Schule nach Corona: Es braucht einen radikalen Umbruch! – ein Elternkommentar

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DORTMUND. Viele an Schule Beteiligte wünschten sich schon vor der Corona-Pandemie eine umfassende Schulentwicklung in Deutschland. Die durch das Virus ausgelöste Krise hat vielfach die Notwendigkeit zur Weiterentwicklung noch einmal verdeutlicht. „Die Grundschulen in Deutschland brauchen einen radikalen Umbruch“, fordert vor diesem Hintergrund auch Anke Staar, Vorsitzende der Landeselternkonferenz Nordrhein-Westfalen (LEK NRW). Sie wünscht sich „individuelle Lernpläne, weniger Prüfungsdruck, mehr Bewegung, Empathie und eine Kooperation auf Augenhöhe zwischen Lehrpersonen, Betreuenden, Eltern und anderen Akteuren – schon bei der Erstellung der Curricula und Stundenplanerstellung“. Ihre These: Nur so könne es gelingen, die Motivation der Schulkinder und Lehrkräfte langfristig zu erhalten und umfassende Bildung zu gewährleisten. „Und damit die Schülerinnen und Schüler auf eine immer komplexer werdende Gesellschaft und Umwelt vorzubereiten“ – ein Gastbeitrag der Landeselternkonferenz NRW.

Anke Staar, Vorsitzende der Landeselternkonferenz NRW, fordert „einen radikalen Umbruch“ in der Grundschulbildung. Illustration: Shutterstock

In den vergangenen Monaten erlebten Schulen und Familien nicht nur, wie wertvoll der ganz normale Präsenzunterricht in Schulen ist, sondern auch, wie wichtig es ist, neue Bildungswege zu beschreiten. Deutlich wurde zudem, dass gelingendes Lernen nicht nur vom Willen zur Veränderung, sondern auch von Ressourcen abhängt. Gerade die Digitalisierung erwies sich als Fluch und Segen zugleich, da sie den einen neue Möglichkeiten eröffnete, während sie den anderen Barrieren in den Weg räumte. Wie groß die Benachteiligungen waren, braucht hier nicht weiter erörtert zu werden. Zahlreiche gute Beispiele haben aber auch gezeigt, was alles möglich sein kann, wenn vorhandene Ressourcen besser gebündelt und Synergien genutzt werden und der Wille zur Veränderungsbereitschaft da ist.

Ganzheitliche Entwicklung

Der gesetzliche Anspruch auf den Ganztag rückt immer näher. Dadurch wird gerade in der Grundschule verstärkt deutlich, dass Lehrkräfte nicht mehr die einzigen Bildungspartner der Eltern sind. Weitere Berufsgruppen übernehmen eine immer größere Rolle. Erzieherinnen und Erzieher im offenen Ganztag (OGS), sozialpädagogische Kräfte sowie Teilhabeassistenzen leisten ihren Beitrag zum Bildungs- und Erziehungsauftrag. Die Palette der Akteure wird also zunehmend größer und damit auch deren Zusammenwirken immer wichtiger. Um zu verhindern, dass Doppelstrukturen nebeneinanderher oder gar gegeneinander arbeiten, braucht es eine Klärung der Aufgabengebiete und Raum für Absprachen. Jede Stunde, die investiert wird, damit die Aufgabenteilung auf Augenhöhe unter gleichwertigen Bildungs- und Erziehungspartnern gelingt, ist wertvoll. Nur dann können gemeinsame Förder- und Hilfeplanungen gelingen, die das individuelle Kind in den Mittelpunkt stellen und weniger das standardisierte Curriculum.

Eine solch gemeinsame Planung, insbesondere in Abstimmung und im Zusammenwirken mit den Eltern, wird häufig noch auf allen entscheidungsverantwortlichen Ebenen als Belastung statt Entlastung gesehen. Diese Entlastung würde Transparenz erfordern und eine große Bereitschaft zur Selbstreflektion. Nur mit dieser Bereitschaft, sein eigenes Handeln zu hinterfragen, ist es möglich, eine gescheiterte Lernstandskontrolle von Lernenden nicht als Beurteilung ihrer Leistung zu sehen, sondern als Aufgabe, andere Förderwege zu finden. Ein wesentlicher Baustein dafür ist, dass eigene Bewusstsein zu schärfen und ein Vorurteilsbewusstsein zu entwickeln, um zu wissen, wie stark die eigene Identität und Biografie mit dem Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler zusammenhängen. Denn weiterhin ist in vielen Bildungsberichten zu lesen, dass die soziale Herkunft immer noch den Bildungsweg vorbestimmt. Mit einem Verständnis vom eigenen Vorurteilsbewusstsein gelänge es, Förderpläne besser auszurichten und Erwartungshaltungen zu verändern. Solche Grundlagen, wie sie das Anti-Bias Training vermittelt, das Professor Prasad Reddy aus Bonn in seiner Publikation „Hier bist du richtig, wie Du bist“ beschreibt, sollten allen am Schulleben Beteiligten präsent sein.

