Modellschule der Uni Dresden auf der didacta: „Es muss für die Kinder Sinn ergeben, warum sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen“

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STUTTGART. Am kommenden Montag startet Europas größte Bildungsmesse didacta – erstmals als Online-Veranstaltung. Mit von der Partie: die Bildungsforscherin Prof. Anke Langner von der Technischen Universität Dresden. Sie ist wissenschaftliche Leiterin der wohl spannendsten Schulneugründung in den vergangenen Jahren in Deutschland: der inklusiv und digital arbeitenden Universitätsschule Dresden. Das Konzept wird sie im Rahmen einer Diskussionsrunde auf der didacta vorstellen. Wir haben vorab mit ihr gesprochen.

„Wir müssen Bildung mehr vom Schüler aus denken als vom Lehrplan“, sagt Prof. Anke Langner. Foto: privat

News4teachers: Frau Langner, was ist – kurz erklärt – der Grundgedanke Ihres Konzepts?

Anke Langner: Wir haben gesagt, es muss möglich sein, Schule wirklich von dem individuellen Entwicklungsprozess der Schülerinnen und Schüler her zu denken. Und dafür entstehen vor allem durch die Digitalisierung ganz neue Möglichkeiten. Denn mit ihr schaffen wir es, Lernen besser zu dokumentieren und damit zu verstehen – und zwar für den jeweiligen Schüler und die jeweilige Schülerin. Das Digitale hilft uns, die Organisation des Lernens flexibler und angemessen zu gestalten, ohne dass wir ein Kind aus den Augen verlieren, was vor allem in offenen Lernkulturen bisher immer eine Gefahr war. Methodisch-didaktische Formate, die Binnendifferenzierung ermöglichen, benötigen sowohl eine gute Einschätzung der Lernsituation als auch eine Flexibilität in der Organisation, hier hilft das Digitale weiter.

Diskussion auf der didacta
Die didacta sollte eigentlich in Stuttgart stattfinden – jetzt digital. Foto: Koelnmesse

Andrej Priboschek, Herausgeber von News4teachers, moderiert die Diskussionsrunde des Didacta Verbands mit dem Titel: „Die größten Herausforderungen im Schulalltag: Wie Schulen mit Heterogenität umgehen“ (10. Mai, 16 Uhr). Mit dabei: Prof. Dr. Anke Langner, wissenschaftliche Leiterin der Universitätsschule Dresden – die wohl ambitionierteste und innovativste Schulgründung der letzten Jahre in Deutschland – sowie Sylvia Stahl von der Theodor-Heuss-Grundschule in Mainz.

Europas größte und Deutschlands wichtigste Bildungsmesse wird nach dem pandemiebedingten Ausfall im letzten Jahr nun doch vom 10. bis 12. Mai 2021 stattfinden – erstmals als Online-Veranstaltung. Dutzende von Workshops, Referate und Diskussionsrunden versprechen wichtige Informationen und Ideen für die berufliche Praxis in Kita, Schule und Ausbildungsbetrieb. 180 Aussteller haben sich angesagt. Die Teilnahme ist kostenlos.

Zum Programm und zur Anmeldung geht es hier.

News4teachers: Wie wird digitale Technik an der Universitätsschule eingesetzt?

Langner: Wichtig ist: Lernen findet in dieser Schule nicht durch den Computer statt! Das muss immer noch von den Schülerinnen und Schülern selbst vollzogen werden. Es ist zwar eine Schule mit Computern und Laptops, aber das Lernen mit Kopf, Fuß, Augen, Ohren, Nase ist nach wie vor das zentrale Element. Es geht vor allem darum, bestimmte Abläufe effizienter und effektiver zu gestalten, also diese individualisierten Lernprozesse zu ermöglichen und zu organisieren. Wir sind ja auch eine öffentliche Schule und haben nicht mehr Lehrerinnen und Lehrer als andere Schulen und die gemeinsame Lehr-Lernzeit ist ein kostbares, knappes Gut. Deshalb ist es wichtig, dass bestimmte Organisationsprozesse durch die digitale Technik erleichtert werden. Wir sprechen deshalb von digital gestütztem Lernen.

