WIESBADEN. Berufsorientierung gilt seit Jahren als eine der zentralen Baustellen im deutschen Schulsystem – und als eine der größten Herausforderungen für Lehrkräfte, die Jugendliche realistisch auf Ausbildung und Arbeitswelt vorbereiten sollen. Zwischen überbordenden Angeboten, wohlmeinenden Projekten und knappen personellen Ressourcen geht dabei oft genau das verloren, was junge Menschen am dringendsten bräuchten: echte Einblicke, konkrete Erfahrungen und verlässliche Orientierung.
Genia Gütter kennt diese Spannungsfelder aus eigener jahrzehntelanger Praxis. Die frisch pensionierte Lehrerin war 28 Jahre lang Klassenleiterin und viele Jahre Konrektorin an einer Haupt- und Realschule in Hessen. Berufsorientierung, Netzwerkarbeit, kulturelle Bildung und Schulentwicklung gehörten zu ihren zentralen Arbeitsfeldern – mit messbarem Erfolg: Unter ihrer Mitwirkung wurde die Schule unter anderem mit dem Deutschen Arbeitgeberpreis für Bildung ausgezeichnet und mehrfach im Wettbewerb „Starke Schule“ prämiert, hinzu kamen verschiedene IHK-Auszeichnungen.
In ihrem Gastbeitrag für News4teachers beschreibt Gütter, warum Berufsorientierung an Schulen ohne starke externe Partner nicht funktionieren kann, weshalb das Gießkannenprinzip aus ihrer Sicht scheitert – und warum Individualisierung, Praxisnähe und reale Begegnungen mit der Arbeitswelt dringend wieder stärker in den Mittelpunkt rücken müssen.
Berufsorientierung an Schulen kommt nicht ohne Partner aus
Eine wesentliche Forderung der Unternehmen an Schule ist: Schüler/innen sollen die sogenannte Ausbildungsreife während der Schulzeit erlangen, sodass sie problemlos von der Schule ins Arbeitsleben einmünden können.
Dass hier ein großer Bedarf an Unterstützung besteht, ist unbestreitbar. Denn bei über 20.000 Studiengängen und über 300 anerkannten Ausbildungsberufen in Deutschland fällt die Orientierung schwer. Beratung und Begleitung der Jugendlichen ergibt sich also schon allein aus der Fülle der Angebote.
Dabei tun sich drei Problemkreise auf:
- Die Jugendlichen sind sich der Möglichkeiten, die der moderne Ausbildungs- und Arbeitsmarkt bietet, nicht ausreichend bewusst.
- Die Jugendlichen folgen nicht unbedingt ihren eigenen Neigungen und Stärken, die sie oftmals nicht wirklich kennen, sondern Moden und Trends oder Wunschvorstellungen, wie möglichst bald ein möglichst hohes Gehalt zu erhalten.
- Wie sie in die Berufswelt einmünden sollen und was dort von ihnen erwartet wird, ist für viele Jugendliche mit vielen Fragezeichen verbunden, weil sie oft bis zur „heißen Phase“ der Berufsorientierung in einem Umfeld lebten, in dem Berufstätigkeit wenig mit ihnen zu tun hat.
Dadurch tun sich für die Schulen Probleme auf:
- Wie kann Schule die Jugendlichen an die Arbeitswelt heranführen?
- Wo kann die Schule Unterstützung erhalten?
- Wo stößt die Schule an ihre Grenzen?
- Welche Grundlagen muss Schule legen, damit der Übergang in die Berufswelt gelingt?
Fast alle Schulen im Bereich der Sek I haben ein Konzept zur Berufsorientierung und nehmen eine Vielzahl von Angeboten für ihre Schüler/innen wahr: von einer geradezu überwältigenden Flut an Flyern und Informationsbroschüren, über bunte Aushänge und Coachings der unterschiedlichsten Anbieter, dazu die Beratungsangebote der Bundesagentur für Arbeit, die Praktika und Betriebserkundungen und so weiter. Darin liegt ein Problem: Da werden oft wenig koordiniert aus dem riesigen Füllhorn einfach alles über die Schüler/innen ausgeschüttet.
