DARMSTADT. Berufsorientierung gilt als Schlüsselstelle im Bildungssystem – und zugleich als eines seiner größten Problemfelder. Zwischen Studienwahl, Ausbildungssuche und einer kaum überschaubaren Angebotslandschaft stehen junge Menschen oft früh vor Entscheidungen mit weitreichenden Folgen. Wie tragfähig die bestehenden Strukturen sind, welche Rolle Schule dabei tatsächlich spielt und warum berufliche Bildung in Deutschland trotz aller Bekenntnisse weiterhin unter Wert läuft, darüber spricht Prof. Dr. Ralf Tenberg im Interview. Tenberg ist Technikdidaktiker an der TU Darmstadt und befasst sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit beruflicher Bildung, Übergängen im Bildungssystem und Fragen der Berufsorientierung.
News4teachers: Herr Tenberg, Sie hatten an Ihrer Hochschule gerade Orientierungswochen. Was läuft dort genau?
Tenberg: Solche Studienorientierungswochen, Präsenz-Veranstaltungen also, bei denen sich Schülerinnen und Schüler über die Studiengänge informieren können, gibt es mittlerweile an allen Hochschulen und Universitäten. Dort haben die Fachbereiche, Institute und Departments Stände oder kleine Aufbauten und stellen dar, wie der jeweilige Studiengang aussieht.
Mitarbeitende und Studierende sind dabei, um das Ganze lebendig zu machen. Für Schülerinnen und Schüler, die regional studieren wollen, ist das eigentlich der beste Weg, sich zu informieren. Es ist einfach etwas anderes als die vielen Online-Formate, die es inzwischen gibt. Die TU Darmstadt bietet darüber hinaus auch ein Online-Assessment an, nicht nur zu Studiengängen allgemein, sondern auch für die Lehramtsstudiengänge. Dort bekommt man nicht nur Informationen, sondern auch eine Rückmeldung, inwiefern der Studiengang zu einem passt oder umgekehrt. Das kann bei der Entscheidungsfindung helfen.
“Berufsorientierung müsste strukturiert, reflektiert und nachvollziehbar passieren. Dabei ist die Schule gefordert”
News4teachers: Diese Online-Assessments laufen anonym, nehme ich an. Haben Sie Rückmeldungen dazu, ob sie beachtet werden?
Tenberg: Man hat Feedback über Klickzahlen und infrastrukturelle Daten, also wie oft was aufgerufen wird. Aber es gibt keinerlei Personifizierung, das wäre datenschutzrechtlich nicht möglich. Und es würde der Sache auch wenig gerecht werden. Wenn man solche Informationen gewinnen will, müsste man offizielle Studien durchführen.
News4teachers: Sie wissen also nicht, ob Personen, denen vom Lehramt eher abgeraten wird, am Ende doch Lehrkraft werden?
Tenberg: Ein dringendes Abraten ist ohnehin selten. Es gibt eher Hinweise. Wenn jemand zum Beispiel große Schwierigkeiten hat, vor anderen Menschen zu sprechen, oder Probleme in der sozialen Wahrnehmung, dann kommt der Hinweis, dass es im Beruf schwierig werden könnte. Das ist kein Abraten, sondern ein konstruktiver Hinweis. Das kann für Jugendliche oder junge Erwachsene wertvoll sein, um sich damit auseinanderzusetzen. Wenn jemand mit Kompetenzen in den Lehrberuf geht, die nicht gut passen oder bei denen wichtige Fähigkeiten fehlen, dann können das schwierige Jahrzehnte werden – für alle Beteiligten.
News4teachers: Wie erleben Sie die Schülerinnen und Schüler, die zu solchen Orientierungswochen nach Darmstadt kommen? Sind sie schon gut orientiert?
Tenberg: Es ist eine typische Gemengelage, aber schon die Teilnahme ist eine Art Selektion. Da geht niemand hin, weil er oder sie von den Eltern geschickt wird. Das sind Interessierte, die sich informieren wollen. Wenn ich mir das Umfeld meines älteren Sohnes anschaue, der bald Abitur macht, weiß ich nicht, wie viele davon freiwillig zu einer Berufs- oder Studienorientierungsveranstaltung gehen würden. Das ist schon eine starke Vorselektion. Diejenigen, die kommen, erleben wir als interessiert, offen, aber auch relativ zielgerichtet. Sie schauen sich das an, was in ihrem Fokus liegt. Gleichzeitig ist die Gesamtheit der angebotenen Studiengänge eine Herausforderung. Als ich angefangen habe zu studieren, gab es deutschlandweit etwa 350 Studiengänge. Das war in den Achtzigern. Heute ist die Zahl deutlich höher.
News4teachers: Und wie sieht es im Bereich der Ausbildung aus?
Tenberg: Die Zahl der Ausbildungsberufe ist relativ konstant geblieben. Es sind etwa 330 duale Ausbildungsberufe. Es kommen immer wieder ein paar hinzu, andere fallen weg. Das braucht ein normiertes, universelles Format, weil die Berufe deutschlandweit ausgebildet und ausgeübt werden. Wenn ich in Bremen einen Mechatroniker einstelle, will ich nicht prüfen müssen, wo er ausgebildet wurde, sondern wissen, was er kann.
News4teachers: Wie erleben Sie insgesamt die Berufsorientierung? Gibt es hier ein grundsätzliches Problem?
