Land-Schulen müssen über Messen tingeln, um Lehrernachwuchs anzuwerben

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GREIFSWALD. Vor allem auf dem Land fehlen Lehrkräfte. Um das zu ändern, präsentieren sich einige Schulen auf einer Messe an der Universität Greifswald – und versuchen dort,  mit Vorurteilen aufzuräumen.

Warum bloß wird in Schulen gezuckerte Milch verteilt? Foto: Michael Ottersbach / pixelio.de
Ob es hilft, Lehramtsstudenten auf Messen anzusprechen, um sie fürs Landleben zu begeistern? Foto: Michael Ottersbach / pixelio.de

Für das Studium sind Hanna Schäfer und Shanaya Köpp nach Greifswald gezogen, danach wollen sie aber gerne wieder raus aus der Stadt. Die beiden Lehramtsstudentinnen informierten sich daher am Mittwoch auf der Schulmesse in Greifswald über ihre möglichen Arbeitgeber auf dem Land. Bei der Messe hatten Schulen die Gelegenheit, künftige Lehrkräfte vom Arbeiten und Leben im ländlichen Raum zu überzeugen. Denn viele Studentinnen und Studenten zögern vor einem Berufseinstieg fernab der Städte.

«Die meisten stört die schlechte Anbindung, der lange Weg», sagte Köpp. «Viele denken auch, dass die Landschulen nicht gut digital aufgestellt sind», sagte Schäfer. «Wir wurden hier aber gerade eines besseren belehrt.»

Auch um mit solchen Vorurteilen aufzuräumen, präsentierten sich zahlreiche Schulen an der Universität Greifswald. «Wir freuen uns, wenn wir zeigen können, dass wir ein attraktiver Standort sind», sagte Schulleiterin Sarah Konrad-Bauer von der Grundschule Mitte Pasewalk. Ihre Schule arbeite viel nach außen, um Lehrkräfte zu gewinnen. Aktuell ist an der Grundschule eine Vollzeitstelle ausgeschrieben – bei neun besetzten Stellen. Während der Veranstaltung in Greifswald zeigte sich Konrad-Bauer zuversichtlich: «Wir hatten schon einige gute Gespräche.»

«Ausgebildete Lehrkräfte zu finden, ist in den Städten schon schwer, im ländlichen Raum aber noch viel schwieriger»

Doch alles in allem ist die Lage für die Schulen auf dem Land schwierig. «Der Status Quo sieht so aus, dass wir großen Bedarf haben», sagte Michael Blanck, Landesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) Mecklenburg-Vorpommern. «Ausgebildete Lehrkräfte zu finden, ist in den Städten schon schwer, im ländlichen Raum aber noch viel schwieriger.»

Nach Ansicht des VBE müssten die Schulträger mehr Anreize schaffen, damit es junge Leute nach dem Studium auch in ländliche Regionen zieht. Denn: Das Problem verschwinde in den kommenden Jahren nicht. «Die Babyboomer-Generation geht auch bei den Lehrkräften nach und nach in den Ruhestand», sagte Blanck. «Gerade im ländlichen Raum haben sich Lehrerehepaare angesiedelt. Wenn da jetzt zwei oder drei Ehepaare ausscheiden, ist die halbe Schule leer.»

Von Messen wie der in Greifswald profitiere ihre Schule, sagte Konrad-Bauer. «Der persönliche Kontakt macht da viel aus. Wir können den Studierenden zeigen, was wir haben und auch wie man in unserer Region leben kann.» Das sieht auch Bildungsministerin Simone Oldenburg (Linke) so. Durch persönliche Kontakte würden angehende Lehrkräfte einer Schule im ländlichen Raum eher eine Chance geben, sagte sie laut Mitteilung.

Nach Ansicht von Blanck kann das nur ein Baustein der Lösung sein. «Am Ende muss es aber einen großen Blumenstrauß an Anreizen geben», sagte er. Es brauche Lockangebote, wie die kostenlose Nutzung von Kulturangeboten oder billigen Bauraum. «Hier ist ein bisschen Fantasie gefragt, Angebote zu schaffen.» News4teachers / mit Material der dpa

Brennpunkt vs. Bullerbü? Vor welchen Problemen eine Stadtschule und eine Landschule stehen – ein Gespräch mit den Schulleitern

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Realist
1 Monat zuvor

«Die meisten stört die schlechte Anbindung, der lange Weg»

In Zeiten, wo Unternehmen ihrem Nachwuchs Home Office, teilweise auch an 5 Tagen in der Woche, anbieten, hat halt niemand mehr Lust lange Wege auf sich zu nehmen, um zu Dorschulen zu pendeln. Und im Dorf selber zu wohnen, um sein Leben lang der „Dorflehrer“ zu sein, will auch keiner mehr.

