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Brutaler Angriff einer Schülergruppe auf einen Polizisten löst Bestürzung aus

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HAMBURG. Der brutale Angriff von Schülern auf einen Polizisten an einer Hamburger Schule sorgt für Entsetzen. Der Beamte, der für die Schule als Ansprechpartner im Einsatz ist, hatte den Streit zwischen zwei Kindern schlichten wollen. Die Lage eskalierte: Zwölf Streifenwagen waren schließlich nötig, um eine randalierende Jugendgruppe zu bändigen. Die Schulleitung will Konsequenzen ziehen.

Die Polizei rückte mit zwölf Streifenwagen an. (Symbolfoto) Foto: NicoLeHe / pixelio.de

Das Geschehen ereignete sich bereits am vergangenen Donnerstag: Ein Polizeibeamter, der als sogenannter “Cop4U” gezielt im schulischen Umfeld tätig ist, fuhr am Nachmittag mit einem Fahrrad Streife, als er auf zwei Schüler aufmerksam wurde, die sich offensichtlich stritten. Um sie herum hatte sich laut Polizeibericht bereits eine größere Traube anderer Kinder und Jugendlicher gebildet.

„Nur weil der Polizeibeamte bei dem Einsatz noch seinen Fahrradhelm trug, blieb er unverletzt“

Weiter heißt es: „Als der Beamte einschritt und die beiden Streitenden trennte, hielt einer der Jungen vehement eine Hand unter seiner Jacke verborgen und zeigte sie auch nach mehrfacher Aufforderung des Polizisten nicht vor. Da der 13-Jährige dem Beamten bereits bekannt und nicht auszuschließen war, dass er bewaffnet sein könnte, fixierte der Beamte die Arme des Jungen aus Eigensicherungsgründen. Der Junge leistete daraufhin starken Widerstand und schlug um sich, sodass der Beamte ihn schließlich zu Boden bringen und dort weiterhin fixieren musste. Die umherstehenden Kinder und Jugendlichen solidarisierten sich auf hochaggressive Weise mit dem Festgehaltenen und bedrängten den auf dem Boden liegenden Polizisten. Aus der Gruppe heraus wurde diesem mehrfach gegen den Kopf getreten. Nur weil der Polizeibeamte bei dem Einsatz noch seinen Fahrradhelm trug, blieb er unverletzt.“

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Und weiter: „Zur Unterstützung hinzugerufene Polizeikräfte konnten die Menschenmenge, die zwischenzeitlich aus mehr als 80 Schülern bestand, von dem ‚Cop4U‘ und dem festgehaltenen Schüler abschirmen. Die Stimmung unter den Schülern blieb weiterhin aufgeheizt. Polizeibeamte wurden aus der Gruppe heraus beleidigt, bespuckt und angegriffen. Einige Anwesende versuchten, die Polizeikette zu durchbrechen. Erst nachdem der 13-Jährige in Gewahrsam genommen und abtransportiert worden war, entspannte sich die Situation wieder und die Menschentraube löste sich auf. An dem Einsatz waren insgesamt 12 Streifenwagenbesatzungen beteiligt. Es wurde niemand verletzt.“

„Es hat uns entsetzt, mit welchem Gewaltpotenzial schon Kinder agieren können“

Die Leitung der Hamburger Ida Ehre Schule zeigt sich schockiert über den brutalen Schüler-Angriff. «Es hat uns entsetzt, mit welchem Gewaltpotenzial schon Kinder agieren können», heißt es in einem Brief von Schulleiterin Nicole Boutez, der am Montag veröffentlicht wurde. Und es sei gewiss, dass dieser Vorfall nicht ohne Folgen hingenommen werde. «Neben aller polizeilichen und disziplinarischen Konsequenzen sehen wir es als unsere Pflicht an, mit der gesamten Schülerschaft sehr gezielt hierzu zu arbeiten, was geschehen ist», hieß es weiter.

Die Schulleitung betonte, dass der mutmaßliche Haupttäter, ein 13-Jähriger Schüler, an einer anderen Schule sei. Schülerinnen und Schüler der Ida Ehre Schule seien von ihm seit Beginn des neuen Schuljahres «in bedrohlicher Weise angesprochen und unter Druck gesetzt worden», hieß es. Gemeinsam mit dem Cop4U habe die Schulleitung sowohl mit betroffenen Eltern als auch mit Kolleginnen und Kollegen gesprochen.

Auch Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) zeigte sich bestürzt über den Vorfall. „Gewalt wird weder in der noch vor der Schule akzeptiert“, sagte Rabe am Montag laut Mitteilung. „Wir werden mit aller Konsequenz vorgehen.“ Schulleitung, -aufsicht, -psychologen und Gewaltprävention arbeiten dem Schulsenator zufolge bereits mit Hochdruck daran, unter anderem herauszufinden, welche Schlüsse aus dem Vorfall zu ziehen und welche Maßnahmen einzuleiten sind. News4teachers / mit Material der dpa

Im Wortlaut

Die Stellungnahme der Schule:

“Wir, die Ida Ehre Schule, nehmen Stellung zu dem alarmierenden und abstoßenden Vorfall vom 19.08.21 an der Ecke Bogenstraße/Schlankreye.

