WIESBADEN. Zum Start der schriftlichen Abiturprüfungen in Hessen warnt die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) eindringlich vor einer erneuten Überlastung der Lehrkräfte – und untermauert das mit detaillierten Zahlen aus einer großen Umfrage. „Die Abiturprüfungen werden auch in diesem Jahr zu sehr hohen Belastungen führen, die weit über das zumutbare Maß hinausgehen“, erklärte der hessische GEW-Vorsitzende Thilo Hartmann. Besonders kritisch sei, dass die Korrekturen parallel zum laufenden Unterricht erfolgen müssten.

Die Belastung ist nach Darstellung der Gewerkschaft nicht neu – sie lässt sich inzwischen auch empirisch belegen. Grundlage ist eine Online-Befragung aus dem Jahr 2025 mit mehr als 1.300 ausgewerteten Teilnahmen. Knapp zwei Drittel der Antworten bezogen sich auf Abiturprüfungen, ein weiteres Drittel auf Abschlussprüfungen in Haupt-, Real- und beruflichen Schulen.
Für die Abiturprüfungen zeigt die Auswertung eine massive Zusatzbelastung: Lehrkräfte in Vollzeit leisten während der rund dreiwöchigen Korrekturphase im Durchschnitt rund 41 Stunden zusätzliche Arbeit. Bei Lehrkräften mit hoher Teilzeit fällt der Wert sogar noch höher aus. Gleichzeitig liegt der Median – also der mittlere Wert – ebenfalls im Bereich von mehr als 30 Stunden zusätzlicher Arbeit.
Besonders auffällig ist der Anteil der Lehrkräfte mit extrem hoher Belastung: Mehr als ein Drittel der vollzeitbeschäftigten Lehrkräfte gibt an, durch die Korrekturen sechs Arbeitstage oder mehr zusätzlich zu arbeiten. Für rund jede fünfte Lehrkraft summiert sich der Mehraufwand sogar auf acht Tage oder mehr. Bei Teilzeitkräften liegen die relativen Belastungen teilweise noch höher.
Auch bei den Abschlussprüfungen der Haupt- und Realschulen sowie der beruflichen Schulen zeigt sich eine erhebliche Mehrarbeit, wenn auch auf etwas niedrigerem Niveau: Vollzeitkräfte leisten hier im Durchschnitt immer noch über 28 Stunden zusätzliche Arbeit. Auch hier gilt: In Relation zum Beschäftigungsumfang sind Teilzeitkräfte besonders stark betroffen.
Die GEW leitet daraus eine klare Forderung ab: verbindliche Korrekturtage für Lehrkräfte. Bislang müssen diese individuell beantragt werden – ob sie gewährt werden und in welchem Umfang, hängt von der jeweiligen Schulleitung ab. Angesichts des Lehrkräftemangels sei eine spürbare Entlastung in der Praxis oft kaum möglich. Andere Bundesländer wie Niedersachsen hätten hier längst einheitliche Regelungen geschaffen.
„Die Abiturprüfungen werden auch in diesem Jahr zu sehr hohen Belastungen führen, die weit über das zumutbare Maß hinausgehen“
Hartmann warnt vor einer erneuten Überlastung der Lehrkräfte: „Die Abiturprüfungen werden auch in diesem Jahr zu sehr hohen Belastungen führen, die weit über das zumutbare Maß hinausgehen. Zudem wird der Korrekturdruck in diesem Jahr durch zwei Faktoren verschärft.“ Prüfungsintensive Fächer wie Deutsch, Englisch und Französisch lägen vergleichsweise spät im Terminplan, zugleich sei der gesamte Prüfungszeitraum wegen der späten Osterferien und der bereits Ende Juni beginnenden Sommerferien ungewöhnlich kurz.
Parallel zum Prüfungsstart erhebt die GEW Hessen den Mehraufwand erneut per Umfrage. Diese läuft vom 15. April bis zum 14. Juni. Auch Lehrkräfte, die Abschlussprüfungen in anderen Schulformen korrigieren, können teilnehmen.
Unterdessen beginnen an diesem Mittwoch landesweit die schriftlichen Abiturprüfungen. Nach Angaben des Kultusministeriums nehmen rund 23.700 Schülerinnen und Schüler an 293 Schulen teil. Die Prüfungen dauern bis zum 8. Mai, anschließend folgen die mündlichen Prüfungen.