Schlechte Karten, um Lehrer-Nachwuchs zu gewinnen… Chilliges Home Office sticht eben stressige Schule mit langen Fahrzeiten aus.

Immer mehr Studierende erkennen das und sagen sich: „Lehramt? Ich bin doch nicht blöd!“

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Vice versa. Kommt die Lehrkraft nicht zur Dorfschule, müssen die Dorfschüler aufgrund der Schulpflicht zur Lehrkraft. Müssen eben die Busschüler über die Dörfer tingeln.

semmi
1 Monat zuvor
Antwortet  Realist

Naja, sind wir mal ehrlich. Die allermeiste Zeit verbringen LuL doch im Home Office. Der kleinste Teil der Tätigkeit findet in der Schule statt. Wenn man bedenkt, dass zumindest in den GS die allermeisten Lehrkräfte in TZ arbeiten und 1-2 freie Tage haben, dann ist das schon ein ordentlicher Batzen „Home Office“. Zumal sich Beschäftigte in Unternehmen auch im HO an Termine halten müssen und von andern abhängig sind (Kunden, Kollegen, etc.). LuL haben also nicht nur viel HO, sondern auch nicht zu überbietende Möglichkeiten, ihre Zeit VOLLKOMMEN frei einzuteilen.
Es scheint also andere Gründe zu geben, die stichhaltiger sind. Und nein, ich persönlich glaube NICHT, dass es die „schlechte“ Bezahlung ist.

Trollbuster
1 Monat zuvor
Antwortet  semmi

Da hat aber jemand das Prinzip Teilzeit richtig gut verstanden. Wow.
Lehrer arbeiten also mehr daheim als in der Schule? Und wenn ich reduziere, ist meine frei Zeit HO? Selten so nen Schmarn gelesen.

dickebank
1 Monat zuvor
Antwortet  semmi

Ja das mit dem Home office ist so eine Sache, vor allem bei einer halben Stelle und Unterricht an vier Wochentagen irgendwo im Zeitfenster zwischen 08:00 h und ggf. an Ganztagsschulen 16:00 h. Aber die Löcher im Plan lassen sich ja mit Aufsichten und Vertretungstunden auffüllen, damit man das Home office nicht auch noch all time long beheizen muss.

Wenn irgend wer in der Industrie, Verwaltung oder Handel eine halbe Stelle (20 Wochensrunden) hat, dann geht der 4 Std je Arbeitstag (fünf-Tage-Woche) arbeiten oder an 4 Tagen 5 Std. oder zweimal 7 und einmal 6 Stunden arbeiten. Jede anfallende Überstunde wird durch Freizeit ausgeglichen.

Wenn sie als Lehrktaft Pech haben, dann stehen sie bei hallber Stelle 12,7 WS (Ge ind NRW) an vier Tagen vor Kreide, wobei es passieren kann, dass sie an einem Tag der Woche in den ersten beiden Stunden, in der 5. Std. unterrichten und im Nachmittagsbereich noch einmal ein oder zwei Std. haben und an den anderen Tagen jeweils ein oder drei Stunden im Laufe des Tages eingestzt werden. Zwischen den Unterrichtseinsätzen können dann schon einmal zwei bis drei Freistunden liegen. Die außerunterrichtlichen Veranstaltungen müssen die Teilzeitkräfte zusätzlich noch in vollem Umfang mitmachen.

Dirk Meier
1 Monat zuvor

Ich bin extra für den Lehrerjob in eine Kleinstadt in ländlicher Umgebung gezogen. Die digitale Ausstattung ist kein Problem, das Schülerklientel recht nett, die Mieten niedrig und die Natur schön. Für mich sind das alles gute Argumente gegen eine Arbeit in Ballungsräumen gewesen.

Etwas schmunzeln musste ich aber, dass man Lehrkräfte mit kostenlosen Kulturangeboten locken möchte. Genau davon gibt es hier so gut wie nichts und wenn, dann ist das vom Lehrergehalt auch locker bezahlbar. Kleiner Tipp an den VBE: Anreize = mehr Geld

Der große Nachteil ist der unterschiedliche Lebenstil. Wer das Stadtleben gewohnt ist, findet am Land nur sehr schwer Anschluss. Alle kennen sich seit dem Kindergarten oder sind sogar miteinander verwandt. Das Modell Ehe mit Kindern dominiert und für die Freizeit wartet die freiwillige Feuerwehr oder der Schützenverein. Wenn man damit nichts am Hut hat, findet außerhalb der Arbeit kaum Anschluss.

