Dauerlüften auch bei Minusgraden? Meidinger: An der Schulrealität vorbei

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BERLIN. Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands, attestiert den Kultusministern einen „im wahrsten Sinne des Wortes kalten Umgang mit den Schulen“. Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbands, nennt sich selbst „grenzenlos enttäuscht“. Der Anlass: ein Expertengespräch der Kultusministerkonferen (KMK) über Lüftungskonzepte zum Schutz vor Corona an Schulen. Das ergab lediglich eine Empfehlung, dass Lehrer regelmäßig während des Unterrichts die Fenster der Klassenräume öffnen sollen – auch im Winter. Meidinger: „Man muss es so hart sagen: Die KMK kommt ihrer Fürsorgepflicht gegenüber den Lehrkräften und ihrer Verantwortung gegenüber dem Gesundheitsschutz der Schülerinnen und Schüler ein weiteres Mal in keiner Weise ausreichend nach.“

Lüften alle 20 Minuten – bei schlechtem Wetter eine Zumutung. Foto: Shutterstock

Anlass des Expertengesprächs der KMK waren Diskussionen um Luftfilter und Lüftungsanlagen, die in einigen Bundesländern hochkochen. Das Robert-Koch-Institut sieht mittlerweile in Corona-belasteten Aerosolen – also kleinsten, stundenlang in der Luft schwebenden Teilchen – neben der Tröpfcheninfektion den Hauptübertragungsweg für das Virus. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat deshalb angekündigt, mit 50 Millionen Euro den Einbau von Lüftungsanlagen und CO2-Ampeln in Schulen und Kitas zu fördern. „Nur Bayern handelt verantwortungsbewusst, alle anderen Bundesländer vernachlässigen ihre Fürsorgepflicht gegenüber Schülern und Lehrkräften!“, sagt nun Lehrerverbands-Präsident Meidinger. Die KMK sieht nach dem Expertengespräch keine Notwendigkeit, Geld für Lüftungstechnik auszugeben. Einziges Ergebnis der Sitzung: Eine Handreichung soll erstellt werden, in denen Lehrern richtiges Lüften erklärt wird.

„Bei einem großen Teil der Klassenräume ist keine effektive Querlüftung möglich“

Meidinger betont, dass es im Augenblick darum gehen müsse, nach Wegfall der Abstandswahrung im Klassenzimmer sowie bei signifikant ansteigenden Infektionszahlen und der Erwartung einer zweiten Welle im Herbst und Winter wirksame kompensatorische Maßnahmen zum Hygieneschutz in Klassenzimmern zu veranlassen. Er erläutert: „Das größte Problem wird die Aerosolbelastung sein. Wenn jetzt die KMK betont, dass Stoßlüften alle 20 Minuten in der Regel genügt, dann geht diese Einschätzung völlig an der Schulrealität vorbei. Tatsache ist, dass bei einem großen Teil der Klassenzimmer keine effektive Querlüftung möglich ist, u. a. deshalb, weil Fenster nicht oder nur spaltweise zu öffnen sind. Dazu kommt, dass intensives Stoßlüften bei Starkregen und Minusgraden kaum durchführbar ist.“

Es sei deshalb erschreckend, wenn die KMK in ihrer Presseerklärung nach dem Expertengespräch zu dem Schluss kommt, dass mobile Luftreinigungsgeräte „grundsätzlich nicht nötig“ sind. Bezeichnend sei, dass zu der Konferenz „dem gegenüber dem Hygienekonzept der KMK sehr kritisch eingestellte Lehrerverbände wie der Deutsche Lehrerverband gar nicht erst eingeladen waren“, so Meidinger. Tatsächlich nahmen als Gäste neben Vertretern der kommunalen Spitzenverbände nur die Vorsitzenden von GEW, VBE und Bundeselternrat teil – die sich aber auch schon kritisch über das Ergebnis geäußert haben (News4teachers berichtet ausführlich über das Treffen und die ersten Reaktionen darauf – hier geht es zu dem Beitrag.)

