WUTÖSCHINGEN. Eine Woche im Wald, sechs Plattformen zwischen Bäumen, die höchste zwölf Meter über dem Boden: Was an der Alemannenschule Wutöschingen wie ein außergewöhnliches Klassenfahrtprojekt aussieht, gehört zu einem pädagogischen Konzept, das die Grenzen zwischen Schule und außerschulischem Lernort grundsätzlich infrage stellt. Lernen soll hier nicht nur dort stattfinden, wo Lehrkräfte Stoff vermitteln, sondern dort, wo Kinder und Jugendliche etwas tun, ausprobieren und Verantwortung übernehmen können. Dafür werden Bauernhof, Rathaus, Musikverein und Wald zum Teil der Schule. Das „Lerndorf Wutöschingen“ zeigt damit eine ungewöhnliche Konsequenz: Der außerschulische Lernort ist nicht Ausflug aus der Schule – er ist Schule.

Zwölf Meter sind eine beträchtliche Höhe, wenn unter einem nur Seile, Holz und der Waldboden liegen. Drei Schuljahre lang haben Jugendliche und Erwachsene der Alemannenschule Wutöschingen an ihrem Baumhauscamp gearbeitet. Jeweils eine Woche verbrachte die Gruppe durchgehend im Wald. Schrauben sollten die Konstruktionen nicht an den Bäumen halten; gebaut wurde mit Seilen und Knoten. Plattform für Plattform entstand so ein Camp, dessen oberste Ebene schließlich zwölf Meter über dem Boden lag.
Im vergangenen Schuljahr waren nach einem Bericht des Südkurier 26 Jugendliche der Jahrgangsstufen sieben bis zwölf, drei sogenannte Lernbegleiter sowie weitere Unterstützer beteiligt. Das Interesse war inzwischen so groß, dass es erstmals eine Warteliste gab. Etwa die Hälfte der Teilnehmenden hatte schon im Jahr zuvor mitgebaut.
„Lernbegleiter“ (Lehrer) Michael Paule, der die Idee für das Projekt mitgebracht hatte, beschreibt das, was dort neben Knotentechnik und Klettern gelernt werden soll, mit Begriffen, die sich schwerer abprüfen lassen: auf sich und andere achten, Verantwortung übernehmen, gemeinsam Probleme lösen. Jugendliche aus unterschiedlichen Lerngruppen seien durch das gemeinsame Ziel als Gruppe zusammengewachsen. Einige konnten Erfahrungen aus der Pfadfinderarbeit einbringen und Verantwortung für andere übernehmen.
„Wir können den Plan der Lernenden nicht mit Unterricht vollstopfen, sondern müssen überhaupt erst die Zeit lassen, damit Lernen gelingen kann“
Für die Jugendlichen selbst ist das Ergebnis sehr viel handfester. „Man sieht einfach das Ergebnis. Vorher war hier nichts. Und jetzt wissen wir selbst, wie man so was baut“, sagte die Schülerin Adeline Truckenmüller dem „Südkurier“.
Ein Baumhauscamp, in dem Jugendliche eine Woche lang im Wald leben und gemeinsam Plattformen in bis zu zwölf Metern Höhe errichten, wäre an vielen Schulen ein außergewöhnliches Projekt. In Wutöschingen fügt es sich in einen Schulalltag, der ohnehin ungewöhnlich organisiert ist. Lernen soll hier ausdrücklich nicht auf Klassenzimmer, Unterrichtsstunden und Schulgelände begrenzt bleiben.
Die staatliche Gemeinschaftsschule im Landkreis Waldshut hat ihr Konzept unter dem Begriff „Schmetterlingspädagogik“ zusammengefasst. Der eine Flügel steht für selbstorganisiertes Lernen, der andere für „Lernen durch Erleben“.
Beim selbstorganisierten Lernen bestimmen die Schülerinnen und Schüler innerhalb eines festen Rahmens stärker selbst, was sie wann und in welchem Tempo bearbeiten. Dafür gibt es Kompetenzraster und Materialpakete auf unterschiedlichen Niveaustufen, fachliche Inputs nach Bedarf und sogenannte Gelingensnachweise statt klassischer Klassenarbeiten. Begleitet wird der Lernprozess durch wöchentliche Einzelcoachings.