nurmalso
1 Monat zuvor

Im Dorf leben hat so seine Herausforderungen, je nach Schulform. Zunehmende Distanzlosigkeit von Schüler*innen und Eltern sind da nicht ohne. Da wird genau beobachtet, welche Autos vorm Haus stehen, wann das Licht ausgeht, was im Einkaufswagen liegt (echt, Lehrer haben Verdauung und brauchen Klopapier??) , und wieso ist die in der Kneipe, wo sie doch noch die Englischarbeit korrigieren muss… Eierwürfe ans Fenster hatte ich auch schon, von Schülern, die ich gar nicht unterrichte, reicht, dass ich an der Schule bin.
Okay, so richtig vor Ort unterrichte ich erst, seit der eigene Nachwuchs ausgezogen ist und die letzte vernünftige Kneipe geschlossen. Und mir reichlich egal ist, was wer über mich denkt. Dann geht das.

Indra Rupp
1 Monat zuvor

Wie blöd kann man denn als Lehrkraft sein? Dorfschule heißt, meist kein Brennpunkt, kleinere Klassen, gesünderes Klima, gut integrierte Migranten mit entsprechenden Deutschkenntnissen, konservativere und deshalb diszipliniertere Eltern, die morgens noch Butterbrote schmieren und vielleicht sogar einen Familienangehörigen haben, der Zuhause beim Kind sein kann. Ein kleineres Kollegium, wo man sich eben kennt. Man kennt auch die ganzen Kinder in der Schule und deren Geschwister und weiß, bei welcher Grundschullehrerin das I-Kind vier Jahre im Unterricht war, so dass man sich austauschen kann. Und abends trifft man vielleicht Eltern im Sportverein, na und? Klar gibt es auch alles auf dem Dorf, was es auch in der Stadt gibt an sozialen Problem, aber eben weniger extrem und es gibt keine Ghettos. Und das Internet… och ja, dass ist schnell wie ’ne Postkutsche!

Alla
1 Monat zuvor
Antwortet  Indra Rupp

Dorfschule in MV , (aber auch – wie bei mir im Münsterland) – ist nicht nur das Paradies. Die „konservativen“ Eltern sind tw auch AfD Wähler (damals NPD)…

Die soziale Kontrolle ist nervig! (Mein Vermieter war sehr empfindlich, was „Herrenbesuch“ anging und fotografierte das Kennzeichen eines jeden Autos, das nach 22 Uhr noch vor meiner Tür stand! Da er Polizist war, konnte er auch eine Halterabfrage starten. Gut für mich, wenn der Halter weiblich war, sonst klingelte er samstags in aller Herrgottsfrühe Sturm um mir mit Kündigung zu drohen!)

Entschließt man sich, längere Anfahrtswege in Kauf zu nehmen muss man wissen, dass man nicht nur einmal täglich sondern oft 2-3 mal täglich fährt. (Vormittags Unterricht, nachmittags Konferenzen, Elterngespräche, abends Schulkonferenzen, Elternabende, Events usw. Gerade im Winter bei nur unzureichend geräumten Straßen sehr belastend.) Öffis gab es nur 4 mal täglich!
Besonders als Mutter kann man nicht einfach morgens um 6 Uhr losfahren, um dann erst um 23 Uhr nach Hause zu kommen.

In „meinem“ Dorf hatte ich als Frau die kulturelle Auswahl zwischen Spielmannszug und Landfrauen, beide extrem „konservativ“ und für eine Großstadtpflanze wie mich keine wirkliche Option…

Inzwischen lebe und arbeite ich in einer Kleinstadt im Speckgürtel von Hamburg.
Die Mieten bzw. Hauspreise sind horrend hoch (Häuschen abbezahlen UND Urlaub ging nicht), das Schülerklientel ist sehr vielfältig, aber immer noch keine Brennpunktschule!
Für die kulturellen Angebote nutze ich auch Hamburg, die U-Bahn ist nur 600m entfernt, aber einige Angebote gibt es auch vor der Haustür im Kuturzentrum oder auf Stadtfesten, ganz ohne Vereinsmitgliedschaft. Ansonsten kann ich mein Privatleben so schützen, wie es mir gut tut.

Ist mit Sicherheit mein spezielles Problem, da ich in Großstädten groß geworden bin.

Markus Webber
1 Monat zuvor

Die Universitäten sollten mal aufhören, bis zu über 90 Prozent der Studenten aus dem Mathe- und Physikstudium rauszuprüfen, dann hätte man keinen Lehrermangel mehr.ma

Georg
1 Monat zuvor
Antwortet  Markus Webber

Man könnte auch die Schulmathematik wieder anspruchsvoll machen, dass nur noch halb so viele das Studium beginnen.

woher haben Sie eigentlich die Zahl 90%, noch dazu im Lehramtsstudiengang über alle Schulformen? 50-60% über gesamt MINT zzgl. Sek I zzgl. Grundschule würde ich akzeptieren. Die Studienfachwechsler weg von Lehramt hin zu Diplomnachfolger kommen noch dazu.