Meidinger: „Die Kultusministerkonferenz nimmt damit in Kauf, dass Schüler und Lehrkräfte bei einer zweiten Infektionswelle in den Unterrichtsräumen völlig unzureichend geschützt sein werden.“

Philologen-Chefin über die KMK: „Geht’s noch schlechter?“

Auch die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes, Susanne Lin-Klitzing, zeigt sich empört. „Die Kultusministerkonferenz weiß nicht, wie viele Räume es mit nicht komplett zu öffnenden Fenstern in den Schulen gibt. Diese seien dann eben nicht nutzbar, so ihr lapidares Statement. Geht´s noch schlechter?“, kritisiert sie die Empfehlungen der KMK zum Lüften in den Schulräumen. Sie fordert eine ernsthafte Fürsorge der Kultusminister auf der Basis aktueller Zahlen über die Räume, in denen das Lüften mit komplett zu öffnenden Fenstern nicht möglich ist sowie die Einsatzmöglichkeiten von Hochleistungsschwebstofffiltern.

Die Minister wollten den vollen Präsenzunterricht im Herbst und Winter, ohne selbst über Faktenkenntnisse zu verfügen. „Wo ist die Grundlage, wo sind die neuen und innovativen Ideen?“, fragt die Philologen-Chefin. „Bereits in den bisher vorliegenden ´Corona-Hygieneplänen für Schulen´ der Länder findet sich durch die jeweilige Kultusadministration festgeschrieben, dass eine intensive Stoßlüftung der Klassenräume im zeitlichen Abstand von mindestens 20 Minuten durch vollständig geöffnete Fenster für mindestens 3 bis 5 Minuten sowie eine Querlüftung der Räume auch durch geöffnete Türen in den Pausen durchzuführen sei“.

„Es wird natürlich mehr Erkältungskrankheiten unter Schülern und Lehrern geben“

„Diese nicht neuen Empfehlungen ohne den konkreten Realitätsbezug verärgern uns Lehrkräfte gewaltig“, so Lin-Klitzing. Die empfohlenen Luftverbesserungsmaßnahmen bewirkten bei sinkenden Außentemperaturen Wärmeverluste beim Lüften und bedeuteten Energieverluste für die Schulen. Und es werde natürlich auch mehr Erkältungskrankheiten geben. Wenn die Botschaft lautet: „Lüftet ordentlich und benutzt die Räume nicht, die sich nicht lüften lassen!“, dann bedeutet das: „Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler, zieht Euch wirklich warm an: Die digitalen Endgeräte für zuhause sind noch nicht da. Es lassen sich nicht in allen Räumen die Fenster angemessen öffnen. Vielleicht gehen wir für den Unterricht dann doch nach draußen?“ Es sei erstaunlich, wie wenig fürsorglich sich die KMK gegenüber allen an der Schule Beteiligten zeige. News4teachers

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

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22 KOMMENTARE

  1. Die Risikogruppe ist doch viel größer als bislang definiert. „Genesen“ und „geheilt“, diese Vokabeln gehören schon mal gestrichen, es ist eine Frechheit, was das RKI da betreibt. Long Covid betrifft 10 bis 30 % aller Infizierten (franz. Gesundheitsminister, siehe auch Karl Lauterbach bei Twitter). 150.000 Schweden waren länger als 10 Wochen krank (Novus) – nein, zum 100. Mal: ich habe mich nicht verschrieben und ja, die Zahl ist wahrscheinlich, denn es wurden eingangs nur die Schwerkranken getestet.
    Die Kinder (völlig unbekannte, aber verdammt noch mal nicht unwahrscheinliche Spätfolgen, wenn man sich anschaut, was Covid alles so anrichtet), die Lehrer und die Eltern sind Kanonenfutter für die Wirtschaft, bei einem riesigen Russisch Roulette Spiel und mittlerweile bei bewusster Verschleierung in allen möglichen Formen (Kinder kommen in Quarantäne, werden aber nicht getestet und dann heißt es, es gäbe jetzt „kleine Familiencluster“).
    Anstatt wenigstens zu versuchen, die Schulen zu schützen – keine Riesenkohorten, halbe Lerngruppen, Lüftungsfilter, Distanzunterricht, Coronahunde … und keine Präsenzpflicht.

