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Immer häufiger Jugendarrest für Schulschwänzer – GEW: „Schulpolitische und pädagogische Bankrotterklärung“

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HANNOVER. Jugendarrest wegen Schulschwänzens gilt in mehreren Bundesländern als letztes Mittel zur Durchsetzung der Schulpflicht. Die Zahl der betroffenen Jugendlichen steigt. Expert*innen halten die Praxis für wirkungslos – und warnen davor, pädagogische Probleme mit ordnungsrechtlichen Mitteln zu beantworten. GEW-Vorstand Bensinger-Stolze spricht sogar von einer „schulpolitischen und pädagogischen Bankrotterklärung“.

Lehranstalt? (Symbolbild.) Illustration: Shutterstock

Noah sitzt auf einem Stuhl in der Jugendarrestanstalt Verden, etwas abgerückt vom Tisch, die Schultern nach vorn gezogen. Sein Bein wippt, die Hände sind im Schoß ineinander verhakt. Durch das bodentiefe Fenster fällt Licht, Gitterstäbe versperren den Blick nach draußen. Noah schaut ohnehin nicht hinaus. Er schaut auf die Tischkante vor sich. Es ist das zweite Mal innerhalb weniger Wochen, dass der 15-Jährige hier sitzt. Sein Vergehen: Er ist nicht zur Schule gegangen.

„Kein Bock“, sagt Noah zunächst. Dann erzählt er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland von dem langen Schulweg, einer Stunde Zugfahrt am Morgen, von einer Klasse, in der er sich unwohl fühlte. „Meine Klasse war ziemlich schlimm, meine Mitschüler waren ziemlich schlimm“, sagt er. Still sitzen könne er nicht, Schule habe für ihn „noch nie gut funktioniert“. Richtig schwierig sei es geworden, als er nachts kaum noch schlafen konnte. Dann habe er verschlafen oder den Schlaf im Unterricht nachgeholt. „Der Morgen ist nicht so meins“, sagt er leise. Oft habe er sich depressiv gefühlt. Wenn er schwänzt, schläft er oder geht spazieren. Freunde wohnen weit weg. „Wenn man über Schulschwänzer redet, wird immer vergessen, dass es um Menschen geht, die Probleme haben“, sagt Noah.

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Der Staat reagiert auf solche Fälle mit einem abgestuften System aus schulischen Maßnahmen, Bußgeldern und – in einigen Bundesländern – mit Jugendarrest als letztem Mittel. Niedersachsen gehört zu den Ländern, in denen diese Eskalationskette besonders häufig bis zum Ende durchlaufen wird. Im ersten Halbjahr 2025 saßen dort nach einer Abfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland 241 männliche und 114 weibliche Jugendliche wegen Schwänzens im Jugendarrest, darunter auch Fälle aus Bremen. Andere Länder meldeten deutlich niedrigere Zahlen oder erheben keine gesonderten Daten zu Schulverweigerung im Arrest.

„Schulabsentismus ist meist die Folge einer anderen, dahinterliegenden Problematik“

Parallel dazu steigen bundesweit die Bußgeldverfahren wegen Verstößen gegen die Schulpflicht. Recherchen der „Welt“ zeigen in mehreren Bundesländern teils deutliche Zuwächse. Bußgelder werden in der Regel erst verhängt, wenn schulische Gespräche und Erziehungsmaßnahmen ausgeschöpft sind. Sie markieren den Übergang von pädagogischer Intervention zu ordnungsrechtlicher Sanktion.

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft kritisiert diesen Weg seit Jahren. GEW-Vorstandsmitglied Anja Bensinger-Stolze sagt gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: „Dass Jugendliche wegen wiederholten Schulschwänzens für ein paar Tage ins Gefängnis müssen, ist im Prinzip eine schulpolitische und pädagogische Bankrotterklärung und außerdem, wie oft zu hören ist, weitgehend wirkungslos oder sogar kontraproduktiv.“ Der Fokus müsse auf Prävention liegen, auf frühzeitiger Unterstützung und auf der individuellen Betrachtung der Ursachen.

Was diese Ursachen sind – und warum Sanktionen wie Bußgeld oder Jugendarrest sie in der Regel nicht treffen –, beschreibt der Leipziger Erziehungswissenschaftler Prof. Heinrich Ricking im Interview mit dem Deutschen Schulportal. Ricking forscht seit rund 20 Jahren zu Schulabsentismus.

Schon beim Begriff macht er deutlich, wie heterogen das Phänomen ist. „Schulabsentismus heißt, dass eine Schülerin oder ein Schüler ohne rechtmäßigen Grund dem Unterricht fernbleibt“, sagt Ricking. „Den Zeitpunkt, wann Schulabsentismus schulrechtlich anfängt, definieren die Schulgesetze bzw. Verordnungen oder die Praktiken in den Schulen. Die sind überall verschieden, es gibt keine einheitlichen Regelungen.“

Ricking warnt davor, jede Form von unentschuldigtem Fehlen über einen Kamm zu scheren. „Ich würde nicht jedes Schwänzen dramatisieren, aber auch nicht bagatellisieren“, sagt er. „Schwänzen ist auch ein Entwicklungsphänomen, ein Ausdruck zunehmender Autonomie in der Adoleszenz. Aber bei manchen Schülerinnen und Schülern kann Schulabsentismus Ausdruck einer psychischen Krise, einer individuellen Notlage sein.“ Entscheidend sei: „Schulabsentismus ist meist die Folge einer anderen, dahinterliegenden Problematik.“

