Hauptschulen bluten aus – Schülerzahl nochmals drastisch gesunken

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DÜSSELDORF. Die Zahl der Schülerinnen und Schüler an nordrhein-westfälischen Hauptschulen ist erneut deutlich gesunken. Im laufenden Schuljahr besuchen nur noch gut 57.000 Schüler in NRW eine Hauptschule – das sind neun Prozent weniger als im Schuljahr 2018/19, teilte das Statistische Landesamt am Freitag mit. Der Landesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Stefan Behlau, nannte die aktuelle Entwicklung einen «drastischen Wandel».

Die Anmeldezahlen der Haupt- und Werkrealschulen in Baden-Württemberg gehen kontinuierlich zurück. Foto: Anton-kurt /Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)
Die Anmeldezahlen der Haupschule in NRW gehen kontinuierlich zurück. Foto: Anton-kurt /Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Schon seit vielen Jahren sinkt die Zahl der Hauptschülerinnen und Hauptschüler kontinuierlich. Im Jahr 2009 waren es den Angaben der Statistiker nach noch über 200.000. Zudem ist im laufenden Schuljahr die Zahl der Hauptschulen im Land erstmals unter die 200-Marke gefallen. Zum Vergleich: In Nordrhein-Westfalen gibt es insgesamt 5001 Schulen, die von knapp 1,9 Millionen Schülern besucht werden.

Zeitgleich wächst der Statistik zufolge der Anteil der Kinder und Jugendlichen an einer Gesamtschule. Dort werden mit über 326.000 rund 2 Prozent mehr Schülerinnen und Schüler als im Schuljahr zuvor unterrichtet. Die Zahl der Gymnasiasten sank um 1,8 Prozent binnen eines Schuljahres. Mit über 500.000 Schülern ist diese Schulform jedoch mit Abstand die mit der größten Schülerschaft.

Schulen mit höheren Bildungsabschlüssen von Eltern gefragt

VBE-Landeschef Behlau erklärt den kontinuierlichen Rückgang der Schülerschaft an Hauptschulen zum einen mit der geringer werdenden Anzahl der Hauptschulen im Land und zum anderem mit dem Trend, dass «immer mehr Eltern Schulen mit einem vermeintlich höheren Bildungsabschluss, also Gymnasien und Gesamtschulen, ansteuern».

Er betont: „Trotz sinkender Schülerzahlen benötigen die Lehrkräfte an den Hauptschulen eine stärkere Unterstützung. Denn nach wie vor sind die Hauptschulen eine große Stütze der Umsetzung der schulischen Inklusion und der Integration. Die Lehrkräfte an den Hauptschulen leisten jeden Tag wertvolle Arbeit mit ihren Schülerinnen und Schülern unter herausfordernden Bedingungen. Auch die Tatsache, dass die Hauptschule die Schulform mit dem höchsten Anteil an Seiteneinsteigenden ist, muss für eine zusätzliche Entlastung der Hauptschulkollegien führen.“

Realschulen mit Hauptschulzweig? „Nicht mal Notlösung“

Und für eine Aufwertung des Lehramts: „Alle Schulen leiden, weil Fachkräfte fehlen. Insbesondere an den Schulformen der Sek I sowie den Grund- und Förderschulen fehlen ausgebildete Lehrkräfte. Auf gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit verzichtet die Landesregierung trotz ihrer Ankündigungen. Sie sollte beachten: Arbeitsbedingungen von heute entscheiden, ob wir morgen ausreichend Fachkräfte für die Berufe begeistern können.“

Die Entwicklung des Hauptschulbildungsgangs, so Behlau, müsse genau beobachtet werden und eingebettet sein in eine Gesamtbetrachtung der schulischen Landschaft. Die Einrichtung von Hauptschulbildungsgängen an Realschulen – was an immer mehr Standorten geschieht –, sei „noch nicht einmal als Notlösung“ zu betrachten, sondern „eine unzumutbare Situation für die Schülerinnen und Schüler und die Kolleginnen und Kollegen an den entsprechenden Realschulen“, erklärt der VBE-Landeschef. Newsteachers / mit Material der dpa

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Zu viele überforderte Schüler: Realschulen wollen Hauptschulabschluss loswerden

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9 KOMMENTARE

  1. Sind anstelle „Seiteneinsteigenden“ eigentlich Seiteneinsteiger gemeint? Denn während das Partizip Präsens ja etwas oder jemand meint, der (derzeit) eine bestimmte Tätigkeit ausübt, bezeichnet ja das Suffix „-er“ ein Ding oder ein Person, die durch das wesensgemäße, dauerhafte Ausüben der Tätigkeit gekennzeichnet ist. So ist z.B. der Sultan von Brunei, wenn er über seine nach Europa geflohene Frau schreibt, ein Dichtender, aber sicher kein Dichter.
    https://www.focus.de/politik/ausland/zusammen-mit-den-kindern-geflohen-ehefrau-von-dubais-herrscher-soll-asyl-in-deutschland-beantragt-haben_id_10878751.html

    • Ich gehe davon aus, aber der warum auch immer das generische Maskulin ablehnende VBE-Chef scheint sich der linguistischen Sinnverschiebungen durch diese Wortkonstrukte nicht hinreichend bewusst zu sein.

      • Ja, und allen ist spätestens ab Klasse 6 in NRW klar, wohin die Reise voraussichtlich gehen wird. Bis Ende 9 ist dann ggf. noch etwas Bewegung in der Schullaufbahn möglich. Statistisch ist das aber egal, da 25% bis 30% der Schülerschaft an „Schulen des längeren gemeinamen Lernens“ diese am Ende der Vollzeitschulpflicht eben mit einem Förderschulabschluss, keinem Abschluss, einem HA oder einem HSA verlassen haben werden.

        Die schwächsten SuS gehen nämlich im System von Fachleistungs- und Neigungsdifferenzierung mit ständig wechselnden Fachlehrkräften am stärksten unter. Für diese Klientel ist eine GE de facto nicht förderlich, da wünscht man sich den Erhalt der Haupt- und Förderschulen – außer man ist Zyniker.

        • Deshalb ist es auch völliger Blösinn, Hauptschulen abschaffen zu wollen, da hier recht konsequent das Klassenlehrerprinzip durchgesetzt wird, was einige Schüler nunmal besonders brauchen. Gerade an Gesamtschulen gehen die sehr leistungsstarken Gymnasiasten und die sich nach einer festen Lehrerbindung sehnenden Hauptschüler unter, weil in der Realität keine so extreme Differenzierung durchgeführt wird wie sie immer dargestellt wird.

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