Gutachten: Lehrermangel für Mathe, Chemie und Co wächst

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DÜSSELDORF. Der Mangel an Lehrkräften in Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik wird sich einer Prognose zufolge in NRW weiter verschärfen. Nur ein Drittel (34 Prozent) der neu zu besetzenden Stellen werde im Durchschnitt aller MINT-Fächer bis zum Jahr 2030 mit entsprechend ausgebildeten Fachlehrern zu besetzen sein. Zu diesem Ergebnis kommt ein Gutachten des Bildungsforschers Klaus Klemm im Auftrag der Telekom Stiftung, das er am Freitag in Düsseldorf gemeinsam mit der SPD-Fraktion vorstellte. Die Prognose für die weiterführenden Schulen in NRW sei auch übertragbar auf andere Bundesländer, heißt es in der Analyse.

Mangelware: Chemie-Lehrer. Foto: Shutterstock

Schon aktuell fehlten in Deutschland Lehrkräfte in den wichtigen MINT-Fächern. Im Schuljahr 2918/19 seien an den weiterführenden Schulen in NRW schon 14 Prozent des Unterrichts in diesen Fächern fachfremd erteilt worden. Bis zum Schuljahr 2030/31 scheiden laut Prognose viele Fachlehrer altersbedingt aus, zugleich werde die Schülerzahl wachsen. Klemm zufolge ist es zwingend erforderlich, die derzeit viel zu geringe Zahl der MINT-Lehramtsstudenten zu erhöhen.

Der Schulexperte der SPD-Fraktion, Jochen Ott, forderte, die MINT-Lehramtsfächer attraktiver zu gestalten. Grundschullehrern solle es durch Zusatzqualifikationen ermöglicht werden, in den Klassen 5 und 6 zu unterrichten. Auch die Fachhochschulen könnten stärker einbezogen werden. Die Lehrergewerkschaft GEW verlangte Konzepte, um die Zahl der Studienabbrecher zu senken und weitere Studenten zu gewinnen. Die Arbeitsbedingungen und Bezahlung der Lehrer müssten besser werden. dpa

Lehrermangel in MINT-Fächern: Ist das wissenschaftliche Niveau in der Lehrerausbildung zu hoch? Debatte um Reform entbrannt

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19 KOMMENTARE

  1. Solide Bildung und Sachverständnis in MINT, braucht das jemand? Geht doch gerade auch ohne, wenn man so die Pandemie „genau angucken will“ und so … und dann was entscheidet und so und dann wieder gucken will und so …

  2. „Grundschullehrern solle es durch Zusatzqualifikationen ermöglicht werden, in den Klassen 5 und 6 zu unterrichten.“ Wieso soll es dafür Zusatzqualifikationen brauchen? Die Grundschulen gehen in einigen Bundesländern bis Klasse 6 und auch in vielen Bundesländern erwerben GS-Lehrer die Lehrbefähigung bis Klasse 6. Außerdem können Grundschullehrer auch bis Klasse 10 eingesetzt werden im Bedarfsfall so wie Gymnasiallehrer an Real- und Hauptschulen. Das ist bereits seit Jahren so, wobei „richtige“ HR-Lehrer natürlich bevorzugt werden als Grundschul- oder Gymnasiallehrer.

    • Vor der letzten Reform war in RP die Ausbildung allgemein für Grund- und Hauptschulen, mit entsprechenden Vertiefungen. Da die SPD inzwischen die Hauptschulen abgeschafft und die Realschulen unter dem Namen „Realschule plus“ zu Hauptschulen gemacht hat, wäre also in RP alles klar, aber wie sind die Ausbildungsgänge in NRW?

      • Aktuell gibt es G, HR, GY, BK und SOP. Aber das war vor einigen Jahren mit GHR auch noch anders. Nichtsdestotrotz werden im Bedarfsfall G und Gy auch auf HR Stellen eingestellt. Ich finde die Inkompetenz von SPD und Grünen in NRW in der Bildungspolitik immer wieder erschreckend.

