„Aus der Hüfte geschossen“: Gebauer wegen Lehrermangel zunehmend unter Druck

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DÜSSELDORF. Drei Monate vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen wird der Lehrermangel zum Zankapfel zwischen Regierung und Opposition. Schulministerin Yvonne Gebauer steht erneut im Kreuzfeuer. Diesmal geht es um ihren Vorschlag für Lehramtsstudiengänge.

„Sonst verlieren wir die Kinder“: NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Foto: Land NRW

Nordrhein-Westfalens Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hat für ihren Vorschlag, als Maßnahme gegen den Lehrermangel die Zulassungsbeschränkungen für Lehramtsstudiengänge abzuschaffen, heftige Kritik der Opposition bekommen. Der Numerus Clausus könne nur sinken oder wegfallen, wenn auch zusätzliche Studienplätze bereitgestellt würden, sagte der schulpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Jochen Ott, in einer Aktuellen Stunde des Landtags.

Ott bezog sich dabei auf eine kritische Stellungnahme der Landesrektorenkonferenz zu Gebauers Vorstoß. Das sei eine «schallende Ohrfeige» für die Landesregierung kurz vor Ende der Wahlperiode. Drei Monate vor der Landtagswahl komme Gebauers Vorstoß wie «aus der Hüfte geschossen».

Die FDP-Ministerin sagte in der hitzigen Debatte, keinesfalls stehe ihre Überlegung zum Numerus Clausus für Lehramtsstudiengänge im luftleeren Raum. «Selbstverständlich muss eine Aufhebung der Zulassungsbeschränkungen durch entsprechende Studienplätze hinterlegt sein.» Es müssten neue Vereinbarungen mit den Universitäten und personelle und finanzielle Ressourcen geschaffen werden. Ihr Ziel sei nicht, die Zulassungsbeschränkungen nur rein formal aufzuheben. Es gehe nicht um kurzfristige Maßnahmen zur Umsetzung in wenigen Monaten, sondern um einen Plan für die Zukunft. Sie wolle den Ausbau von Studienplätzen vor allem im Bereich des Grundschullehramts und der Sonderpädagogik sicherstellen.

«Es gab sieben lange trostlose Jahre kein einziges Sonderprogramm zur Besetzung offener Lehrerstellen»

Die Grünen-Schulpolitikerin Sigrid Beer sagte, der Vorschlag Gebauers habe «keine Substanz». Eine Ausweitung von Studienplätzen ohne zusätzliches Personal wie Professoren und Mitarbeiter an den Universitäten senke die Ausbildungsqualität. Die gleiche Bezahlung von Lehrern und verbesserte Rahmenbedingungen ihrer Arbeit wären laut Beer dagegen ein Anreiz auch für Teilzeitkräfte, ihre Stunden aufzustocken.

Die Landtagsdebatte wurde zum Schlagabtausch über den Lehrkräftemangel. Gebauer warf der Opposition vor, in der rot-grünen Regierungszeit die Bekämpfung des Lehrermangels vernachlässigt und eine «völlig ungesteuerte Situation» für die Lehrerausbildung hinterlassen zu haben. Die ehemalige rot-grüne Koalition habe nicht einmal Lehrerbedarfsprognosen aufgestellt. «Es gab sieben lange trostlose Jahre kein einziges Sonderprogramm zur Besetzung offener Lehrerstellen.»

«Wir brauchen ausreichend Studienkapazitäten für alle Lehrämter und zudem muss der Beruf attraktiver werden»

Rund drei Prozent der knapp 160.000 Lehrerstellen in Nordrhein-Westfalen sind nach früheren Angaben Gebauers derzeit nicht besetzt. Das sind etwa 5000 Stellen. Mit zusätzlichen Studienplätzen für Lehramtsanwärter, Sonderprogrammen und Neueinstellungen habe die schwarz-gelbe Landesregierung seit ihrem Amtsantritt 2017 aber eine deutlich bessere Lehrerversorgung erreicht. Mehr als 5700 Lehrkräfte seien zusätzlich eingestellt worden. Außerdem seien bereits 1400 zusätzliche Studienplätze besonders für Grundschule und Sonderpädagogik geschaffen worden. Das habe dazu geführt, dass etwa an der Universität Siegen der Numerus Clausus für bestimmte sonderpädagogische Studiengänge abgeschafft worden sei.