Zarenthin
1 Monat zuvor

Dabei hieß es ja immer, dass die Verbeamtung den Lehrermangel behebt. Mecklenburg-Vorpommern kehrte aus diesem Grunde zur Verbeamtung zurück.

Arca
1 Monat zuvor

Für das nächste Schuljahr habe ich bereits 14 Bewerbungen/Anfragen auch an ländliche Schule in Norddeutschland geschickt. Resultat: Eine Antwort mit offenem Ergebnis. Mein Hintergrund: Diplomlehrer und mehrere andere Berufsabschlüsse. Unterrichtserfahrung in den letzten 5 Jahren von drei Schule mit immer positiver Beurteilung. Woran mag die mangelnde Resonanz liegen? Ich vermute mal, weil ich 70 Jahre alt bin!
P.S. Ich schaffe es ohne Rollator in die Schule!

Alla
1 Monat zuvor
Antwortet  Arca

Warum mit 70 Jahren noch unterrichten? Ich bin inzwischen froh, dass ich mit knapp 67 Jahren im Juli raus bin.
Liegt jetzt weniger am Unterricht, aber das Ganze drum und dran ist mir einfach zu viel!
Das mit dem Rollator ist witzig! Ich hatte vor 6 Jahren einen schweren Dienstunfall und würde an manchen Tagen gern meine Krücken mit zur Schule nehmen. Ist nur leider verboten!

potschemutschka
1 Monat zuvor
Antwortet  Alla

Wieso sind Krücken verboten?

Indra Rupp
1 Monat zuvor

Ja, es gibt blöde Konservative, es gibt Leute vom Else Kling Typ aus der Lindenstraße, es gibt Schützenverein und Landfrauen, aber das ist völlig übertrieben, Leute!
Ihr könnt essen gehen, in die Disco, evtl sogar ins Kino, euch Konzerte anhören, Theater spielen, Musikunterricht nehmen, jede mögliche Sportart ausüben und sowohl hier als auch da Anschluß finden – je nach Dorf mehr oder weniger Möglichkeiten und man muss evtl die zehn Minuten bis ins größere Nachbardorf fahren. Ihr habt nicht ständig Gestank von Abgasen um die Nase oder Dauerlärm und Randale. Ihr seht nicht ständig Polizei und Krankenwagen herumkurven und habt nicht überall Grafitischmierereien! Es stinkt nicht überall nach angepinkelten Hauswänden bzw Mauern und es liegt nicht überall Müll. Und wenn ich lange nicht mehr in der Stadt war, dann kriege ich mit Verlaub erst einmal einen Kulturschock! Dann wird mir bewusst, wie heruntergekommen und krank unsere Gesellschaft ist, wie viele psychisch auffällige Menschen es gibt und sehe gleichzeitig daneben die Oberreichen…. Stadt macht doch krank! Da genieße ich doch die Kultur des Waldes direkt vor meiner Nase und das die Migranten in unserem Dorf so gut integriert sind. Der türkische Eltern Verein organisiert jedes Jahr bei uns das Fest zum internationalen Kindertag, das auf dem Schulgelände der Grund und Oberschule (nein, die Schule hat das nicht organisiert und ist nicht der Sozialhelfer des türkischen Elternvereins) stattfindet. Dort werden ausländische Gerichte angeboten, es gibt Vorführungen von Bands, Sportgruppen aus dem Dorf, Schule und Kiga führen was auf und ja, die Feuerwehr lässt die Kinder mit dem Schlauch herum spritzen, ect. Ich laufe in Dorf, Supermarkt, Schule, Bus ect mit lgbti*Armband herum und wurde noch von niemanden deswegen angepöbelt. In der Stadt wäre ich vorsichtiger, zB wenn ich meine kleine Tochter dabei habe.
Und was soll eigentlich immer die Anstellerei mit eurem Privatleben? Ist euch klar, dass auch Krankenschwestern, Verkäuferinnen, Reit Lehrer, Basketballtrainer, Erzieher, Postboten, Handwerkerinnen und Restaurantbesitzer auf der Straße „erkannt“ werden und das es garnichts mit dem Lehrer Beruf zu tun hat, wenn man doofe Nachbarn hat, die sich das Maul zerreißen oder eine anmaßende Vermieterin? Wieso muss die Lehrerin sich vor der Gesellschaft verstecken oder man „unter sich“ bleiben? Das kam tatsächlich immer nicht so gut an und förderte das Klischee vom arroganten Lehrer… Bei uns spielen übrigens alle zusammen auf unserer großen Amateurbühne vor 10.000 Zuschauern jährlich!