Zunächst müssen wir kurz die Sachlage darstellen, um allen Beteiligten und Interessierten die gleiche informative Ausgangslage zu ermöglichen. Schülerinnen und Schüler unserer Schule wurden, wie wir mittlerweile wissen, seit Beginn des neuen Schuljahres durch einen Schüler einer anderen Schule in bedrohlicher Weise angesprochen und unter Druck gesetzt. In dem Moment, als wir hiervon Kenntnis erlangt haben, haben wir augenblicklich ein bewährtes Verfahren begonnen. Unser Cop4U ist Ansprechpartner und Vertrauensperson
für alle in Schule. In der vertrauten und guten Zusammenarbeit mit dem Cop4U haben wir sowohl mit betroffenen Eltern, als auch mit Kolleginnen und Kollegen gesprochen.

Wir sehen es als unsere gute Pflicht an, dafür Sorge zu tragen, dass an dieser Schule ohne Gewalt und ohne Bedrohung gelernt und gelebt werden kann. Auch am Donnerstag war besagter Schüler einer anderen Schule wieder vor unserer Schule. Die sich daraus entwickelte Eskalation war erschütternd. Unter den vielen Schaulustigen waren Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene. Und unter diesen Kindern und Jugendlichen waren auch Schülerinnen und Schüler unserer Schule.

Wir haben sehr schnell in einem abgestimmten Verfahren in unterschiedlichen Rollen reagiert. Es sind selbstverständlich Kollegen in die Menge gegangen mit
dem klaren Ziel, Schülerinnen und Schüler vom Ort des Geschehens zu entfernen. Darauf haben auch einige der anwesenden Kinder und Jugendlichen reagiert. Andere Kolleginnen und Kollegen haben den Ausgang unserer Schule gesichert, damit Kinder einen anderen Ausgang nutzen können und nicht in das  Geschehen hineinlaufen. Wir weisen ganz klar die teilweise öffentlich gemachten Vorwürfe zurück, Lehrer hätten nicht eingegriffen: Im Gegenteil.

„Und es ist gewiss, dass dieser Vorfall zumindest an unserer Schule nicht konsequenzlos hingenommen wird“

Es hat uns entsetzt, mit welchem Gewaltpotenzial schon Kinder agieren können. Es hat uns erschrocken, mit welchem Selbstverständnis und in entfremdender Form „gegafft“ wird – von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Wir sind bestürzt über die scheinbare Empathielosigkeit der Zuschauer. Und es ist gewiss, dass dieser Vorfall zumindest an unserer Schule nicht konsequenzlos hingenommen wird. Neben aller polizeilichen und disziplinarischen Konsequenzen sehen wir es als unsere Pflicht an, mit der gesamten Schülerschaft sehr gezielt hierzu zu arbeiten, was geschehen ist. Es werden der Beratungsdienst der Schule und Mitarbeiter des ReBBZ für Schülerinnen und Schüler, sowie Eltern und Kollegen und Kolleginnen, die Gesprächsbedarf haben sowohl in der Schule, als auch im ReBBZ zur Verfügung stehen. Der Präventionsunterricht soll so schnell wie möglich in den Klassen durchgeführt werden. Dazu gehören Themen wie „wie helfe ich anderen“ etc. Außerdem werden die Kolleginnen und Kollegen im Unterricht immer wieder Gesprächsbereitschaft zu den Themen des Präventionsunterricht zeigen. Das Soziale Lernen, ein bereits in der Schule verankertes Projekt, werden wir neu
betrachten und schnell umsetzen.

Wir sehen uns mit einer gesellschaftlichen Entwicklung konfrontiert, deren Korrektiv die Schule nicht alleine sein kann. Auch deshalb sind wir dankbar für die Unterstützung durch den Elternrat, die Eltern, die Schülervertretung und die  Schüler, die Behörde und den Jugendschutz der Polizei.

Wir sind die Ida Ehre Schule. Wir sehen unseren Bildungsauftrag in der Vermittlung von Wissen, humanistischen Grundwerten und einem wachen Verstand. Wir sehen unseren Erziehungsauftrag darin Kinder und Jugendliche dazu zu befähigen, auf Grundlage der Vernunft, der Verantwortung und des Gewissens Entscheidungen treffen zu können. Wir versuchen, die Prinzipien der Bildung des Menschen in ihrem gesamten Zusammenhang allen an unserer Schule zugängig zu machen. Und auch deshalb sehen wir es als unsere vornehmste Pflicht an, hinzuschauen. Und aus diesem von allen Seiten getroffenen Blick vernünftige Entscheidungen zu treffen.

Wir sind eine große Gemeinschaft – in dieser Gemeinschaft sollen sich alle Menschen sicher und aufgehoben fühlen. In dieser Gemeinschaft muss der gute Streit um die Sache möglich sein. Gewalt hat hier nichts verloren. In keiner Form. Weder durch schaulustiges Verhalten, noch durch verletzende oder drohende Worte, noch durch den Aufruf zu Gewalt oder deren Akzeptanz, noch natürlich durch echte körperliche Gewalt. Wir werden über dieses Selbstverständnis sprechen und wir werden über Courage sprechen. Es war von den vielen Schülerinnen und Schülern unserer Schule nur ein kleiner Teil an diesem entsetzlichen Vorfall beteiligt. Und wenn es nur ein einziger Schüler gewesen wäre – es wäre einer zu viel gewesen.”

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