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GEW sieht Kitas und Schulen im Teufelskreis: „Überlastung durch Fachkräftemangel und Fachkräftemangel durch Überlastung“

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LEIPZIG. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) macht sich dafür stark, die Bundesmittel in der Bildung nach einem Schlüssel an Länder und Kommunen zu verteilen, der an sozialen Kriterien ausgerichtet ist. Zudem will sie eine bessere und schnellere Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher in Kitas und Schulen – und mehr Personal für die Bildungseinrichtungen. „Wir brauchen ein entschlossenes gemeinsames Handeln von Politik und Gesellschaft, um einen drohenden ‚nationalen Notstand‘ zu verhindern“, sagte die GEW-Vorsitzende Maike Finnern anlässlich des außerordentlichen Gewerkschaftstages der Bildungsgewerkschaft in der vergangenen Woche in Leipzig.

„Der Handlungsbedarf ist riesig“: Maike Finnern, Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft. Foto GEW

Als eine „geschönte Bestandsaufnahme des Bildungswesens“ hat die GEW-Vorsitzende Maike Finnern den vergangene Woche gemeinsam mit Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP) und KMK-Präsidentin Karin Prien (CDU) vorgestellten „Nationalen Bildungsbericht 2022“ bezeichnet. In dem wird zwar ein Fehlbedarf an Lehrkräften eingeräumt (bis 2025: 17.000) – allerdings aus Gewerkschaftssicht deutlich zu niedrig und die in den Folgejahren noch zu erwartende Zuspitzung ignorierend.

Finnern betonte, in vielen Schulen sei der Ausfall von Unterricht zur Regel geworden. Lehrkräfte und Schulleitungen kämpften gegen den teils dramatischen Lehrkräftemangel, Erzieherinnen gegen den Fachkräftemangel in der frühkindlichen Bildung. „Der Handlungsbedarf an den Schulen, aber auch Kitas ist riesig“, sagte die Gewerkschaftschefin. Sie verwies auf eine mittlerweile dramatisch angewachsene Lücke beim Fachpersonal. Die Corona-Pandemie, die Integration der geflüchteten Kinder und Jugendlichen und die Unterfinanzierung des Bildungssystems stellten die Lehrenden vor große Herausforderungen.

„Gelder müssen da ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden: in benachteiligten Stadtvierteln und Regionen“

„Viele Beschäftigte im Bildungsbereich gehen in Teilzeitarbeit, um der persönlichen Überlastung zu entkommen“, unterstrich die GEW-Vorsitzende. „Das System befindet sich in einem Teufelskreis aus Überlastung durch Fachkräftemangel und Fachkräftemangel durch Überlastung. Es droht ein Personalkollaps.“ Die Länder müssten endlich die Ausbildungskapazitäten in Studium und Referendariat signifikant erhöhen. Zudem liege die Zahl der Abbrecherinnen und Abbrecher in manchen Lehramtsstudiengängen bei fast 50 Prozent, das weise auf erhebliche Mängel in den Studiengängen hin: „Das Studium muss studierbar werden, sonst verlieren wir während der Ausbildung viel zu viele junge Menschen.“ Außerdem müsse der Numerus clausus (NC), den es noch immer für viele Lehramtsausbildungen gebe, endlich fallen.

Finnern begrüßte in diesem Zusammenhang den Vorstoß der neuen Vorsitzenden des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Yasmin Fahimi. Diese hatte bei der Eröffnungsveranstaltung des GEW-Gewerkschaftstages „Bildung. Weiter denken!“ an den Dresdner Bildungsgipfel von 2008 erinnert – und an das damalige Versprechen, zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Bildung und Forschung zu investieren. Es sei höchste Zeit, alle verantwortlichen Akteurinnen und Akteure erneut an einen Tisch zu holen und Bund und Länder zu verpflichten, ihre damalige Zusage einzulösen.

Auch die bisherige Verteilung der Gelder ist aus Sicht der GEW dringend reformbedürftig.  „Ungleiches muss ungleich behandelt werden! Wir müssen endlich dafür sorgen, dass die Gelder da ankommen, wo sie am dringendsten benötigt werden: in benachteiligten Stadtvierteln und Regionen. Dafür haben wir einen neuen Verteilungsschlüssel entwickelt, der für mehr Chancengleichheit sorgt“, sagte Finnern.

