BERLIN. Die Ende Januar veröffentlichte Nachhilfe-Studie der Bertelsmann-Stiftung hat aufhorchen lassen. Knapp 880 Millionen Euro lassen sich Eltern demnach jährlich den zusätzlichen Unterricht ihrer Sprösslinge kosten. Wie eine Berliner Studie zeigt, versuchen dabei auch die Eltern mit geringeren Einkommen mitzuhalten. Dennoch sehen die Forscher die Gefahr, dass die Nachhilfenutzung Bildungsungleichheiten verstärken kann – und es bleibt fraglich, ob mehr Ganztagsschulen helfen.
Zwar kommen auch Adrian Hille, C. Katharina Spieß und Mila Staneva vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung auf Basis von Daten des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) zu dem Schluss, dass die Teilnahme an außerschulischem Nachhilfeunterricht in erster Linie mit der schulischen Leistung und dem Einkommen der Eltern zusammenhängt. Allerdings haben sich die sozioökonomischen Unterschiede ihrer Studie zufolge zuletzt verringert. Das Haushaltseinkommen spiele über die Jahre eine immer geringere Rolle bei der Entscheidung, Kinder zur Nachhilfe zu schicken. Während es früher Jugendliche aus den einkommensstärksten Haushalten waren, die am häufigsten Nachhilfe bekamen, ist dieser Anteil heute in Haushalten mit mittleren Einkommen am höchsten.
Ein Vergleich über die Zeit zeigt außerdem, dass die Nutzung von Nachhilfeangeboten besonders stark in Haushalten gestiegen ist, die Hartz IV beziehen. Empfänger von Arbeitslosengeld II steigerten ihre Teilnahme an Nachhilfeangeboten im Zeitraum der letzten 15 Jahre um 158 Prozent, (von zwölf auf 31 Prozent). Bei der Gruppe, die diese Transferleistung nicht bezieht stieg der Anteil der Nachhilfenutzer dagegen nur um 74 Prozent.
„Wenn man davon ausgeht, dass es dort einen Bedarf an Nachhilfe gibt und solche Angebote die Schülerinnen und Schüler tatsächlich unterstützen, dann kann dieser Anstieg als ‚Aufholen‘ bewertet werden“, sagt Studienautorin Spieß und mahnt dennoch zur Vorsicht: „Nach wie vor nehmen Kinder aus finanzschwachen Haushalten seltener Nachhilfe. Dabei sind sie grundsätzlich ohnehin schon benachteiligt, da ihre Eltern weniger finanzielle Ressourcen haben, um Nachhilfe und auch andere private Bildungsangebote zu bezahlen.“
Anders als bei Sport- und Musikunterricht oder beim Besuch von Kindertageseinrichtungen sehr junger Kinder haben neben dem Haushaltseinkommen auch Unterschiede wie Migrationshintergrund der Eltern und Erwerbsstatus der Mutter in jüngster Zeit deutlich weniger Einfluss darauf, ob ein Kind Nachhilfe bekommt oder nicht.
Im Zeitraum von 2000 bis 2003 nahmen in Familien, in denen beide Eltern einen Migrationshintergrund haben, um die 20 Prozent der Jugendlichen mindestens einmal Nachhilfeunterricht, im Vergleich zu etwa 30 Prozent bei Jugendlichen mit Eltern ohne Migrationshintergrund oder nur einem Elternteil mit Migrationshintergrund. Dieser Unterschied war rund 15 Jahre später nicht mehr vorhanden: Nun gab fast die Hälfte aller 17-Jährigen an, bereits Nachhilfe bekommen zu haben – unabhängig vom Migrationshintergrund der Eltern.
Auch der Erwerbsstatus der Mutter war zuletzt weniger wichtig. Ganz gleich, ob die Mutter Vollzeit, Teilzeit, geringfügig oder gar nicht erwerbstätig war: In jedem Fall lag der Anteil der Kinder, die Nachhilfe bekamen, bei 45 bis 50 Prozent. Etwa 15 Jahre zuvor waren die Unterschiede größer. Einzig bei Kindern von arbeitslosen Müttern hat sich der Anteil der Nachhilfeschülerinnen und -schüler kaum erhöht.
Insgesamt ähneln die Zahlen des DIW denjenigen der Bertelsmann-Studie: Von 2009 bis 2013 gaben 47 Prozent der jeweils befragten 17-jährigen an, zumindest einmal im Laufe ihrer Schulzeit bezahlte Nachhilfeangebote genutzt zu haben – rund 20 Prozentpunkte mehr als vor etwa 15 Jahren. Insgesamt nahmen im Jahr 2013 13 Prozent aller Schülerinnen und Schüler innerhalb der vorangegangenen sechs Monate Nachhilfe: In den Grundschulklassen waren es durchschnittlich sechs Prozent, in der Sekundarstufe I 18 Prozent.
Warum immer mehr Jugendliche Nachhilfe nehmen, bleibt allerdings unklar. Neben der Unzufriedenheit mit schulischen Lehrangeboten, könne darin auch eine zunehmende Leistungs- oder auch „Marktorientierung“ bei Eltern und Schülern zum Ausdruck kommen, die versuchten Schulleistungen durch individuelle und privat bezahlte Förderangebote zu verbessern, stellen die Forscher anheim.
Da Schüler aus Haushalten der unteren Einkommensgruppen jedoch noch immer seltener Nachhilfeunterricht bekommen, könnte dies nach wie vor dazu beitragen, Bildungsungleichheiten zu verstärken. Anders als vermutet bestehen keine signifikanten Unterschiede in der Nachhilfenutzung zwischen Schülerinnen und Schülern von Ganztagsschulen und Halbtagsschulen.
Bleibt damit zwar der Ausbau der Ganztagschulen ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, wird wohl auch auf diese Weise der private Nachhilfemarkt nicht zum Erliegen kommen, wie etwa von VBE-Chef Udo Beckmann erhofft. Insgesamt handelt es sich um einen nicht zu unterschätzenden Wirtschaftszweig, mit einem geschätzten Marktvolumen zwischen 0,9 und 1,5 Milliarden Euro, den neben Privatpersonen auch zu rund einem Viertel bis zu einem Drittel private Nachhilfeinstitute bespielen. (zab, pm)
DIW Wochenbericht 6/2016 (pdf)
zum Bericht: Jeder siebte Schüler geht zur Nachhilfe – Eltern machen (Leistungs-)Druck
