Seiteneinstieg: Der Schuldienst zieht offenbar zu viele ungeeignete Bewerber an

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ERFURT. Immer mehr Seiteneinsteiger, die keine Ausbildung als Lehrer haben, unterrichten an einer bundesweit steigenden Zahl an Schulen. Die Kandidaten sollen helfen, den akuten Lehrermangel insbesondere an Grundschulen abzumildern. Auch das Thüringer Bildungsministerium stellt immer mehr davon ein – will sie aber künftig im Vorfeld besser beraten. Offenbar ist nicht jeder Bewerber für den Schuldienst geeignet. Der Verband bak Lehrerbildung zeigt sich besorgt.

Ringt – wie andere Kultusminister auch – mit dem Lehrermangel: Thüringens Bildungsminister Holter. Foto: Jacob Schröter / Ministerium für Bildung, Jugend und Sport

Der Freistaat Thüringen will eine Beratungsstelle für angehende Seiteneinsteiger für das Lehramt schaffen. «Die Frage ist nicht mehr, ob wir Seiteneinsteigerinnen und Seiteneinsteiger brauchen – wir brauchen sie schlicht und ergreifend –, sondern wie wir sie bestmöglich und umfassend für ihren Einsatz vor der Klasse fit machen», sagte Thüringens Bildungsminister Helmut Holter (Linke). Unter anderem die Schulämter, die Studienseminare und das entsprechende Thüringer Fortbildungsinstitut würden in den nächsten Jahren Seiteneinsteiger besser beraten und sie noch intensiver für ihren Beruf qualifizieren.

In Thüringen läuft eine „Lehrergewinnungskampagne“

Nach Angaben des Bildungsministeriums soll im Zuge der Lehrergewinnungskampagne ab 2021 eine Beratungsstelle geschaffen werden. Sie soll auch Messebesuche organisieren, wo über den Seiteneinstieg informiert werden soll. Dies sei erforderlich, weil die Bildungsbiografien der potenziellen Pädagogen sehr unterschiedlich seien, sagte eine Sprecherin des Ressorts. Anders ausgedrückt: Nicht jeder, der sich für den Schuldienst bewirbt, ist dafür auch geeignet.

Seiteneinsteiger können in Thüringen seit 2017 in den Schuldienst des Landes eingestellt werden. Voraussetzung ist, dass die Bewerber einen Universitätsabschluss haben, der sie aber noch nicht für ein Lehramt qualifiziert. Zudem können etwa auch Fachschulabsolventen oder Meister als Fachlehrer für den fachpraktischen Unterricht an Berufsschulen eingestellt werden.

Weil sie alle in der Regel keine pädagogische Ausbildung haben, wird ihnen das entsprechende Wissen durch eine Nachqualifizierung am Thüringer Institut für Lehrerfortbildung, Lehrplanentwicklung und Medien vermittelt. Zudem erhalten sie einen vierwöchigen Intensivkurs.

„Originär ausgebildete Lehrer haben das Prä“

Ein Seiteneinsteiger wird allerdings überhaupt nur dann in den Schuldienst des Landes eingestellt, wenn für die entsprechende Stelle kein voll ausgebildeter Nachwuchslehrer gefunden werden konnte. «Bei Einstellungen werden originär ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer immer das Prä haben», sagte Holter. Allerdings gibt es schlicht nicht genügend davon; insbesondere für das Lehramt Grundschule kommt zu wenig Nachwuchs aus den Hochschulen.

Nachdem die Einstellung von Seiteneinsteigern in den Schuldienst zunächst von einiger Skepsis zum Beispiel auch in der Landespolitik begleitet worden war, ist die Kritik daran zuletzt leiser geworden – während die Zahl der pro Jahr eingestellten Seiteneinsteiger deutlich gestiegen ist. «Seiteneinsteiger sind mittlerweile eine wichtige und notwendige Säule zur Absicherung des Unterrichts», sagte Holter.

Nach Zahlen des Bildungsministeriums waren im Jahr 2018 unter den 697 Neueinstellungen in den Schuldienst zum Stichtag 1. August 28 Seiteneinsteiger – das entsprach einer Quote von vier Prozent. Im Folgejahr war die Quote der Seiteneinsteiger dann auf 6,3 Prozent gestiegen, damals gab es 54 Seiteneinsteiger in den Schuldienst, bei 851 Neueinstellungen insgesamt. Seit dem 1. Januar 2020 wurden den Daten nach 129 Seiteneinsteiger durch den Freistaat eingestellt; das macht einen Anteil von 15,8 Prozent an den bis zum 24. August erfolgten 817 Neueinstellungen aus.

