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Bilder von Kindesmissbrauch kursieren zunehmend auch unter Jugendlichen

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HANNOVER. Bereits Zwölfjährige schauen sich auf dem Smartphone Pornos mit gewalttätigem Sex an. Laut Bundeskriminalamt verbreiten Minderjährige auch zunehmend Bilder von Kindesmissbrauch. Ein neues Therapieangebot soll zur Prävention von Straftaten dienen.

Das Internet macht sexuelle Inhalte verfügbar – auch verbotene. Foto: Shutterstock

Um sexualisierte Gewalt unter Jugendlichen zu verhindern, hat die Medizinische Hochschule Hannover (MHH) ein neues Gesprächs- und Therapieangebot gestartet. Die neue Ambulanz mit dem Namen «180 Grad» richtet sich an 14- bis 18-Jährige, die befürchten, ihre sexuellen Impulse nicht mehr kontrollieren zu können. Sie erhalten anonym und kostenlos therapeutische Hilfe unter Schweigepflicht, wie die Universitätsklinik am Donnerstag mitteilte.

Zielgruppe seien zum einen Menschen, die im jugendlichen Alter merkten, dass sie sich zu vorpubertären Kindern hingezogen fühlen, sagte Professor Tillmann Krüger, Leiter des Arbeitsbereichs Klinische Psychologie und Sexualmedizin. Zum anderen gehe es um Jugendliche, die unter ihren sexualisierten Gewaltfantasien leiden, schon Grenzen überschritten oder gar sexuelle Gewalt ausgeübt hätten.

Die Psychologen wollen zudem mit jungen Menschen ins Gespräch kommen, die ihren exzessiven Pornokonsum als Problem sehen. Wenn Kinder im Internet Opfer von sexuellen Übergriffen werden, sind die Täter oft auch noch jung. Laut Bundeskriminalamt wird zunehmend gegen Minderjährige ermittelt, die Darstellungen von Kindesmissbrauch verbreitet oder erworben haben, diese besitzen oder selbst herstellen sollen.

«Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Patienten bereits im Jugendalter unter der Problematik leiden»

Auch die Kinderschutzambulanz der MHH bekommt immer wieder Hinweise auf minderjährige Täter. An die Einrichtung am Institut für Rechtsmedizin können sich etwa Kinderärztinnen und -ärzte wenden, wenn sie bei kleinen Patienten den Verdacht auf Misshandlungen oder sexuellen Missbrauch haben. Die Kinderschutzambulanz begrüßt das neue Präventionsprojekt. «Jeder einzelne verhinderte Übergriff ist es wert», sagte Mitarbeiterin Theresa Engelmann.

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Das neue Angebot knüpft an zwei Ambulanzen für Erwachsene an, die sich laut MHH etabliert haben. Das Programm «Kein Täter werden» richtet sich an Menschen, die sich sexuell zu Kindern und Jugendlichen hingezogen fühlen. Unter dem Namen «I can change» werden Personen therapiert, die sexuelle Gewaltfantasien haben und teils schon übergriffig geworden sind. Nicht teilnehmen können laut MHH Menschen, gegen die aktuell aufgrund von Sexualstraftaten ermittelt wird, die ihre Strafe nicht vollständig verbüßt haben beziehungsweise deren Urteil Auflagen beziehungsweise Bewährung beinhaltet.

«Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Patienten bereits im Jugendalter unter der Problematik leiden», sagte Sexualmediziner Krüger. Daher sei ein frühzeitiges Hilfsangebot extrem wichtig. Ziel sei es, Kompetenzen zu entwickeln, um sexuelle Wünsche und Bedürfnisse zu befriedigen, ohne dass andere zu Schaden kommen, sagte der leitende Psychologe der Klinik, Jonas Kneer. Während bei den Projekten für Erwachsene rund 95 Prozent der Teilnehmer männlich seien, rechne man bei dem neuen Therapieangebot etwa mit drei Viertel männlichen und einem Viertel weiblichen Jugendlichen.

Die Ambulanz «180 Grad» wird als Modellprojekt vom niedersächsischen Sozialministerium mit 300.000 Euro für drei Jahre finanziert. News4teachers / mit Material der dpa

Jugendliche, die unter ihren sexuellen Impulsen leiden, können sich ab sofort telefonisch unter (0511) 532-6746 oder per Mail unter kontakt@180grad-praevention.de an den Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Sexualmedizin der MHH wenden.

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Carsten60
1 Jahr zuvor

Und dieses Problem fällt einfach so vom Himmel? Oder ist das eine Spätfolge der ubiquitären Digitalisierung von allem und jedem?

Der Po, Der Stock, Die Bewegung
1 Jahr zuvor
Antwortet  Carsten60

Genau so wird es wohl sein. Und weil es vorher (in ihren Augen) nicht ausreichend thematisiert wurde machen wir das jetzt auch nicht mehr PUNKT BASTA!

Immer dieser neumoderne Mist aber auch. Früher gab es das nicht.

