Deutscher Kitaleitungskongress: Spürbarer Wunsch, sich endlich wieder pädagogischen Themen zuzuwenden

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DÜSSELDORF. Der Deutsche Kitaleitungskongress ist in Düsseldorf als Präsenzveranstaltung mit (fast) wieder normalem Charakter über die Bühne gegangen. Weitere Termine folgen in fünf Städten. Die Erleichterung darüber, endlich wieder im Kolleginnen-Kreis zusammenkommen zu können, war spürbar – ebenso der Wunsch, sich endlich wieder pädagogischen Kernthemen zuwenden zu wollen. Dass die Corona-Krise und ihre Folgen gleichwohl nicht spurlos an den Führungskräften in den Kitas vorüber geht, wurde einem Grüßenden sehr deutlich gemacht: NRW-Familienminister Stamp.

Endlich wieder Bildungsthemen: Der Deutsche Kitaleitungskongress rückte Corona weit nach hinten. Foto: Fleet Education Events

Der Deutsche Kitaleitungskongress, kurz: DKLK, begann mit einer Demonstration. Joachim Stamp (FDP), als Familienminister von Nordrhein-Westfalen für die Kitas im Land politisch verantwortlich, sprach ein Grußwort an die Teilnehmerinnen und Teilnehmer per Video (den ursprünglich angekündigten persönlichen Besuch hatte er kurzfristig abgesagt), in dem von „hervorragender Arbeit“, „unermüdlichem Einsatz“ und „hoher Professionalität“ die Rede war. Die Reaktion im vollbesetzten Plenum: Stille.

Moderator Lothar Guckeisen, um Stimmung bemüht, forderte die mehreren Hundert anwesenden Kitaleitungen freundlich zum Applaus auf („Sie dürfen…“) – aber: Nichts passierte, keine Hand rührte sich. Vereinzelt war ein „Nein“ zu hören. Eine solche Unmutsbekundung von Kitaleiterinnen und Kitaleitern (nur wenige Männer saßen im Publikum, wie später noch sehr deutlich werden sollte) habe man bis dato auf keinem Kongress erlebt, so hieß es hinterher beim mitveranstaltenden VBE. Kitaleitungen seien stets um Höflichkeit bemühte Menschen. Aber offensichtlich hat sich gegenüber den politischen Entscheidern in der Corona-Krise einiges aufgestaut.

Was, das war im Vorfeld deutlich geworden – von der Politik fühlen sich nur die allerwenigsten Kitaleitungen wertgeschätzt, so ergab die im Rahmen des Kongresses vorgestellte DKLK-Studie, über die News4teachers bereits berichtete.

Personalmangel, eine extrem hohe Arbeitsbelastung und die Zumutungen durch die Corona-Krise setzen den Kollegien zu. In Nordrhein-Westfalen kommt aktuell hinzu, dass ein „Alltagshelfer“-Programm ausgelaufen ist, das die Teams bei den zusätzlichen Hygiene-Anforderungen ein wenig entlastet hatte. „Wie bekommen Sie die Mehrarbeit jetzt gestemmt?“, so wollte Moderator Guckeisen von Barbara Nolte, Kitaleiterin aus dem Kreis Paderborn und VBE-Vertreterin, wissen. Antwort: „Das frage ich mich auch.“ Kitaleitungen kämen zunehmend in die Rolle als „Springer“, der Lücken stopfen muss, die sich immer öfter auftun. Und sie kümmerten sich dann notfalls abends auch noch um die Wäsche der Einrichtung.

Dabei gibt es für die Führungskräfte in den frühkindlichen Bildungseinrichtungen so viele wichtige Leitungs- und Entwicklungsaufgaben anzugehen. Der Kongress mit seinen mehr als 50 Referentinnen und Referenten zeigte auf, wie breit die Palette der Zukunftsthemen ist, denen sich die Kitaleitungen stellen müssen – ob es dabei um professionelle Führung geht („So gelingt eine nachhaltige Motivation Ihres Teams“), Konzepte für die Digitalisierung einer Kita oder Strategien für eine gelingende Kommunikation (launig vermittelt etwa vom Kriminalisten und ehemaligen Geheimagenten Leo Martin). Die starke Beteiligung der Kitaleitungen in den Workshops ließ erkennen, wie groß das Engagement der Berufsgruppe trotz der Belastungen nach wie vor ist. Einige Themen drängten dabei nach vorne.

„Um Kinder optimal begleiten und unterstützen zu können, bedarf es pädagogischer Fachkräfte, die sich als selbstkompetent wahrnehmen“

Beispiel Gesundheitsprävention: Renate Zimmer, Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt frühe Kindheit und Professorin für Sportwissenschaft an der Uni Osnabrück, machte die Kitaleitungen auf die Bedeutung der psychosozialen Ressourcen aufmerksam – und zwar ihrer eigenen. „Um Kinder in ihrer Entwicklung optimal begleiten und unterstützen zu können, bedarf es pädagogischer Fachkräfte, die sich als selbstkompetent wahrnehmen“, erklärte die Autorin von Praxis-Handbüchern („Wilde Spiele zum Austoben“) in ihrem engagierten Vortrag.