Vermeintliche Förderung, die zu Ausgrenzung führt

Doch wie verzweifelt Differenzierung betrieben wird, die dann aber nur zu weiterer Frustration und Ausgrenzung führt, ist gut am Beispiel der Lese-Rechtschreibschwäche aufzuzeigen. Trotz wachsender Früherkennung und unzähligen didaktischen Methoden gelingt es nicht, die Betroffenen im regulären Unterricht ausreichend zu fördern. Zu den Gründen gehören in der Regel Zeitmangel, fehlende personelle Ressourcen und fehlende gemeinsame Planung für alternative Vermittlungsmethoden. Statt individueller Erstvermittlung wird Zusatzförderung aufgebürdet. In der Folge können die Kinder dem Unterricht bald nicht mehr folgen. Nachmittägliche außerschulische Förderung soll das (schulische) Defizit füllen, was den Betroffenen doppelte Lernzeit aufbürdet. Das Problem ist hier unter anderem, dass die Förderung nicht in Absprache mit der Schule stattfindet, auch nicht in der Schule, sondern zusätzlich erfolgt. Damit wird sie häufig als weitere Zeit des Absitzens wahrgenommen, was zu einer enormen Belastung führt, die gerade von jüngeren Schülerinnen und Schülern als Bestrafung empfunden wird. Sie bekommen somit schon früh gezeigt, dass ein Defizit mehr Arbeit und Ausgrenzung bedeutet. Gerade erst in der Schule angekommen, wird die Lernfreude schon wieder genommen.

Ressourcen gewinnen durch Umsteuerung

Die Bildung von multiprofessionellen Teams in Schulen mit klaren Aufgaben, zur besseren Förderplanung aller Kinder muss vor diesem Hintergrund oberste Priorität bekommen. Doch schulische Ressourcen, gerade für wertvolle Planungszeiten, sind viel zu knapp bemessen. Hier mehr einzufordern ist sicherlich richtig. Einigen Ganztagesschulen gelingt es allerdings schon jetzt, die vorhandenen Ressourcen effizient zu nutzen, wie der Grundschule am Heidenberger Teich in Hahle oder der Köllerholz-Grundschule in Bochum. Hier spielen Eltern eine zentrale Rolle bei der schulischen Bildung und werden als starke Ressource eingebunden. Das Selbsterleben der Eltern, am Bildungserfolg ihrer Kinder zu partizipieren, und die Abkehr vom Beurteilungsmonopol der Lehrkräfte ermöglichen Spielräume für Bildungsvielfalt. Solche Schulen zeigen eindrucksvoll, wie vorhandene Ressourcen anders und gezielter genutzt und vernetzt werden können.

Das Problem ist also nicht immer der Mangel an Personal, sondern manchmal auch die Bereitschaft, anderen Beteiligten etwas zuzutrauen und sie einzubinden. Doch viel zu oft wird die OGS oder Teilhabeassistenz noch strikt von Schule getrennt, statt sie als Baustein für die Bildungsvielfalt zu nutzen. Dies hat überwiegend mit den Zuständigkeiten zu tun, weil OGS und Teilhabeassistenzen über die Schulträger, die Jugendhilfe oder das Sozialamt verrechnet werden. Die starke Beschränkung der Verwendung der personellen Ressourcen im schulischen Bereich verhindert eine gemeinsame zielführende Planung für das Kind. Man verharrt in der Illusion, dass Betreuung oder Schulbegleitung nichts mit Bildung zu tun hätten. So zerren unterschiedliche Bildungsplayer häufig in verschiedene Richtungen an einem Kind. Dramatisch wird es dann, wenn bei ohnehin schon gefrusteten und häufig in der Folge immer stärker ausgegrenzten Schulkindern noch außerschulische Bildungsplayer parallel Strukturen aufmachen. Dies zeigt: Die Art der Beschulung muss sich radikal ändern. Wie radikal, wird deutlich, wenn man auf die viel beneideten Länder im Pisa-Vergleich blickt, wie Finnland. Das dogmatische Testen ist dort schon lange abgeschafft. Dafür gibt es mehr Zeit für Spiele, Bewegung und ganzheitliches Lernen und gleichzeitig nur wenige Hausaufgaben. Was bleibt: viel mehr Freude beim Lernen.

