Kitas in Not – Bertelsmann-Studie zeigt auf: „Personalschlüssel oft nicht kindgerecht“

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GÜTERSLOH. Beim Ausbau von Kita-Plätzen hat sich zuletzt viel getan, doch vielerorts passen weiter wenige Erzieherinnen auf viele Kinder auf – wie nun eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung aufzeigt. „Der Kita-Ausbau der letzten Jahre war beachtlich: Aber die Personalschlüssel und Gruppengrößen sind vielerorts nicht kindgerecht, es gibt keine bundeseinheitlichen Qualifikationsstandards für das Personal. Kitas können deshalb ihren Bildungsauftrag teilweise nicht wahrnehmen“, erklärt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung. Die Bundesfamilienministerin widerspricht.

Die Situation in vielen Kitas ist für das Personal wie für die Kinder gleichermaßen belastend. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Schlechte Personalausstattung und zu große Gruppen: Angesichts nur geringfügiger Verbesserungen bei der Kita-Qualität sieht die Bertelsmann-Stiftung die frühkindliche Förderung in vielen Einrichtungen gefährdet. Viele Kindergärten und Krippen in Deutschland könnten ihren Bildungsauftrag so allenfalls eingeschränkt umsetzen, mahnten die Fachleute bei Veröffentlichung des «Ländermonitorings frühkindliche Bildungssysteme» am Dienstag.

Bundesweit besuchen demnach fast drei von vier Kindern eine Kita oder eine Krippe mit zu wenig Personal: So kamen zum Erhebungsstichtag im März 2019 rein rechnerisch 4,2 Krippenkinder auf eine Erzieherin oder einen Erzieher. Im Kindergarten waren es 8,8 Kinder pro Fachkraft. Die Experten empfehlen aber maximal 3 Krippenkinder, beziehungsweise 7,5 Kindergartenkinder pro Erzieherin.

Zu große Gruppen bedeuten Stress für die Kinder und fürs Personal

Auch die Gruppengröße entspricht in vielen Kitas nicht den wissenschaftlichen Empfehlungen. „Gruppen für jüngere Kinder sollten nicht mehr als zwölf Kinder umfassen, für die Älteren nicht mehr als 18. Zu große Gruppen bedeuten für die Kinder und das Fachpersonal übermäßigen Stress, etwa durch Lautstärke. Dies kann dazu führen, dass pädagogische Aktivitäten, die für die kindgerechte Entwicklung wichtig sind, nicht ausreichend durchgeführt werden. So sind bundesweit gut 54 Prozent aller amtlich erfassten Kita-Gruppen zu groß“, heißt es in der  Studie.

Trotz des Kita-Platz-Ausbaus und Investitionen in zusätzliches Personal seien die Qualitätsverbesserungen nur gering. Das habe Folgen für die pädagogische Arbeit, kritisierte die Stiftung. «Ist eine Fachkraft für zu viele Kinder zuständig, kann sie nicht auf die Bedürfnisse der Einzelnen eingehen, die Persönlichkeitsentwicklung oder den familiären Hintergrund betrachten. Individuelle Förderung bleibt dann auf der Strecke», sagte Anette Stein, bei der Stiftung verantwortlich für den Bereich frühkindliche Bildung. Es brauche dringend weitere und dauerhafte Investitionen in die Qualitätsentwicklung: «Das darf jetzt in der Corona-Krise nicht aus dem Blick geraten», mahnte Stein.

Giffey: „Nicht richtig, solche Zweifel an den Kitas zu säen“

Familienministerin Franziska Giffey wies die Kritik zurück: «Millionen Kinder gehen gerne in ihre Kita und werden dort gut betreut und gefördert», erklärte die SPD-Politikerin. «Es ist nicht richtig, derart gravierende Zweifel an einer kindgerechten Betreuung in den Kitas zu säen.» In den Kitas leisteten Erzieherinnen und Erzieher jeden Tag hervorragende und kindgerechte Arbeit. «Diese lässt sich nicht nur am Betreuungsschlüssel festmachen», betonte die SPD-Politikerin.

Wie Personalmangel wirkt, unterstreicht dagegen eine Studie, die die Stiftung flankierend zu den Daten des Ländermonitorings gemeinsam mit der Fernuniversität in Hagen veröffentlichte. Dafür wurden Gruppengespräche mit insgesamt 128 Kita-Mitarbeitern ausgewertet. «Dramatisch», nennt die Leiterin des Lehrgebiets für empirische Bildungsforschung an der Fernuni, Julia Schütz, die Ergebnisse. «Viele Erzieherinnen schildern einen Spagat zwischen dem eigenen Anspruch und mangelnden Zeitressourcen. Wahnsinnig engagierte Fachkräfte treffen auf eine Situation, in der sie gar nicht professionell agieren können», sagt die Erziehungswissenschaftlerin.

