BERLIN. Schulen sollen junge Menschen befähigen, politische Prozesse zu verstehen, Desinformation zu erkennen und demokratische Werte zu leben. Doch ausgerechnet Lehrkräfte fühlen sich zunehmend unsicher, wenn politische Konflikte ins Klassenzimmer gelangen. Zum Weltlehrkräftetag fordern GEW und VBE deshalb nicht nur mehr Demokratiebildung, sondern politischen Rückhalt und Schutz vor Bedrohungen und gezielten Angriffen. Dass sie dabei ausdrücklich vor dem wachsenden Einfluss rechter und rechtsextremer Kräfte warnen, ist keineswegs nur eine deutsche Besonderheit: Auch in Großbritannien rücken Lehrergewerkschaften die Verteidigung demokratischer Bildung in den Mittelpunkt.

Wenn Maike Finnern und Tomi Neckov beschreiben, was Lehrkräfte im Unterricht leisten sollen, klingt das zunächst nach einer Selbstverständlichkeit. Junge Menschen sollen Wissen erwerben, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen, kritisch denken und lernen, respektvoll miteinander zu streiten. Doch die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und der Bundesvorsitzende des Verbands Bildung und Erziehung (VBE) verbinden diesen Auftrag zum Weltlehrkräftetag am 5. Oktober mit einer Warnung.
„Demokratie muss gelernt, gelebt und immer wieder verteidigt werden. Lehrkräfte schaffen Räume, in denen junge Menschen Wissen erwerben, unterschiedliche Perspektiven kennenlernen, kritisch denken und respektvoll streiten können“, erklären Finnern und Neckov gemeinsam. Der wachsende Einfluss rechter und rechtsextremer Parteien und Bewegungen präge die politische Auseinandersetzung weltweit. Angesichts von Polarisierung, Desinformation, Menschenfeindlichkeit und extremistischen Angriffen sei die Arbeit der Lehrkräfte deshalb unverzichtbar.
Dass die beiden großen Bildungsgewerkschaften ihren Aufruf ausgerechnet zum Weltlehrkräftetag veröffentlichen, hat einen weiteren Anlass. Vor 60 Jahren verabschiedeten UNESCO und Internationale Arbeitsorganisation (ILO) ihre Empfehlung über die Stellung der Lehrkräfte. Sie formulierte internationale Standards für Rechte, Verantwortung, Arbeitsbedingungen, professionelle Autonomie und Beteiligung von Lehrerinnen und Lehrern an bildungspolitischen Entscheidungen. Das internationale Motto des diesjährigen Weltlehrkräftetags nimmt darauf Bezug: „An der Seite der Lehrkräfte: 60 Jahre Schutz des Berufs, Stärkung seines Status und Gestaltung unserer Zukunft.“ Auch der internationale Gewerkschaftsdachverband Education International stellt den Jahrestag in einen Zusammenhang mit Lehrkräftemangel, Angriffen auf öffentliche Bildung und demokratischen Rückschritten.
„Demokratische Bildung (…) gehört heute mehr denn je zum Kern des Bildungsauftrags und muss im Schulalltag verlässlich möglich sein“
In Deutschland trifft dieser internationale Aufruf auf eine Debatte, die längst im Schulalltag angekommen ist. Wie unsicher sich ein Teil der Lehrkräfte im politischen Raum bewegt, zeigte zuletzt das Deutsche Schulbarometer 2026 der Robert Bosch Stiftung. Für die repräsentative Untersuchung wurden 1.547 Lehrkräfte an allgemein- und berufsbildenden Schulen befragt. 48 Prozent finden, dass ihre Schule mehr für Demokratiebildung tun sollte. Gleichzeitig fühlt sich fast jede fünfte Lehrkraft – 18 Prozent – durch ein vermeintliches Neutralitätsgebot gehemmt. 27 Prozent glauben sogar, die eigene politische Meinung im Unterricht grundsätzlich nicht äußern zu dürfen.
An dieser Stelle setzen GEW und VBE an. „Demokratische Bildung (…) gehört heute mehr denn je zum Kern des Bildungsauftrags und muss im Schulalltag verlässlich möglich sein“, erklären Finnern und Neckov. Lehrkräfte dürften mit dieser Verantwortung nicht allein gelassen werden. Sie benötigten politischen Rückhalt, fachliche Unterstützung und Schutz vor Bedrohungen, digitaler Gewalt und gezielten Angriffen auf ihre pädagogische Arbeit.