Diese Problemlagen beschreibt Ricking anhand von drei grundlegenden Mustern. Zum ersten Muster sagt er: „Angst: Die häufigste Reaktionsweise auf Angst oder eine Bedrohung ist Meidung. Und genau das passiert beim Absentismus. Die Ursachen für die Angst sind dabei unterschiedlich, häufig liegen sie in der Schule: Leistungsdruck, Versagensangst oder Mobbing. Die Ursachen können aber auch in der Familie liegen.“ Er ergänzt: „Nicht selten entwickelt sich aus einer Angststörung eine Depression, die dann die eigene Selbststeuerung und den Antrieb lahmlegen. Betroffene Kinder und Jugendliche kommen dann morgens einfach nicht aus dem Bett und schaffen es nicht, zur Schule zu gehen.“

Das zweite Muster beschreibt soziale Benachteiligung. „Schulabsentismus betrifft oft Schülerinnen und Schüler, die auf unterschiedliche Weise benachteiligt sind“, sagt Ricking. „Sie bekommen in schulischen Dingen wenig Unterstützung, ihr Elternhaus ist weit entfernt von Bildungsambitionen.“ Diese Kinder seien oft nicht ausreichend vorbereitet, „sie kommen mit den standardisierten Erwartungen zu Leistungen und Sozialverhalten nicht zurecht und versagen oft“. Als drittes Muster nennt Ricking das Zurückhalten durch Eltern. „Es gibt Erziehungsberechtigte, die ihre Kinder aus unterschiedlichen Gründen von der Schule fernhalten“, sagt er. „Problemlagen wie Vernachlässigung oder Missbrauch sollen zum Beispiel verdeckt werden. Außerdem gibt es psychisch kranke Eltern, die ihre Kinder als Unterstützung bei sich haben wollen. Und es gibt Eltern, die die staatliche Schule ablehnen und die Kinder zu Hause selbst unterrichten wollen.“

Für Ricking ist entscheidend, dass Schulabsentismus selten plötzlich entsteht. „Gefährdete Kinder und Jugendliche sind vorher oft nur noch physisch im Klassenraum, aber gar nicht mehr bei der Sache“, sagt er. „Das ist der Vorhof des Absentismus.“ Häufige Verspätungen, Gleichgültigkeit oder Unterrichtsstörungen seien Warnsignale. Wenn darauf keine Reaktion folge, verstärke das das Problem. „Beim ersten Schwänzen haben Schülerinnen und Schüler vielleicht ein Druckgefühl“, sagt Ricking. „Aber wenn dann nichts passiert, sagen sie sich: Das ist denen doch sowieso egal, ob ich da bin.“

Auf die Frage nach Bußgeldverfahren und Jugendarrest äußert sich Ricking zurückhaltend. „Das ist wenig erforscht“, sagt er mit Blick auf Bußgelder. „Aber es gibt in der Fachliteratur, selbst in der Rechtsliteratur, keinen Aufsatz, der das unterstützt.“ Und weiter: „Auch Jugendarrest bringt aus meiner Sicht nichts, weil er keinen Bezug zu den Ursachen hat. Und die prekäre Situation der Kinder in der Schule ändert sich dadurch auch nicht.“

„Die Frage sollte doch sein: Wollen wir Abwesenheit bestrafen oder Anwesenheit verstärken?“

Ricking betont stattdessen die Bedeutung früher, beziehungsorientierter Maßnahmen. „Schon simple Maßnahmen zeigen enorme Wirkung“, sagt er. Er nennt Selbstbeobachtungsbögen, Mentorenmodelle und eine aktive Begleitung. Zentral sei eine andere Leitfrage: „Die Frage sollte doch sein: Wollen wir Abwesenheit bestrafen oder Anwesenheit verstärken?“ Das Forschungsprojekt „Jeder Schultag zählt“ habe gezeigt, wie wichtig es sei, Teilhabe am Unterricht zu fördern und Anwesenheit positiv zu verstärken.

Schulen könnten das nicht allein leisten, sagt Ricking. „Lehrerkollegien müssen sich zu multiprofessionellen Teams weiterentwickeln.“ International sei das Standard. „In Großbritannien sind noch etwa 60 Prozent Lehrkräfte. 40 Prozent sind Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen, Schulsozialarbeiterinnen und Schulsozialarbeiter, Erzieherinnen und Erzieher und Therapeutinnen und Therapeuten.“ Lehrkräfte müssten außerdem besser darauf vorbereitet werden, emotionale und soziale Signale zu erkennen. „Wenn ein Kind Angst hat oder resigniert, ist es in einer psychischen Situation, die effektive Lernprozesse gar nicht zulässt.“

Noah sitzt derweil im Arrest und sagt, er wolle keinen dritten Aufenthalt. Er will seinen Abschluss machen, seine Sozialstunden ableisten, eine Ausbildung beginnen. „Ich will im Leben weiterkommen“, sagt er. Und dann sagt er: Es helfe nicht, „wenn ich weiter hier drinsitze und die Schule verpasse“. Bei Noah hat sich etwas verändert. Er hat die Klasse gewechselt. Er hat einen Freund gefunden. „Das motiviert mich richtig zur Schule zu gehen“, sagt er. „Ich habe jetzt irgendwie keinen Grund mehr zu schwänzen.“ Ob das hält, ist offen – ebenso wie die Frage, ob Arresttage wirklich helfen können, wenn das eigentliche Problem weit außerhalb der Zelle liegt. News4teachers / mit Material der dpa

Immer mehr Fälle: Der Absturz von Jugendlichen beginnt häufig mit Schwänzen

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