MÜNCHEN/STUTTGART. Mit dem Ende des Schuljahres rückt die Debatte über Hitze in den Klassenzimmern zunächst in den Hintergrund. Trotzdem sehen zwei Lehrerverbände jetzt den richtigen Zeitpunkt, Konsequenzen zu ziehen – bevor die nächste Hitzewelle den Schulbetrieb erneut auf die Probe stellt. Der Philologenverband Baden-Württemberg und der Bayerische Philologenverband fordern deshalb, Schulen so schnell wie möglich besser auf extreme Temperaturen vorzubereiten.
Die hohen Temperaturen der vergangenen Wochen haben vielerorts deutlich gemacht, wie stark Hitze den Unterricht beeinträchtigen kann. Wenn Schülerinnen und Schüler in stickigen Klassenzimmern lernen oder Prüfungen schreiben und Lehrkräfte nach wenigen Stunden kaum noch konzentriert unterrichten können, geht es aus Sicht der Lehrerverbände längst nicht mehr um eine Komfortfrage. Gefordert seien praktikable Lösungen, die Schulen kurzfristig helfen und langfristig widerstandsfähiger gegen zunehmende Hitze machen.
Der Philologenverband Baden-Württemberg setzt dabei zunächst bei den Grundlagen an. Er fordert eine sofortige und flächendeckende Ausstattung aller Klassenzimmer und Fachräume mit kombinierten Thermometern und Hygrometern. Nur wenn Temperatur und Luftfeuchtigkeit gemeinsam erfasst würden, lasse sich die tatsächliche Belastung objektiv beurteilen. Denn bislang fehle eine rechtlich verbindliche Kombination aus Temperatur und Luftfeuchtigkeit, ab der Unterricht angepasst oder beendet werden müsse.
Nach Auffassung des Verbands greift die bisherige Diskussion zu kurz, weil sie sich fast ausschließlich auf die Raumtemperatur konzentriere. Gerade in voll besetzten Klassenzimmern könne die Luftfeuchtigkeit bei hohen Außentemperaturen rasch ansteigen. Dadurch entstehe bereits unterhalb der häufig diskutierten 30-Grad-Marke eine erhebliche Schwüle, die Konzentration und Leistungsfähigkeit beeinträchtige. Reine Temperaturgrenzwerte unterschätzten diesen Effekt systematisch.
Der PhV BW verweist darauf, dass das Arbeitsschutzrecht Temperatur und Luftfeuchtigkeit grundsätzlich bereits gemeinsam betrachte. Die Technische Regel für Arbeitsstätten ASR A3.6 enthalte kombinierte Schwülegrenzen für bestimmte Arbeitsräume. Für klassische Klassenzimmer gebe es vergleichbare verbindliche Grenzwerte bislang jedoch nicht. Deshalb fordert der Verband neben den Messgeräten auch entsprechende Kombinationsgrenzwerte mit klaren Handlungsfolgen sowie Investitionen in Sonnenschutz, ausreichend zu öffnende Fenster, Nachtauskühlung sowie Lüftungs- und Klimatisierungsmöglichkeiten.
„Wer in einem überhitzten Klassenzimmer unterrichtet, lernt oder geprüft wird, weiß: Hitze ist keine Komfortfrage, sondern beeinträchtigt Konzentration, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden erheblich“
„Es geht um die Qualität des Unterrichts und nicht um bloße Befindlichkeiten“, erklärt die Landesvorsitzende Martina Scherer. „Wir wollen nachhaltig unterrichten, und unsere Schülerinnen und Schüler brauchen diesen wirksamen Unterricht. Das funktioniert jedoch dauerhaft nur unter erträglichen Bedingungen, da andernfalls die Bildungsqualität massiv leidet. Wenn wir die Zukunft unserer Kinder mit erfolgversprechenden Perspektiven gestalten wollen, dürfen wir sie nicht in überhitzten, stickigen Klassenzimmern sitzend im Stich lassen. Dafür brauchen wir zuerst verlässliche Messwerte – und dann klare, verbindliche Regeln zum Schutz der Gesundheit.“

Die jüngsten Hitzewellen haben gezeigt: Viele Schulen und Kitas sind auf extreme Temperaturen noch immer nicht ausreichend vorbereitet. Wie groß die Belastung tatsächlich ist, lässt sich bislang jedoch kaum nachvollziehen.
