BERLIN. Kita-Fachkräfte arbeiten seit Jahren am Limit – ohne Aussicht auf Entspannung. Im Gegenteil: Die Coronakrise hat die Lage in den Einrichtungen verschlimmert. Der sich weiter verschärfende Notstand scheint möglicherweise Folgen zu haben: Immer öfter werden den Aufsichtsbehörden Übergriffe von Mitarbeitenden gemeldet. Überraschen kann das nicht wirklich. Eine Umfrage unter Kitaleitungen zeigt auf, dass viele Einrichtungen in Deutschland regelmäßig mit „aufsichtspflichtrelevanter Personalunterdeckung“ arbeiten müssen – heißt: Die Sicherheit der Kinder kann nicht vollständig gewährleistet werden. Steigt durch die Überlastung bei einzelnen Kräften das Aggressionspotenzial?
Den Auftakt machten Meldungen aus Bayern. Der Bayerische Rundfunk recherchierte zum Thema Gewalt in Kitas – und befragte dazu 76 Kita-Aufsichtsbehörden im Freistaat.
Ergebnisse: „59 haben geantwortet. Demnach wurden heuer bis Anfang Dezember 232 Verdachtsfälle gemeldet, im vergangenen Jahr waren es 129. Besonders auffällig sind demnach Verstöße gegen die Aufsichtspflicht, sie haben sich mehr als verdoppelt (2021: 24, 2022: 57 Fälle). Ähnlich verhält es sich bei den Meldungen zu seelischer Gewalt (2021:16, 2022: 32 Fälle). Auch die Meldefälle von körperlicher Gewalt gegenüber Kindern sind angestiegen (2021: 43 Fälle, 2022: 59 Fälle). Vergangenes Jahr haben 21 Kita-Aufsichten nach eigenen Angaben keine Meldung erhalten. Dieses Jahr geben nur elf Behörden an, keinen einzigen Verdachtsfall zu haben.“
Unter seelische Gewalt fällt demnach zum Beispiel, wenn Kinder abgewertet, ausgegrenzt oder beschämt werden. Körperliche Gewalt ist, Kinder etwa gegen den Willen festzuhalten oder zum Essen zu zwingen.
„Übersetzt heißt das: Diese Einrichtungen konnten den Betrieb im Durchschnitt an mehr als jedem zweiten Tag nur unter Gefährdung der Sicherheit der zu betreuenden Kinder aufrechterhalten“
Nun kommen entsprechende Nachrichten aus zwei weiteren Bundesländern hinzu. Aus den etwa 9.600 Kitas in Baden-Württemberg werden mehr Verdachtsfälle von körperlicher, seelischer, sexueller Gewalt oder Verletzungen der Aufsichtspflicht gemeldet. Die Zahl stieg von 2020 auf 2021 um 20 Prozent von 275 auf 330, wie «Stuttgarter Zeitung» und «Stuttgarter Nachrichten» unter Berufung auf den Kommunalverband Jugend und Soziales (KVJS) berichten. Die Auswertung für das vergangene Jahr liege zwar noch nicht vor, allerdings sei von einem weiteren Anstieg der Zahlen auszugehen, hieß es von der Aufsichtsbehörde. Eine Überprüfung der Vorwürfe durch den KVJS habe 2020 und 2021 ergeben, dass in so gut wie allen Fällen sich „zumindest einzelne Meldeinhalte bestätigten“.
Die Zahl der Meldungen über Gewalt in Kindergärten ist in den vergangenen Jahren offenbar auch in Nordrhein-Westfalen sprunghaft gestiegen. Wie die in Bielefeld erscheinende «Neue Westfälische» berichtete, haben sich die Zahlen zu körperlicher Gewalt, pädagogischem Fehlverhalten und sexueller Gewalt verdoppelt oder sogar verdreifacht. Die Statistik der Landesjugendämter zeigt demnach einen besonders eklatanten Anstieg im Rheinland: Erfasste das hier zuständige Landesjugendamt 2018 noch 34 Fälle von pädagogischem Fehlverhalten, waren es 2020 schon 120. Diese Zahl verdoppelte sich nahezu im Folgejahr auf 222 Fälle, wie die Zeitung weiter berichtete.
Auch bei körperlichen Übergriffen und körperlicher Gewalt sei ein starker Anstieg verzeichnet: Von 42 Fällen im Jahr 2018 seien die Meldezahlen in der Pandemie stetig nach oben geklettert auf mehr als doppelt so viele Fälle im Jahr 2021. Bei sexuellen Übergriffen seien die Fallzahlen von 38 Fällen in 2018 auf 76 gestiegen.
