Ungünstige Lernvoraussetzungen und mangelnde Unterstützung daheim sehen viele Schulleitungen als große Hindernisse für ihre Schülerschaft in sozial herausfordernden Lagen. Das geht aus einer Befragung hervor, die nach Beginn des Startchancen-Programms für Schulen im Brennpunkt durchgeführt wurde. Dafür hatte die Wübben Bildungsstiftung Angaben von 226 Schulleitungen vor allem aus Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein analysiert.
Es handele sich um die erste Schulleiterbefragung nach Beginn des 2024 angelaufenen Startchancen-Programms. Die Umfrage sei nicht repräsentativ, zeige aber ein Meinungsbild für Deutschland, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Mit rund 70 Prozent waren vor allem Grundschulen vertreten. Das Ergebnis mache deutlich: Kollegien an Schulen im Brennpunkt stehen einer Vielzahl von Herausforderungen gegenüber.
Fast jedes vierte Grundschulkind braucht länger
So geben mehr als 70 Prozent der Befragten an, dass die Kinder zum Schuleintritt vor allem bei sprachlichen, aber auch sozial-emotionalen Kompetenzen einen hohen Unterstützungsbedarf haben. Im Durchschnitt haben zwölf Prozent zuvor keine Kita besucht. Den Schulleitungen zufolge überschreitet knapp jedes vierte Kind die Regelzeit an der Grundschule.
Fast alle Befragten – 96,5 Prozent – geben an, dass elterliche Unterstützung fehle, was das schulische Lernen der Kinder und Jugendlichen stark beeinträchtige. Den Anteil der Eltern, zu denen die Schule keinen Kontakt hat, schätzen die Schulleitungen im Durchschnitt auf 14,6 Prozent. Hierbei zeigt sich eine große Varianz in den Angaben: Manche Schulen erreichen alle Eltern, andere haben zu mindestens 70 Prozent der Elternschaft keinen Kontakt.
Auf die Frage, was die drei größten Barrieren für die Zusammenarbeit mit Eltern sind, geben 90 Prozent der Befragten sprachliche Barrieren, 67,9 Prozent das Desinteresse der Eltern und 60 Prozent die (emotionale) Überforderung der Eltern an. Etwa ein Drittel der Schulleitungen benennt negative Einstellungen der Eltern gegenüber der Schule (29,5 Prozent) als eine der drei größten Hürden für die Kooperation. Fehlende zeitliche Ressourcen des Kollegiums (14,7 Prozent) und der Eltern (11,1 Prozent) werden als weitere relevante Hindernisse identifiziert. Mangelnde Formate der Zusammenarbeit (5,3 Prozent) sowie fehlendes Bewusstsein und fehlende Kenntnisse des Kollegiums zur Situation der Familien (3,7 Prozent) sieht ein deutlich kleinerer Anteil der Befragten als zentrale Barriere an. Etwa ein Drittel der Schülerschaft leidet den Angaben zufolge regelmäßig unter Schlafmangel.
Gut 70 Prozent der Schulleitungen sagen, dass Lehrpläne und gängiges Lehrmaterial nicht zu ihrer Schülerschaft passen. Deutlich wird der Stiftung zufolge auch, dass Lehrkräfte einen größeren Teil ihrer Arbeitszeit für nicht-unterrichtsbezogene Tätigkeiten verwenden – etwa für intensive Eltern-Kontakte oder Umgang mit Konfliktsituationen.
Ein Großteil der Befragten zeigt sich aber auch weitgehend optimistisch, die Ziele des Programms innerhalb der nächsten zehn Jahre erreichen zu können. Schulleitungen verbinden große Hoffnungen mit dem Startchancen-Programm, betonte Stiftungsgeschäftsführer Markus Warnke in einer Mitteilung. Es komme nun entscheidend darauf an, dass die Länder das Programm so aufsetzten, dass sich die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen tatsächlich verbessern könnten und die Unterstützung nicht verpuffe.
4.000 Schulen bundesweit – darunter 900 in NRW – sollen profitieren
Das Startchancen-Programm von Bund und Ländern unterstützt seit dem Schuljahr 2024/25 bundesweit rund 4.000 Schulen in sozial herausfordernden Lagen über einen Zeitraum von zehn Jahren. In Nordrhein-Westfalen profitieren davon nach Angaben des NRW-Bildungsministeriums in Düsseldorf etwa 900 Schulen mit einem hohen Anteil sozioökonomisch benachteiligter Schülerinnen und Schüler. Zu den zentralen Zielen gehört es, die Basiskompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen zu fördern.
NRW ist laut Wübben Bildungsstiftung das Bundesland mit den meisten Startchancen-Schulen. In der Befragung haben Schulen in NRW einen Anteil von knapp 36 Prozent. Fast 39 Prozent der beteiligten Schulleitungen sind in Rheinland-Pfalz ansässig, 23 Prozent in Schleswig-Holstein und minimale 1,8 Prozent zudem in Berlin. In die Auswertung sind Angaben von Schulen eingeflossen, in denen mindestens die Hälfte der Schülerschaft eine andere Herkunftssprache als Deutsch hat oder mindestens 50 Prozent aus Familien kommen, die Unterstützungsleistungen wie Bürgergeld erhalten. News4teachers / mit Material der dpa
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