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“Vom Schutz der Lehrer nichts zu sehen” – Wegfall der Abstandsregel in der Kritik

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WIESBADEN. An Grundschulen in Sachsen gibt es bereits Unterricht im gewohnten Klassenverband – ohne Abstandsregeln. Baden-Württemberg, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und nun auch Hessen wollen dem Beispiel in den nächsten Tagen und Wochen, also noch vor den Sommerferien, folgen. Der Deutsche Lehrerverband sieht das kritisch. „Der Wegfall jeglicher Abstandsregeln ist gerade für Lehrkräfte, die selbst zur Risikogruppe gehören oder mit Personen der Risikogruppe im Haushalt leben, beängstigend. Denn von Maßnahmen, die den Lehrkräften zum Schutz vor einer Infektion bereitgestellt werden, ist nichts zu sehen bisher“, sagt die hessische Landesvorsitzende Annabel Fee.

“Beängstigend”: Annabel Fee, Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbands Hessen. Foto: dlh

In Hessen sollen in den Grundschulen bereits vom 22. Juni an die Schüler wieder gemeinsam in ihren Klassen unterrichtet werden (News4teachers berichtete ausführlich darüber – hier geht es zum Bericht). Das Abstandsgebot gilt dann für die Kinder nicht mehr. Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU) begründete dies mit der „Einschätzung von Gesundheitsexperten, dass sich Kinder deutlich seltener mit dem Virus infizierten als Erwachsene“.

Dagegen regt sich Widerspruch seitens des Deutschen Lehrerverbands Hessen (dlh). „Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte werden als Versuchskaninchen missbraucht, an denen man testet, ob die Infektionsrate durch einen normalen Schulbetrieb steigt. Nur weil irgendein Virologe meint, dass Kinder weniger infektiös sind. Bewiesen ist diese Vermutung nicht. Wünschenswert wäre es gewesen, wenn es einen klaren Schnitt gegeben hätte, und der Vollbetrieb erst nach den Sommerferien und einer weiteren Beobachtung der Pandemie-Entwicklung erfolgt wäre“, sagt Landesvorsitzende Annabel Fee.

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Reinigungsquote in den Klassenzimmern soll deutlich erhöht werden

Ihr Verband sieht vor allem das Kultusministerium und die Schulträger in der Pflicht, zumindest dafür zu sorgen, dass die Reinigungsquote während des „Testlaufs“ deutlich erhöht wird. „Eine einmalige Reinigung pro Tag mit Flächendesinfektion erscheint nicht ausreichend und grob fahrlässig. Es gibt weder Spuckschutz noch wirksame Masken für Lehrkräfte, die zwar gerne für die Schülerinnen und Schüler da sein möchten, jedoch Angst vor einer Ansteckung haben. Angst lähmt und ist kein guter Berater in einer solchen Zeit. Dem Dienstherrn sollte daran gelegen sein, zumindest Rahmenbedingungen zu schaffen, die den Anschein von Sicherheit für die Bediensteten erwecken“, heißt es. „Mit einer großen Infektionswelle und langfristigen Ausfällen unter den Lehrkräften – gerade an den Grundschulen – ist nichts gewonnen. Damit wird der Lehrkräftemangel nur noch verschärft, denn: es gibt keine verfügbaren Grundschullehrkräfte, die nur darauf warten, eingestellt zu werden!“

Der dlh fordert daher 3x täglich eine Reinigung der schulischen Räumlichkeiten durch professionelles Personal sowie das Zur-Verfügung-stellen von FFP2-Masken und Spuckschutz für alle Lehrkräfte, die der Risikogruppe angehören und trotzdem arbeiten möchten oder die mit Angehörigen der Risikogruppe leben. Außerdem fordert der dlh eine verbindliche Testung aller Lehrkräfte und Grundschüler*innen vor Beginn der zweiwöchigen Testphase sowie am Ende der Zeit, damit der „Schulversuch“ zumindest wissenschaftlich ausgewertet werden kann.

Freiwillige Teilnahme am Unterricht sieht der Lehrerverband kritisch

Weiterer Kritikpunkt: Für den Präsenzunterricht vor dem Sommerferien hebt die Landesregierung die Schulpflicht auf. Und: „Wir stellen fest, dass mit der Freiwilligkeit des Schulbesuchs für die Schülerinnen und Schüler die Arbeitsbelastung für die Lehrkräfte steigt, da die Kinder, die im Homeschooling verbleiben parallel zum Klassenunterricht ebenfalls mit Materialien versorgt werden müssen“, merkt Annabel Fee an. „Es sollte dann auch seitens des Ministeriums geklärt werden, ob die Kinder, die zu Hause bleiben, verpflichtende Aufgaben erhalten, oder ob sie letztlich – im Gegensatz zu den anderen Kindern – schon zwei Wochen früher Sommerferien haben. Schließlich ist die Arbeitsbelastung der Lehrkräfte aller Schulformen in den vergangenen Wochen durch die Kombination aus digital teaching und Präsenzunterricht bereits auf ein Level angestiegen, das so auf Dauer nicht gehalten werden kann. Geregelte Arbeitszeiten waren das nicht – eher Arbeiten rund um die Uhr!“

Zudem moniert der Deutsche Lehrerverband Hessen auch „aufs Schärfste“, dass die schulischen Neuerungen der vergangenen Wochen seitens der Landesregierung und des Kultusministeriums stets ohne Einbezug der Lehrkräfte und Schulleitungen erfolgten. Die hätten Neuigkeiten aus der Presse und von Eltern erfahren müssen. News4teachers

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