News4teachers: Können Sie konkrete Beispiele für dieses digital gestützte Lernen nennen?

Langner: Ja, also für die Universitätsschule wurde eine eigene Software im Sinne einer Kopplung von Lern- und Schulmanagementsoftware entwickelt. In dieser Software wird der Lernprozess jedes Schülers und jeder Schülerin dokumentiert, er bildet die Basis für alle weiteren pädagogischen Unterstützungen, wie auch die Etablierung regelmäßig neuer individueller Stundenpläne für die Schülerinnen und Schüler. Diese werden aus der Planung der Schülerinnen und Schüler ihrer jeweiligen Projekte generiert, was auch in der Software erfolgt. Darüber hinaus dient die Software auch als Lernmanagement, in dem Sinne, dass Arbeitsaufträge von den Schülerinnen und Schülern hochgeladen werden, sie Feedback ihres Lernbegleiters bekommen, sie ihre Ergebnisse dokumentieren und so weiter. Das geht inzwischen alles digital – ohne, dass der reale Dialog darunter leidet.

News4teachers: Wie ändert sich dadurch die Rolle der Lehrkräfte?

Langner: Die Rolle verändert sich erheblich. Lehrer werden zu Lernbegleitern, die nicht mehr dazu da sind, Wissen lediglich zu vermitteln, sondern um das Lernumfeld entsprechend für die Schülerinnen und Schüler zu gestalten. Sie müssen aber – und das ist das Besondere – über sowohl Fachwissen als auch didaktisch-methodisches Wissen verfügen, damit sie gute Lernbegleiter sein können. Es reicht nicht aus, dass ich als Lehrer immer weiß, welche Seite im Lehrbuch als nächstes kommt und worum es geht, sondern ich muss, wenn Kinder Ideen haben, versuchen zu verstehen, was könnte von dem Kind jetzt dazu bearbeitet werden. Und das heißt vor allen Dingen, interdisziplinär oder fächerverbindend zu denken.

News4teachers: Was macht denn ein gutes Projekt von Schülerinnen und Schülern aus, worauf müssen die Lernbegleiter achten?

Langner: Grundsätzlich kann aus jeder W-Frage ein Projekt entstehen: Warum fliegt ein Flugzeug? Warum häuten sich Schlangen? Warum ist die Titanic untergegangen. Wie tief könne U-Boote tauchen? Wichtig ist, dass die Bearbeitung der Frage durch Pädagogen begleitet wird, indem den Schülerinnen und Schülern zu unterschiedlichen Themen wie Mathematik oder Deutsch Arbeitsaufträge im Kontext ihres Projektes unterbreitet werden. Je älter sie werden, umso eigenständiger arbeiten sie. Sie werden also an dieses selbstgesteuertes und eigenverantwortliches Arbeiten herangeführt und nutzen dafür immer wiederkehrende Abläufe. Es startet alles mit einer Assoziationsphase, in der die Kinder selbst herausfinden, was ihre Frage eigentlich für weitere Fragen aufwirft oder welche Begriffe zu klären sind. Dann folgt eine erste Recherche, damit das Thema genauer bestimmt werden kann, um folgend einen ersten Plan für sich zu erstellen und diesen auch bei den Pädagoginnen und Pädagogen einzureichen. Dann beginnt die eigentliche Arbeit – die Projektdurchführung, die ein sehr konkretes Ziel hat, zum Beispiel ein Modell zu erstellen. Die Projekte werden nicht durch alle Projektmitglieder gleich bearbeitet, sondern dies ist ein kooperativer Prozess, indem jeder eine bestimmte Verantwortung trägt. Damit dies gelingen kann, werden die Lehrerinnen und Lehrer unterstützt, die individuellen Entwicklungswege zu verstehen und zu dokumentieren durch die digital gestützten Lernpfade in der Lern- und Schulmanagementsoftware.