  2. An meiner Schule, wie in krude Schule, ist bei neuen Ausbrüchen Distanz-Unterricht mit Präsenz vorgesehen. Ich freue mich ja schon darauf, wenn die Minister feststellen, dass auch Lehrer Eltern sind und deren Kinder Bedürfnisse haben.

  3. Die Kultusminister retten sich zu den nächsten Ferien. Dann tun sie wieder zwei Wochen nichts. Stellen danach überrascht fest, dass die Temperaturen gesunken sind und der Winter kommt. Für die steigenden Zahlen sind dann wieder die Urlauber schuld, wie auch die Lehrer, Schüler und Eltern. Es wird wieder ein KMK-Treffen geben um zu beschließen auch bis zu den Weihnachtsferien weiterhin nichts zu machen, weil es läuft ansonsten alles bestens.

  4. @Minna
    Genauso sieht es aus. Irgendwie und irgendwo in der Gesellschaft muss man ja die Herdenimmunität aufbauen. Da sind sie Schulen doch prädestinierte Orte. Die Kinder werden per Schulpflicht und die Lehrer per Dienstpflicht und Aufhebung des Arbeitsschutzes dazu gezwungen, das für alle anderen ohne Mindestabstand und Masken in kleinen Räumen zusammengepfercht ü0zu erledigen.

  5. Wenn man das liest, fragt man sich wo man eigentlich lebt. Es darf einfach nicht wahr sein, was da einfach so über die Köpfe hinweg festgelegt wird von Menschen, die entweder weltfremd sind und /oder keine Kinder (mehr) im schulpflichtigen Alter haben. Lüften im Winter als einzige Option zur Prävention ist doch ein schlechter Witz.
    Und lässt man das Kind aus Sorge vor Krankheit zuhause, muss man Strafe zahlen oder gar in den Knast? In BW ist wenigstens die Schulpflicht derzeit ausgehebelt, der Gesundheit wird richtigerweise Priorität eingeräumt.
    Ansonsten alle weiterhin sehenden Auges ins Verderben. Viel Glück!
    Wird schon schief gehen. Bis zum nächsten Lockdown…

  6. Ich möchte mal einen hartnäckigen Irrglauben geraderücken:
    Erkältung bekommt man nicht von Kälte, sondern durch Krankheitserreger (in der Regel Viren). Allein in der Arktis wird man – trotz Kälte – keine Erkältung bekommen, da die Erreger fehlen.
    Dh. Lüften gegen Coronaviren beugt auch Erkältungen vor.
    Allerdings schwächt Auskühlen des Körpers das Immunsystem und macht anfälliger für Erkältung (und wahrscheinlich auch für Corona). So rum wird ein Schuh draus.

  7. Die Ergebnisse der letzten KMK-Konferenz sind lediglich ein Armutszeugnis an die Verantwortlichen. Jetzt wäre die Chance, endlich die schon vor Corona langjährig angekündigte und gewünschte Digitalisierung voranzutreiben und das Homeschooling auszubauen, statt halbherzige Lüftungskonzepte zu erstellen und Lehrer wie Schüler damit letztendlich alleine zu lassen. Alle unsere Nachbarländer haben eine digitale Schule mit Livestreaming aus halbbesetzen oder ggf. auch leeren Klassenzimmern längst wunderbar umgesetzt, nur Deutschland ist mal wieder Schlusslicht in Sachen „Schule“. Was ist daran nur so schwer, blickt doch mal nach Italien, Frankreich, Spanien. Warum schaffen diese Länder schon seit März ein für alle funktionierendes Homeschooling. Zumindest gibt es in Deutschland Leuchttürme, wie die Jenaplan-Schule in Nürnberg, die schon im vergangenen Jahr kranke Schüler zuhause mit einem virtuellen Klassenzimmer versorgt hat. Unabhängig von Corona wäre das auch für unsere Schüler, die jetzt zu kränkeln beginnen (die Grippezeit naht), eine Wohltat! Bei uns ist aktuell die halbe Klasse mit Erkältung daheim und leider wieder allein daheim, statt dass die Schule digital nachhause kommen würde.
    Und wer noch immer kein mobiles Endgerät hat (gibt es diese Kinder heute überhaupt noch?), der solle damit versorgt werden – die Gelder dazu wären ja vorhanden und möchten gerne ausgeschüttet werden….

