Gleichzeitig die Schulen zu öffnen und Fernunterricht zu geben, verlangt Lehrern viel ab

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ORANIENBURG. Der Alltag soll schrittweise in die Klassenzimmer zurückkehren. Immer mehr Schüler nehmen bereits wieder am Präsenzunterricht teil. Doch funktioniert das Konzept? Ortsbesuch in einer Brandenburger Schule. Klar wird: Mit regulärem Unterricht hat das Lernen in Corona-Zeiten wenig zu tun. Für die Lehrkräfte steigt die Belastung enorm.

Jüngere Lehrkräfte gelten oft als digital kompetenter – und sind deshalb offenbar stark beim Fernunterricht gefordert. Foto: Shutterstock

In Reih und Glied stehen die Schüler der ersten Lerngruppe der Klasse 6b vor dem Eingang der Comenius-Grundschule in Oranienburg (in Brandenburg umfasst die Grundschule sechs Jahrgänge). Die Eimer, die neben ihnen stehen, kennzeichnen den geforderten Mindestabstand von 1,50 Metern. Jeden der 13 Schüler lässt der Lehrer einzeln in das Schulgebäude und anschließend in den Klassenraum, wo sich alle gründlich die Hände waschen sollen.

«Unsere Schule ist eine Einbahnstraße. Alles was genutzt wird, geht immer nur in eine Richtung. Der Hof ist eingeteilt in abgetrennte Bereiche, in denen sich jeweils eine Lerngruppe bewegt. Ein Lehrer ist immer mit dabei», erzählt der Schulleiter, Jirco Cesal.

Die Standards seien eigentlich jedem klar und die Kinder auf dem Schulgelände dementsprechend diszipliniert. «Wir niesen in die Armbeuge, wir waschen uns danach die Hände, wir tauschen keine Sachen aus, wir tragen die Masken. Da kommt viel von alleine», so Cesal.

Maximal 13 Schüler dürfen in einen Klassenraum

Dennoch müssten sich die Abläufe an der Schule noch etwas einspielen, räumt der Schulleiter ein. Insbesondere bei den unterschiedlichen Ankunftszeiten der Lerngruppen, die im Viertelstunden-Takt das Schulgebäude betreten dürfen, gebe es noch Abstimmungsschwierigkeiten. «Wir hatten eine Lerngruppe, die sollte um 8.30 Uhr kommen. Die kamen einfach eine Stunde zu früh», erzählt er. Die Kommunikation sei durchaus noch verbesserungswürdig. Meistens seien es Kleinigkeiten, die nicht richtig verstanden würden oder falsch ankämen.

Im Unterricht wird auf ausreichend Platz zwischen den Kindern geachtet. Jeder Schüler hat einen eigenen Tisch für sich, maximal 13 Kinder werden zeitgleich unterrichtet. Noch habe man die entsprechenden Raumkapazitäten, sagt Cesal. Würden jedoch mehr Schüler als die an diesem Tag etwa 100 anwesenden Kinder in die Schule kommen, würde es eng werden.

Das Platzproblem sieht bei einer weiteren Öffnung auch der Brandenburgische Pädagogen-Verband (BPV). «Wenn ich die Klassen in kleinere Gruppen teile, brauche ich auch mehr Räume und Personal.» Beides fehle in vielen Schulen. Zumal viele Lehrer über 60 Jahren und Lehrer, die zur Risikogruppe gehörten, nicht im Präsenzunterricht eingesetzt werden könnten.

An der Comenius-Grundschule arbeiten nur wenige Lehrer, die zur sogenannten Risikogruppe gezählt würden, sagt Schulleiter Cesal. Vier Kollegen sind über 60 sechzig Jahre alt. «Wir können das Gottseidank noch stemmen und bitten deshalb die älteren Lehrer, zu Hause zu bleiben und andere Aufgaben als den Präsenzunterricht wahrzunehmen.»

Das Pensum der Lehrer ist deutlich größer

Denn da gibt es genug zu tun. Das Pensum der Lehrer sei deutlich angewachsen, berichtet Christine Noé, Lehrerin an der Comenius-Schule. «Es kommt vieles zusammen: Das Home-Schooling, jede Menge Mails, der stete Kontakt zu den Eltern und Schülern und jede Menge Videokonferenzen.» Das verursache eine spürbare Mehrbelastung. Sie unterrichte die Schüler teilweise per Videoschalte, zusätzlich müssten die Aufgaben in die Cloud gestellt und anschließend kontrolliert werden, sagt sie.

Gerade auf die jüngeren Lehrer komme es derzeit in vielen Schulen an, sagt BPV-Präsident, Hartmut Stäker. An ihnen bleibe der größte Teil der Arbeit hängen. Sie müssten sowohl den Präsenzunterricht gestalten und aufgrund ihrer oftmals besseren Kenntnisse in den digitalen Lernmethoden auch hier den Großteil leisten. «Viele arbeiten bis zum Erbrechen», so Stäker.

Einige Schüler lassen sich über digitale Angebote nicht erreichen

Zu den 5. und 6. Klassen, die bereits wieder in der Schule unterrichtet werden, kommen an der Comenius-Grundschule kleinere Lerngruppen mit sogenannten Lernstützkindern. Hier sehen die Lehrer besonderen Bedarf, vor Ort zu unterrichten. «Wir haben einige Kinder, die wir über unsere digitalen Lernwege nicht erreichen. Die holen wir uns hierher», sagt Schulleiter Cesal. Diese Kinder seien aber die absolute Ausnahme.