Hier geht es weiter mit Teil II des Beitrags.

Lehrerinnen und Lehrer werden auf ihren multiprofessionellen Berufsalltag kaum vorbereitet

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13 KOMMENTARE

  1. Finnland ist gerade ein Gegenbeispiel für die vertretenen Thesen. Die waren so gut, weil die Lehrerzentrierung nachwirkte und. stürzen jetzt ab, weil die Individualisierung nicht funktioniert.

  2. Nein, Unsinn, es bedarf keines radikalen Umbruches. Danke Georg für Ihre Richtigstellung der ewig gleichen Finnland-Phrase!!

    Wir brauchen eine Phase der Ruhe und Gelassenheit, der Konzentration auf das Wesentliche!

  3. Ganztags wo den Kindern nur Gelegenheit gegeben wird Hausaufgaben zu erledigen, sie aber keinerlei Unterstützung erhalten, ist absolut destruktiv nicht nur für lernschwächere Kinder.

    Die Kultusminister sollten sich darüber mal Gedanken machen, denn es gibt viel aufzuholen.

    • Vor allem wenn man sieht, wie die Betreuung abläuft.
      Der Lärmpegel ist immens. Kinder stören dauernd andere Kinder beim Aufgaben machen. Und meist findet das in grösseren Hallen statt, um Personal zu minimieren. Eine Lehrkraft ist für jede Menge Kinder zuständig in solchen Räumlichkeiten.
      Für die Konzentration der Lerneilligen ist das alles absolut kontraproduktiv.

  4. Auch wenn die Pisa-Punktzahlen in Finnland etwas sinken, sind die Finnen m.W. in den meisten Bereichen nach wie vor in der PISA-Spitzengruppe. Wer PISA-Erfolge aber allein auf das jeweilige Schulsystem zurückführen will und glaubt, dass alles was im Ausland klappt auch 1:1 in DE wirken würde, hat m.E. mehr Meinung als Ahnung.
    Was man in DE besser machen könnte, weiß ich als Laie natürlich nicht. Das sollen die Experten hier vor Ort herausfinden. Inspiration kann man sich in anderen Ländern natürlich schon holen, das müsste dann aber an deutsche Verhältnisse angepasst werden.

  5. Natürlich sollte OGS mehr in den schulischen Alltag, besonders auch in den Vormittag, mit eingebunden werden. Dies könnte auch im speziellen die Freiräume schaffen, die LuL benötigen, um im Rahmen individueller Förderung besonders lernschwächeren SuS zu helfen.

    Doch leider, wie so oft, fehlt es besonders bei OGS an gesetzlichen Regelungen, sowohl in Sachen fachlicher Qualifikation als auch Finanzierung. Ich kenne OGS’en, da ist nur die Leitung eine staatlich anerkannte Erzieherin, der Rest sind (wertungsfrei) Kinderpfleger, Ergotherapeuten, Geologen nach der Erziehungszeit, etc.

    Hinzu kommt eine aktuelle mangelnde Attraktivität des Erzieher*Innen Berufes in Bezug auf OGS, da dieser i.d.R. nur nachmittags stattfindet, somit eine Teilzeit-Stelle darstellt und entsprechende Bezahlungen vorsieht. Junge Heranwachsende müssen da schon einen starken intrinsischen Bezug zu dieser Tätigkeit haben, wenn sie den Beruf erlernen wollen.

