Heimlich für den Intelligenztest üben?

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SAARBRÜCKEN. Intelligenztests sind in ihrer Aussagekraft umstritten, kommen heute dennoch an vielen Stellen zum Einsatz, mit oft bedeutsamen Konsequenzen für die Getesteten. Ergebnisse einer Studie nähren nun weitere Zweifel. Allerdings geben die Forscher selbst direkt wieder Entwarnung.

Intelligenztests, kommen heute in vielen gesellschaftlichen Bereichen zum Einsatz, etwa in der Bildungsforschung, der Hochbegabtendiagnostik oder im Personalwesen. Fast schon sinnbildlich für Intelligenztests stehen sogenannte figurale Matrizentests Bei diesen Aufgaben soll die Testperson bei geometrischen Figuren, von denen einige vorgegeben sind, die letzte Figur logisch vervollständigen – zum Beispiel einen Pfeil, der von Bild zu Bild um 90 Grad im Uhrzeigersinn gedreht wird.

Figuraler Matrizentest. Wer die Methodik kennt, ist in der Praxis im Vorteil. Foto: Nesbit, Memorino / Wikimedia Commons (Public Domain)

Schaut man vorher Videos, in welchen die Grundregeln dieser Matrizentests erklärt werden, schneidet man anschließend deutlich besser im Intelligenztest ab, haben nun Forscher der Universität des Saarlandes und der Universität Luxemburg herausgefunden. Was zunächst banal und einleuchtend klinge, habe allerdings einen praxisrelevanten Hintergrund, so Jörn Sparfeld und Benedikt Schneider, die zwei Experimente mit über 300 Testpersonen durchgeführt haben. Durch den allumfassenden Zugang zu Lehr- und Erklärvideos im Internet, können sich Probanden, die einen Test absolvieren müssen, einen Vorteil verschaffen, der das Ergebnis massiv verfälschen könne.

Ähnlich wie ein Schüler, der eine gute Note schreibt, weil er – zufällig oder nicht – die richtigen Vokabeln und Grammatikregeln für die Stelle aus „De bello Gallico“ gelernt hat, die in einer Klausur behandelt wird, können Video-Tutorials die Ergebnisse von bestimmten Intelligenztests verfälschen. Ebenso, wie der in der Klausur erfolgreiche Schüler keinesfalls zwangsläufig ein guter Lateinschüler sein muss, müsse der im IQ-Test gut abschneidende Proband noch lange nicht intelligenter sein als eine andere Testperson, die solch ein Video nicht gesehen hat und im Test schlechter abschneidet.

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„Um genau herauszufinden, wie sich ein Video auswirkt, das die Methodik figuraler Matrizen erklärt, haben wir zwei Experimente gemacht“, erklärt Benedikt Schneider: „Wir haben im ersten Experiment eine Testgruppe und eine Kontrollgruppe von jeweils 56 Personen untersucht, in einem zweiten Experiment wiederum zwei Gruppen zu 114 und 115 Personen“. Die Testgruppe durfte vor einem Matrizentest ein Video-Tutorial anschauen, das die zugrunde liegenden logischen Regeln eines Matrizentests erklärt. In der Zwischenzeit schaute die Kontrollgruppe ein für den Test komplett irrelevantes Video über Ernährung. „Im anschließenden Intelligenztest hat die Kontrollgruppe, die das Ernährungsvideo geschaut hat, im Schnitt 9,4 Aufgaben richtig gelöst. Die Testgruppe hingegen, die das Video-Tutorial zu sehen bekommen hat, hat 17,6 Aufgaben im Schnitt richtig gelöst“, beschreibt Schneider das Ergebnis.

Dennoch könne man Intelligenztests nach Ansicht der Forscher nicht generell kritisieren. Jörn Sparfeldt erklärt, warum Intelligenztests kein „Murks“ seien. Dazu zieht er einen weiteren Vergleich aus seiner schulischen Vergangenheit heran: „Ich war ein fauler Latein-Schüler. Manchmal habe ich dann am Tag der Klassenarbeit ein Fieberthermometer an die Heizung gehalten und meiner Mutter so vorgegaukelt, dass ich Fieber habe. Dann durfte ich daheim bleiben und musste die Arbeit nicht mitschreiben. Aber: Aus diesem Verhalten würde nun niemand den grundsätzlichen Schluss ziehen, dass Fiebermessen irrelevanter Murks ist“, so der Bildungswissenschaftler.