Nach Ansicht des Lehrerverbands Bildung und Erziehung (VBE) sind zwei Schritte nötig, um den Lehrkräftemangel anzugehen. «Wir brauchen ausreichend Studienkapazitäten für alle Lehrämter und zudem muss der Beruf attraktiver werden», sagte der NRW-Landesvorsitzende Stefan Behlau. Dazu müsse es angemessene Arbeitsbedingungen und gleichen Lohn für gleichwertige Arbeit geben. News4teachers / mit Material der dpa

VBE-Studie zum Lehrkräftemangel: „Viel dramatischer als von der KMK kommuniziert“

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Marc
3 Monate zuvor

Gebauer kann nicht wirklich was dafür. Der Bremsklotz sitzt bei der CDU. Die CDU blockiert die Gelder für A13 und andere Maßnahmen. Die Öffentlichkeit schiebt alles aber Gebauer zu und straft die Fdp ab. Die CDU freuts. Frau Gebauer sollte mal klar benennen an wem A13 wirklich gescheitert ist.

Marie
3 Monate zuvor
Antwortet  Marc

Die FDP wurde vor 4 Jahren Koalitionspartner mit dem Versprechen, A13 für Grundschullehrkräfte umzusetzen. Das und das miese Coronamanagement wird ihr (hoffentlich) im Mai auf die Füße fallen.

Kathrin
3 Monate zuvor
Antwortet  Marc

Dass es KollegInnen gibt, die Frau Gebauer in Schutz nehmen…
Wer als LehrerIn die FDP, die Frau Gebauer auf Listenplatz 1 gesetzt hat für die Landtagswahl, wählt, dem ist nicht mehr zu helfen! (Was ich Ihnen, Marc, nicht unterstelle!) Die FDP gehört abgestraft.
Mich gruselt beim Gedanken an weitere vier Jahre mit dem Gespann Gebauer & Richter im Schulministerium.

kanndochnichtwahrsein
3 Monate zuvor

Derzeit ist der Lehrerberuf kaum zu ertragen!
Die heutige Schülergeneration sieht das und lernt daraus.

Was will das KM unternehmen, um zu diesem Beruf zu motivieren?

„Alles bleibt wie es ist“ und „Schulen sind sichere Orte“ wird keinen hinter dem Ofen hervorlocken.
Früher wurden Schüler Lehrer, weil sie es selbst gut getroffen hatten und ihren Lehrer-Vorbildern folgen wollten.
Andere wurden Lehrer, weil sie es schlecht getroffen hatten und es selbst besser machen wollten.
Gut trifft es heute niemand mehr, die Politik sorgt dafür, dass Schüler sich in Schulen nicht mehr wohlfühlen können. Das können auch wir Lehrer nicht mehr „rausreißen“.
Schlecht trifft es viele, aber sie sehen auch, dass Lehrer zwar nicht dafür verantwortlich sind, aber auch nichts dagegen in der Hand haben und keine Möglichkeiten haben, es zu verbessern.
Besondere gesellschaftliche Anerkennung kann man dem Beruf auch nicht (mehr) nachsagen – wenn sich selbst auf Lehrerplattformen wie hier Leute tummeln, die offenbar unserem Ex-Kanzler nach dem Mund reden… von wegen der „faulen Säcke“.

Wer also kein Träumer ist, wird den Beruf ziemlich sicher NICHT ergreifen!

Wer es dennoch erwägt, wird hoffentlich kritisch nachfragen und die Seite der Lehrer kennenlernen.
Dann wird schnell klar, wie ohnmächtig wir sind, wie wenig wir eigentlich selbst in essentiellen, existentiellen Dingen für die Schüler tun können, wie ungerecht die Bezahlung ist, wie gering die beruflichen Entwicklungsmöglichkeiten, wie überholt die Schulen in ihrer Substanz und die offiziell erlaubten pädagogischen Spielräume.

WARUM soll jemand Lehrer werden?
Weil der NC wegfällt?