  6. Ich arbeite im OG. Es ist eine 30 Stunden Stelle und ich arbeite sehr viel im Unterricht mit oder richte spezielle Förderprogramme aus. Aber es macht aus anderen Gründen keinen Spaß.
    Ich bin es aus dem Kindergarten gewohnt, Gruppen zu leiten, Elterngespräche zu führen, Entwicklungsberichte zu verfassen und mich auf Augenhöhe mit meinen Kolleg*innen auszutauschen. Dies alles geschieht im OG nicht. Zudem ist man alleine für 22-30 Kinder ( ich hatte eine Zeitlang auch mal die Verantwortung für 64 Kinder) verantwortlich und es ist ein großer Unterschied mit sovielen Kindern Unterricht zu absolvieren (was auch schon grenzwertig ist) oder mit dieser Anzahl zu Essen und sie im Freispiel zu begleiten. Zudem ist die Bezahlung schlecht und man wird weder von den Lehrer*innen noch von den Eltern mit wirklichem Respekt behandelt. Wenn ich die Ferien nicht frei hätte, wäre ich schon längst wieder weg. Es müsste sich wirklich sehr viel ändern, um diesen Bereich attraktiv zu gestalten (gesetzliche Vorgaben, kleinere Gruppen, mehr Personal und Räumlichkeiten, mehr Wertschätzung und mehr Gehalt).

  7. OGS ist der Schwachpunkt. Verbindlicher Ganztag für alle- und zwar mit entsprechenden räumlichen, finanziellen und vor allem personellen Ressourcen.

    • „und zwar mit entsprechenden räumlichen, finanziellen und vor allem personellen Ressourcen“

      wird es nie geben

      • Seien Sie nicht so pessimistisch. Natürlich wird es die nur zusammen mit den Luftreinigungsgeräten für jeden Unterrichtsraum geben.

  8. OGS in NRW ist Kinderverwahrung (für günstig), nicht mehr und nicht weniger!

    „Das Selbsterleben der Eltern, am Bildungserfolg ihrer Kinder zu partizipieren, und die Abkehr vom Beurteilungsmonopol der Lehrkräfte ermöglichen Spielräume für Bildungsvielfalt“.

    Hier schreibt dann vor allem ein Funktionär oder besser Utopist und weniger ein Elternteil resp. Realist.

    Eine FSJ-Kraft soll der Landesbeamtin also erzählen, warum Note X gerechtfertigt ist und Note Y nicht oder gar auf Augenhöhe mitreden können?

    Eltern wollen ihre Kinder vor allem ‚beschäftigt‘, d.h. nicht-Zuhause wissen, mit was das Kind dann seine Kinderzeit in Vollzeit verbringt ist wenn überhaupt sekundär – gut erkennbar an: Kind ist grundsätzlich für bis OGS-Ende angemeldet, ab und an aber kommt Mutti dann doch mal früher – zumeist unangekündigt – vorbei, um mal eben das Kind einzupacken. Und eine überwältigende Anzahl der GS-Kinder sind OGS-Kinder und ebenfalls eine überwältigende Anzahl dieser sind bis zum bitteren Ende vor Ort.

    Oder auch zu: „Weitere Berufsgruppen übernehmen eine immer größere Rolle“. Vielleicht an ein paar wenigen Pilot-Projekt-Vorzeige-Schulen-mit-OGS, zumeist gilt aber das Schema F, die (wenigen) Vollzeit- und Halbtagskräften mit Schülerpraktikanten, Praktikanten und FSJ’ler zu unterstützen – ist halt billig!

    An den Elternkommentar: Von nichts ne‘ Ahnung, aber davon ne‘ Menge!

  9. Selten so einen Unsinn gelesen! (Aber klar, alle außerhalb der Schule wissen ja grundsätzlich am besten, wie Unterricht funktioniert…).

  10. Selten so viel Betriebsblindheit zu erahnen, wie aus diesem Kommentar spricht! Und leider wird sich, bei so wenig Einsicht und Selbsteinschätzung, kaum ein Wandel herbeiführen lassen. Wieder einmal zeigt sich,wie wenig Teamfähigkeit und Selbstkritik so manche Lehrer*in auszeichnet.
    Bezeichnend auch die Formulierung „ausserhalb der Schule“; klar ,wenn man Eltern dort verortet, klappt die Zusammenarbeit nicht.
    Mich irritiert immer wieder, wie oft Eltern und Schüler*innen nur placebomässig beteiligt werden.
    In meinem Beruf als Kinderkrankenschwester erlebe ich gerade die Eltern ,die Lehrer*innen sind ,als besonders informiert und wir nehmen uns viel Zeit für ihre Anregungen unsere Arbeit betreffend.

    Zum Glück gibt es ja aber auch die vielen innovativen Lernorte an denen ALLE an Schule beteiligten ,Schülerinnen und Schüler gemeinsam ,auf Augenhöhe und mit guten Ideen begleiten.

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