News4teachers: Schülerinnen und Schüler sollen also in Form von Projekten lernen – in ihrem eigenen Tempo, in Absprache mit den Lernbegleitern. Ich kann mir aber noch nicht ganz vorstellen, wie Sie sichergehen, dass die Kinder zwar individuell, aber in einer Gruppe lernen und wie sie sich dabei noch alle notwendigen Grundlagen aneignen.

Langner: Stellen wir uns vor, eine Gruppe will ein Floß bauen, mit dem wir über die Elbe fahren können. Dann bearbeiten die Schülerinnen und Schüler ganz unterschiedliche Aspekte. Der eine kalkuliert vielleicht, wie viel Holz wir brauchen, damit das Floß schwimmt, ein anderer fragt nach der geschichtlichen Bedeutung des Floßbaus und so weiter. Da sind unterschiedlichste Elemente denkbar, aber am Ende haben die Schüler alle zusammen das Ergebnis, dass sie mit dem Floß über die Elbe schippern können, ohne dass sie untergehen. Oder noch ein Beispiel: Wenn ein Kind direkt eine sehr komplexe Frage stellt, wie „Warum kann eine Rakete zum Mond fliegen?“, ist die Beantwortung der Frage nicht der einzige Erkenntnisprozess. Dazu gehört auch die Erkenntnis, dass man sich Wissen aneignen und planen muss, wie man vorgeht. Und dafür muss das Kind in irgendeiner Form lernen, die Kulturtechniken zu beherrschen, also Lesen, Rechnen, Schreiben. Aus allen reformpädagogischen Institutionen wissen wir, dass Schülerinnen und Schüler relativ selbstständig lernen, wenn sie sozusagen gelernt haben, zu lernen. Und wenn es ihr Lernen ist, es also für sie Sinn macht.

News4teachers: Das heißt, am Anfang sollte die Erkenntnis stehen, warum soll ich lernen, warum will ich lernen?

Langner: Ja, es muss für die Kinder Sinn ergeben, warum sie Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Sinn ist eine rein individuelle Kategorie. Kinder wollen viel wissen und sie haben viele Möglichkeiten, dass etwas Sinn für sie ergibt. Es muss aber an ihrer aktuellen Lebenssituation gut anknüpfen, sonst kann es für sie keinen Sinn machen. Unser Wunsch ist es, die Neugier und Kreativität der Kinder zu unterstützen – sie sollen ihre Fragen an die Welt stellen und sich selbst mit Unterstützung der Lehrerinnen und Lehrer beantworten und über diesen Weg Wissen selbst produzieren und damit lernen.

News4teachers: Und was haben Sie Eltern gesagt, die in Sorge waren, dass ihr Kind mehr Struktur braucht?

Langner: Die Kinder bekommen was sie brauchen in dieser Schule, der eine mehr Struktur, der andere weniger. Jeder Raum ist in dieser Schule gleich organisiert – überall finde ich das Material an der gleichen Stelle und auch jedes Projekt läuft von den Prozessen identisch ab. Natürlich sind die Inhalte anders und die Lehrerinnen und Lehrer sind individuelle Persönlichkeiten, aber die gleiche Struktur und die standardisierten Prozesse in dieser Schule schaffen die Möglichkeit für ein individualisiertes Lernen. Das ist ganz im Sinne aller Eltern.

News4teachers: Wie klappt dieses individualisierte Lernen im Rahmen von Projektarbeit in Zeiten von Corona?

Langner: Projektarbeit in Zeiten von Corona stellt auch an der Universitätsschule Dresden eine große Herausforderung dar. Während der umfänglichen Schulschließung war das Projektlernen nicht mehr möglich. Wir haben versucht, es durch Angebote zum Austausch in kleineren Projekten zu Hause zu unterstützen, aber einen wirklichen kooperativen Lernprozess zwischen Schülerinnen und Schülern konnten wir nicht schaffen. Das Projektarbeiten nach der Wiederöffnung der Schulen mit dem Beibehalten fester Gruppen entsprechend der Vorgaben zum Infektionsschutz ist nicht unterstützend für das gemeinsame Lernen, aber in diesem Rahmen schaffen wir dennoch eine Umsetzung von Projektarbeit.