Mit Blick auf die bevorstehenden Planungen der politischen Entscheidungsträger hofft Cesal zunächst auf eine Rückkehr der älteren Schüler. «Die Erstklässler bekommen das mitunter einfach nicht hin. Die Großen sind viel disziplinierter», so Cesal. «Wir müssen jetzt erstmal abwarten.»

Die Kultusminister der Länder hatten vor kurzem beschlossen, dass alle Schüler bis zu den Sommerferien zeitweise an die Schulen zurückkehren sollen. Bereits am 20. April begannen die brandenburgischen Abiturienten mit ihren Prüfungen. Eine Woche später nahmen die Zehntklässler den Präsenzunterricht wieder auf. Am 4. Mai folgten die Schüler, die im nächsten Jahr einen Schulabschluss planen. Offen war am Dienstag noch, wann die Klassen 1 bis 4 und die Jahrgangsstufen 7 und 8 wieder Unterricht in der Schule haben. Von Wilhelm Pischke, dpa

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11 KOMMENTARE

  1. Belastend ist vor allem, dass es so gut wie keine Ruhezeiten mehr gibt. Der Dienstherrn erwartet Erreichbarkeit auch samstags und Sonntags, die Abende sind fuer Mail und Webseite reserviert, die eigenen Kinder haben von 15 bis 17.00 Uhr Papazeit, davor und danach fällt man als Familienmitglied aus. 7 Tage die Woche

  2. Naja, nach 10 Stunden wird dann eben aufgehört mit arbeiten. Dann ist das eine 50 Stunden-Woche, ich habe so den ganz leisen Verdacht, dass damit der Soll erfüllt ist.

    Und hier ist ganz klar jeder gefordert, selber bzw. über die Personalvertretung seinem Dienstherren ggf. die Überlastungsanzeige zu stellen, wenn es zu viel wird. Entweder so oder es wird zu hohen Krankenständen kommen.

    Es kann nicht sein, dass an uns immer mehr kleben bleibt und wir dafür nicht an anderer Stelle entlastet werden. Noch weniger bin ich aber gewillt, die Versäumnisse der Vergangenheit der Politik aufzufangen.

  3. Laut Lehrerarbeitszeitverordnung muss der Lehrer nicht über sein Deputat hinaus arbeiten ( Ausnahme angeordnete Mehrarbeit, ist jedoch zustimmungspflichtig). Online-Unterricht ist im Zweifel nicht Arbeitszeitrelevant und muss laut Lehrerverbänden in RLP nicht!!! geleistet werden wenn die Belastung durch Präsenzunterricht, Aufsichten und Vertretungen bereits über das Stundendeputat hinaus geht. (Siehe Lehrerarbeitszeitverordnung RLP).

  4. Ich dokumentiere meine Arbeit seit Tag 1 der Schulschließung und habe oft auch Samstag und Sonntag gearbeitet, weil es so viel zu tun gab. Wir mussten analoges Material für zu Hause produzieren und ausfahren, dazu kam die schnelle digitale Fortbildung neben her, die Telefonarbeit mit Schülern und Eltern, sowie tägliche Lösungen mit Tipps zum Wochenplan, Aktionen wie Klassenzimmer ausräumen für die Coronabeschulung, Notgruppenunterricht und email Infos von Schulamt und Co zum Lesen. Meine eigenen Kinder kommen zu kurz und ich bin nur noch in der Lage die haushaltsrelevanten Dinge wie putzen und kochen zu erledigen. Und das mit einem 3/4 Deputat. Bezahlung der vielen Überstunden? =0
    Ich komme langsam an meine Leistungsgrenzen und unser Kultusministerin verspricht Sommerschulangebote in den Sommerferien. Wer soll die bitte leiten? Sie selbst und der Rest der Schulamtsleitungen? Bei uns arbeiten nur noch 19 von 40 Lehrern im Notdienst. Vollzeitstellen haben ihre eigene Klasse zu betreuen, plus ein Hauptfach in einer 4. Klasse. Das sind enorme Belastungen.
    Ich habe Angst was noch kommt. Was ist wenn die restlichen Lehrer an regulären Dingen erkranken?
    Ich wünsche mir vor allem, dass in der Presse nicht ständig von Coronaferien gesprochen wird. Wir haben keine Ferien, wir arbeiten weiter.

    • Und immer wieder spricht nicht nur die Presse (da wäre es ja vielleicht verzeihlich), sondern sprechen die zuständigen Ministerien davon, in den Ferien Unterricht anzubieten. Und was sie dann daran hindert ist, dass die Kinder sich auf die Ferien freuen. (so ähnlich hat es in Brandenburg die zuständige Ministerin ausgedrückt.) Darüber, dass die Lehrer aktuell nicht weniger, sondern mehr arbeiten und dass mindestens ein Teil der Sommerferien geplanter und verdienter Urlaub sind, wird nie gesprochen.

  5. Hier sind ganz klar die Gewerkschaften gefragt! Die Arbeitszeit liegt weit höher als 40-Wochenstunden und muss dokumentiert werden.

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