Mit Sport, Bewegung und Entspannung ließen sich Kräfte mobilisieren, die im harten Kita-Alltag gebraucht werden. Ihr Rat an die Kitaleitungen: „Gehen Sie so viel wie möglich mit den Kindern nach draußen – nicht nur wegen der Kinder.“ Klar, sie wisse, dass es tatsächlich viele Eltern gibt, die das gar nicht gerne sehen. Der dreckigen Kleidung wegen. Zimmer lieferte den Kitaleitungen allerdings etliche Argumente, warum auch Regen kein Hinderungsgrund sein sollte, um das Außengelände oder den benachbarten Wald zu nutzen: von der Stärkung des Immunsystems bis hin zur intensiven Sinneswahrnehmung. „Pfützen schützen!“, so postulierte die Professorin fröhlich.

Beispiel Verhaltensauffälligkeiten: „Was will ein Kind wirklich, wenn es stört, herumalbert, Anweisungen ignoriert oder gar aggressiv wird?“, so fragte die Mediatorin Petra Bartoli y Eckert, um deutlich zu machen, dass es stets darum gehe, „den Code zu knacken, die Bedürfnisse hinter den Signalen zu sehen.“ Kinder wollten ja nicht „blöd“ sein. Wenn sie etwa ungebührlich Aufmerksamkeit auf sich zögen, gehe es darum, beachtet zu werden – und dafür reiche mitunter ein Lächeln. Wenn es Aufgaben verweigere, um damit zum Machtspiel herauszufordern, dann „möchte es selbstständig“ sein – dann könne es helfen, ihm eine Aufgabe zu übertragen. Erwachsene, die die Botschaften entschlüsseln könnten, falle es leichter, angemessen zu reagieren, erklärte die Coachin in ihrem besonders gut besuchten Workshop (was wohl eine große Betroffenheit erkennen lässt). Und: „Nie im Affekt handeln! Der wichtigste Rat ist: Atmen Sie einmal durch.“

„Eltern schätzen die Mediennutzung ihrer Kinder häufig falsch ein – zu niedrig“

Beispiel Medienerziehung: „Medien sind Teil des Soziallebens von Kindern. Medien werden im Spiel integriert und verarbeitet“ – und zwar auch schon bei den Kleinen, so erklärte die Medientrainerin Kristin Langner. Umso wichtiger sei es, dass die Fachkräfte das Thema nicht ausblendeten und den Eltern fundierte Informationen lieferten. Wie nötig das ist, wurde in der Diskussion mit den anwesenden Kitaleiterinnen deutlich. „Eltern schätzen die Mediennutzung ihrer Kinder häufig falsch ein – zu niedrig“, erklärte eine Teilnehmerin. Eine andere berichtete davon, dass immer öfter Mütter beim Abholen Kopfhörer in den Ohren trügen und gar nicht mehr mitbekämen, wenn ihre Kinder ihnen etwas erzählen wollten.

Tosenden Applaus im vollbesetzten Plenum gab’s am Ende des Kongresses dann doch noch: nicht für einen Politiker, sondern für einen Comedian mit Botschaft. Tan Caglar, Schauspieler und Schirmherr des Projekts „Kultur Inklusiv“ des Elternnetzwerk NRW, gab lustige, gleichwohl anrührende Einblicke in eine Kindheit, die von einer angeborenen Rückenmarkserkrankung überschattet war, die ihn schließlich in den Rollstuhl brachte. Er warb bei den Kitaleitungen mit viel Humor „für mehr Motivation und Inklusion für Ihren privaten Alltag als auch für Ihren Kita-Alltag“. Caglar war es dann auch, der die stark weibliche Prägung des Kongresses feststellte – er ließ die anwesenden Männer aufstehen: Es waren gerade mal sechs. News4teachers

Der DKLK findet bis Mitte Oktober noch in Hamburg, Berlin, Leipzig, Stuttgart und Augsburg statt. Hier gibt es die Termine und weitere Informationen.

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5 KOMMENTARE

  1. „Dass die Corona-Krise und ihre Folgen gleichwohl nicht spurlos an den Führungskräften in den Kitas vorübergegangen ist“

    Äh… die Krise ist noch NICHT vorbei! Gerade in den Kitas wird das Schlimmste noch kommen, wenn die Kleinsten quasi ohne jeden Schutz durch Maßnahmen außerhalb der Kita durchseucht werden.

    • Lieber Jan aus H.,

      Sie haben natürlich recht – die Krise ist nicht vorbei. Wir haben den Satz deshalb ins Präsenz gesetzt.

      Herzliche Grüße
      Die Redaktion

  2. Habe nur ich ein blödes Gefühl bei dem Foto dieser Massenveranstaltung?
    Dem Familienminister war das Erscheinen ja wohl auch zu riskant.

    • Ich hatte zunächst genau dieselbe Wahrnehmung wie Sie. Aber wahrscheinlich ist es bewusste Resignation. Wer sich täglich beruflich gemeinsam mit den ungeimpften Kindern in KiTas zwangsdurchseuchen muss, kann sich durchaus für eine gut besuchte, berufliche Präsenzveranstaltung entscheiden, bei der die TeilnehmerInnen geimpft sind und Maske tragen. Gegen das tägliche berufliche Risiko scheint mir das geradezu ein Urlaub außerhalb des Risikogebietes mit Menschen zu sein, die das Gefühl geben, in diesem Wahnsinn nicht alleine zu sein. Ich finde, dass die Kollegen und Kolleginnen in KiTas coronamässig den gefährlichsten Arbeitsplatz haben, ganz ohne Abstand und Masken, aber mit viel Aerosol, Rotz und Spucke und Geschwisterkindern in durchseuchten Schulen. Da kommt es auf diese Präsenzveranstaltung auch nicht mehr an …

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