzw. die gesellschaft sich verändern kann. Das „Wir mit ihr“ hinkt eben stark hinterher, da die politik die richtigen weichenstellungen nicht schafft.

      • „Ich persönlich halte die Idee einer Gesamtschule, die nach sechs Jahren gemeinsamen Unterrichtes unterschiedliche Schulabschlüsse vergibt“
        an wessen Bedürfnissen dieser gemeinsame Unterricht ausgerichtet ist, das ist die entscheidende Frage. Haben Sie je erlebt, was unterforderte, nicht als „brav“ sozialisierte Sechstklässler-Buben so machen?

        • Ja, ich unterrichte u.a. im sechsten Jahrgang.

          Die inklusive Beschulung von SuS mit Förderbedarfen im Bereich ESE ist auch im dreigliedrigen Schulsystem – insbesondere für die HS – kein Zuckerschlecken.

          • ….bzw. in ganz wenigen Ausnahmefällen gar nicht möglich. Das sind dann SchülerInnen, die mehrere AKten füllen, die von mehreren „Ämtern“ professionell und gründlich bearbeitet wurden, die aber nie etwas in der Richtung „bestmögliche Bedingungen“ erhalten haben.

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