„Sehr magere essgestörte Mädchen, noch dünner als früher“: Psychiater berichten

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HILDESHEIM. Am Anfang der Pandemie wurden sie oft als verantwortungslose Partymacher beschrieben, inzwischen mehren sich Berichte über eine psychisch stark belastete Generation Corona. Wie kommen Jugendliche durch die Corona-Krise? Wie geht es ihnen, je länger der Winter-Lockdown mit seinen Schulschließungen dauert?

Jugendliche leiden in der Corona-Krise unter dem Mangel an Sozialkontakten. Foto: Shutterstock

Mehreren Studien zufolge ist der seelische Druck bei jungen Menschen im Vergleich zum Frühjahr gestiegen. Fast jedes dritte Kind im Alter zwischen 7 und 17 Jahren zeige inzwischen psychische Auffälligkeiten, berichten etwa die Autoren der Hamburger Copsy-Studie. Risikofaktoren seien ein geringes Bildungsniveau und begrenzter Wohnraum. Vorher waren es laut Untersuchung zwei von zehn Kindern.

In Berlin kommen seit Beginn der Corona-Pandemie mehr Kinder und Jugendliche etwa mit Ängsten, Essstörungen oder Depressionen zur Behandlung in psychiatrische Kliniken, wie aus einer Sonderauswertung der Krankenkasse DAK hervorgeht. Die Zahl solcher Einweisungen hat sich demnach in der Hauptstadt im ersten Halbjahr 2020 fast verdoppelt. «Es ist insgesamt ein Riesenthema unter Kollegen», sagt Jugendpsychiater Martin Holtmann, Beirat der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Viele Stationen bundesweit seien in diesem Winter voll, Sprechstunden überlaufen.

«Nach wie vor besteht eine große Angst, abgehängt zu werden, die nächste Klausur, vielleicht sogar das Abitur nicht zu schaffen»

Christoph Correll, Direktor der Klinik für Kinder-und Jugendpsychiatrie auf dem Charité-Campus Virchow, sagt, was in seiner Klinik häufiger vorkommt als vor der Pandemie: «sehr magere essgestörte Mädchen, noch dünner als früher» zum Beispiel. «Wahrscheinlich, weil Lehrer, Freundinnen oder Kinderärzte als Korrektiv fehlen.» Auch Hautritzen als zerstörerische Bewältigungsstrategie komme häufiger vor.

Jugendforscher der Universitäten Hildesheim und Frankfurt stellten Belastungen fest: Knapp 46 Prozent von rund 7000 befragten 15- bis 30-Jährigen stimmten der Aussage voll beziehungsweise eher zu, Angst vor der Zukunft zu haben. «Es gibt ein hohes Verantwortungsbewusstsein in der Pandemie, aber auch eine große Frustration darüber, wie das Leben gerade reduziert ist», sagt die Hildesheimer Sozialpädagogin Severine Thomas.

«Nach wie vor besteht eine große Angst, abgehängt zu werden, die nächste Klausur, vielleicht sogar das Abitur nicht zu schaffen», sagt Gustav Grünthal aus Osterholz-Scharmbeck. Den 17-Jährigen ärgert enorm, dass Politiker behaupten, junge Leute seien unvernünftig. «Das Gros der Jugendlichen hält sich an die Corona-Regeln», betont er.

Die Junge Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin beklagte vor kurzem eine «Zunahme mittlerweile schwer zu rechtfertigender massiver Einschränkungen und Gefährdungen des Kindeswohls». Kindern und Jugendlichen fehlten neben ihren Freunden, dem Erwerb sozialer Kompetenzen und dem spielerischen Lernen auch der geregelte Tagesablauf sowie außerschulische Aktivitäten.

«Die Jugendlichen werden depressiver, Ängste und Essstörungen nehmen zu», sagt Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie der Universität München. «Wir haben eine große Inanspruchnahme im zweiten Lockdown, es gibt so viel Not in den Familien.»