Dieser Schlüssel nehme die unterschiedliche Wirtschaftskraft der Länder in den Blick. Er berücksichtige die Kriterien Finanzleistung, soziale Bedürftigkeit sowie Bildungsstand der Menschen und Bevölkerungsstruktur. Die Berechnung der Verteilung der Mittel erfolge bundesweit und könne bis auf die lokale Ebene heruntergebrochen werden. „Es ist nicht akzeptabel, dass Bildungserfolg und Lebenschancen der Menschen von der Postleitzahl abhängen“, betonte Finnern.

Sie erläuterte, dass der „Königsteiner Schlüssel“, nach dem zurzeit Bundesmittel verteilt werden, Gelder in die falschen Kanäle lenke. „Aktuell gilt das Matthäus-Prinzip: Wer hat, dem wird gegeben. Die Folge: Schülerinnen und Schüler erhalten in Bayern im Schnitt 910 Euro für digitale Endgeräte, in Bremen mit viel mehr ärmeren Familien aber nur 228 Euro“, unterstrich die GEW-Vorsitzende.

Der Grund: Der „Königsteiner Schlüssel“ verteile die Bundesmittel zu zwei Dritteln nach dem Steueraufkommen und zu einem Drittel nach der Bevölkerungszahl an die Länder. „Wir mahnen Bund und Länder, unverzüglich Verhandlungen zu einem sozial gerechten Verteilungsmodus aufzunehmen und den ‚Königsteiner Schlüssel‘ einzumotten. Dafür stellen wir unsere Studie mit Vorschlägen für einen anderen Verteilungsschlüssel gerne als Grundlage zur Verfügung“, hob Finnern hervor. Sie forderte die Ampelregierung auf, die Bundesmittel für die – im Koalitionsvertrag vereinbarte – finanzielle Förderung von mehr als 40.000 allgemein- und berufsbildenden Schulen nach einem gerechten, sozial-indizierten Verteilungsschlüssel an die Länder auszuzahlen.

„Bildung kann nicht warten“, stellte Uschi Kruse, Vorsitzende der GEW Sachsen, mit Blick auf die Integration geflüchteter Kinder und Jugendlicher in die Bildungseinrichtungen in Deutschland fest. „Unsere Kitas und Schulen müssen ein sicherer Zufluchtsort für alle Geflüchteten sein. Gerade traumatisierte Kinder brauchen besonders gut ausgestattete Bildungseinrichtungen. Bund und Länder müssen die Voraussetzungen schaffen, damit alle geflüchteten Kinder und jungen Menschen so schnell wie möglich in Kitas, Schulen, Hochschulen oder eine berufliche Qualifizierung aufgenommen werden können.“

„Geflüchtete Lehrerinnen und Lehrer sowie pädagogische Fachkräfte müssen schnell an Schulen und Kitas einen Arbeitsplatz bekommen“

Die Lehrenden sind nach gut zwei Jahren Corona-Pandemie vor dem Hintergrund eines dramatischen Fachkräftemangels am Limit. Für ihr weiteres Engagement brauchen sie dringend zusätzliche Unterstützung. „Wir erwarten, dass über 400.000 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine in Schulen und Kitas integriert werden sollen, schon jetzt sind weit über 100.000 in der Bundesrepublik angekommen“, sagte Kruse. Deshalb benötigten die Bildungseinrichtungen dringend mehr finanzielle Mittel für Fachkräfte, Räume und Ausstattung, um ein gutes Bildungs- und Betreuungsangebot anzubieten. An Schulen würden vor allem Lehrkräfte für Deutsch als Zweit- oder Fremdsprache (DaZ), Sozialarbeitende, Schulpsychologinnen und -psychologen, Fachkräfte für Traumata sowie Dolmetscherinnen und Dolmetscher gebraucht.