Hier sollte aber die Maxime lauten: Weniger ist mehr, dafür aber bitte realitätsnäher.
Wenn man die Jugendlichen permanent mit einer solchen Informationsflut überschüttet, muss man sich nicht wundern, wenn die Plakate am Infobrett gerissen und die Flyer tatsächlich zu kleinen Fliegern umfunktioniert werden, die dann durch das Schulhaus flattern. Auch die einhundertfünfzigste Betriebserkundung wird dann irgendwann sehr zum Leidwesen der gastgebenden Firma zu einem ungeduldigen „Abgreifen“ der Werbegeschenke und einem gelangweilten Schlendern über das Werksgelände.
Das Gießkannenprinzip stößt also durch Überfütterung und mangelnde Zielgerichtetheit schnell an seine Grenzen. Ich sehe dabei auch solche Coachings kritisch, bei denen der Coach vor einer vollen Halle modern und hip die Jugendlichen geradezu aufpeitscht mit schönen Phrasen, dass jeder alles erreichen könne und dass man nur wollen muss. Das Ganze gewürzt mit ein paar Sozialspielchen und ordentlich Musik lässt die Jugendlichen euphorisiert aus einer solchen Veranstaltung gehen, hat aber in aller Regel wenig Nachhall und ist auch irreführend, weil eben nicht jeder am Ende ein Jahresgehalt von über 100.00,00 Euro plus Firmenwagen der Extraklasse haben wird. Auch Erwachsenen fällt die kritische Distanz bei solchen Veranstaltungen oft schwer. Um wieviel schwerer muss sie Jugendlichen fallen, die mit solchen Formaten noch wenig Erfahrung haben?
Das Zauberwort lautet stattdessen: Individualisierung!
Schon früh ist es wichtig, dass Schüler Einblicke in die Welt der Arbeit erhalten, dass sie von Fachleuten erfahren, was von Auszubildenden und auch von Studierenden erwartet wird. Es ist wichtig, dass sie auch einmal vor einer CNC-Maschine stehen oder einer MTA beim Blutabnehmen zuschauen und dass sie erfahren, dass es absolut selbstverständlich ist, dass man seinen Arbeitsplatz nach der Arbeit säubert und sorgfältig mit den Werkzeugen und Werkstoffen umgehen muss. Dies sind Grunderfahrungen, die jeder Schüler/ jede Schülerin machen sollte und in der Schule auch machen kann.
Lösungsansatz 1: Mehr praxisorientierten Unterricht im Fach Arbeitslehre für alle Schüler/innen!
Und wenn ich von Erfahrungen spreche, so meine ich es genauso, nämlich als Erfahrung durch eigenes Tun. Im Bereich des Gymnasiums ist das Fach Arbeitslehre gar nicht erst in der Stundentafel verankert und die Berufsorientierung findet bestenfalls in Projekten oder als Anhang an andere Fächer statt. In den Haupt- und Realschulen ist es zwar als Pflichtfach verankert, doch ist hier die Problematik, dass immer mehr Schulen auf die arbeitspraktische Ausrichtung weitgehend verzichten, weil eine solche personelle Ressourcen bindet. Aus arbeitsschutzrechtlichen Gründen und auch wegen der räumlichen Ausstattung der meisten Schulen ist ein arbeitspraktischer Unterricht in der Lehrküche oder dem Werkraum für Holz, Metall und/oder Elektrik mit voller Klassengröße, die bis zu 30 Schüler/innen reichen kann, wenig ratsam. Teilt man aber die Lerngruppen, so muss man entsprechend mehr Personal einsetzen. Beispiel: Zwei Klassen mit 21 bzw. 22 Schüler/innen müssen „auf Band gelegt“ werden, um so in drei Gruppen in den arbeitspraktischen Fachräumen unterrichtet werden zu können. Dafür benötigt die Schule für jeden so beschulten Jahrgang dann aber eine Fachlehrkraft mehr, die ihr laut Personalschlüssel jedoch nicht zusteht. Diese Stunden müssen also aus den Sonderzuteilungen generiert werden, die auch für andere Angebote in der Schule dringend gebraucht werden.