Regionen- und trägerübergreifend wurden ähnliche Probleme genannt: unbesetzte Stellen, zu viele Tätigkeiten außerhalb der Gruppe, etwa in der Elternarbeit oder gar als Hausmeister-Ersatz, die Gruppengrößen, bei denen Erzieherinnen gerade einmal ihrer Aufsichtspflicht gerecht würden. «Wie soll man Bildung ermöglichen, wenn man alleine 20 Kinder beaufsichtigen muss?», fragte Schütz. Sie ist sich sicher: «Mehr als Aufbewahren ist dann oft nicht drin.»

Nicht nur der Personalschlüssel einer Kita ist entscheidend

«Lernen in der Kita basiert auf einer Kind zentrierten, dialogischen Pädagogik. Kinder beobachten, stellen Fragen. Darauf einzugehen, ein anregendes Umfeld zu schaffen und mit ihnen in eine dichte Interaktion zu treten – all das benötigt Zeit und damit natürlich eine angemessene Personalausstattung», sagte der Psychologe und Leiter der Abteilung Kinder und Kinderbetreuung beim Deutschen Jugendinstitut, Bernhard Kalicki.

Gleichzeitig wies er darauf hin, dass der massive Ausbau des Platzangebotes gerade für jüngere Kinder der vergangenen 15 Jahre immerhin nicht zu Lasten der Personalausstattung gegangen sei. Im Gegenteil: Die Schlüssel sind rein rechnerisch günstiger geworden. Und: «Qualität einer Kita misst sich ja immer auch in mehreren Dimensionen», sagt Kalicki. Es spiele auch eine Rolle, wie anregungsreich und autonomiefördernd der Alltag für die Kinder gestaltet sei.

VBE: Unzureichendes Engagement der Politik für die Kitas

Gewerkschaften und Verbände sahen sich angesichts der Personalsituation in ihren Forderungen nach besserer Bezahlung und besseren Rahmenbedingungen für den Beruf der Erzieherin bestätigt. „Der Personalnotstand an Kitas ist, trotz aller Verbesserungen in den letzten Jahren, weiterhin eklatant, die Bildungs-, Erziehungs- und Betreuungsqualität massiv beeinträchtigt“, erklärte etwa VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann. „Die unzureichenden Anstrengungen der Politik gefährden die Zukunft und die Gesundheit von Kindern und pädagogischem Fachpersonal gleichermaßen. Wenn Kita ihrem Bildungsauftrag nicht oder nur eingeschränkt nachkommen kann, hat das verheerende Auswirkungen auf die weitere Bildungsbiografie“.

Björn Köhler, GEW-Vorstandsmitglied Jugendhilfe und Sozialarbeit, erklärte mit Blick auf das Kita-Personal: „Das Gehalt für diese Berufsgruppe muss deutlich angehoben werden. Zudem müssen die Rahmenbedingungen verbessert werden: kleinere Gruppen, mehr Zeit für die pädagogische Arbeit, zusätzliche Fachkräfte und eine höhere Freistellung für die Leitungskräfte. Zudem muss die Ausbildung endlich bezahlt werden. Es ist ein Unding, wenn angehende Erzieherinnen und Erzieher für ihre Ausbildung auch noch Geld mitbringen müssen.“

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte machte deutlich, dass in Kitas mit zu wenig Personal Entwicklungsschwächen häufig zu spät erkannt würden. Das Deutsche Kinderhilfswerk kritisierte das «Schneckentempo» der Verbesserungen. Eine hohe Qualität in der frühkindlichen Bildung trage dazu bei, Bildungsnachteile abzubauen, Armut zu überwinden und Lebensverläufe wirtschaftlich und sozial zu stabilisieren. News4teachers / mit Material der dpa

Hier gibt es Informationen zu der Situation in den einzelnen Bundesländern.

DKLK-Studie: Personalausstattung ist in Kitas so schlecht, dass sogar die Sicherheit leidet

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1 KOMMENTAR

  1. Bildung findet in der Kita immer weniger statt. Ich muss keinen Personalschlüssel anschauen, um das zu merken. Die Grundlagen und das Vorwissen, das Erstklässler mitbringen wird von Jahr zu Jahr weniger. Noch vor zehn Jahren konnten die meisten Kinder, die eingeschult wurden, mit Schere und Kleber umgehen und einen Stift halten. Heute kommen unzählige Kinder mit sonderbaren und verkrampften Stift- und Sitzhaltungen, weil keiner darauf geachtet hat. Das wieder wegzubekommen ist mühsam bis unmöglich.
    Es gibt eben immer mehr verhaltensauffällige Kinder und Kinder unter 3 Jahren in den Gruppen, die die Erzieher binden. Da können auch 8 Kinder pro Erzieher schon zu viel sein. Für die anderen bleibt dann nämlich nur Betreuung und Beaufsichtigung oder es werden externe Bespaßer eingesetzt, die dann einmal in der Woche Englisch oder Yoga anbieten. So wird kaschiert, dass die Erzieher selbst keine Zeit haben für tägliche Bildungsangebote. Bei einer Fortbildung wurde mir kürzlich geraten, mit den Erstklässlern erstmal nur Fingerspiele und Lautbildung zu machen und keine Buchstaben, weil sonst zu viele Kinder gleich zu Beginn abgehängt wären. Die Lösung kann aber doch nicht sein, das Niveau immer weiter abzusenken???

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