News4teachers: Was erhoffen Sie sich für die Zukunft? Glauben Sie, dass sich durch die Corona-Krise etwas ändern wird, in der Art wie und mit welchen Mitteln Schülerinnen und Schüler lernen?

Langner: Ich habe es erhofft, ich denke aber nicht, dass wir in der Folge der Pandemie wirkliche Veränderungen in Schule erleben. Dazu müsste sich die Bildungspolitik verändern, denn sie schafft die Strukturen, die Entwicklung in Schule ermöglichen oder verhindern, nicht ein Virus. Wir sehen durch die Pandemie einmal mehr die Grenzen unseres Bildungssystems, aber zu welchen notwendigen Veränderungen dies führen wird, entscheiden leider kaum Schulen und Lehrerinnen und Lehrern, sondern Schuladministration, Schulträger und Schulaufsicht.

Der Schulversuch

Im Sommer 2019 starteten die ersten Schulklassen an der Universitätsschule, die inklusiv, digital gestützt, jahrgangsübergreifend und projektbasiert arbeitet. Das Ziel: Empirische Erkenntnisse über das Lernen zu erlangen.

Insgesamt 15 Jahre lang soll der Schulversuch an der Universitätsschule laufen. Über die speziell entwickelte Lern- und Schulmanagementsoftware, die den Lernprozess des Einzelnen dokumentiert und nachvollziehbar macht, werden fortlaufend Daten generiert – natürlich anonym und datenschutzkonform. Zusätzlich werden Interviews mit den Lehrerinnen und Lehrern, den Schülerinnen und Schülern sowie den Eltern geführt. „Mithilfe all dieser Daten können wir herausfinden, wie Lern- und Entwicklungsprozesse ablaufen und wir können Schulorganisation kritisch durchleuchten“, erklärt die Bildungsforscherin Anke Langner von der Technischen Universität Dresden.

Seit August 2020 lernen hier bereits rund 360 Schülerinnen und Schüler in den Klassenstufen 1 bis 6. In fünf Jahren soll die öffentliche Grund- und Oberschule, die sich in städtischer Trägerschaft befindet, dann bis zu 800 Schülerinnen und Schüler haben, die von der 1. bis zur 10. Klasse durchgängig fächerverbindend und ganztägig zusammen lernen.

Die Schulgemeinschaft hat sich entschieden, eine der ersten Gemeinschaftsschulen in Sachsen zu werden. Auch die Rolle des Raums als 3. Pädagoge soll im Rahmen des Schulversuchs erforscht werden. Dafür ist das gemeinsame Projekt der Stadt Dresden und TU Dresden auf dem Weg zum Bau eines Lernhauses mit einer entsprechenden Architektur.

didacta: Europas größte Bildungsmesse findet doch statt – online und kostenlos

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33 KOMMENTARE

  1. Zitat:
    „Sie müssen aber – und das ist das Besondere – über sowohl Fachwissen als auch didaktisch-methodisches Wissen verfügen, damit sie gute Lernbegleiter sein können. “

    Was daran ist besonders?
    Mussten das Lehrkräfte schon nicht immer?

    • Jepp, das mussten sie schon immer – seit einigen Jahren firmieren wir v.a. unter dieser Anforderung und in Zukunft geht es nur noch darum, das Lernen irgendwie zu begleiten…erinnert mich ein wenig an Klippert und sein Methodentraining, das uns vor zig Jahren als der „heiße Scheiß“ verkauft worden ist und wir uns im Kollegium – innovationsfreudig „auf den Weg gemacht haben“ (so hieß das damals in unseren Kreisen immer), während eine Kollegin an einer besonders innovativen Gesamtschule in Mönchengladbach mir trocken mitteilte, dass Klippert schon wieder out sei.