Konrektorin Patricia Schmidt beschreibt die veränderte Rolle der Lehrkräfte mit einem Bild: „Die Lernbegleitenden sind im besten Sinne Begleiter, die das Lern-Buffett bereitstellen, schön anrichten, über Inhaltsstoffe und die empfohlene Tagesdosis beraten können, was sich gut kombinieren lässt und was wie schmeckt – aber essen (= lernen) muss jedes Kind selbst.“ Die werden hier nicht Schülerinnen und Schüler genannt, sondern „Lernpartner“.
Für das Konzept hat die Schule auch ihre Räume und ihren Tagesablauf verändert. Herkömmliche Klassenräume spielen kaum noch eine Rolle. Es gibt Lernateliers mit individuellen Arbeitsplätzen, Räume für fachliche Inputs und Coachings sowie einen „Marktplatz“ für gemeinsames Arbeiten. Am Vormittag ist Zeit für die Kernfächer. In Mathematik und Deutsch gebe es beispielsweise jeweils nur eine Stunde Input pro Woche, schreibt Schmidt; auch diese sei freiwillig. Wer einen Kompetenzbereich bereits beherrscht, kann individuell weiterarbeiten.
„Wir können den Plan der Lernenden nicht mit Unterricht vollstopfen, sondern müssen überhaupt erst die Zeit lassen, damit Lernen gelingen kann“, erklärt Schmidt in einem Beitrag.
Was mit dieser Zeit geschieht, zeigt die andere Seite der „Schmetterlingspädagogik“. „Lernen durch Erleben“ führt die Schülerinnen und Schüler immer wieder aus dem Schulgebäude hinaus. Biologie findet etwa im Club „Nutztiere und Nutzpflanzen“ auf einem Bauernhof statt, Gemeinschaftskunde im Sitzungssaal des Rathauses, die Bläserklassen proben beim örtlichen Musikverein. Hinzu kommen Exkursionen, Musicalproduktionen – und Projekte wie das Baumhauscamp.
Aus der Schule wird so das, was die Alemannenschule „Lerndorf“ nennt.
Wie weit dieser Gedanke reicht, zeigte sich bereits 2019, als die Alemannenschule mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. In einem Porträt der Preisträgerschule wurde sichtbar, wie selbstverständlich die Grenzen zwischen Schule und Gemeinde schon damals durchlässig waren. Schülerinnen und Schüler probten im Rathaus. Die Schule verfügte über einen Schlüssel für die Gemeindebücherei, sodass die Kinder sie auch außerhalb der regulären Öffnungszeiten nutzen konnten. Ein örtlicher Landwirtschaftsbetrieb und das Aluminiumwerk gehörten ebenfalls zu den Lernorten.
„Das Projekt erfordert viel Einsatz, aber wenn man sieht, was am Ende dabei herauskommt, dann lohnt es sich“
Der damalige Schulleiter Stefan Ruppaner brachte die Idee auf einen Satz: „Das ganze Dorf ist die Schule.“
Das Baumhauscamp ist die spektakulärste Variante dieses Prinzips. Dort müssen die Jugendlichen nicht nur Knoten lernen und Konstruktionen bauen. Wer gemeinsam in der Höhe arbeitet, muss sich auf andere verlassen, Absprachen einhalten und Verantwortung übernehmen.
Dabei entstehen andere Rollen als im Unterricht. Wer etwa aus der Pfadfinderarbeit bereits Kenntnisse mitbringt, kann anderen etwas zeigen. Paule berichtet zugleich, dass die Jugendlichen die Sicherheitsregeln ernst genommen hätten.
Und das Ergebnis muss funktionieren. Die Plattformen wurden ausschließlich mit Seilen und Knoten errichtet, damit die Bäume nicht beschädigt werden. Was die Jugendlichen bauen, muss tatsächlich tragen.
