BERLIN. Grundschullehrer erhalten für ihre Arbeit relativ wenig Anerkennung. Schlechter bezahlt als die Kollegen an weiterführenden Schulen und mit vergleichsweise geringen Karriereaussichten gehen sie ihrer Arbeit nach, die oft besondere psychische Herausforderungen mit sich bringt. Schulleiterposten im Grundschulbereich scheinen kaum attraktiv, schon der Alltag ohne Verwaltungsaufgaben bedarf eines großen Engagements. Für das Schulsystem liegt darin ein großes Risiko. Kieler Forscher konnten nun nachweisen, dass sich ein schlechter psychischer Zustand von Lehrern direkt auf die schulischen Leistungen ihrer Schützlinge auswirkt.
Grundschullehrer und besonders Grundschullehrerinnen sehen sich im Alltag mit mannigfaltigen Vorurteilen konfrontiert. Doch der „Hausfrauenhalbtagsnebenjob, für kindliche Gemüter“ (so vom Autor tatsächlich einmal gehört!) hat es in sich und bringt spezifische Belastungen mit sich, die denjenigen der Kollegen an weiterführenden Schulen in Nichts nachsteht.
Kleinere Kinder zu unterrichten bedeutet keinesfalls kleinere Herausforderungen. Die Verantwortung für die Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen ist auch emotional immens fordernd. Dazu sind Grundschullehrer oft einem besonders starken alltäglichen Druck von Eltern ausgesetzt.
Die pädagogische Arbeit in Grundschulen stellt mithin andere, aber kaum geringere Anforderungen als die Tätigkeit in anderen Schulformen. Dennoch werden Grundschullehrer schlechter bezahlt als Lehrer an weiterführenden Schulen. Von Gewerkschaften und Verbänden erschallt seit längerem der Ruf nach einer Gleichbehandlung.
Das Länder wie Berlin einen besonderen Mangel an Grundschullehrern verzeichnen, mag in diesem Zusammenhang kaum verwundern. Eine Verbesserung wird sich nur einstellen, wenn Grundschullehrern langfristig die gleiche (finanzielle) Anerkennung zuteil wird, wie ihren Kollegen an weiterführenden Schulen.
Dafür spricht auch ein weiteres Problem, dass die Schulbehörden seit längerem beschäftigt: Bundesweit müssen nach einem Zeitungsbericht etwa 1000 Grundschulen ohne feste Schulleitung auskommen. Etwa jede zehnte Grundschule verfügt derzeit nur über einen einen kommissarischen Chef, wie die Zeitung «Welt am Sonntag» unter Berufung auf die Kultusminister der Bundesländer berichtet.
Wenig Aussichten auf Karrieresprünge, kaum Entlastungsstunden und auch die Bezahlung steigt durch die Übernahme eines Leitungspostens nur mäßig. «Die Bezahlung für Schulleiter an Grundschulen ist völlig unattraktiv», sagt etwa der Gewerkschaftschef des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann. Abgesehen von der Unterrichtsverpflichtung blieben einem Rektor in der Woche rund zwölf Stunden für seine Leitungsaufgaben. «Das ist lächerlich», kritisierte Beckmann.,
Nach Ansicht der GEW müssten die Bundesländer deutlich mehr in Verwaltungs-Jobs investieren. Gerade im ländlichen Raum gebe es viel zu wenig Vollzeit-Sekretariate.
Besonders dramatisch sei die Situation in Berlin und Nordrhein-Westfalen. In der Hauptstadt habe jede fünfte Grundschule entweder keinen Rektor oder keinen Konrektor. In NRW hätten von 2787 Grundschulen 345 keinen Schulleiter und 670 keinen Stellvertreter. Die meisten Lehrkräfte an Grundschulen sind Frauen, die häufig in Teilzeit arbeiten.
Probleme in etwas geringerem Umfang haben nach den Angaben auch Hamburg, das Saarland und Bremen. Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz hätten angegeben, die Zahlen nicht zentral zu erfassen. Auch dort müssten Schulleiterstellen aber oft mehrmals ausgeschrieben werden.
Doch auch ohne Leitungsposition liefern die meisten Kollegen an den Grundschulen einen engagierten Job ab, trotz schlechter Bezahlung und hoher Anforderungen. Angesichts der zahlreichen Herausforderungen geraten manche dabei auch an den Rand der Erschöpfung.
Das die emotionale Belastung von Lehrern auch Auswirkungen auf die Schüler hat, versteht sich eigentlich von selbst. Forscher vom Leibniz Institut für die Pädagogik der Naturwissenschaften und Mathematik in Kiel haben allerdings nun ermittelt, das sich der Erschöpfungszustand ihrer Lehrer direkt auf die schulischen Leistungen von Grundschülern niederschlägt.
Grundschulkinder, die von emotional erschöpften Lehrern unterrichtet werden, zeigen tendenziell schlechtere Leistungen in Mathematik, fand das Psychologenteam um Professor Uta Klusmann heraus. Dazu werteten sie Mathetests von über 22.000 Schülerinnen und Schülern aus und befragten deren Lehrkräfte zu ihrer psychischen Belastung. Der Zusammenhang von hoher Belastung der Lehrkräfte und schlechter Matheleistung zeigte sich besonders in Klassen mit einem hohen Anteil an Kindern, die zu Hause nicht deutsch sprechen.
Ergebnisse empirischer Studien zeigen, dass die Motivation und das Wissen einer Lehrkraft sehr wichtig für die Motivation und das Lernen der Schülerinnen und Schüler sind. Man geht davon aus, dass auch Stress und Burnout von Lehrkräften die Leistungen der Kinder beeinflussen.
Dies bestätigt auch die Untersuchung der Kieler Forscher: Je emotional erschöpfter die Lehrkräfte, umso niedriger waren tendenziell die Mathematik-Leistungen der Schülerinnen und Schüler. Dieser zwar kleine, aber statistisch bedeutsame Effekt trat unabhängig von anderen Eigenschaften der Lehrkräfte und den kognitiven und psychosozialen Merkmalen der Schülerinnen und Schüler auf.
In Klassen mit einem hohen Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund zeigte sich der negative Zusammenhang zwischen der emotionalen Erschöpfung der Lehrkräfte und den Matheleistungen besonders deutlich. Als eine Ursache dafür vermutet das Forscherteam, dass emotional erschöpfte Lehrkräfte nicht genügend Ressourcen freisetzen können, um in Klassen mit hoher Diversität adäquat auf die besonderen Bedürfnisse der Kinder einzugehen. „Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass nicht nur die fachliche Qualität von Lehrkräften für die Schülerinnen und Schüler wichtig ist, sondern auch deren affektives Erleben“, fasst Uta Klusmann zusammen.
Die Grundschullehrkräfte weisen im Mittel relativ geringe Werte in der emotionalen Erschöpfung auf. Männer und Frauen zeigen keine unterschiedlichen Werte in der emotionalen Erschöpfung, allerdings berichten ältere Lehrkräfte tendenziell eine höhere Erschöpfung. (zab, pm, mit Material von dpa)
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