Vermehrt Aggressionen, Schlafstörungen, Schulängste, Essstörungen, Depressionen und Drogenmissbrauch

Vergangene Woche schickte Julia Asbrand, Psychologin und Wissenschaftlerin an der Berliner Humboldt-Universität, im Namen vieler Kolleginnen und Kollegen einen offenen Brief an die Bundesregierung. Bundesweit zeigten sich bei Kinder- und Jugendpsychiatern sowie Psychotherapeuten vermehrt Aggressionen, Schlafstörungen, Schulängste, Essstörungen, Depressionen und Drogenmissbrauch bei jungen Menschen, hieß es darin.

«Menschen sind soziale Wesen, die nicht nur in der Kernfamilie funktionieren», sagt Asbrand. Bei Jugendlichen sei das ein ganz großes Thema. «Sie haben als Aufgabe und Ziel, sich abzugrenzen, also aus der Familie hinauszugehen und sich andere Kontakte zu suchen. Und gerade das ist jetzt nicht möglich.»

Die Autonomie-Entwicklung, das sich selbst Erproben und Erleben, sei coronabedingt eingeschränkt, gleichzeitig erlebten viele Jugendliche ihre Eltern extrem gestresst, sagt auch Jugendpsychiater Schulte-Körne. Zur Prävention psychischer Erkrankungen in der Pandemie hat sein Klinik-Team die Internet-Seite «Corona und du» eingerichtet. Dort finden sich Tipps zu Stressabbau, positivem Denken, Kontakthalten mit Freunden sowie zu Ernährung und Bewegung.

Die Altersspanne zwischen 10 und 18 Jahren sei ohnehin eine besonders vulnerable Lebensphase, erklärt Marcel Romanos, Direktor am Zentrum für Psychische Gesundheit der Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Würzburg. «Da passiert viel: körperlich, hormonell, psychisch.» In der Pubertät steige das Risiko für bestimmte psychische Erkrankungen wie Depressionen, emotionale Störungen sowie selbstverletzendes Verhalten.

Insgesamt von einer verlorenen Generation Corona zu sprechen, hält der Jugendpsychiater allerdings für übertrieben. «Kinder sind grundsätzlich sehr anpassungsfähig und haben gute Kompensationsstrategien», ist Romanos überzeugt. So könne der Austausch mit Freunden derzeit über soziale Medien beziehungsweise Videospiele funktionieren oder der Sport auch allein im Freien.

«Es sind im letzten Jahr nicht nur Bildungslücken, sondern auch Bindungslücken entstanden»

Doch bei jeder Verlängerung des Lockdowns müssen die Jugendlichen weiter durchhalten. Belastend sei die fehlende Planbarkeit – besonders für diejenigen, die kurz vor dem Schulabschluss stünden, sagt Julia Seefried aus dem schwäbischen Unterthürheim. «Es gibt keine Möglichkeit für uns, über die nächste Woche hinauszudenken.» Die 16-Jährige beteiligte sich an der Entwicklung der Corona-Forderungen des Stifterverbandes. Zu ihnen zählen eine transparente Kommunikation mit Jugendlichen sowie mehr politische Teilhabe.

Am 11. März veranstaltet das Bundesfamilienministerium ein Jugend-Hearing, bei dem es um «Corona, Jugend und die Folgen» gehen soll. Dies kündigte Ministerin Franziska Giffey nach einem digitalen Treffen mit acht 15- bis 24-Jährigen an. Die besonderen Herausforderungen für die junge Generation und ihre Sorgen müssten stärker berücksichtigt werden, sagt die SPD-Politikerin. «Es geht dabei nicht nur um verpassten Unterricht.» Für die persönliche Entwicklung seien soziale Begegnungen und der direkte Kontakt zu Freunden sehr wichtig. Giffey betont: «Es sind im letzten Jahr nicht nur Bildungslücken, sondern auch Bindungslücken entstanden.» Von Christina Sticht, dpa

Forscher: Lebenszufriedenheit von Kindern und Jugendlichen ist drastisch gesunken

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16 KOMMENTARE

  1. Da das Bewusstsein hierfür in Deutschland noch fehlt: auch die Coronainfektion kann schwere Schlafstörungen (!), Appetitverlust, schwere Erschöpfung und psychische Erkrankungen bei Kindern verursachen. Großbritannien schätzt die Zahl der betroffenen Kinder auf 76.000, ausgehend von der Zahl der Verstorbenen hätten wir in Deutschland dann entsprechend ca. 38.000 … ich glaube leider, dass es sich lohnt, genauer hinzuschauen.