Tenberg: Berufsorientierung ist ein Riesenthema. Es gibt die Lücke zwischen akademischer und nichtakademischer Berufsfindung. In der akademischen Welt ist es eher Studienorientierung. Man schaut sich Studiengänge an, aber weniger, was das später beruflich bedeutet. In der nichtakademischen Welt ist es tatsächlich Berufsorientierung, mit Berufsbildern, Messen und Angeboten der Kammern, auch um Auszubildende zu gewinnen. Gerade in Bereichen mit Mangel, etwa im Handwerk, im Baubereich oder in körperlich anspruchsvollen Berufen. Dort ist es heute oft ein Markt zugunsten der Jugendlichen. Viele Betriebe haben Schwierigkeiten, Ausbildungsstellen zu besetzen. Gleichzeitig gibt es sehr beliebte Berufe wie Medienberufe oder den Schreinerberuf, die stark nachgefragt sind, auch wenn die berufliche Realität nicht immer bekannt ist. Andere Berufe wie Industriekaufleute oder Kfz-Mechatroniker nehmen weiterhin viele auf. Insgesamt gibt es sehr unterschiedliche Entwicklungen.
News4teachers: Es gibt – neben der Schule – sehr viele Angebote zur Berufsorientierung. Ist die Fülle nicht auch ein Problem, weil Schüler und Eltern leicht den Überblick verlieren?
News4teachers: Kann Schule das überhaupt leisten? Oder ist sie dafür eigentlich ungeeignet?
Tenberg: Berufsorientierung ist ein Schnittstellenthema. Es braucht informierte Personen an der Schule, aber auch eine externe Schnittstelle, die Organisation und Koordination übernimmt. Betriebspraktika sind eigentlich der Schlüssel, weil man dort unmittelbar erlebt, wie gearbeitet wird. Aber sie werden oft als Zusatzaufgabe behandelt. Eine Woche Praktikum in der 10. Klasse ist wenig. Man müsste Schülerinnen und Schüler viel besser vorbereiten, etwa mit Kursen, Medien und Reflexionsangeboten.
“Wenn Schülerinnen und Schüler eine Schulart verlassen, gibt es oft keinen geregelten Anschlussprozess”
News4teachers: Ein weiteres Problem sind Jugendliche, die das System verlassen und vom Radar verschwinden.
Tenberg: Ja, das ist ein großes Thema. Wenn Schülerinnen und Schüler eine Schulart verlassen, gibt es oft keinen geregelten Anschlussprozess. Gerade im unteren Bildungsbereich entstehen Warteschleifen, Maßnahmen ohne klare Perspektive. Manche landen später als junge Erwachsene ohne Ausbildung, ohne Einkommen, ohne Anstellung. Das sind individuelle Schicksale, die ins Prekariat führen und gesellschaftlich eine Hypothek darstellen.
News4teachers: Gleichzeitig wird immer betont, wie wichtig berufliche Bildung für den Wirtschaftsstandort ist. Läuft sie trotzdem unter Wert?
Tenberg: Ja, das ist dieses Doppelbödige. Ausbildung wird gelobt, aber viele würden ihrem eigenen Kind nach dem Abitur eher zum Studium raten. Studium gilt als sicherer, mit besseren Aufstiegschancen. Gleichzeitig hält sich das Narrativ, dass Ausbildung eine Sackgasse sei. Das ist falsch. Über 30 Prozent der Studierenden an der TU Darmstadt haben kein allgemeines Abitur. Der Weg über die Ausbildung ist inzwischen ein häufig begangener und erfolgreicher Weg. In den Abschlüssen und später im Beruf zeigen sich keine Unterschiede.
News4teachers: Ist das vor allem ein Kommunikationsproblem?
Tenberg: Es ist auch ein Narrativproblem. Der berufliche Bildungsweg gilt als besonders anstrengend, als etwas für wenige. Das stimmt so nicht. Der Weg über die Berufsausbildung zur Hochschulreife ist nicht leichter und nicht schwerer als der klassische Weg, aber er ist reifer und sinnhaftiger. Beruflichkeit schafft einen Sinnzusammenhang beim Lernen. Das hilft enorm.
News4teachers: Müssten akademische und berufliche Bildung stärker verzahnt werden, etwa über duale Studiengänge?
Tenberg: Es gibt bereits eine starke Verzahnung. Duale Studiengänge sind sehr beliebt, weil sie Praxis, Studium und oft auch Einkommen verbinden. Gleichzeitig gibt es viele Studiengänge, die sich nicht dualisieren lassen und grundlagenorientiert bleiben müssen. Die Mischung ist wichtig. Das Hauptproblem liegt weiterhin im Übergang zwischen beruflich Ausgebildeten und akademisch Gebildeten, auch wenn sich hier schon viel verbessert hat, etwa durch den Bachelor Professional.
News4teachers: Gibt es noch einen Aspekt, der Ihnen besonders am Herzen liegt?
Tenberg: Der Übergangsbereich. Die Probleme dort löst man nicht erst in der Jugend. Man müsste viel früher ansetzen, im Elementarbereich. Wenn wir verhindern wollen, dass Menschen später in diffuse Übergänge abrutschen, müssen wir in der frühen Bildung deutlich besser werden. Berufsorientierung ist kein isoliertes Thema, sondern Teil des gesamten Bildungssystems. News4teachers / Andrej Priboschek führte das Interview