Für den Einstieg der Schülerinnen und Schüler müssten ausreichend Willkommens-, Intensiv- oder Vorbereitungsklassen eingerichtet werden. Allerdings müsse dafür gesorgt werden, so die GEW-Landesvorsitzende, dass die Lernenden möglichst schnell am Regelunterricht teilnehmen können. Wichtig sei, dass ihnen von Anfang an Deutsch als Zweitsprache angeboten wird.

„Geflüchtete Lehrerinnen und Lehrer sowie pädagogische Fachkräfte müssen schnell und niedrigschwellig an Schulen und Kitas einen Arbeitsplatz bekommen. Dabei müssen ihre Qualifikationen unbürokratisch anerkannt und mögliche (Nach-)Qualifizierungen angeboten werden“, betonte Kruse. Dazu gehörten kostenfreie, berufsspezifische Sprachkurse für Pädagoginnen und Pädagogen. News4teachers

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Luk
1 Monat zuvor

Immer das Gleiche: Die GEW beklagt Überlastung der Lehrer und ist doch selbst nicht ganz schuldlos daran.

Nasenbär
1 Monat zuvor
Antwortet  Luk

Und genau aus diesem Grund bin ich dort auch kein Mitglied. Zur Verbesserung trägt diese Gemeinschaft seit Jahrzehnten nicht bei, wozu dann die hohen Beiträge absetzen.

Klaus Lehmkuhl
1 Monat zuvor
Antwortet  Luk

Der Deutsche Lehrer – Verband macht das Gleiche : Er beklagt die Überlastung seiner Mitglieder und fordert gleichzeitig eine weitere Lernstandserhebung in den Hauptfächern . Die ja jemand nachgucken und auswerten muss . Da steht die GEW nicht allein .

SekII-Lehrer
1 Monat zuvor
Antwortet  Klaus Lehmkuhl

Ja, das Problem besteht mAn darin, dass sich diese Verbände und Gewerkschaften als Interessenvertreter von Lehrkräften und Schüler:innen verstehen. Das passt einfach nicht zusammen, weil die Interessen beider Gruppen nicht deckungsgleich sind und mitunter im Widerspruch zueinander stehen.

Dreamghost
1 Monat zuvor

Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, das System zerbricht vor unseren Augen. Ich hoffe darauf, dass das Kartenhaus komplett zusammenbricht, denn aktuell schäme mich als Lehrer vor meinen Schülern, das dies „das Beste“ ist, was wir Erwachsenen ihnen anbieten können

Heidiheida
1 Monat zuvor

Traurig wo wir hingekommen sind,liegt aber schon an der Grundsozialisierung der Kinder von zu Hause aus.Da fehlt es an Achtung,Respekt vor anderen Leuten/Kindern und vor nicht eigenem Spielzeug.Wertschätzung wird auch nicht mehr beigebracht,das ist allerdings das Problem der Generation Wegwerfgesellschaft.Hier kommen schlechte Zeiten also wohl dem der gelernt hat mit weniger zufrieden zu sein.Ausbildung Erzieher sollte als duale Ausbildung erfolgen ,nah am Mensch mit theoretischer Unterstützung der Berufschule.Den Kitas wäre geholfen mit etwas Unterstützung im Alltag und die Neuerzieher wüssten worauf Sie sich einlassen,verdienen ein kleines Ausbildungsgehalt und haben wenn Sie wollen dann schon ei en Arbeitsplatz sicher nach der Ausbildung.

Mona
1 Monat zuvor
Antwortet  Heidiheida

Das sehe ich genauso.
Außerdem sollte der Betreungsschlüssel aller Bundesländer angepasst werden. In dem einem sind es 3 Kinder auf eine Erzieherin und in einem anderen 6 Kinder in der Krippe. Wo bleibt den da die Bildungsqualität. Es sollte endlich für alle gleich sein.

Lempel
1 Monat zuvor

und, Thema Überlastung, wie kann es sein, dass die GEW noch nie auf die Idee gekommen ist, mehr als eine Stunde Ermäßigung für den irren Zeitaufwand der Klassenleitung einzufordern ? (Zumindest in den Jül-Klassen der Schulanfangsphase ist das so, und eine Stunde wird auch in anderen Schulformen nicht annähernd der Merharbeit entsprechen…)

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