      Wenn ich die „Säue“ aufzählen würde, die seit Beginn meiner Arbeit in und an Schulen (- also vor ca. 31 Jahren – ich war jung und ich brauchte während meines Studiums das Geld, das ich als „Lehrerassistent“ an einer Brennpunkthauptschule in sogenannten „Auffangklassen“ verdient habe) durch die deutschen Dörfer getrieben worden sind, dann würde ich hier – hmmm, mal sehen… – 60 bis 80 Zeilen benötigen.
      Das tue ich mir und euch / ihnen nicht an…also:
      Hey, es gibt was Neues….lasst uns „auf den Weg machen“…. …. to be continued…

    • Ich habe auch nicht verstanden, was sonst das besonders Innovative an dieser Schule sein soll.

      Klingt nach einer ganz normalen Schule, in der Lehrkräfte und Schüler:innen zusammen lernen.

      Stutzig machen sich Sätze, in denen betont wird, dass das Vorgehen im Sinne aller Eltern sei. Das halte ich nicht für normal, in der Regel haben Eltern unterschiedliche Vorstellungen, Erwartungen und Wünsche.

  2. Man kann eine Sprache lernen, indem man in dem Land lebt und arbeitet, in dem diese Sprache gesprochen wird und keiner deine eigene Sprache spricht. Das geht. Dauert aber entsprechend lange und ist ein Lernen nach „Versuch und Irrtum“. Will man das abkürzen, besucht man einen Sprachkurs, wo man zu festgelegten Zeiten bei festgelegten Themen in einer festgelegten Reihenfolge sprachliches Wissen und Fertigkeiten erwerben kann. Das geht auch und spart Zeit.

    Schule funktioniert nach dem gleichen Prinzip!

    • Es gibt da nur den eklatanten Unterschied dass die Regelschule vorgibt was das Kind wann und mit welcher Methode bzw in welchem Tempo lernen soll und die hier vorgestellte Schule die zu lernende Inhalte so vorhält dass jeder Lernende sie dann abrufen und bearbeiten kann wenn sie im individuellen Projekt Sinn machen

  3. „Lehrer werden zu Lernbegleitern, die nicht mehr dazu da sind, Wissen lediglich zu vermitteln, sondern um das Lernumfeld entsprechend für die Schülerinnen und Schüler zu gestalten. “
    Leider lese ich hier weiterhin die selben abgedroschenen Floskeln wie seit 20 Jahren. Vermutlich wird es ebenso wenig wahr sein wie vor 10 oder 20 Jahren.
    Lernen geschieht in Beziehung zu Menschen, z.B. zur Lehrerin. Nur bei wenigen Kindern ist das anders.

        • btw….was ich dann im Anschluss daran mit / in meinem Berufseinstieg gemacht habe, das kann man unter dem Stichwort „Trainigsraum“ ergooglen – sagt man das noch so oder ist das nicht mehr p.c.??

          Ich frag ja nur so….!

          • Guter Ansatz. M.E. einer der ganz wenigen seit Jahrzehnten, der wirklich die Probleme des Alltags „akzeptiert(e)“ und nicht Wolkenschlösser im Nimmerand malt(e).

      • Tja.
        Aber damit kann man keine Bildungsprofessur begründen. Wo kriegt man jährlich 5 neue Forschungsprojekte her?

  4. Irgendwie finde ich in der Erkenntnis seitens der T-Uni nichts Neues.

    Leider gibt es Alexa und Siri – die Kinder brauchen nicht mehr zu lesen. Sie können Fragen stellen und Befehle erteilen.

    Leider sind die Klassen riesig – mit 30 unstrukturierten SuS kann ich nicht mal ein kleines Projekt unfallfrei, verletzungsfrei, mobbingfrei, usw. begleiten.

    Allerdings finde ich, dass der Ansatz richtig ist – allein, es ist nicht nötig.

    Einer meiner Schüler kann mit Hilfe eine Einkaufsliste lesen – Banane, Nudeln usw.
    Der ist der festen Überzeugung, er könne lesen. Seine Oma findet das auch. Punkt.

