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Erzieherin platzt angesichts der Arbeitsbedingungen der Kragen: “Wir verheizen uns selbst!”

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BERLIN. Die aktuell laufenden Tarifverhandlungen für die Kita-Beschäftigten rücken den Fokus auf die Arbeitsbedingungen dort: so belastend, dass die Personalnot in den Einrichtungen stetig steigt. In dieser Situation fordern Kommunen als Kita-Träger, die Gruppenstärke zu vergrößern, wie News4teachers berichtet. Im LeserInnenforum zu dem Beitrag meldet sich ein Grundschullehrer zu Wort – und hält den Fachkräften in den Kindertagesstätten vor, die Kinder nicht ausreichend auf die Schule vorzubereiten. Eine Erzieherin antwortet. Wir dokumentieren das Schreiben.

Es reicht! Illustration: Shutterstock

„Ich bin dafür, endlich verbindliche Ziele der jahrelangen Kita Aufenthalte festzulegen. Quasi Vera für Kindergärten. Warum? Bislang behaupten Erzieher immer, sie würden frühkindliche Bildung vermitteln. In den Grundschulen zeigt sich leider, dass keinerlei Bildung oder Erziehung vorhanden ist“ – so schreibt Grundschullehrer “Emil” auf News4teachers.

Eine Erzieherin antwortet ihm:

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Sozilla 24. Februar 2022 um 16:28 Bearbeiten

„Es sind Beiträge wie deiner, Emil, die in mir am meisten Groll und Enttäuschung auslösen. So oft erfahren wir seitens des Schulsystems solche Vorwürfe und ziehen die Wut von Lehrer*innen oder anderen Akteur*innen des Bildungssystems auf uns. Oft werden wir für die Probleme der Kinder verantwortlich gemacht, welche sie mit in die Schule tragen, nachdem sie uns verlassen.

Es macht mich traurig und wütend gleichermaßen, dass in uns so selten Verbündete gesehen werden oder auch nur Leidensgenoss*innen, denn ich weiß sehr wohl, in welcher Situation sich Lehrkräfte befinden, die es vermehrt mit Kindern zu tun haben, die kaum auf das System Schule oder auch nur das Konstrukt ‚Bildung und Lernen‘ vorbereitet sind. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie man als Lehrkraft in einer solchen Situation unter Stress und Druck steht, der vom permanenten Personalmangel noch verstärkt wird, denn wir erleben es ganz genau so! (Nur dass uns selbst noch die Semiprofession, als welche der Beruf einer Lehrkraft immerhin weitestgehend gesellschaftlich angesehen ist, aberkannt wird, da unsere Ausbildungslaufbahn nun mal in der Mittelschicht und nicht im akademischen Hochschulsystem angesiedelt ist.)

Blindweg zu behaupten, dass das Fachpersonal in ausnahmslos allen Kindertageseinrichtungen die gewünschte Vorbereitung ohne weiteres leisten könnte, es aber einfach nicht tut, ist schlicht ungerecht. Ich kenne nur wenige, die diesen Beruf nicht aus Leidenschaft gewählt haben und täglich ihr Möglichstes tun. Nicht immer ist dieses Möglichste genug, aber fast immer überschreitet es schon die Grenzen des Machbachen und die der eigenen Gesundheit.

Schon vor 20 Jahren haben die Leistungserwartungen an Kitas und Schulen deutlich zugenommen

Früher war es vielleicht einmal einfacher zu bewerkstelligen, Kinder auf die Schule vorzubereiten, denn so viel wurde von ihnen dort noch nicht gefordert. Gleichzeitig haben aber auch die wenigsten Eltern(paare) zu dieser Zeit (beide) Vollzeit gearbeitet und konnten ihren Kindern vieles noch selbst vermitteln.

Aber schon vor 20 Jahren haben die Leistungserwartungen an Schulen deutlich zugenommen. Seitdem geschieht dasselbe in den Kindertageseinrichtungen, ohne aber dass das Personal und weitere Ressourcen dem ausreichend angepasst werden. Gleichzeitig kommt es aber immer häufiger vor, dass (beide) Eltern in Vollzeit arbeiten (müssen) und einfach nicht mehr die Kraft und Zeit für ihre Kinder aufbringen können.