Dass diese Sorge nicht theoretisch ist, zeigen Erfahrungen aus Schulen. In einer nicht repräsentativen Onlinebefragung von rund 1.000 Lehrkräften, die 2025 über GEW-Landesverbände kontaktiert worden waren, berichteten 82 Prozent, im vorherigen Schuljahr rechtsextreme Äußerungen von Schülerinnen und Schülern erlebt zu haben; 22 Prozent erlebten solche Äußerungen demnach wöchentlich. 55 Prozent erklärten, rechtsextreme Vorfälle hätten innerhalb von fünf Jahren zugenommen. Jede achte befragte Lehrkraft befürchtete negative Reaktionen aus rechtsextremen Kreisen, wenn sie sich im Unterricht offen für demokratische Werte einsetzt. 57 Prozent wünschten sich mehr Unterstützung beim Umgang mit rechtsextremen Angriffen.
Hinzu kommen Versuche, Lehrkräfte mit dem Hinweis auf eine angeblich gebotene politische Neutralität unter Druck zu setzen. GEW und VBE beschäftigen sich seit Längerem mit Beschwerden, parlamentarischen Anfragen und Kampagnen gegen Lehrkräfte, denen politische Parteilichkeit vorgeworfen wird. Erst im September übergab ein Bündnis um die GEW der Kultusministerkonferenz mehr als 259.000 Unterschriften für die Petition „Schule zeigt Haltung“. Die Unterzeichnenden fordern Rechtssicherheit und Schutz für Lehrkräfte, die sich gegen Hass, Diskriminierung und antidemokratische Positionen stellen. Das Bündnis verweist dabei ausdrücklich auf Meldeportale, parlamentarische Anfragen, Kampagnen und Bedrohungen, mit denen Lehrkräfte eingeschüchtert würden.
GEW und VBE verbinden ihren Aufruf deshalb mit Forderungen, die weit über den Politikunterricht hinausreichen. Demokratie-, politische und Medienbildung müssten in allen Schulformen dauerhaft gestärkt werden. Lehrkräfte sollten gezielt zu Desinformation, Hate Speech, Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus fortgebildet werden. Zugleich verlangen die Gewerkschaften mehr Schulsozialarbeit und Schulpsychologie, multiprofessionelle Teams sowie mehr Zeit für Beratung, Beziehungsarbeit, Klassenleitung und Beteiligung. Auch die demokratische Mitwirkung von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften müsse gestärkt werden.
„Am Weltlehrkräftetag geht es nicht nur um Dank und Anerkennung. Es geht um konkrete politische Entscheidungen“
GEW und VBE ziehen zudem eine direkte Verbindung zwischen Arbeitsbedingungen und demokratischem Bildungsauftrag. Wenn Unterricht ausfalle, Klassen größer würden und Lehrkräfte dauerhaft an ihrer Belastungsgrenze arbeiteten, fehlten Zeit und Kraft für individuelle Förderung, politische Auseinandersetzung und verlässliche Beziehungen. „Wer die Demokratie stärken will, muss in Schulen investieren“, erklären Finnern und Neckov. Dazu gehöre auch, die Professionalität der Lehrkräfte anzuerkennen und ihre Expertise in bildungspolitische Entscheidungen einzubeziehen. „Am Weltlehrkräftetag geht es nicht nur um Dank und Anerkennung. Es geht um konkrete politische Entscheidungen. Starke Lehrkräfte und starke Schulen sind eine Investition in die Zukunft unserer Demokratie.“
Dass deutsche Bildungsgewerkschaften den Status von Lehrkräften ausdrücklich mit der Stabilität der Demokratie verbinden, ist international kein Sonderweg. Education International, der weltweite Zusammenschluss von Bildungsgewerkschaften, nennt neben Lehrkräftemangel und Unterfinanzierung ausdrücklich Angriffe auf öffentliche Bildung und „democratic backsliding“ als Herausforderungen. Zum Weltlehrkräftetag fordert der Verband unter anderem professionelle Autonomie, akademische Freiheit, Meinungsfreiheit und eine stärkere Beteiligung von Lehrkräften an politischen Entscheidungen. Unterstützung für Lehrkräfte sei notwendig, um Demokratie zu stärken.
So auch in Großbritannien. Die National Education Union (NEU) erklärt zum Weltlehrkräftetag, Lehrerinnen und Lehrer müssten junge Menschen heute durch Konflikte, Ungleichheit, Klimawandel, technologischen Wandel und „democratic challenges“ begleiten, während ihre Autonomie und ihre Arbeitsbedingungen unter Druck stünden; Investitionen in öffentliche Bildung stärkten Frieden, Demokratie und gesellschaftliche Widerstandskraft.