    • Bei meinen Schülern gibt es nur bei einem Zuhause einen PC, Drucker mit Scanner und Internatanschluss. Alle anderen haben ausschließlich nur Handys und keinen WLAN Zugang Zuhause, weshalb der Unterricht beim „Home-Schooling“ extrem anstrengend war und von etwa 8 Uhr bis ca 21.30h dauerte. …und nicht alle hatten ausreichendes Datenvolumen auf ihren Karten. Auch das ist Realität!

  8. Gibt es eigentlich eine Verordnung für Aerosole, wie sie sich zu verhalten haben, wenn sie durch Querlüften das Klassenzimmer verlassen müssen? Alle treffen sich im Flur. Auch die Aerosole der gegenüberliegenden Klassenräume. Wissen sie (die Aerosole), dass sie sich dann auf der Treppe rechts nach unten zu bewegen haben und sich nicht mit denen aus anderen Räumen mischen dürfen?

  9. Begriffsklärung: (Versuch einer Definition und Differenzierung)

    „Home Schooling“ ist nicht dasselbe wie „Distanzunterricht“, obgleich sich beides manchmal in der Realität überschneiden mag.

    Während des Lockdowns haben die Eltern (oft zugleich im Home Office, nach meiner Erfahrung zudem meistens die Mütter) darum gekümmert, dass der Nachwuchs etwas für die Schule getan hat (= „Home Schooling“):
    sei es, dass sie u.a. versucht haben, den Stoff aus den Schulbüchern selbst zu vermitteln und zu üben oder Arbeitsaufträge, die die Lehrkräfte irgendwie an die Familien versucht haben weiterzuleiten, mit den Kindern zu bearbeiten (z.B. Arbeitsblätter per Postweg zugestellt, oder oft selbst in den Briefkasten der Familien eingeworfen, per E-Mail zugeleitet (falls möglich und auch heimischer Drucker vorhanden). Vieles lief damals auch über die Smartphones der SchülerInnen (u.a. WhatsApp – Gruppen).

    „Distanzunterricht“ (Fernunterricht) ist professioneller Unterricht der Lehrkraft mit Hilfe digitaler Medien, der (oft zeitgleich) die SchülerInnen im Klassenraum und die vor ihrem heimischen Monitor erreichen soll:
    u.a. über eingerichtete Lernplattformen, zu denen lediglich die SchülerInnen bzw. LehrerInnen per individuellem Passwort Zugang haben, oder z.B. auch in einer Art Videokonferenz per Zoom, Fernunterricht in Echtzeit digital aus dem Klassenzimmer auch gleichzeitig für diejenige Hälfte der Klasse, die gerade nicht am Präsenzunterricht im Schulgebäude teilnehmen darf.
    In der folgenden Woche wird dann getauscht.
    Die Verfolgung des Unterrichtsgeschehens, Teilnahme und Mitarbeit, sind dabei Pflicht (Anwesenheitskontrolle! auch Notenerhebung ist denkbar).

  10. Na ja wenn das so weiter geht mit den Ministerien,dann bliebe nur noch ein Lehrer Streik im gesamten NRW.Sonst machen die weiter so.Ich finde es schon traurig mit ansehen zu müssen was unsere Regierung von Lehrern anscheinend hält.So wie es aussieht nicht besonders viel.

    • Lehrer dürfen i.A. nicht streiken. Wir könnten aber alle mal in einem Risikogebiet Urlaub machen und dann 14 Tage in Quarantäne gehen….

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