Wann immer ein Kind zu uns kommt, das mehr Förderung verdient, als wir ihm geben können, und wann immer klar wird, dass dieses Kind nicht (mehr) zurückgestuft werden kann und bald in die Schule gehen wird, tut es mir im Herzen weh. Ich denke an die Herausforderungen, vor die es gestellt sein wird, frage mich, ob es daran seelisch zerbrechen wird und ob es trotzdem seinen Platz in unserer kaputten Gesellschaft finden wird (von der ich weiß, dass sie bei weitem nicht für alle Platz hat), aber genauso denke ich auch an die Personen, die es unterrichten werden – denn ihr Auftrag ist es vorwiegend zu bilden und nicht mehr zu erziehen. Und doch müssen sie diese Aufgabe mehr und mehr mit übernehmen, da für uns die Zeit und die Ressourcen ebenso wenig ausreichen wie für sie. Ich habe sehr viel Verständnis für den Ärger von Lehrkräften, denn ich habe auch sehr viel davon.

Aber genauso habe ich auch an vielen Stellen Verständnis für Eltern oder Kolleg*innen, die dem Druck einfach nicht mehr gewachsen sind. Es tut allerdings immer weh, wenn uns als Erzieher*innen der Ärger und nicht das Verständnis trifft. Gerade wenn so etwas von Lehrkräften kommt, fühlt es sich an, als würde einem in den Rücken gefallen, dabei sollten wir auf derselben Seite stehen, schließlich wollen wir alle dasselbe: Kinder aufs Leben vorbereiten, sie bestmöglichst unterstützen und bestärken in dem, was sie können, und eben auch in dem fördern, was sie (noch) nicht können.

Dass die Rahmenbedingungen, unter denen wir dies bewerkstelligen sollen, einfach nur noch unzumutbar sind, zeigt auch dieser Artikel (der eben die Forderung von Kommunen zur Personaleinsparung thematisiert, d. Red.), denn durch noch größere Gruppen, gleichzeitig aber noch weniger qualifiziertes Personal wird all das noch schwerer und unzumutbarer werden, denn pädagogisches Personal (egal ob an Schulen oder in Kitas) geht bereits permanent über die persönlichen Grenzen hinaus und immer mehr verlassen deswegen ihren Beruf (teilweise seelisch und körperlich vollends zerstört). Und dafür kann niemandem ein Vorwurf gemacht werden.

Die Mehrheit der Einrichtungen, die ich kenne, hält sich nur durch die überragenden Einzelleistungen der dort arbeitenden Fachkräfte über Wasser. Und leider sind Arbeitnehmer*innen in kaum einem anderen Bereich so sozial involviert wie hier. Dadurch, dass wir bereit sind, so viel für einen Job zu geben, der dermaßen schlecht bezahlt ist und in keiner Weise für das täglich geleistete und erlebte entschädigt, wird die prekäre Situation, in der sich das Bildungssystem und seine Personallage befinden, verschleiert. Und solange der Apparat zwar ächzt, aber noch läuft, wird es für lange Zeit keine Besserungen geben.

“Wir verheizen uns selbst, um einen Apparat am Laufen zu halten, der zwangsläufig kaputtgehen wird”

Ist man täglich mit dem Schicksal von Kindern konfrontiert, fällt es schwer zu erkennen, dass wir uns selbst verheizen, um einen Apparat am Laufen zu halten, der zwangsläufig kaputtgehen wird – und wohl auch muss, damit sich irgendetwas ändert. Und hat man es dann irgendwann erkannt, bleibt es trotzdem schwer damit aufzuhören, wenn man weiß, dass erst einmal alles noch schlimmer wird. Für einen selbst. Für die Eltern. Die Kolleg*innen. Aber vor allem für die Kinder…

Allen Lehrkräften und auch allen anderen höher gestellten Akteur*innen im Bildungssystem, denen vielleicht schlichtweg der Einblick in den Kita-Alltag fehlt oder die einschlägige persönliche Erfahrungen mit vermeintlich unprofessionellen Erzieher*innen gemacht haben, möchte ich noch mit auf den Weg geben: Hinterfragt zuallererst das System selbst und nicht die Arbeit derer, die mit euch darin kämpfen. Tretet nicht nach unten, wenn wir gemeinsam nach oben treten und auf Missstände, die uns alle betreffen, aufmerksam machen könnten.” News4teachers

Personalmangel in Kitas: „Fachkräfte verletzten regelmäßig die Aufsichtspflicht“

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