News4teachers und die Heinz Trox-Stiftung bauen deshalb ihre Dokumentation aus. Bei künftigen Hitzewellen werden wir erneut Fotos und Informationen aus Schulen und Kindertageseinrichtungen sammeln. Alle Einsendungen werden wir in einer digitalen Hitzekarte zusammenführen, die kontinuierlich ergänzt wird. Sie soll sichtbar machen, unter welchen Bedingungen Kinder, Jugendliche und Beschäftigte lernen und arbeiten – und zugleich dokumentieren, wo Handlungsbedarf besteht.
Ein erster Aufruf im Juni stieß bereits auf große Resonanz (siehe Bilder-Karussell oben): Mehr als 200 Lehrkräfte und pädagogische Fachkräfte beteiligten sich und schickten Fotos aus ihren Klassen- und Gruppenräumen.
Sobald die nächste Hitzewelle ansteht, freuen wir uns wieder über Ihre Unterstützung. Dann können Sie uns ein Foto eines Thermometers aus Ihrem Klassen- oder Gruppenraum schicken (bitte ohne erkennbare Personen).
Bitte geben Sie außerdem an:
– Schulform beziehungsweise Kita
– Bundesland
Stadt- oder Einrichtungsname benötigen wir nicht.
E-Mail: redaktion@news4teachers.de
Betreff: Hitze
Alle Einsendungen werden anonym behandelt und ausschließlich für die Dokumentation von News4teachers und der Heinz Trox-Stiftung verwendet.
Die Heinz Trox-Stiftung setzt sich für gesunde, lernförderliche Schulräume ein. Weitere Informationen: www.zukunftsraum-schule.de
Der Bayerische Philologenverband setzt an der nächsten Frage an: Welche Möglichkeiten haben Schulen, wenn die Belastung festgestellt ist? Aus Sicht des bpv reichen Messwerte und Grenzwerte allein nicht aus. Schulleitungen und Sachaufwandsträger bräuchten wissenschaftlich fundierte, zugleich aber leicht anwendbare Hilfen für den Schulalltag.
„Wer in einem überhitzten Klassenzimmer unterrichtet, lernt oder geprüft wird, weiß: Hitze ist keine Komfortfrage, sondern beeinträchtigt Konzentration, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden erheblich“, erklärt der bpv-Vorsitzende Michael Schwägerl.
Temperaturen seien zwar ein wichtiger Indikator, argumentiert der Verband. Sie allein beschrieben jedoch noch nicht, wie stark ein Raum die Menschen tatsächlich belaste. Ebenso entscheidend seien Sonneneinstrahlung, Luftqualität, Luftbewegung, Luftfeuchtigkeit und die baulichen Eigenschaften eines Gebäudes. Viele Lehrkräfte, Schulleitungen und Sachaufwandsträger seien mit den Grundlagen des sogenannten thermischen Komforts bislang kaum vertraut, weil entsprechende Informationen und Unterstützung fehlten.
Der bpv schlägt deshalb einen „Hitzeschutz-Werkzeugkasten“ für Schulen vor. Statt eines weiteren Pflichtkonzepts solle er wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich aufbereiten und konkrete Handlungsmöglichkeiten für unterschiedliche Situationen aufzeigen. Dazu gehörten die Ermittlung besonders belasteter Räume, die Nutzung geeigneter Ausweichräume, intelligente Lüftungsstrategien, die Berücksichtigung der Luftqualität und der CO₂-Belastung, organisatorische Maßnahmen bei starker Hitze, der gezielte Einsatz von Ventilatoren, wirksame Verschattungsmöglichkeiten sowie langfristige Investitionen in klimaangepasste Schulgebäude und begrünte Außenflächen.