        • Im Bedarfsfall können auch GY-Lehrkräfte an Grundschulen eingesetzt werden, da sie sich für das Lehramt qualifiziert haben.

          Letztlich verschiebt man dabei aber doch nur das Problem: Es sind insgesamt zu wenige Lehrkräfte. Ordnet man sie an andere Schulformen ab, wird dort die Versorgung unzureichend sein.

  3. Dass wird durch die Tatsache, dass viele Lehramtsstudenten aufgrund der mangelnden Unterstützung ist Studium unterbrechen oder gar abbrechen müssen, auch nicht besser.

  4. Man kann doch Fachleute aus der Wirtschaft und Wissenschaft in die Oberstufenkurse setzen. Dann werden Lehrkräftestunden frei für die unteren Jahrgänge, die die gute didaktische Ausbildung der Lehrkräfte dringend benötigen.
    Sinnvoll ist sicher auch der Vorschlag, die Zahl der Studienabbrecher in diesen Fächern zu senken und in der Uni an einer guten Lehre und guten Studienberatung zu arbeiten.

    Man kann allerdings auch einfach mal feststellen, dass der Beruf der Lehrkräfte – nicht nur im MINT-Bereich und nicht nur in den weiterführenden Schulen – in den Arbeitsbedingungen so schlecht ist, dass sehr viele junge, gut informierte Menschen lieber einen anderen Beruf ergreifen.

    • Fachleute aus der Wissenschaft wollen wissenschaftlich arbeiten können, was weder inhaltlich noch organisatorisch in den Oberstufen möglich ist. Abgesehen davon dürfte der Mangel in den Mintfächern an den Gymnasien noch am geringsten sein und viele der dortigen Mintlehrer wollen auch gerne in die Oberstufe.

      Fachleute aus der Wirtschaft wollen sich den Schuldienst aus allen möglichen Gründen nicht antun – andernfalls wären sie ja Lehrer geworden. Der vergleichsweise geringe Lohn bei viel Arbeit, wenig Anerkennung und kaum Aufstiegschancen gehören dazu. Das Beamtennetto ist damit auch schon gemeint.

    • Die Fachleute aus der Wirtschaft und Wissenschaft werden sich vermutlich nicht in die Oberstufenkurse setzen lassen; zu unattraktiv, es sei denn man ist padagogisch „geprägt“, ansonsten halte ich die Arbeitsbedingungen für zu abweisend.

  5. Das ist alles nichts neues. Schon 2015 gab es eine Studie von Klemm mit demselben Ergebnis, ebenfalls auf NRW bezogen:
    https://www.uni-heidelberg.de/md/journal/2015/04/mint_lehrerbedarf_studie_gesamt.pdf
    Niemand kann behaupten, davon überrascht zu werden. Damals war die Hälfte der Lehrer über 50 Jahre alt.
    Der schlaue Vorschlag, die Studienabbrüche zu vermeiden, kommt immer wieder. Leider wird dabei nicht bedacht, dass es nicht die besten Studenten sind, die abbrechen, sondern die schwächeren. Was soll „gute Lehre“ daran ändern? Man könnte z.B. die Ansprüche absenken, aber will man das? Und neuerdings kommt hinzu, dass die Vorkenntnisse aus der Schule zu schwach für ein Studium sind, was mit Lehrermangel, aber auch mit Schulreformen zu tun hat. Das ist ein echter Teufelskreis.
    Und die fachlich guten Studenten haben eben auch alternative Berufschancen, zumal neuerdings der Lehramts-Bachelor „polyvalent“ sein soll, also ausdrücklich nicht nur aufs Lehramt vorbereitet. Das liegt ironischerweise an einem Problem, das man beim Bologna-Prozess selbst geschaffen hat, nämlich der (unpassenden) Vorschrift, jeder Bachelor-Abschluss müsse „berufsqualifizierend“ sein.

    • Naja… Was bringt es, wenn die Ansprüche im Mathematikstudium für Lehrer so dermaßen hoch sind, der um ein vielfaches weiter geht, als das, was man später unterrichtet, wenn
      a) zuviele abbrechen?
      b) man nach Bestehen eines solchen Studiums aber nicht die Fähigkeit erlangt hat, den Stoff auch vermitteln zu können?
      So schlimm kann der Lehrermangel in den Fächern ja nicht sein.