Die Probanden aller Testgruppen hatten vor dem eigentlichen Experiment einen anderen Intelligenztest bearbeitet – alle unter einheitlichen Bedingungen. In diesem Intelligenztest unterschieden sich beide Gruppen, Video-Schauer und Kontrollgruppe, nicht in den Ergebnissen. Allerdings lasse dieser einheitliche Test eine bemerkenswerte Erkenntnis zu: Diejenigen, die im anschließenden Experiment in ihrer jeweiligen Gruppe – also innerhalb der Kontroll- oder Testgruppe – besser abgeschnitten haben, waren auch diejenigen, die im Test davor besser waren. Intelligenztests sind demnach nach wie vor sinnvoll – und nützlich!

Allerdings ziehen die beiden Forscher ein wichtiges Fazit aus ihrer Untersuchung, nämlich, dass man bei der Interpretation der Ergebnisse im Intelligenztest immer die Randbedingungen im Einzelfall beachten müsse. Dass Video-Tutorials tatsächlich einen gravierenden Einfluss auf bestimmte Testergebnisse haben können, könnte ein Hinweis für die Anbieter solcher Tests sein, diese so zu gestalten, dass entweder alle oder keine der teilnehmenden Personen Gelegenheit haben sollten, sich eingehend auf den Test vorbereiten zu können. (zab, pm)

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5 KOMMENTARE

  1. Lieber Küstenfuchs, darauf gibt es keine „einfache“ Antwort. Dafür müssten Sie sich vllt mal eingehender mit dem „System Intelligenztestung“ befassen… Ich kann Ihnen für Ihren Weg nur ein paar Anhaltspunkte geben. Die offizielle Definition von Intelligenz lautet: „Das was mit einem Intelligenztest gemessen wird“ ;). Schon daraus ergibt sich, dass es keine allgemeingültige und von allen anerkannte, die INTELLIGENZ gibt. Momentan gehen die Forscher davon aus, dass es sehr viele unterschiedliche Anteile bei der Intelligenz gibt (es sind m.E. momentan um die 40 „Unterintelligenzen“). Dazu kommt, dass es keinen IQ Test gibt, der vorgibt DIE Intelligenz zu messen, sondern jeder einzelne zeigt im Manual auf, welchen Teil der Intelligenz er v.a. misst. Zu guter Letzt, der obige Teil ist nur ein Ausschnitt aus einem Untertest. Da kann man gar nix dran ablesen. Nicht, wie viele Items der (Unter-)test umfasst, nicht wie viele Untertests der Test umfasst, nicht für welches Alter der Test vorgesehen ist und nicht, der wie vielte Test eines Untertest gezeigt wird (denn meist fangen die Tests SEHR einfach an und werden dann schwieriger, da man ja z.B. auch sehr geringe IQs erfassen können möchte). Nichtsdestotrotz bleibt IQ Testung eine „schwierige Kiste“…

  2. IQ beschreibt die relative, nicht die absolute Intelligenz.
    Wenn man in einer großen Gruppe mit gleichem kulturellen Hintergrund und gleicher erhaltener Bildung und gleichen Alters den IQ misst, haben immer 50 % der getesteten einen IQ unter 100 bis 100 und die anderen 50 % einen IQ darüber.
    Wenn man in einer großen Gruppe von Schimpansen den IQ misst, ist es genauso.
    Man muss nur einen Test anwenden, der solch ein Ergebnis erzeugt.
    Wenn ein bestimmter Test solch ein Ergebnis nicht zu Tage fördert, dann ist er ungeeignet und muss angepasst werden.
    So hat es mir mal eine Psychologin erklärt.
    Wenn also in einer Bevölkerung die absolute Intelligenz sinkt, dann müssen die IQ Tests angepasst werden, damit sie wieder die geforderte IQ Verteilung erzeugen.
    Wir müssen also keine Angst haben, dass wir in Deutschland aus irgendwelchen Gründen irgendwann einen geringeren Prozentsatz an Menschen mit einem IQ größer 100 haben als heute.

  3. Mit dem IQ und seiner Verteilung ist es so wie mit der Lichtgeschwindigkeit.
    In jedem Bezugssystem misst man dasselbe. Wenn nicht, ist der Test der falsche.

  4. Gute Intelligenztests berücksichtigen den Übungseffekt.

    Interessant ist aber, dass überhaupt noch Intelligenzforschung betrieben wird, obwohl man dann ganz schnell in die Nähe von heißen Eisen wie Eugenik kommt und somit möglicherweise Rassismusvorwürfen ausgesetzt werden kann. Meiner Meinung nach sollte das aber alles mal abschließend untersucht werden, damit aus den Schlüssen mögliche und wirkungsvolle Fördermaßnahmen ohne einen rein moralischen Ansatz entwickelt werden können.

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