Realist
3 Monate zuvor

Ehrlich gesagt: Ich wüsste momentan keinen einzigen Grund mehr, warum jemand Lehrer werden sollte. Früher zog wenigstens der Beamtenstatus. Aber die Abiturienten sind mittlerweile so gut informiert, dass sie genau wissen, dass der demographische Fachkräftemangel auf ihrer Seite ist: Wenn man einigermaßen intelligent ist und eine Ausbildung oder ein Studium absolviert hat, wird man sich kaum Gedanken über Arbeitslosigkeit machen müssen. Zudem ist es durch Arbeitgeberwechsel aktuell sehr leicht, größere Sprünge in der Karriere oder beim Gehalt zu machen. Beides trifft für Lehrer nicht zu, da es keine echte Konkurrenz zwischen den Bundesländern um Lehrer gibt.

Zudem wird der öffentliche Dienst aktuell gehaltstechnisch unter Berücksichtigung der Inflation abgehängt: 2022 faktische Nullrunde bei 4-5 Prozent Inflation. Die Abiturienten, die ich kenne, können alle rechnen. Selbst mit Zulage von über tausend Euro pro Monat für ITler und Ärzte (Gesundheitsämter) sind TV-L und Besoldungstabellen nicht mehr attraktiv. Und dass die Höhe der Pensionen und Renten nicht zu halten ist, lernen mittleweile alle Schüler in der Oberstufe. Das Versprechen „Heute eine mäßige Besoldung dafür in Zukunft eine überdurchschnittliche Pension“ funktioniert nicht mehr. Heutzutage ist es besser den Spatz in der Hand zu haben als die Taube auf dem Dach.

Zusammengefasst: Der öffentliche Dienst ist kein attraktiver Arbeitgeber mehr, und im Bereich Schule ist er besonders unattraktiv geworden. Corona hat dabei das Fass endgültig Überlaufen gebracht.

Kathrin
3 Monate zuvor

Sehr beglückendes Berufsbild, trotzdem kann ich das Grundschullehramt keinem Menschen mehr empfehlen! Das ganze System ist so krank.
Dazu kommt: Klar kann ich von A12 gut leben, aber die mangelnde Wertschätzung meines Dienstherren/meiner Dienstherrin, die sich finanziell ausdrückt, verbittert mich zusehends. Im Gymnasium haben 65 % der KuK eine Beförderungsstelle, die „großzügige“ Landesregierung in NRW führt jetzt 5 % Beförderungsstellen ( exkl. SL) an Grundschulen ein. Deutlicher kann man uns nicht sagen, dass wir in der Grundschule die Lehrerinnenbilligversion sind und wie es aussieht, trotz großer Versprechungen, auch bleiben.
Wer sich dann trotzdem fürs Lehramt entscheidet, sollte sich bei der Auswahl der Stelle für den richtigen Schulträger entscheiden. Davon hängen Arbeitsbedingungen in NRW nämlich ganz stark ab. Wie oft habe ich als Lehrerin in Bielefeld schon neidisch nach Gütersloh geschielt. Das macht keinen Spaß zu sehen, was woanders aufgrund von materieller Ausstattung geht, aber uns deshalb eben nicht — z. B. digital. Trotzdem sollen wir im Unterricht alle den Medienkompetenzrahmen erfüllen…
Leute, seid nicht zu idealistisch bei der Berufswahl! Lasst euch nichts versprechen! Die legen euch rein — aber so was von…

Enjoy your chicken Ted!
3 Monate zuvor

Ich schätze mal, dass es in NRW nicht anders ist als in den anderen BL.. schon lange vor Corona wollten immer weniger Lehrer werden, weil die Belastung einfach zu viel ist. Und nein, der Beamtenstatus ist keine Erleichterung sondern stellt nur eine zusätzliche Fessel dar, weil der Dienstherr uns einfach alles auferlegen kann.

Reformieren
3 Monate zuvor

Das Studium ist zu lang und arm an Praxis. Zudem ist die Bezahlung zwischen den Lehrämtern ungerecht. Statt das Studium und die Bezahlung zu reformieren soll der Wegfall des NCs helfen?