  2. Gut, dass die Redaktion auch zu dieser Schattenseite einen Artikel verfasst hat. Es wird höchste Zeit, dass an Schulen und in Kitas endlich sichere Bedingungen geschaffen werden! Dazu gehört auch, dass dieses unsinnige Festhalten an den Rahmenplänen und dem überlebten Notensystem ein Ende haben muss!

  3. Und nicht ALLES hängt mit Schule oder nicht Schule (Präsenzunterricht) zusammen, vielen fehlt das private Treffen zu Mehreren, die Party, der Club, der Sportverein, das „Marktwerttesten“, …
    (Gewiss fehlt auch der Schulbetrieb, doch ebenso gewiss nicht allen…)
    Und es fehlt ihnen die Perspektive, wann all das wieder möglich sein kann…es ist für sie wie eine Wand, vorwiegend für die jüngeren Jugendlichen, die von Zukunft nur Bilder im Kopf haben.
    Dieser Altersklasse fehlt ja auch meist die Erfahrung, wie es ist, wenn man eine Krise, sei sie persönlich, familiär, gesundheitlich etc. überstanden hat.
    Wir Älteren kennen das, wir hatten dies und das, was wir überwunden, verarbeitet, „überlebt“ haben. Und wir haben festgestellt: Es geht irgendwie immer weiter, auch nicht immer schlechter als vorher.
    Nicht zu vergessen: In dieser Altersspanne ist das Hirn eine Baustelle, eh schon extrem störanfällig, wenn dann noch eine Pandemie da reingrätscht…
    Das ist wirklich nicht einfach zu bewältigen.
    Schule KANN da helfen, unbestritten, jedoch sehe ich zumindest primär da tatsächlich die Eltern in der Pflicht, ihre Kinder zu ermutigen, zu verstehen und ihnen Perspektiven (auch in einer Pandemie) aufzuzeigen.

      • @oes
        @carpe noctem

        DAS hier macht der Virus – nicht schlimm?

        „Chef-Pathologe: Menschen sterben an – nicht mit Corona
        07:35 Uhr: In den allermeisten Fällen, in denen mit Corona infizierte Menschen sterben, ist das Virus dem Chef-Pathologen der Uniklinik Augsburg zufolge auch Grund für ihren Tod. „Die meisten könnten noch leben, wenn sie sich nicht mit dem Coronavirus infiziert hätten“, sagte der Direktor des Instituts für Pathologie und Molekulare Diagnostik, Bruno Märkl der „Augsburger Allgemeinen“ (Mittwoch).

        Das Klinikum hat bereits mehr als 100 verstorbene COVID-19-Patienten obduziert, wie dort bestätigt wurde. Die Annahme, tödliche Verläufe träfen nur ältere Menschen mit schweren Vorerkrankungen, die ohnehin bald gestorben wären, „das sehen wir überhaupt nicht“, sagte Märkl der Zeitung. „Ich wünschte, ich könnte diejenigen, die an der Gefährlichkeit lauthals zweifeln, einladen, mir bei einer solchen Obduktion über die Schultern zu schauen – sie würden schnell verstummen.“ Letzten Endes sei es ein „inneres Ersticken“, an dem die Patienten sterben.“
        https://web.de/magazine/news/coronavirus/corona-news-ticker-sigmar-gabriel-pandemie-mittelalter-behandelt-35545992

        Äpfel und Birnen – immer wieder gerne, was?

      • Eben nicht, die Kanzlerin und die MinPrä sind nur Teil der Exekutive. Wäre die politik wirklich befasst mit der Sache, dann gäbe es Plenarsitzungen der Legislative.

  4. Das kann ich nicht bestätigen. Aus meiner langjährigen Erfahrung kann ich sehr wohl beurteilen ob gravierende psychische Probleme bestehen. Vor wie nach der Pandemie sind es in der Mehrzahl die dünnen Mädchen, welche sich mit der Psyche rumschlagen. Auf den ersten Blick kann man erkennen wer betroffen ist und zwar an der Kleidung. So freizügig wie sich manche kleiden und das nur um ihre Lehrer zu provozieren. Ich mag gar nicht daran denken, was diese „Girls“ drunter anhaben. Die Mär von vermehrten Psychosen kommt nur von einigen Psychologen, die sich jetzt auf die Bühne stellen können und vorher nie gehört wurden. Das hören dann einige von diesen Mädchen und nehmen das als Grund um sich dem Unterricht durch Krankschreibung zu entziehen. Die besetzen dann auch Therapieplätze von Menschen, die es nötiger haben zum Beispiel Lehrer, denn wir sind nicht nur im Moment über die Massen belastet.

