DÜSSELDORF. Schlechte Zensuren für den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung in Nordrhein-Westfalen: Laut einer repräsentativen Forsa-Umfrage für den Verband Bildung und Erziehung (VBE) bewerten die befragten Lehrer die schulische Inklusion mit der Note «mangelhaft». Das berichtete der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann bei der Vorstellung der Ergebnisse in Düsseldorf.
Demnach hat sich im zweiten Jahr mit dem Rechtsanspruch behinderter Kinder auf Unterricht an Regelschulen in den Kernbereichen nichts verbessert. Nach wie vor seien die Lerngruppen zu groß, die sonderpädagogische Unterstützung gering und die Zeit zur Vorbereitung ungenügend, kritisierte Beckmann. Besonders fatal sei, dass fast 1000 der 3000 Grundschulen gar keinen Sonderpädagogen hätten, obwohl von allen sonderpädagogische Förderung erwartet werde.
54 Prozent der inklusiv unterrichtenden Lehrkräfte verfügten laut eigenen Angaben über keinerlei sonderpädagogischen Kenntnisse. Bei nur 3 Prozent war Inklusion ein Teil der Lehrerausbildung. «Das ist fast so, als würde ein Hausarzt plötzlich am Operationstisch stehen», sagte Beckmann. «Die Grundkenntnisse sind zwar vorhanden, aber es fehlt die fachliche Übung und das Fachwissen.»
Dementsprechend vergaben die befragten Lehrer sowohl für die personelle Ausstattung als auch für Fortbildungsangebote die Durchschnittsnote «mangelhaft». Fast ein Viertel der Befragten nannte das Personalkorsett sogar ungenügend; jeder Fünfte vergab die schlechteste Note für das Fortbildungsangebot. «Das heißt eigentlich Nachsitzen», urteilte Beckmann über eines der Prestige-Projekte der rot-grünen Landesregierung.
Ergebnisse im Detail:
- Die Anerkennung des Prinzips der Inklusion ist gestiegen. 60 Prozent der NRW-Lehrkräfte halten den gemeinsamen Unterricht grundsätzlich für sinnvoll (gegenüber 54 Prozent im Vorjahr) – 35 Prozent (2015: 42 Prozent) nicht. In der Grundschule ist Zustimmung am höchsten (72 Prozent), im Gymnasium am geringsten.
- Was spricht aus Sicht der Lehrer für Inklusion? Soziales Lernen (31 Prozent), bessere Integration von Kindern mit Behinderungen (27 Prozent), Förderung von Toleranz (18 Prozent). Was spricht dagegen? Regelschule kann erhöhten Förderbedarf behinderter Kinder nicht leisten (15 Prozent), Überforderung der behinderten Kinder (14 Prozent) und Benachteiligung nicht-behinderter Schüler (12 Prozent)
- Sollen die Förderschulen erhalten werden? Ja, und zwar alle, meinen 54 Prozent (gegenüber 58 Prozent im Vorjahr), teilweise: 41 Prozent (39 Prozent). Die Förderschulen ganz abschaffen, fordern fünf Prozent (zwei Prozent im Vorjahr).
- Beurteilung des Fortbildungsangebots: Mittelwert 4,5
- An der eigenen Schule werden bereits Kinder mit sozialpädagogischem Förderbedarf unterrichtet: 85 Prozent (80 Prozent im Vorjahr) – Grundschule 90, Gymnasium 67 Prozent
- Es unterrichten selbst in inklusiven Lerngruppen: 49 Prozent der Lehrkräfte – gegenüber 40 Prozent im Vorjahr)
- Ihre Schule ist barrierefrei? 56 Prozent der Lehrkräfte sagen: überhaupt nicht.
- Die Klassengröße wurde im Vergleich zum nicht-inklusiven Unterricht früher: verkleinert, sagen 48 Prozent, vergrößert – meinen zwei Prozent. Bei 48 Prozent sind die Klassen gleich groß geblieben.
- Die Lehrkräfte hatten Zeit, sich auf die Inklusion vorzubereiten: wenige Wochen (sagen 56 Prozent)
- In der inklusiven Lerngruppe unterrichten meistens: zwei Personen (bei 34 Prozent), eine Person (61 Prozent)
- Gibt es Unterstützungsmaßnahmen bei Belastungen? Ja, sagen zehn Prozent – nein, sagen 85 Prozent.
- Beurteilung der personellen Ausstattung: Mittelwert 4,8
Fast alle Lehrer (89 Prozent) sprachen sich für eine dauerhafte Doppelbesetzung mit Lehrer und Sonderpädagoge in inklusiven Klassen aus. Nach VBE-Berechnungen fehlen dafür 7000 Sonderpädagogen-Stellen in NRW, die den Steuerzahler jeweils rund 50 000 Euro im Jahr kosten würden. Allerdings gebe der Markt soviel Personal wegen mangelnder Vorsorge und unattraktiver Qualifizierungsangebote derzeit nicht her, räumte Beckmann ein. Die optimale Größe inklusiver Klassen sieht der Verband bei rechnerisch 24 Schülern – dabei seien Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf doppelt zu zählen.
Im nächsten Jahr will der VBE, der in Nordrhein-Westfalen nach eigenen Angaben 24 000 Pädagogen organisiert, der Regierung erneut den Spiegel vorhalten. Im Mai 2017 wird gewählt in NRW. Der Sozialverband VdK bemängelte in einer Mitteilung, die Inklusion sei nicht nur in der Schule, sondern auf allen Ebenen ins Stocken geraten. VdK-Landesvorsitzender Karl-Heinz Fries: „Die umfassende selbstbestimmte Teilhabe von Menschen mit Behinderung ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Sie darf in einem der reichsten Länder der Welt nicht am Geld scheitern.” News4teachers / mit Informationen der dpa