Auch deshalb beschreibt Paule das Projekt als Chance für die Jugendlichen. „Das Projekt erfordert viel Einsatz, aber wenn man sieht, was am Ende dabei herauskommt, dann lohnt es sich.“ Besonders beeindruckt habe ihn die Dynamik innerhalb der Gruppe. Aus unterschiedlichen Jugendlichen verschiedener Lerngruppen sei durch das gemeinsame Ziel eine Einheit ohne Hierarchien entstanden.
Die Jugendlichen schildern ähnliche Erfahrungen. Lileyna Dobslaw berichtete, anfangs habe es noch einzelne Grüppchen gegeben, mit der Zeit sei daraus ein Team geworden. Alessio Salvaggio nennt neben Klettern und Knotentechnik ausdrücklich das Teamwork als etwas, das er gelernt habe. Adeline Truckenmüller hebt neben dem Klettern und Sichern ebenfalls die Gemeinschaft hervor.
Das lässt sich nicht einfach kopieren. Wutöschingen arbeitet seit Jahren mit der Kommune und örtlichen Partnern zusammen, hat Räume und Lernzeiten anders organisiert und mit der digitalen Lernumgebung „DiLer“ eine Infrastruktur geschaffen, die selbstorganisiertes Arbeiten unterstützt. Schon beim Baumhauscamp brauchte es Geduld: Nach Angaben von Michael Paule dauerte es rund eineinhalb Jahre, bis aus seiner Idee ein umsetzbares Projekt wurde.
So viel Vorbereitung in das Camp geflossen ist – auf Dauer angelegt ist es trotzdem nicht. Die Plattformen sollen nach Angaben Paules irgendwann wieder abgebaut werden, damit spätere Lernpartner selbst ein neues Camp errichten können. Entscheidend ist nicht, was im Wald stehen bleibt, sondern was beim Bauen gelernt wird. „Man sieht einfach das Ergebnis. Vorher war hier nichts. Und jetzt wissen wir selbst, wie man so was baut“, hatte Adeline Truckenmüller über das Camp gesagt.
Irgendwann wird dort wieder nichts sein. Was die Jugendlichen gelernt haben, bleibt. News4teachers
Wenn Schule Neugier weckt – wie die Schmetterlingspädagogik Lernen neu denkt







Ja, so ähnliches haben wir vor Jahren schon in der Hauptschule Dissen a.T.W. gemacht und Schülerinnen zielgerichtet in Ausbildungsberufe gebracht. Sogar einen Snoselnraum gab es aber dann wurde die Schule abgewickelt….. die Politik wollte Oberschulen.
„Sogar einen Snoselnraum gab es“
Entschuldigung, aber ich sehe da nicht ganz den Bezug zum Artikel. Wo würde der bspw. ins Schmetterlingskonzept passen?
… wir auch, vor rund 20 Jahren als fest installiertes und erfolgreiches „Waldprofil“ an der Hauptschule. Ich selbst und eine Kollegin hatten sich umfangreich in Waldpädagogik fortbilden lassen. Wir haben tatsächlich Bildungsplaninhalte aus fast allen Fächern projekthaft „im Wald“ umgesetzt … – mit beachtlichem Lernzuwachs für die Schülerinnen und Schüler.
„mit beachtlichem Lernzuwachs für die Schülerinnen und Schüler.„
Wurde das medial auch entsprechend verbreitet und wie ging es danach mit diesem Projekt weiter?
„Medial“ war die HS vor 20 Jahren eher uninteressant.
Das Projekt verlief sich, als personelle Veränderungen anstanden und das „Maßnahmenpaket HS“ die Prioritäten neu setzte.
Nicht wirklich überraschend, aber ich finde es trotzdem schade.
Wird vermutlich nicht das einzige Beispiel mit ähnlichem Schicksal sein.
– „weitere“ Unterstützer
– „Lernbegleiter“ (scheinbar zusätzlich mit Fachexpertise)
– „schwer abprüfbar“ (Puh, wie praktisch!)
– entsprechendes Gelände
Da sieht man mal…klare Schlussfolgerung:
Wenn man es nur ganz dolle will-will-will ist das bestimmt überall möglich… 😉
Den Kindern sei die schulische Freizeit übrigens ausdrücklich gegönnt, cool für die.