  5. Soweit ich weiß, hatte sich in der Studie des UKE bestätigt, dass diejenigen, die vor der Pandemie gut dagestanden haben, sich in ihren Familien gut aufgehoben fühlten, auch gut durch die Pandemie kämen!

    Wenn ich mir die erhobenen Daten „zu eigen“ mache (wobei sie bei der geringen Zahl der Befragten vermutlich nicht repräsentativ sein können), ergibt sich mir ein geistiges Bild, das so ausschaut:
    Von 15 Kindern ging es 3 bereits vor der Pandemie nicht gut, 2 von diesen 15 Kindern geht es zusätzlich in Folge der Pandemie nicht gut, 10 von diesen 15 Kindern kommen gut durch.

    Ich persönlich empfinde den hohen Anteil der Kinder, die gut durchkommen, erstaunlich … so positiv hätte ich es in diesen schweren Zeiten gar nicht eingeschätzt!

    Die Coronapandemie verschärft die Probleme, die vorher schon offensichtlich waren und legt zudem offen, wo es latent brodelte. Man kann nur hoffen, dass man diese Kinder, die sich nun „zeigen“, nicht mehr aus helfenden Händen loslässt. Wir bekommen das Virus nicht „weggepustet“ nur weil wir es so wollen! Wir müssen da nun alle durch – weltweit – auch unsere Kinder. Hinsehen, auffangen, Druck rausnehmen …die Coronamaßnahmen zu verteufeln, packt das Problem nicht an der Wurzel…

  6. Gerne können Sie sich über unten angehängte links über die internationalen Erkenntnisse informieren!

    „As patients recover from the illness, they may find that their memory is not as good as it once was. They may find themselves having trouble grasping the right words or be more accident-prone. Some could see personality changes, such as becoming quicker to anger, more impulsive, depressed, slower at processing information, even a tendency towards drug or alcohol addiction.“

    https://thehill.com/opinion/healthcare/501392-wave-of-cognitive-disorders-in-young-people-from-covid-19

    erschreckender Bericht!

    https://thehill.com/news-by-subject/healthcare/531931-psychiatric-symptoms-reported-worldwide-in-some-covid-19-patients?fbclid=IwAR3MjFw79hiITCMVFfdiczDUnwFqt5pPz51qEBNKoUGTRXZu8aUv1TCSxYM

    https://7news.com.au/travel/coronavirus/mysterious-brain-damage-from-coronavirus-hits-some-children-c-1149149

    https://jamanetwork.com/journals/jamaneurology/fullarticle/2767979?guestAccessKey=814c2fa0-6c23-4d4e-85df-928b66ab0034&utm_source=For_The_Media&utm_medium=referral&utm_campaign=ftm_links&utm_content=tfl&utm_term=070120

    https://www.nejm.org/doi/full/10.1056/NEJMc2033369

    https://www.theguardian.com/world/2020/jul/08/warning-of-serious-brain-disorders-in-people-with-mild-covid-symptoms

    https://www.theguardian.com/world/2021/jan/25/covid-linked-to-risk-of-mental-illness-and-brain-disorder-study-suggests?fbclid=IwAR1d1V6IwLeYAbp7mVQ8uXsJmdgnpD_tTC9mbJQjdVCuJ0isdLWeDFfl4Hc

    auch sehr interessant!
    https://www.webmd.com/lung/news/20210125/covid-19-may-hide-in-brains-and-cause-relapses?fbclid=IwAR1N_T4IvFhF2M2u8IuknMSQ0Q_K6aa1lRNVKXkQXGtuSbfFlQgqwcOvDpY

    https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31566669/

    https://www.scinexx.de/news/medizin/corona-mikrothrombosen-auch-bei-kindern/

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