Verband bak Lehrerbildung zeigt sich besorgt über „Deprofessionalisierung“

In einem Positionspapier bezieht der bak Lehrerbildung, in dem Lehrerausbilder organisiert sind, die sich vor allem um Referendare kümmern – aber eben auch zunehmend um Berufsfremde, die aufgrund des Lehrermangels in den Schuldienst augenommen werden – Stellung zum Seiteneinstieg. „Mit großer Sorge sind klare Tendenzen einer Deprofessionalisierung der Lehrerausbildung festzustellen, teils herrschen skandalöse Missstände an deutschen Schulen – und dies in vielen Bundesländern. Als Bundesverband der Lehrkräfte in der 2. Phase der Lehrerbildung (Referendariat bzw. Vorbereitungsdienst) beobachten wir, dass in sehr vielen Bundesländern der Lehrermangel dazu führt, dass Schüler*innen von Studierenden ohne Staatsexamen oder von Quereinsteiger*innen ohne entsprechende Zusatzqualifizierungen unterrichtet werden bzw. zukünftig unterrichtet werden sollen.“ In keinem ähnlich verantwortungsvollen Beruf – etwa unter Ärzten – wäre es denkbar, den Personalmangel mit dafür nicht ausreichend qualifizierten Kräften zu beheben. News4teachers / mit Material der dpa

Der Beitrag wird auch auf der Facebook-Seite von News4teachers diskutiert.

Wenn Seiteneinsteiger in den Lehrerberuf ohne pädagogische Qualifikation vor der Klasse stehen… Verband bak Lehrerbildung schlägt Alarm

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14 KOMMENTARE

  1. A13 für alle, mehr Beförderungsstellen an den Schulformen der Primarstufe und der Sek.I, mehr Studienplätze, evtl. bundesweite Wiedereinführung des härteren, aber schnelleren Staatsexamensstudiengangs, gezielte Werbekampagnen, Lehrer, die sich bereit erklären, auf Berufsorientierungstagen der weiterführenden Schulen für den eigenen Beruf zu werben.

    DAS sind brauchbare Maßnahmen. Seiteneinsteiger können nur eine kurzfristige Maßnahme sein. Die Politik muss hier dringend handeln.

    • Anerkennung der Arbeitszeit oder der zusätzlichen Aufgaben und entsprechende Entlastung wären auch sinnvoll,
      dazu in jeder Klasse eine pädagogische Assistenz (als Ausbildungsberuf) und eine erfüllte Quote an zusätzlichem Personal für Beratung, Therapie, Ganztag, Bürokratie, IT-Administration etc.

      Aber derzeit sieht man ja, was zählt: Ferien gestrichen und täglich ein neues Arbeitspaket auf dem Tisch, was in Schulen durch Lehrkräfte aufzufangen ist.

  2. Man muss halt bedenken, dass mehrere Faktoren den Beruf unattraktiver machen als vor 30 Jahren: Ganztagsnachmittage, Aufgabenflut neben den eigentlichen Fächern, Wegfall normaler Schüler und Zunahme von Kindern ohne Erziehung oder nur mit der zur Prinzessin usw.

    Zudem muss man rasend schnell Unterricht vorbereiten können, um das ganze Dokumentieren irgendwie zeitlich zu schaffen. Würde gerne noch weiter Dinge ausführen, muss aber noch 120*17 Spalten mit Schülerbeobachtungen ausfüllen.

    • Sie vergessen eins, wenn nicht das Wesentliche: Menschen wie Sie, die lauthals verkünden, dass Lehrer Freiwild sind und keinerlei normale Arbeitnehmerrechte – z. B. Arbeitsschutz – haben sollen.

      DAS erzeugt Lehrermangel.

  3. Nun ja, wären da nicht die schlechte pädagogische Theorie im Lehramt vorhanden, die Lehramtsanwärter erhalten. Mit Verlaub, keine inklusive Theorie, geschweige denn irgendeine hintergründige Biografiearbeit, oder systemische Ansätze im Background. Diese erhalten tatsächlich echte Pädagogen.