Die Aussage fällt in eine innenpolitische Situation, in der der Konflikt zwischen Lehrergewerkschaft und der erstarkten Reform UK längst offen ausgetragen wird. Die NEU stufte Reform UK 2025 als „far-right and racist“ ein; Parteichef Nigel Farage wiederum warf „linken“ Lehrergewerkschaften vor, die Köpfe junger Menschen zu vergiften, und kündigte für den Fall einer Regierungsübernahme an, gegen die NEU und andere Lehrergewerkschaften „in den Krieg“ zu ziehen. News4teachers










Das Schulsystem ist letztedlich nur ein Subsystem der Gesellschaft und wird sich dieser nicht enziehen können: Wenn Desinformation (durch KI mittlerweile im Turbo-Modus), extreme und autoritäre Meinungen das gesellschaftliche Klima vergiften, kommt das selbstverständlich auch in den Schulen an. Wir leben schließlich nicht mehr im 20. Jahrhundert, wo das, was in den Schulen passiert, den Haupteinfluss auf die Jugendlichen und schließlich die Gesellschaft ausübt. Das ist naive 68er-Denke, Heutzutage ist es genau umgekehrt.
Durch KI wird zudem die Rolle der Schule als Wissensvermittler massiv in Frtage gestellt, es bleibt hauptsächlich die soziale und die ideologische Komponente. Da werden die Forderungen an das, was Schule zu leisten hat, noch viel extremer werden. Und zwar von allen Seiten: Links, rechts und „Mitte“.
Eine unmögliche Aufgabe. Berufsanfänger sollten einen großen Bogen um die Schulen machen. Diesen Kampf kann man nicht gewinnen. Dazu kommt der immense Spardruck in den öffentlichen Haushalten (siehe Proteste in Frankreich), die das knappe Geld ja mittlerweile lieber für Rüstung als für Bildung ausgeben.
„Durch KI wird zudem die Rolle der Schule als Wissensvermittler massiv in Frtage gestellt,“
Ich hoffe, dass Sie keine Lehrkraft sind. Denn offensichtlich haben Sie keine Ahnung davon, was Schule leistet.
Kein Kind lernt eine Fremdsprache oder Mathematik oder einen guten Text zu schreiben oder komplexe Texte zu verstehen mit Hilfe der KI.
Die KI kann einem Infos geben, wenn schon ein Netz an Wissen und Fertigkeiten vorhanden ist. Wo das fehlt, hilft auch die KI nicht.
Das stellen Lehrkräfte doch ständig fest, wenn sie merken, dass Hausaufgaben von der KI erstellt wurden.
Die guten Schüler werden durch KI besser, die „nicht so guten“ Schüler schlechter.
Wir werden es sehen.
Ich finde dies schwierig zu beweisen.
Schulische Leistungen werden nachweislich schlechter, wenn Schüler*innen die KI arbeiten lassen, anstelle selbst zu lernen.
Danach zeigen wir auf die und erklären: jetzt seid Ihr die Schlechten?
die stets und ständig angeführten „demokratischen Werte“ sollten zunächst und als aller erstes mal von den selbsternannten demokratischen Parteien ernst genommen und „gelebt“ werden.
Die Geschichte zeigt leider oft genug das Gegenteil:
Das Problem hinter all diesen Beispielen ist das Auseinanderdriften von Gesetz und Realität.
Wenn Bürger merken, dass Gesetze in Deutschland offenbar nur noch optional gelten und die Politik sich per Erlass aus der Affäre zieht, schwindet das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit und Verlässlichkeit des demokratischen Staates massiv.
Um es nochmal deutlich zu machen:
m.E. kommt der „Druck“ auf die Lehrkräfte/-innen aus dem bürgerlichen Lager. Da bedient man sich halt wahlweise der einen oder anderen politischen Kraft.
„Demokratie muss gelernt, gelebt und immer wieder verteidigt werden. “
Selbstverständlich! Wo liegt also das Problem, außer Worten tatsächlich Taten folgen zu lassen und unsere Werte nicht für selbstverständlich hinzunehmen? 😀
? Wenn man Dinge für selbstverständlich erachtet und in einer bequem gewordenen Gesellschaft die Alternative „Raus aus der Komfortzone“ bedeutet, dann entsteht automatisch ein Problem.
Selbstverständlich tut es das.
Vielleicht haben manche „Selbstverständlichkeit“ mit „Selbstläufern“ verwechselt 😉