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Prozessauftakt zur Inklusion: Schulleiterin vor Niederlage – Gericht zeigt sich skeptisch

BREMEN. Bremen will den Inklusionsunterricht an Schulen vorantreiben und Vorreiter sein. Eine Schulleiterin hält das an ihrem Gymnasium nicht für umsetzbar und klagt gegen ihre vorgesetzte Behörde. Die hält die Klage der Beamtin für unzulässig – und das Gericht lässt in der mündlichen Verhandlung erkennen, dass es wohl kaum anders entscheiden wird. Das Urteil steht aber noch aus.

Wie weit geht die Inklusion? Diese Frage wird implizit mitverhandelt. Foto: Shutterstock

Kann eine Schulbehörde einem Gymnasium die Einführung einer Inklusionsklasse anordnen, in der Kinder mit physischen oder geistigen Problemen gemeinsam mit sogenannten regulären Schülern lernen? Die Bremer Schulbehörde bejaht die Frage ausdrücklich, anders als die Leiterin eines Gymnasiums in der Hansestadt, die Klage einreichte. Beide Seiten beharrten auch vor dem Verwaltungsgericht Bremen auf ihrer Position. Das Gericht deutete zwar an, dass in dem Fall beamtenrechtlich die Weisungsbefugnis der Behörde gelte, will aber erst in den nächsten Tagen entscheiden. Im voll besetzten Gerichtssaal ging es am Mittwoch um viel mehr als die rechtliche Bewertung – es ging um Chancen und Grenzen der Inklusion. Aus dem Publikum gab es spontan Beifall für beide Seiten.

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Der Bremer Fall macht deutlich, dass es dringend an der Zeit ist, die schulische Inklusion breit in Deutschland zu diskutieren. Denn: Die zentralen Grundfragen des gemeinsamen Unterrichts von behinderten und nicht-behinderten Schülern sind bis heute ungeklärt. Inwieweit sind die Gymnasien verpflichtet, sich zu beteiligen? Wo sind die Grenzen der Inklusion? Was ist überhaupt das von der Politik anvisierte Ziel – eine Radikal-Inklusion oder eine Inklusion light? Und was davon ist mit der UN-Behindertenrechtskonvention vereinbar? Niemand weiß das so recht. Klar ist nur: So fährt die Inklusion vor die Wand.

News4teachers hat nun ein Dossier herausgegeben – Titel: „Das Inklusions-Chaos“ –, das die Probleme journalistisch beleuchtet und versucht, Antworten auf offene Fragen zu geben. Uns geht es darum, eine öffentliche Diskussion anzustoßen, die der Inklusion endlich den Rang gibt, der ihr gebührt: Es ist kein exotisches Nischenprojekt, um das es hier geht, sondern die größte Bildungsreform der vergangenen Jahrzehnte. Unser Ansatz ist kritisch, aber konstruktiv. Wir suchen nach Wegen, wie die Inklusion doch noch gelingen kann. Diskutieren Sie mit! Das Dossier ist auf netzwerk-lernen.de gratis herunterladbar – hier geht’s hin.

Das betroffene Gymnasium Horn liegt im Osten Bremens und zählt 1100 Schülerinnen und Schüler. Das fünfstöckige Gebäude wurde in den vergangenen Jahren von Grund auf saniert. Im November 2017 erhielt die Schulleiterin die mündliche Anordnung, dass auch in Horn – wie schon länger an den beiden Gymnasien «Vegesack» und «Links der Weser» – ein inklusiver Klassenverband eingerichtet werden soll. Ihm sollen fünf Kinder mit Beeinträchtigungen im Bereich Wahrnehmung und Entwicklung (W+E) und 19 reguläre Schülern angehören. Insgesamt, also inklusive Gymnasien und Oberschulen, sind an 17 Schulen in Bremen solche gemischten Klassen und Klassenverbände Alltag. Bremen zählt acht städtische Gymnasium.

Die klagende Schulleiterin sieht das zweisprachige Gymnasium Horn vor allem als Lernort mit gehobenen Leistungsanforderungen an die Schüler und dem erklärten Ziel, zum Abitur zu führen. Sie fühlt sich von der Schulbehörde unzureichend informiert, welche Kinder mit welchen Beeinträchtigungen aufgenommen werden sollten. Sie fürchte Zustände, die auch in anderen Schulen bei «W+E»-Klassenverbänden festzustellen seien. «Da bemüht sich dann etwa ein Master-Student, die fünf W+E-Kinder zu beruhigen, während die anderen Kinder Mathe oder Englisch lernen», sagte die Pädagogin. Dafür wolle sie keine Verantwortung übernehmen.

Am Gymnasium Horn gebe es weder Soziapädagogen, noch Lehrkräfte mit sozialpädagogischer Ausbildung und auch die notwendige Ausstattung sei nicht vorhanden. Bei der mündlichen Anordnung habe ihr Vorgesetzter ihr im November gesagt, dass die Entscheidung weder fachlich noch sachlich begründet sei. «Aber Sie müssen das jetzt tun», habe er ihr gesagt. Sie äußerte ihre Bedenken zunächst intern und reichte dann im März Klage ein.

Das Gericht muss entscheiden, ob sie als Beamte im vorliegenden Fall überhaupt klagebefugt ist, was die Stadtgemeinde Bremen verneint und Richterin Anette Ohrmann in einer ersten Tendenz am Mittwoch ebenso sah. Die Klägerin sei Beamte und müsse in diesem Fall die Anweisung auch ausführen. Zudem habe die Stadtgemeinde Bremen bereits grundsätzlich die Entscheidung für die Inklusion getroffen. Dies sei demokratisch legitimiert. Es werde auch nicht davon ausgegangen, dass die W+E-Kinder Abitur am Gymnasium machten, wo aber alle Abschlüsse möglich seien.

Die Vertreterin der Schulbehörde, Ulrike Rösler, ließ keinen Zweifel daran, dass die W+E-Kinder wie geplant in sechs Wochen nach den Sommerferien am Gymnasium Horn beschult werden. Sie sicherte Unterstützung zu. Wenn die Schulleiterin sich aber weiter verweigere, werde die Maßnahmen ohne ihre Mitwirkung umgesetzt. «Das Gymnasium ist nicht nur für leistungsstarke Kinder gedacht», betonte Rösler. Aus Sicht der Schulleiterin hätten W+E-Kinder nichts am Gymnasium zu suchen, bemängelte sie. «Da geht es um eine Haltung. Auch Gymnasiasten müssen den Umgang mit geistig behinderten Kinder lernen. Sie sollen nicht zusammen Mathe lernen. Es geht um soziales Lernen.» Von Helmut Reuter, dpa

Auch auf der Facebook-Seite von News4teachers wird der Fall diskutiert.

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