    Es gab eine Zeit, da war fächerübergreifendes Lernen angesagt und das soziale Verhalten, das nicht erst während Corona so unterirdisch wurde – deutlich besser. Auch da allerdings waren schon Kleingruppen angesagt.

    Geht heute alles nicht – gibt Mord und Totschlag. Ach, und weinende Mitschüler:innen, die gerne das traumhafte Angebot mitmachen würden, wenn sie nicht von ihren wohlerzogenen Mitschülern in den Wahnsinn getrieben werden.

    Bei unserer Schülerklientel müssen die Klassen halbiert oder die begleitenden Personen vervierfacht werden.

    • Da gebe ich Ihnen Recht. So große Klassen..es ist doch klar, das man mit 27 Kindern den wenigsten gerecht wird. Wie soll das auch gehen? Ich frage mich schon lange, warum man die Schlüssel in Schule und Kita nicht halbiert. So ist doch keine qualitative Bildung möglich.
      Wird wohl wieder am Geld liegen, das lieber anderswo sinnlos rsusgeschmissen wird

    • @Carsten60

      Ja. Genauso!

      Erstklässler schalten das tablet ein – dauert etwa die Hälfte der Unterrichtszeit – dann müssen sie sich anmelden – da sie die Buchstaben nicht kennen, echt schwere Übung – und dann, wenn das Ziel der Stunde endlich in greifbare Nähe rückt – muss es wieder runtergefallen – ach nee, runtergefahren – werden.

      Das Ziel der Stunde? Sicherlich bekannt – wir spuren das A nach. Mit dem Finger. Auf dem tablet.

      (Das ist leider tatsächlich so – ich würde mich freuen, wenn ich am 4.5. schreiben könnte: „April, April“ – aber der Wahrheitscharakter liegt bei 100%).

  5. Arbeiterinnen links, Drohnen recht und dass mir keine die Königin antatscht! – Bienendifferenzierung

    Der neue „heiße Scheiß“, um Andre Hogs Worte zu Klippert rüberzuziehen ins 21. Jhr. :o)

  6. „zu welchen notwendigen Veränderungen dies führen wird, entscheiden leider kaum Schulen und Lehrerinnen und Lehrern, sondern Schuladministration, Schulträger und Schulaufsicht.“

    Hat die Studie also etwas zutage gefördert.

  7. „Stellen wir uns vor, eine Gruppe will ein Floß bauen, mit dem wir über die Elbe fahren können. Dann bearbeiten die Schülerinnen und Schüler ganz unterschiedliche Aspekte. Der eine kalkuliert vielleicht, wie viel Holz wir brauchen, damit das Floß schwimmt, ein anderer fragt nach der geschichtlichen Bedeutung des Floßbaus und so weiter. Da sind unterschiedlichste Elemente denkbar, aber am Ende haben die Schüler alle zusammen das Ergebnis, dass sie mit dem Floß über die Elbe schippern können, ohne dass sie untergehen.“
    Das hört sich für mich als Elternteil wie Utopie pur an. Schöne Idee, ja. Kenne ich aus meiner Kindheit in den 1970er Jahren in Bielefeld. Ja, so etwas kann man machen – als Projekt. Um einen solchen Unterricht jedoch täglich zu gestalten und dennoch sicherzustellen, dass nicht nur einer lernt, zu „kalkulieren“, sondern alle SuS, würde es zig-mal soviele Lehrkräfte benötigen. Die Realität sieht aber in den meisten Schulen vollkommen anders aus – eine Lehrkraft mit einer äußerst disparaten Schülersschaft von 20-30 Personen, bei der es eine Kraftanstrenung bedeutet, überhaupt Grundlagenwissen zu vermitteln.

    • Hey…ehemalige LaborschülerIn?? …ach ja…. „Lernen mit Kopf, Herz und Hand“ – der gute Hartmut v. H. – Gott habe ihn seelig!!

  8. @S.

    Jau. Das nannte sich früher „fächerübergreifendes Lernen“.