Meine erste Forderung wäre deshalb, sowohl in den Gymnasien als auch in den Haupt- und Realschulzweigen das Fach Arbeitslehre mit einer starken Ausrichtung auf die Arbeitspraxis wieder aufleben zu lassen.
Lösungsansatz 2: Realbegegnungen sind wichtiger als Theorie!
Kein Fachlehrer für Arbeitslehre kann halbwegs so authentisch über Arbeit außerhalb von Schule sprechen, wie Menschen, die in Firmen tätig sind. Wenn eine Lehrkraft darüber doziert, dass die Firmen Ansprüche an Arbeits- und Sozialverhalten haben, können sie sicher sein, dass es meistenteils ungehört verpufft. Sagt das aber die Personalchefin einer Firma, so hat das einen ganz anderen Stellenwert. Firmen müssen in der Schulwirklichkeit erlebbar sein: durch gut vorbereitete und durchgeführte Betriebserkundungen, durch ebenso sachkundig und verantwortungsvoll geleitete und betreute Praktika, durch Praktiker an den Schulen (z.B. für Expertenbefragungen) und Besuche auf Berufsmessen, deren Konzept aber ein anderes sein muss als ein Stand mit Werbegeschenken, Infomaterial und mehr oder minder engagiertem und informiertem Personal. Alles, was hier im Allgemeinen bleibt, ist Verschwendung an Zeit und Geld.
Ein gutes Bespiel für gelungene „Ausstellungsarbeit“ ist der M+E-Truck der Metall und Elektroindustrie. In diesem Truck, der von Schulen oder Institutionen gebucht werden kann, lernen die Schüler/innen an verschiedenen Stationen ganz praktisch typische Aufgaben aus dem Bereich dieser Berufsfelder kennen und dürfen sich selbst ausprobieren. Selbstverständlich gibt es zudem die Möglichkeit für Gespräche und natürlich liegt Infomaterial bereit. Aber allein die Erfahrung, selbst eine kleine Programmierung vorgenommen zu haben, nach deren Vorgabe die Maschine im Anschluss automatisch ein Herz oder einen Buchstaben in ein Stück Metall fräst, ist für viele jugendlichen Besucher schon beeindruckend, nimmt ein Stück weit die Angst vor diesen Berufen und lässt Neugierde entstehen. Nach einer solchen praktischen Erfahrung, sind die Fragen an die Experten meist detaillierter und vielfältiger. Es ist wichtig, dass die Unternehmen hier aktiv in den Schulen präsent sind. Patenschaften zwischen Firmen und Schulen sind ein guter Ansatz. Im Kreis Limburg-Weilburg zum Beispiel pflegt darüber hinaus die IHK eine Schirmherrschaft über solche Kooperationen.
Firmen mit konkreten Informationsformaten an Schulen zu binden, ermöglicht Realbegegnungen, die schnell zu Win-Win-Situationen werden können (die Jugendlichen lernen die Firmen kennen und verlieren ihre Schwellenangst und die Firmen lernen die Jugendlichen kennen und können sich selbst darstellen).
Der zweite Teil des Gastbeitrags (mit weiteren Lösungsansätzen) erscheint morgen auf News4teachers.
Hier geht es zu allen Beiträgen des Themenmonats “Berufsorientierung & Berufliche Bildung”.
Warum es an der Zeit ist, die Vorurteile über Berufsausbildung endlich zu überwinden – ein Kommentar