    • Ja, Lehrer werden tatsächlich immer noch dazu gebildet, ein Fach zu unterrichten. Skandal.
      Am einfachsten wäre es daher, nur noch Sozial- und Sonderpädagogen in die Schulen zu schicken.
      Die sind schließlich „echte Pädagogen“.
      Die Lehrer stören eigentlich nur mit ihrem Gelaber von Lehrplan und fachlicher Bildung.

      Künftig gibt es dann
      1. Stunde: Erzählkreis
      2. Stunde: Sozialtraining
      3. Stunde: Achtsamkeit
      4. Stunde: Yoga
      5. Stunde: Ernährung und Mittagessen

      Die Stimmung ist garantiert besser als heute und keiner wird diskriminiert.

      Ohmmmmm….

  4. Was ich beim besten Willen nicht verstehen kann, da verheizen sie in BW unsere Lehrerstunden in der Hausaufgabenbetreuung, die – mit Verlaub- jeder mit einem „ vierwöchigen Intensivkurs “ und etwas Freude an der Arbeit mit Kindern bewerkstelligen könnte, um dafür Unterrichtsstunden von „Seiteneinsteigern“ halten zu lassen.
    Da frag ich mich schon, warum ich so viele Semester studieren musste, wenn das quasi jeder kann.
    Ob das die gute Lösung für unsere Kinder ist???

  5. Früher hieß es“Wer nichts wird, wird Wirt.“ Heute kann man dann wohl auch im Crashkurs Lehrer werden. Ein Hochschulstudium in einem artverwandten Fach reicht sicher als fachliche Qualifikation aus, aber die anderen 50 % des Berufes, der eigentlich Berufung sein sollte? Wer nur Lehrer wird, weil er sonst nicht unterkommt, ist garantiert fehl am Platz. Wie wäre es, uns vom administrativen und sozialpädagogischen Ballast zu befreien, die Klassen zu verkleinern und uns einfach nur noch unterrichten zu lassen? In meiner derzeitigen Position als unterrichtende Lebensberatung für alle Fälle bin ich nebenbei auch noch unterbezahlt und nehme Therapeuten, Pastoren, Beratern, IT-Fachkräften und Personal Coaches ihre Klienten weg.

  6. @Lera

    Was ist dass denn für eine Schmalspurschule! Nur 5 Fächer!

    Wo ist denn bei euch die Mobilitätserziehung, Medienerziehung, Lernenlernen, Suchprävention, Europakompetenz, integrierte Berufsberatung, Anti-Mobbing, Wettbewerbsvorbereitung etc. ?

  7. Die meisten,, Lehrer,, haben den Job weil man damit gutes Geld verdienen kann.
    Lehrer sollte Berufung sein und nicht jeder sollte Lehrer werden können.
    Viele Quereinsteiger machen den Job besser als die,, richtigen,, Lehrer,,

    • Ja, das ist das Ziel einer Erwerbstätigkeit, der Erhalt eines Entgeltes als Äquivalent für die erbrachte Arbeitsleistung. Gleichzeitig kann ein AN erwarten, dass die entgeltlosen Studienzeiten oder lediglich mit einer Ausbildungsvergütung entschädigten Berufsausbildungen durch das Arbeitsentgelt, das während des Berufslebens erzielt wird, nachgelagert vergütet werden. Das ist ein Grund, warum Abschlüsse mit längeren Ausbildungs- und Studienzeiten zu einem höheren Arbeitsentgelt führen.
      Um eine berufliche Tätigkeit professionell zu absolvieren, bedarf es aber nicht unbedingt einer Berufung. Interesse an der ausgeübten Tätigkeit reicht vollkommen aus. Interesse an einer Tätigkeit als Lehrkraft schließt allerdings nicht die Bereitschaft ein sich von den Ländern als AG immer mehr nicht vergütete Arbeitsbelastungen aufhalsen zu lassen. Es muss nur das erbracht an Leistung werden, was arbeitsvertraglich geregelt ist. Im Zweifelsfall muss dann arbeitsgerichtlich geklärt werden, ob bestimmte Anforderungen im Rahmen des bestehenden Vertrages zu erbringen sind oder als zusätzliche Anforderungen gesondert vergütet werden müssen.

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