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Lehrerin mit Messer bedroht – Schülerin schuldunfähig, Kollegium traumatisiert

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LUDWIGSHAFEN. Der Messerangriff auf eine Lehrerin an der Karolina-Burger-Realschule Plus in Ludwigshafen hat ein juristisches Ende gefunden. Eine 17-jährige Schülerin, die Ende Mai mit einem Messer in das Lehrerzimmer eingedrungen war und eine Lehrerin bedrohte, wird in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht. Das Landgericht Frankenthal ordnete dies in einem nicht öffentlichen Verfahren an. In der Schule hat die Tat Spuren hinterlassen: Das Kollegium wirkt traumatisiert.

Das Gericht hat entschieden. (Symbolbild.) Foto: Shutterstock

Nach Einschätzung der Kammer leidet die Jugendliche an Schizophrenie und war zum Tatzeitpunkt schuldunfähig. Zugrunde gelegt wurde eine versuchte gefährliche Körperverletzung; das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

Der Angriff selbst hatte sich am 29. Mai 2025 ereignet. Die Schülerin stand plötzlich mit einer Klinge im Lehrerzimmer. Die betroffene Lehrerin konnte die Attacke abwehren und der Jugendlichen das Messer aus der Hand schlagen. Mit Hilfe weiterer Kolleginnen und Kollegen gelang es, die Schülerin zu überwältigen und am Boden zu fixieren. Körperlich verletzt wurde niemand – psychisch aber hat der Vorfall tiefe Spuren hinterlassen.

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Für viele Lehrkräfte der Schule gilt dieser Tag als Kipppunkt. „Seitdem geht es vielen Kolleginnen und Kollegen deutlich schlechter, nicht wenige sind krank oder überlastet“, schildert eine Lehrkraft gegenüber dem SWR rückblickend. Der Angriff habe die ohnehin angespannte Situation eskalieren lassen. Was zuvor schon als kaum tragbar empfunden worden sei, habe sich in offene Angst verwandelt – um die eigene Sicherheit, um die der Kolleginnen und Kollegen, um die der Schülerinnen und Schüler.

Zumal: Der Messerangriff kam nicht aus dem Nichts. Bereits zuvor hatte sich der Schulalltag an der Realschule Plus zunehmend von pädagogischer Normalität entfernt. Gewalt, Drohungen und massive Unterrichtsstörungen gehörten nach Schilderungen aus dem Kollegium längst zum Alltag. Doch nach dem Angriff veränderte sich etwas Grundsätzliches: Das Gefühl, dass es jederzeit wieder passieren könnte.

„Es gibt wirklich Kolleginnen, die Angst um ihr Leben haben“

Hinzu kam eine Amokdrohung Ende Oktober, die sich später als substanzlos herausstellte, die Schule aber erneut lahmlegte und evakuiert werden musste. Für viele Lehrkräfte verstärkte sich dadurch der Eindruck, im Stich gelassen zu sein. Trotz zahlreicher Hilferufe habe es keine spürbare Entlastung gegeben. Ausschlüsse von Schülerinnen und Schülern seien selten, auch weil der bürokratische Aufwand enorm sei und nur für extremste Fälle betrieben werde.

Schließlich entschieden sich die Lehrkräfte, den internen Weg zu verlassen. In einem ausführlichen Brandbrief wandten sie sich an die Schulaufsicht und machten öffentlich, was sich über Monate angestaut hatte. Sie beschrieben einen Schulalltag, der geprägt sei von Gewalt, Drohungen und permanenter Überforderung. In dem Schreiben heißt es offen: „Wir können so nicht mehr unterrichten.“

Lehrkräfte berichteten von Büchern, die nach ihnen geworfen würden, von sexualisierten Beschimpfungen, körperlichen Übergriffen und Fake-Accounts in sozialen Netzwerken, über die Kolleginnen und Kollegen gezielt diffamiert würden. Mobiliar werde zerstört, Wände beschädigt, Böller in Klassenräumen gezündet. Auch die hygienischen Zustände schilderte das Kollegium als unhaltbar. Überflutete Toiletten, beschmierte Wände, Urinlachen in Fluren. Manche Lehrkräfte mieden ganze Gebäudeteile, weil die Luft dort „unerträglich“ sei.

Diese Einschätzung bestätigte später auch die anonyme Lehrkraft im Gespräch mit dem SWR. Sie beschrieb einen Schulalltag, in dem Unterricht kaum noch möglich sei. Viele Kinder kämen ohne Materialien, ohne grundlegende Kompetenzen. Gewalt sei allgegenwärtig. Lehrkräfte planten den Tag so, dass alle „unverletzt rauskommen“. Schlägereien auf den Gängen würden teilweise bewusst ignoriert, um schnell ins eigene Klassenzimmer zu gelangen und dort Schlimmeres zu verhindern.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft spricht von einer Ausnahmesituation. Die GEW-Landesvorsitzende Christiane Herz berichtete von jungen Lehrkräften, die überfordert seien und teils krankheitsbedingt ausfielen. „Es gibt wirklich Kolleginnen, die Angst um ihr Leben haben“, sagte sie. Das könne kein Normalzustand sein.

Nach dem Brandbrief und der erneuten Evakuierung der Schule reiste Bildungsminister Sven Teuber (SPD) nach Ludwigshafen. Er sprach von „null Toleranz“ gegenüber Gewalt und kündigte Maßnahmen an, um die Belastung zu senken. Konkrete Details blieben allerdings offen. Die Stadt verwies zugleich auf ihre angespannte Finanzlage.

Der nun entschiedene Prozess gegen die Jugendliche wirft ein Schlaglicht auf die Komplexität der Situation. Strafrechtlich endet der Fall mit einer Unterbringung in der Psychiatrie. Für das Kollegium der Karolina-Burger-Realschule Plus aber bleibt die zentrale Frage offen: wie verhindert wird, dass es erneut so weit kommt – und wie ein Schulalltag wieder möglich werden kann, in dem Lehrkräfte nicht jeden Tag um ihre Sicherheit fürchten müssen. News4teachers / mit Material der dpa

„Ich schieße euch alle ab“ – Ganzes Kollegium schreibt Brandbrief: Realschule versinkt in Gewalt, Angst und Chaos

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