    • @ Beobachter: Die fachlichen Ansprüche sind gerade bei den reinen Sek I – Lehrern (etwa an Pädagogischen Hochschulen in BaWü) nicht hoch (anders beim sog „Einheitslehrer“). Und gerade da gibt’s den Mangel besonders, wie auch im Grundschulbereich. Schauen Sie mal die Studien- und Prüfungsordnungen an. Das Studium allein kann nicht die Fähigkeit zum Vermitteln des Stoffes ohnehin nicht leisten. Schließlich gibt es noch ein Referendariat. Und vor Jahren gab’s mal die Coactiv-Studie, die überraschenderweise ergeben hat, dass die Gymnasiallehrer nicht nur fachlich, sondern auch didaktisch besser waren als die reinen Sek I – Lehrer. Wer in Mathematik oder Physik eine Sache nicht richtig verstanden hat, kann sie dann eben auch nicht gut vermitteln.
      Der Fachlehrermangel ist schlimm, das zeigt allein schon die Statistik zum fachfremd erteilten (oder überhaupt ausfallenden) Unterricht: das sind hohe Prozentsätze. Wenn Deutschlehrer MINT-Fächer unterrichten müssen, wird das ja bestimmt nicht besser.

  6. Kann ich super verstehen. Bin M. Sc. Elektrotechnik und Seiteneinsteiger in Mathe und Physik.
    Ich könnte hier meinen bisherigen Leidensweg (mit dem Schulamt) erzählen, aber das käme einer Doktorarbeit gleich. In kurz: ich würde gerne, aber das Schulamt stellt sich so …. an, dass ich mittlerweile den Eindruck habe, es gibt genügend Lehrer und qualifizierte Seiteneinsteiger sind unerwünscht.

    • Es muss ganz offensichtlich genügend Lehrer geben, da mitunter auch MINT-Lehrer abgelehnt werden, weil sie zu selten die jeweils gerade angesagte Unterrichtsmethode anwenden.

  7. Danke für den wichtigen Bericht. Dass zu wenig Lehrkräfte ausgebildet werden, ist leider seit über 10 Jahren bekannt. Doch es wird nichts dagegen unternommen. Hier haben die Kultus- und Bildungsministerien aller Länder komplett versagt. Erwiesenermaßen! Warum habe ich jetzt nur so große Bedenken, dass die Bildungspolitik nun die geeigneten Maßnahmen bei der Corona-Seuche treffen kann und wird?

    • In einer Gesellschaft wie der unsrigen können Studenten- und Absolventenzahlen eben nicht geplant werden (anders war das in der Planwirtschaft der DDR, da lenkte man gezielt). Auch die Zahl der Studienplätze besagt nicht viel. In Mathematik gibt es keinen wesentlichen Mangel an Studienplätzen, man kann aber niemanden zwingen Welche Maßnahmen soll man denn da ergreifen? Reklame wird schon reichlich gemacht („Girls‘ day“ usw.).
      Ein wichtiger Grund: Die Bedeutung der Mathematik an Schulen ist sowohl stunden- als auch inhaltsmäßig heruntergefahren worden. Aber das geschah mit voller Absicht! Eine Ausrichtung auf PISA-Punkte gilt inzwischen als wichtiger als eine auf ein Studium der MINT-Fächer. Das eine hat mit dem anderen kaum etwas zu tun.

  8. Das Studium von MINT-Fächern ist halt schwierig. Da werden Tugenden verlangt, die heute nicht mehr zeitgemäß erscheinen. Lösung: Schmalspurstudium, nur dass man genügend LehrerInnen hat.
    Auch in MINT-Fächern greift die Marktwirtschaft, vor allem außerhalb der Schule wird hier gut bezahlt und es herrschen häufig gute Arbeitsbedingungen. Warum sollte sich also jemand, der kein Überzeugungstäter ist für die Schule entscheiden?

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