Erstmals werden in Hessen auch in den naturwissenschaftlichen Fächern Chemie, Physik und Biologie Aufgaben aus dem bundesweiten Abitur-Aufgabenpool integriert. In Fächern wie Mathematik, Deutsch, Englisch und Französisch ist dies bereits etabliert. Ziel ist eine bessere Vergleichbarkeit der Abschlüsse.
Weitere Abschlussprüfungen folgen in den kommenden Wochen: An den Fachoberschulen schreiben vom 4. bis 8. Mai rund 8.200 Schülerinnen und Schüler ihre Prüfungen. Für etwa 34.000 Jugendliche an Haupt- und Realschulen beginnen die Prüfungen zwischen dem 18. und 22. Mai.
Kultusminister Armin Schwarz (CDU) wünschte den Prüflingen „viel Erfolg und Zuversicht“. Die GEW hingegen richtet den Blick vor allem auf die Lehrkräfte – und erneuert ihre Forderung nach struktureller Entlastung. News4teachers / mit Material der dpa









Das muss eine Geldprämie geben oder etwas vom Deputat abgezogen werden.
70-Stunden Wochen sidn seit A13 für alle nicht mehr akzeptabel. A13 ist natürlich berechtigt für alle, aber dann muss es A14 für die gymnasiale Oberstufe geben!
oh ja bitte!!!! 🙂
Natürlich. Die Belastungsgrenze wird erreicht — allerdings nicht nur wegen der Menge der Korrekturen, sondern zunehmend wegen des Inhalts, der einem dort begegnet. Was heute im „neuen Normal“ als hochschulreif gilt, überschreitet die motivationale und emotionale Belastbarkeit vieler Lehrkräfte weit zuverlässiger als jeder Stapel Klausuren.
Fachliche Substanz erscheint oft nur noch in Spurenelementen, sprachliche Kohärenz als optionales Zusatzmodul. Und während man früher beim Korrigieren über Argumentationsketten, Herleitungen oder sprachliche Präzision diskutieren konnte, sich über Leistungssteigerungen der SuS im Abitur freute, ringt man heute eher darum, überhaupt einen Ansatzpunkt zu finden, der nicht sofort in die Resignation führt.
Die Korrekturen treiben Lehrkräfte an die Belastungsgrenze — allerdings nicht nur wegen der Arbeit, sondern wegen des Materials, das da zunehmend als „Abitur“ eingereicht wird und von uns (auf Bestellung) durchgewunken werden soll.
Der fachliche Sinkflug ist doch von der KMK so gewollt. Dort wird doch entschieden, dass jeder einen Abschluss erhalten soll. Also sollten wir unser Lehrerhirn ausschalten und dafür den Beamten ranlassen. Die Leistung ist zwar kaum vorhanden, aber herzlich Glückwunsch zum Abi. So sind die Regeln nun mal.
Ja, früher war alles besser und bla bla bla….
Aber es stimmt doch auch … vor drei Wochen z B. hatte ich die Osterferien noch vor mir … das war eindeutig besser als die aktuelle Situation. 😉
Die unbezahlten Überstunden im Korrekturbereich interessieren die Obrigkeit nicht – Hauptsache, man kommt mit den fertigen Arbeiten termingerecht wieder zum Schultor herein.
Ob die Abikorrekturen unbezahlte Überstunden sind, ist nicht wirklich klar. Eigentlich gehören sie dazu.
Allerdings: Arbeitsschutzgesetze treffen auch auf Lehrkräfte zu. Sowohl die maximale Arbeitsbelastung pro Woche als auch die 11 Stunden, die zwischen zwei Arbeitstagen liegen müssen, lassen sich gerade bei Deutsch- und Englischklausuren im Abitur kaum einhalten.
Leider falsch. Gemäß AZVO NRW 1 Absatz 2 Satz 3 haben verbeamtete Lehrer eben gerade keinen Anspruch auf 11 Stunden Nachtruhe.
Nur bekommen die tarifbeschäftigten Lehrkräfte auch nicht mehr Zeit für die Korrekturen der Abi-Ergüsse.
“Ob die Abikorrekturen unbezahlte Überstunden sind, ist nicht wirklich klar. Eigentlich gehören sie dazu.”
Jepp, das Argument kenne ich aus unserer Anstalt, in der ich vom Stellfix, der für die Mehrarbeitsanträge zuständig ist, immer wieder gesagt bekomme, dass das alles im Rahmen unserer Dienstverpflichtungen beinhaltet ist … so wie Klassenfahrten, LeKos, Elternsprechtage, Schulfeste, Tage der offenen Tür usw. usf.
Und mit diesem Hinweis endet i.d.R. jegliche Diskussion über derartige Anliegen…