WÜRZBURG. Recherchieren für die Hausaufgaben am Computer, schnell mit der Freundin über das Smartphone verabreden und abends noch eine Folge „Checker Tobi“ auf dem Tablet: Der Alltag vieler Grundschulkinder ist längst von digitalen Medien geprägt. Doch was bedeutet das für die Schule? Ein Forschungsteam der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) arbeitet an einem Projekt, das Lehrkräfte im Unterricht konkret unterstützen soll – mit einem digitalen Diagnoseinstrument, das den Lernstand der Kinder in Sachen Digitalkompetenz erfasst.
„Elementare Digitalkompetenzen im Grundschulalter begrifflich zu schärfen, zu operationalisieren und zu messen“ – so beschreibt die Projekt-Homepage das Ziel von Digit.El, einem Forschungsprojekt am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und Grundschuldidaktik. Geleitet wird es von Prof. Dr. Sanna Pohlmann-Rother, die gemeinsam mit der Projektleiterin Caroline Theurer und der Mitarbeiterin Tina Jocham ein Tool für Lehrkräfte entwickelt. Mit dessen Hilfe sollen Grundschulen unkompliziert den Lernstand ihrer Schülerinnen und Schüler in verschiedenen Bereichen der Digitalkompetenz erfassen können – um gezielt fördern zu können.
Heterogene Ausgangslagen in den Klassen
Der Bedarf ist groß. „Die Welt von Kindern im Grundschulalter ist durch digitale Medien geprägt“, betont Pohlmann-Rother. Doch wie unterschiedlich Kinder bereits Erfahrungen mit digitalen Medien machen, zeigt sich im Klassenzimmer deutlich: Manche Zweitklässler besitzen ein eigenes Smartphone und bewegen sich souverän auf Youtube, Tiktok oder Whatsapp, während andere noch in der vierten Klasse strikten Handyverboten der Eltern unterliegen.
Für Lehrkräfte bedeutet das eine besondere Herausforderung. Sie sollen alle Kinder gleichermaßen auf die digitale Welt vorbereiten – und zugleich Risiken und Gefahren thematisieren, wie es der bayerische Kompetenzrahmen zur Medienbildung fordert. Das geplante Diagnose-Tool könnte ihnen helfen, die sehr unterschiedlichen Lernvoraussetzungen besser zu berücksichtigen.
Mehr als 1.200 Kinder im Test
Bislang fehlten wissenschaftlich fundierte Diagnoseinstrumente. „Es gibt keine deutschsprachigen Verfahren für Grundschulkinder, die Digitalkompetenzen in ihrer ganzen Breite erfassen“, sagt Projektmitarbeiterin Tina Jocham. Um das zu ändern, entwickelte das Team zunächst einen Katalog von Fragen und Aufgaben – und überprüfte ihn in Studien mit über 1.200 Grundschulkindern.
Die Forscherinnen interessieren sich sowohl für die Wissens- als auch für die Verhaltensebene. Ein Beispiel: Die Kinder sollen sich an einem Tablet bei einem fiktiven Messengerdienst anmelden, einen Benutzernamen und ein Passwort wählen, optionale Daten eingeben und entscheiden, ob ihr Profil öffentlich oder privat sein soll. Anschließend folgt ein Test zum Wissen über Datenschutz und Sicherheit.
Das Ergebnis fasst Projektleiterin Caroline Theurer zusammen: „Kinder am Ende der Grundschulzeit verfügen durchaus über Wissen in den Bereichen Datenschutz und Sicherheit im Netz.“ Doch dieses Wissen schlage sich nicht automatisch im Verhalten nieder – viele Kinder handelten anders, als es ihr Wissen nahelegen würde.
Täuschungsversuche bleiben unerkannt
Besonders heikel: In einer weiteren Studie zeigte sich, dass Kinder große Schwierigkeiten haben, Falschinformationen oder manipulative Inhalte im Netz zu erkennen. „Schülerinnen und Schüler waren vor allem in den Bereichen ‚Täuschung‘ und ‚Persönlichkeitseingriff‘ mehrheitlich nicht dazu in der Lage, die Aufgaben erfolgreich zu lösen“, berichtet Jocham. Das sei zwar nicht überraschend – „Phishing, Clickbait oder Bots sind auch für Jugendliche und Erwachsene herausfordernd“ – aber gerade deshalb ein Alarmzeichen.
Ziel: Frühe und gezielte Förderung
Für Pohlmann-Rother steht fest: „Kinder müssen in ihren Digitalkompetenzen frühzeitig und passgenau gefördert werden.“ Damit Lehrkräfte dieser Aufgabe gerecht werden können, brauchen sie Unterstützung. Das Diagnose-Tool, das in Würzburg entwickelt wird, soll genau das leisten.
„Lehrkräfte können mit seiner Hilfe Risikokinder erkennen und unterrichtliche Angebote entsprechend der Lernvoraussetzungen planen, evaluieren und begleiten“, erklärt die Professorin. Die Schulen erhielten damit ein Instrument, das sie in die Lage versetze, „Kinder angemessen auf eine sich stetig wandelnde Umwelt vorzubereiten“. News4teachers