    Gerade das Beispiel mit dem Floß ist köstlich. Kaum ein Schüler kann noch schwimmen – ich möchte keine Menschenversuche für die Erkenntnis machen müssen – Floß kentert. Da hat wer nicht aufgepasst.

    Außerdem ertrinkt die Hälfte sowieso, da ich als Lehrkraft keine DLRG-Ausbildung habe, wasserscheu bin und definitiv nicht geeignet bin.

    Außerdem grenzt es an ein Wunder, wenn die Hälfte der sozial kreatiefen, verhaltensoriginellen Schüler mit alle ihren Befindlichkeiten es schafft, sich überhaupt so einer Aufgabe länger als 10 Minuten zu stellen.

    Generell finde ich den Ansatz gut. Neu ist er aber nicht. Es gab in GB bereits die sog. Summerschool, in der CH das Institut Beatenberg (andere Intention, ja, aber dennoch gute Idee) …. und es scheint sich nichts davon ernsthaft durchzusetzen.

    Woran liegt`s?

    Das weiß der Geier und der sagt: Geld.

    • Also wenn ich ein Floß baue, dann ist das Letzte was ich tue, was auszurechnen. Ich probiere so lange aus, bis es funktioniert. Nichts anderes würden die Kinder machen – oder?

      • Dachte ich auch sofort. Und auf historischen Flossbau wäre ich dabei nicht gekommen. Vielleicht wäre in meinem Kalkül, dass die Strömung zu stark ist und man drei Städte weiter anlandet.

        Es gibt soviele schöne Unterrichtskonzepte.
        Nur fressen diese Zeit. Der Nutzen daraus hält mit der Stundentafel nicht stand. Die Klassen sind heute unglaublich heterogen, also von ich-nix-deutsch bis ich-berechne-mal-eben-die-Wahrscheinlichkeit-von-6-richtigen-in-Lotto.

        In einer Fachabitursklasse hatte ich mal 5 von 20 mit Verhaltensauffälligkeiten. Unterricht war kaum möglich. Und dabei waren die SuS wirklich nett.

        Kleinere Klassen sind das einzige, was wirklich was bringt. Mehr Zeit für den einzelnen. Viele bringen unglaublich wenig Selbstständigkeit mit. Das kostet enorm Zeit.

        • Warum ist das denn so? Vielleicht weil ihnen in der Schule jahrelang immer genau gesagt wird was sie tun sollen und wie… Selbstständigkeit wird im normalen Schulgeschehen oft weder gewünscht noch gefördert

  9. Ich finde den Ansatz gut und – weil einige hier sagen, es ist nichts neues o besonderes – das Gesamtkonzept umfasst noch einiges mehr als in dem Interview raus kommt. Es gibt zb bis Klassenstufe 9 keine Zensuren, was ich persönlich super finde.
    Die Kinder lernen in Lerngruppen, die glaube ich um einiges kleiner als die üblichen 30 Schüler sind und es gibt auch immer 2 anwesende Lehrer bzw 1 Lehrer u ein Sozialpädagoge pro Gruppe… Damit kann ich mir schon vorstellen, dass da individuelleres Lernen möglicher ist als in „normalen“ Schulen mit fast 30 Kindern mit 1 Lehrer u da auch Projekte besser klappen.

    • Wie kann das sein, wenn doch gesagt wird:
      „ Wir sind ja auch eine öffentliche Schule und haben nicht mehr Lehrerinnen und Lehrer als andere Schulen “?

      Woher kommen dann die vielen Lehrkräfte, die an öffentlichen Schulen fehlen und seit vielen Jahren immer Arbeit unter Mangel und Unterversorgung verlangen?
      Sprachförderung? eingestellt, Stunden gestrichen
      Förderunterricht? gestrichen
      Sonderpädagogische Förderung und Begleitung? winzige Grundversorgung und nicht einmal die Stunden, die im Erlass verankert sind, hohe Hürden Bedarfe anzuerkennen
      Zusatzbedarfe für Brennpunkt? gestrichen – zählt nicht zur Unterrichtsversorgung und wird als erstes gestrichen, sobald Mangel auftritt, also immer

      Ich möchte EIN EINZIGES MAL ein Jahr erleben, in dem die Schule wenigstens die übliche Versorgung hat und das Jahr über auch behält, in dem jegliche Stunde, die ausfällt, ersetzt wird, wenn nicht von Lehrkräften, dann wenigstens von Erzieher:innen.