Sami
3 Monate zuvor
Antwortet  Reformieren

Echt? Kürzer studieren und mehr verdienen? Klingt nach nem Knallerplan.
Aber: es wissen doch alle, wie viel man an welcher Schulart verdient. Was soll das Gejammer im Nachhinein. Am Hungertuch muss nun wirklich niemand nagen.

dickebank
3 Monate zuvor
Antwortet  Sami

Und warum solles dann überhaupt noch Studium heißen, wenn ToJ ausreichend ist?
(ToJ `= Training on the job)
Statt Erziehungswissenschaften zwei Jahre im Jugendvollzug wären ohnehin sinnvoller.

Duales Studium
3 Monate zuvor
Antwortet  dickebank

Duales Studium heißt ja immer noch Studium und ist trotzdem bei weitem praktischer als das jetzige Lehramtsstudium.

Weiterentwicklung
3 Monate zuvor
Antwortet  Sami

Ach also nur weil man weiß, dass man weniger verdient darf man nicht mehr Kritik ausüben und verlangen, dass sich das System weiterentwickelt. Die unterschiedliche Bezahlung zwischen den Lehrämtern ist ja das eine aber warum bekommen angestellte Lehrer so viel weniger als verbeamtete Lehrer. Das Studium in anderen EU Ländern ist viel kürzer als in Deutschland, außerdem haben die meisten Seiteneinsteiger auch „nur“ einen Bachelor statt fachfremd einzustellen könnte man ja das Studium weiterentwickeln…

Weiterentwicklung
3 Monate zuvor
Antwortet  Sami

Auch wenn man weiß worauf man sich einlässt kann man ja trotzdem Kritik ausüben und verlangen, dass sich das System weiterentwickelt. Die Bezahlung der Angestellten im Vergleich zu Verbeamteten ist auch ungerecht. Das Studium ist in den meisten EU Ländern viel kürzer als in Deutschland, außerdem haben die meisten Seiteneinsteiger auch „nur“ einen Bachelor, statt fachfremd einzustellen kann man ja auch das Studium reformieren.

Marc
2 Monate zuvor
Antwortet  Sami

Lächerliches Argument. Der Sold ist verfassungswidrig. Um nix anderes geht es. 10 Semester Studium bedeuten höherer Dienst A13. Zu sagen A12 sei nicht wenig ist korrekt, aber dennoch eben zu wenig für die Ausbildung.

Und nur weil die Besoldung eventuell den Studis vorher bekannt ist, macht es das die Besoldung nicht legaler.

Lass mich raten…. du bekommst A13 und gönnst es den anderen nicht?

Berufsschul-Lehrer NRW
3 Monate zuvor

Das lausige, willkürliche, aussiebende und nicht trainierende / skillaufbauende Referendariat ist doch längst ein bekannter Baustein hier nicht mitspielen zu wollen. Statt Nachschulungsoptionen und Beschäftigungsoptionen für die oft zu unrecht durchgefallenen Junglehrer zu schaffen, werden diese Ressourcen fallen gelassen. Gut ein Fünftel oder mehr der Junglehrer kommt nie im Klassenzimmer an. Besteht in einem Fach ein Überhang werden diese sogar auf Anweisung rausgeprüft. Überlastete LehrerInnen und Kollegien müssen dazu die Referendare oft unzureichend einarbeiten. Die Gruppe Lehrer auf Abwegen auf Facebook hat über 12.000 Mitglieder. Wie viele dann später aus dem Job aussteigen wird nicht erfasst oder verheimlicht. Es gibt für verbeamtete und angehende Lehrer keinen Weg sich gegen Willkür und Missstände zu wehren. Viele Studenten lernen schlicht nichts relevantes im Studium und danach müssen sie nur das System bestehen. Dazu kommt in NRW das halbe unbezahlte Referendariatsjahr mit Namen Praxissemester.

Pia
2 Monate zuvor

Die Gehälter müssen deutlich steigen. Es ist eine Frechheit, dass A12/A13 als Gehalt betrachtet wird, denn davon muss man noch 300 – 500 Euro, je nach Versicherung, Alter oder Vorerkrankungen, für die private Krankenversicherung abziehen. Selbst A13 ist viel zu wenig für 5 Jahre Studium und anderthalb Jahre Ref.