Wo schon Kleine zu Künstlern werden – Deutscher Kita-Preis geht nach Aurich

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AURICH. Kinder sollen sich hier kreativ austoben, den eigenen Interessen folgen, Meinungen vertreten – mit ihrem pädagogischen Konzept ist eine Einrichtung in Aurich «Kita des Jahres» geworden. Der Umgang mit Schrott und Müll hat es der Jury  zum Beispiel angetan. «Kürzlich haben wir eine Lieferung mit alten Computern gekriegt. Die Kinder bauen die Computer auseinander und bauen daraus wieder etwas Neues», erklärt die Leiterin der «Pinguin Kindertagesstätte», Doris Gießenberg.

Kreativität wird groß geschrieben in der Kita „Pinguin“. Foto: DKJS Jakob Erlenmeyer / Nikolaus Götz

Auch andere Abfälle landen im Atelier und werden zu Kunstwerken verarbeitet. «Dann kommen sie in einen Rahmen hinein, so wie Bilder präsentiert werden. Das ist für die Kinder viel wichtiger, als wenn ich sage: „Mensch, das hast du toll gemacht», sagt Gießenberg. Kita-Kunst aus Klorollen wurde sogar schon in einer Ausstellung gezeigt.

Das Thema Umwelt und Natur liegt der Leiterin besonders am Herzen. «Wir sind uns der Verantwortung auch bewusst, dass hier Kinder heranwachsen, die Umwelt anders erleben werden, wie wir sie erlebt haben.» In der privaten Einrichtung, die seit fast 50 Jahren von einem Elternverein getragen wird, haben die Kinder einen Garten zum beackern. Im Gewächshaus sprießen in den vergangenen Wochen angepflanzte Tomaten, Radieschen und Möhren.

Das selbst gedichtete Corona-Lied wird angestimmt

Rund 150 Kinder besuchen dort Krippe, Kindergarten und Hort – eigentlich. Einen Tag nach der Verkündung des ersten Platzes beim diesjährigen «Deutsche Kita-Preis» sind nur etwa 40 da – Notbetreuung in Corona-Zeiten. Das Konfetti von Vorabend liegt noch am Boden, die Freude bei Leitung, Erziehenden und Kindern ist groß. Einige Eltern samt Kindern schauen am Mittwoch zumindest kurz zu Besuch vorbei, als ein Eiswagen zur Feier des Tages vorbeikommt. Das selbst gedichtete Corona-Lied wird angestimmt. Der Leiterin kommen die Tränen.

Zum 22. Juni sollen Niedersachsens Kitas wieder für alle öffnen. «Eltern haben in dieser Zeit nicht nur gemerkt, dass Schule fehlt und dass Homeschooling schwierig ist, sondern auch die Betreuung der Krippen und Kindergartenkinder ist eine Herausforderung für viele Eltern gewesen», sagt Gießenberg. Die Kita verschickte Newsletter, machte Videos und Podcasts. «Damit die Eltern nicht alleine zu Hause sitzen und gar nicht wissen: „Was mache ich jetzt am besten?“»

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Gegen knapp 1400 Bewerber setzte sich die Einrichtung im Wettbewerb durch und bekam damit vom Bundesfamilienministerium und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung ein Preisgeld von 25.000 Euro zugesprochen. «Wir sehen gerade jetzt, wie wichtig gute Kitas sind», sagte Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) laut Mitteilung. «Die Arbeit, die dort überall im Land geleistet wird, ist niemals eine Selbstverständlichkeit.»

Gegen knapp 1400 Bewerber setzte sich die Einrichtung im Wettbewerb durch. Foto: DKJS Jakob Erlenmeyer / Nikolaus Götz

Was die Kita mit dem Geld machen will, ist noch unklar. Eine oder sogar zwei neue Rutschen sind im Gespräch. Abgestimmt wird, wenn alle Kinder zurück sind. Dass die Kinder hier ihren eigenen Themen und Interessen folgen und sich in vielfältiger Art und Weise als kompetent und wirksam erfahren könnten, überzeugte die Juroren besonders. Jurymitglieder hatten die Kita besucht, Erzieher, Eltern sowie Kinder befragt und schrieben einen Bericht. «Jeder Mitarbeiter hat die 21 Seiten ausgedruckt bekommen. Es wurde sehr wertschätzend gesprochen, das hat uns alle sehr berührt», erzählt Gießenberg.

Das nächste Projekt: eine Kindergartenzeitung

Die Erfahrungen aus Corona will man nutzen: Aus dem Newsletter soll eine Kindergartenzeitung werden und Kinder sollen auch helfen, weiter Videos für Youtube und Podcasts zu produzieren. «Schon bei den kleinen Kindern spielt Medienkonsum heute eine Rolle», sagt Mitarbeiterin Mieke Matthes. «So bekommen sie mit, wie eigentlich Informationen entstehen: Ich kann etwas so darstellen oder so.» Ein Ausflug in die Bücherei wurde bereits für den Podcast aufbereitet – oder der Besuch bei der Bank, als Kinder Kleingeld wechseln wollten.

«Was die Kinder auch für interessante Fragen stellen: „Aber irgendwann läuft der Automat ja über – wir haben jetzt schon so viel Kleingeld gebracht -, wer holt das da raus?“», erzählt Leiterin Gießenberg. «Das wusste ich vorher auch nicht, wie das läuft.» Das sei das Entscheidende an der Arbeit: «Wir bleiben neugierig mit den Kindern. Wir sind nicht die Allwissenden, die Erwachsenen.» Von Linda Vogt, dpa

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