Sprecher beider Landesjugendämter führen den Anstieg laut «Neue Westfälische» auf eine erhöhte Sensibilisierung bei Eltern, Erziehern und Trägern zurück. Dies habe auch mit einer Kampagne für Gewaltschutz zu tun, die beide Ämter 2020 durchgeführt hätten. Demütigungen, Erniedrigungen, körperliche und sexuelle Übergriffe müssen schon bei Verdacht von Kitas gemeldet werden.
Liegt es also nur am Meldeverhalten – bei eigentlich gleichem Niveau? Daran sind durchaus Zweifel erlaubt. Eine im April 2022 veröffentlichte Umfrage unter Kitaleitungen macht deutlich, dass der Personalmangel in deutschen Kindertagesstätten weiter angestiegen ist (News4teachers berichtete). Mit Folgen: „Schätzungsweise 9000 Kitas haben in Deutschland im zurückliegenden Jahr in über der Hälfte der Zeit in aufsichtspflichtrelevanter Personalunterdeckung gearbeitet. Das sind mehr als doppelt so viele Kitas wie ein Jahr zuvor“, sagte Udo Beckmann, seinerzeit Bundesvorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE).
„Übersetzt heißt das: Diese Einrichtungen konnten den Betrieb im Durchschnitt an mehr als jedem zweiten Tag nur unter Gefährdung der Sicherheit der zu betreuenden Kinder aufrechterhalten“, so Beckmann. Eine weitere Herausforderung seien auch die Kinder, die aus der Ukraine nach Deutschland flüchteten. Diesen besonders zuwendungsbedürftigen Kindern müsse alles gegeben werden, was nötig sei, sagte Beckmann. Das System Kita stehe jedoch vor dem Kollaps und brauche nun dringender denn je mehr Ressourcen.
„Am anderen Ende der Skala waren es nicht einmal 7 Prozent der Kitas, die in den zurückliegenden 12 Monaten mit einer durchgehend ausreichenden Personalausstattung arbeiten konnten. Vor einem Jahr konnten dies zumindest noch annähernd doppelt so viele Einrichtungen“, erklärte Beckmann – und nannte die Ergebnisse der Studie „mit Blick auf die enorme Bedeutung des frühkindlichen Bildungsbereichs für die gesamte Bildungsbiografie von Kindern eine Katastrophe“. Unter dem Personalmangel litten neben den Kindern auch die Erwachsenen, denn dieser führe zu einer erheblichen Belastung des pädagogischen Personals.
„Es stellt sich die Frage, ob angesichts des andauernden Fachkräftemangels einige Kitas zögern, bei einer Nichteignung zu kündigen und Verdachtsfälle nicht melden“
Steigt durch die Dauerbelastung bei einzelnen Kräften das Aggressionspotenzial? Der Bayerische Rundfunk hat im Zuge seiner Recherche mit 61 Erzieherinnen, Erziehern und Kita-Leitungen Gespräche geführt. Ihre Berichte klingen laut Bericht erschreckend: „Ein Kind hat Sprachprobleme. Im Morgenkreis äfft die Erzieherin immer wieder das Stocken und Stottern nach. Die anderen Kinder lachen.“ / „Meine Kollegin schiebt einem Kind Kartoffeln in den Mund. Dabei hält sie die Hände fest und die Nase zu, damit das Kind schluckt.“ / „Ein Kind wird immer auf dem Klo eingesperrt, wenn es sich ‘nicht benimmt’.“ Nur zwei Interviewpartnerinnen hätten angegeben, noch nie seelische oder körperliche Gewalt gegen Krippen- oder Kindergartenkinder erlebt zu haben.
Möglicherweise gelangen aufgrund des Fachkräftemangels auch Menschen in die Einrichtungen, die den Anforderungen nicht gewachsen sind. Nach den Ermittlungen gegen eine Erzieherin wegen Mordes an einem dreijährigen Kita-Kind – sie wurde deshalb später zu lebenslänglicher Haft verurteilt, wie News4teachers berichtete – fragte der Kinderschutzbund bereits 2020, warum die 25-Jährige trotz mangelnder Eignung in ihrem Beruf arbeiten konnte. Die Frau sei nach ihrem Anerkennungsjahr als wenig geeignet eingestuft worden. „Es stellt sich die Frage, ob angesichts des andauernden Fachkräftemangels einige Kitas zögern, bei einer Nichteignung zu kündigen und Verdachtsfälle nicht melden“, hieß es.
In Baden-Württemberg, so gab das dortige Kultusministerium nun bekannt, wurden 2021 in 16 Fällen Mitarbeitende gekündigt, 2020 in 14 Fällen. News4teachers / mit Material der dpa
Erzieherin platzt angesichts der Arbeitsbedingungen der Kragen: „Wir verheizen uns selbst!“