      Von weiterem Personal ist dann noch gar nicht die Rede (Sozialpädagogen = nicht mehr Lehrkräfte, als andere Schulen, aber durchaus mehr Personal zur Betreuung der Schüler:innen?)

      Vielleicht könnte mal jemand errechnen, wie viele Stunden auf diese Weise eingespart werden und so NICHT den Schüler:innen zur Verfügung stehen.

  10. Zitat:
    „Ja, also für die Universitätsschule wurde eine eigene Software im Sinne einer Kopplung von Lern- und Schulmanagementsoftware entwickelt. “

    Ein völlig normales Vorgehen in unserer Schullandschaft. Jede Schule hat im Hintergrund ein Programmierteam, dass die Lehrer untestützt und geeignete Lehr- und Lernsoftware entwickelt um die Lehrkräfte zu entlasten.

    • Tja, das ist des Pudels Kern… ich komme nochmal auf den „Trainingsraum“ (s.o. – ein Programm zur Verminderung von Unterrichtsstörungen und Disziplinschwierigkeiten – Zielsetzung: die Selbststeuerungskompetenzen der SuS steigern) zurück. Die Grundidee stammte aus den USA (William Powers und Ed Ford) – mit meinem Berufseinstieg auf eine Planstelle hatte ich die Aufgabe, das Konzept auf das deutsche Schulsystem anzupassen – das geschah in Kooperation mit Dr Stefan Balke von der Uni Bielefeld.
      Da wir an besagter Brennpunkthauptschule „Pilotschule“ für Deutschland und Europa waren, wurden vom KM – damals unter der Leitung von G. Behler – Stellenmittel zur Verfügung gestellt (meine) …nach mehr als einem Jahr praktischer Arbeit, kontinuierlicher Weiterentwicklung (quasi als „co-evolutionärer Prozess“ zwischen KuK, Programm und SuS) und einer sog. Evaluation kam Frau KM Behler zu uns in die Schule, um sich einen erweiterten Überblick über die Ergebnisse zu verschaffen, die wir zuvor bereits in einem Bericht und in Publikationen (z.B. in der NDS) verfasst hatten.
      Spannend war die Aussage der KM: „Tolle Ergebnisse, super Arbeit, enorme Praxisrelevanz, überprüfbare positive Effekte auf ungestörteren Unterricht….usw. usf. ….ABER: „Gute Ergebnisse setzen leider keine Mittel frei!“ – schlussendlich wurden wir vor die Wahl gestellt, das Projekt aus bordeigenen Mitteln weiterzubestreiten oder es wieder einzustellen. Wir haben uns – gerade aufgrund der hohen Wirksamkeit für das Weiterführen entschieden. In den Folgejahren habe ich dann dabei geholfen, das Programm an vielen anderen Schulen in der ganzen BRD zu implementieren…aber das Problem mit der Finanzierung resp. mit einer Sachmittelunterstützung war in nahezu allen Bundesländern gleich.

      ERGO: Tolle Programme in Schulen – quasi als „Graswurzelbewegungen“ – dürfen nichts kosten – Anders ist es, wenn sie von Oben geplant werden … und dann taugen sie leider (nach meiner Erfahrung – sorry) in der Praxis des Unterrichtsalltags zumeist nichts.

      • Leider sind deswegen schon einige Sachen wieder eingestellt worden, weil es nicht mehr finanziert bzw. finanzierbar war.
        Oder die Belastung des Lehrkräfte zu hoch wurde, weil immer mehr bürokratischer Dummfug auf die Lehrkräfte abgeladen wurde.

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