Angelika
1 Jahr zuvor
Antwortet  Carsten60

Das Problem gab es schon vor der Digitalisierung. Meine verstorbene Schwester hat als Landwirtin mehr als einmal minderjährige Jungs erwischt, die im Heu oder Stroh noch jüngere Mädchen rumkriegen wollten. Ich finde es wichtig, dass dieses Thema wirklich Beachtung findet.
Mädchen, die noch wirklich kindlich sind, werden überrumpelt und begreifen manchmal erst spät, dass gewisse Berührungen keineswegs zufällig erfolgt sind. Trotz aller Aufklärung gibt es eine große Naivität, die sich beispielsweise darin äußert, dass Mädchen meinen, der Reit- oder Sportlehrer, dessen Hand an ihren Busen wandert, wolle sie nur stützen. Noch weniger als bei Männern rechnen Kinder um die zehn Jahre damit, dass ein Mitschüler oder gar der eigene Bruder oder Stiefbruder sexuelle Erfahrungen mit ihnen machen will.

Carsten60
1 Jahr zuvor
Antwortet  Carsten60

Oben im Artikel ist jedenfalls von Gewalt-Pornos auf dem Smartphone die Rede. Zumindest in den früheren Kinos gab’s das für unter 18-Jährige nicht. Und auch Pornohefte wurde wohl eher an Erwachsene unter dem Ladentisch verkauft, ich kenne mich damit aber nicht aus. Eine FKK-Zeitschrift mit Bildern nackter Kinder wurde jedenfalls verboten (lt. Wikipedia), obwohl es da nie um Gewalt ging. Das alles ist einigermaßen schizophren. Klar ist doch wohl: Die Digitalisierung hat die Möglichkeiten erweitert und eine Kontrolle praktisch unmöglich gemacht.

uwe
1 Jahr zuvor
Antwortet  Carsten60

Unsere Generation hat sich (mit 14) einen 18jährigen organisiert der die Pornos für einen in der Videothek ausgeliehen hat (und geschadet hat das auch damals keinem, was soll schädlich daran sein anderen beim Sex zuzuschauen?). Die Generation davor hat sich Schmuddelhefte organisiert.Nix neues unter der Sonne.
Und ob der Umgang mit Pornos wirklich schadet (wie der Artikel suggeriert)darüber streiten die Gelehrten.

Marion
1 Jahr zuvor
Antwortet  uwe

Also erst mal ’nen Achtzehnjährigen „organisieren“, der geht dann in die Videothek und leiht sich das Zeug aus um es dann an die Minderjährigen weiterzugeben. Dann mußte man wahrscheinlich noch einen günstigen Tag abwarten, wo man ohne erwischt zu werden, den Fernseher im heimischen Wohnzimmer benutzen konnte.
Und heute? Ein paar Clicks auf dem Handy und schon hat man das Zeug jederzeit zur Verfügung.
Macht schon ’nen kleinen Unterschied.

Carsten60
1 Jahr zuvor
Antwortet  uwe

Aber selbst einfache Nacktbilder wurden mit der Begründung verboten, das sei Pornografie. Bei Filmen galt alles, was auch nur ein bisschen nackt war, als „jugendgefährdend“, Gewalthandlungen und Kriege, Western und Krimis dagegen galten als jugendgeeignet. Ich habe den Verdacht, daran haben Religionsfunktionäre gedreht, die eine panische Angst vor Nacktheit haben. Umgehen kann man Vorschriften auch immer, ja. In dem Artikel geht es wohl hauptsächlich um Kindesmissbrauch. Und findet der vielleicht mehr im Internet als in der Realität statt? Könnte doch sein.

Riesenzwerg
1 Jahr zuvor
Antwortet  uwe

Ja. Vielleicht.

Aber heute haben das auch Kids auf dem Handy, die das nicht wollen.

Und schon sind sie in Geschehen involviert, für die sie zu jung, zu unreif, zu sensibel sind.

Und warum? Einfach zu verschicken.

An einen 18-Jährigen zu kommen, der ohne knallrot zu werden in die Videothek stiefelt und Pornos organisiert, ist schon etwas Anderes. Allein vom Aufwand, der Verfügbarkeit und der Zuschauerschaft. Meist ist auch niemand so ganz unfreiwillig überrascht worden.

Mit dem Handy ist das anders. Kann auch bei Zehnjährigen landen.

Macht Ihnen aber nichts aus, oder?

Der Besitz ist strafbar – auch wenn ungewollt.

Maja
1 Jahr zuvor

Ggf. gilt bereits das Jugendstrafrecht. Vielleicht hat der Staatsanwalt hier gegenüber den Tätern ein paar äußerst unangenehme Fragen…

Riesenzwerg
1 Jahr zuvor

Ich sag ja seit Jahren was zum Thema Handy, …..

Und nun ist es doch prima, dass
a) es funktioniert
b) sich jede(r) informieren kann
c) jede(r) Zugang zu nahezu allem hat
d) es für jeden Anregungen gibt
e) alle mitreden können

und das Zeitalter der Digitalsierung uns so wahnsinnig weit voran bringt!

(Io und nicht out).

Daniel
1 Jahr zuvor

Einfach nur krank, kranke Gesellschaft, kranke arme Kinder

Lisa
1 Jahr zuvor

Das gab es früher auf dem Land. Mich hat mit sechs Jahren ein Zwölfjähriger in eine Scheune locken wollen. Allerdings wurde von den Erwachsenen erwartet, dass man einfach weglief, was ich auch tat. Auslachen des Opfers war da noch üblich. Und „Selber Schuld“, als ich es daheim erzählte. Es ist sehr gut, dass heutzutage das anders ist. Und wenn jemand die Digitalisierung verantwortlich macht: Die Zustände in Heinen, kirchlichen Einrichtungen, Kinderverschiebungen waren vorher. Vielleicht hätte man da manchen Pfarrer als Jugendlichen noch therapieren können.

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