„Die Hitzebelastung an vielen Schulen ist real. Wer gute Bildung will, muss für gute Lern- und Arbeitsbedingungen sorgen“
Auch den Einsatz von Ventilatoren hält der Verband für unterschätzt. Viele Menschen verbänden sie noch immer mit Zugluft oder gesundheitlichen Problemen. Tatsächlich könnten sie bei Temperaturen um 30 Grad einen physiologisch wirksamen Kühleffekt erzeugen und damit die Hitzebelastung deutlich verringern, erklärt Schwägerl. Sie könnten Sonnenschutz und bauliche Verbesserungen allerdings nicht ersetzen. Der Verband spricht sich deshalb für einen gestuften Ansatz aus: kurzfristig wirksame Maßnahmen im Schulalltag, mittelfristige Investitionen in Verschattung, Lüftung und Begrünung sowie langfristig eine klimaangepasste Sanierung des Gebäudebestands.
Darüber hinaus regt der bpv an, jede Schule zumindest mit einzelnen hitzegeschützten oder gekühlten Räumen auszustatten. Diese könnten insbesondere für Prüfungen, Abschlussarbeiten, Konferenzen oder gesundheitlich besonders belastete Personen genutzt werden.
„Es darf nicht der Eindruck entstehen, es gäbe nur die Wahl zwischen Nichtstun und der vollständigen Klimatisierung aller Schulgebäude“, betont Schwägerl. „Es gibt zahlreiche wirksame Maßnahmen dazwischen. Ebenso klar ist aber auch: Die Hitzebelastung an vielen Schulen ist real. Wer gute Bildung will, muss für gute Lern- und Arbeitsbedingungen sorgen.“ News4teachers










„Viele Lehrkräfte, Schulleitungen und Sachaufwandsträger seien mit den Grundlagen des sogenannten thermischen Komforts bislang kaum vertraut…“ – alle Lehrkräfte, ohne Ausnahme, können beurteilen, ob für eine Mehrzahl ihrer SchülerInnen noch sinnvoller Unterricht möglich ist. 30 Schüler produzieren (mindestens) 3kW Wärmeleistung, so etwa Backofen in Maximalbetrieb, spätestens ab 20° Außentemperatur muss gelüftet werden. Kein noch so schöner ‚Werkzeugkasten‘ kann die Physik außer Kraft setzen. Aber wer traut schon Lehrern… Kein ‚Sachaufwandsträger‘ will teure Baumaßnahmen, es reicht ja nicht einmal für die Erhaltung der Gebäude, deshalb lieber Messwerte, Erlasse und Grenzwerte fordern, vermutlich am Ende mit Streitereien, wo die Geräte wie hängen und wann sie abgelesen werden. Das Problem der Schulen mit 70% Fahrschülern löst das auch nicht, 30° um 10 Uhr bedeutet trotzdem Unterricht bis 13:00, woher kommen vorher die Busse?
Eigentlich wie bei jedem Problem: ihr müsstet doch einfach nur…seid doch mal flexibel/innovativ/engagiert….
Sol lucet omnibus.
Die Sonne scheint allen Bussen – oder so ähnlich. Meint, bei Sonnenschein gibt’s Busse.
Das hört sich für mich nicht nach einer in den nächsten Jahren praktikablen Lösung an.
Iwie hört sich das nach GAR NIX an! Seufz!
Mal nicht so negativ, eine Handreichung zur normierten Aufstellung von Thermometern und Hinweise zum korrekten Ablesen von Temperaturmesseinrichtungen – speziell von analogen Geräten – ist in Bearbeitung und Bedarf nur noch der Überarbeitung durch die PTB und anderer Fachinstitute.
Hätte der Spahn statt Masken mal Klimageräte bestellt.