BERLIN. Während die Kultusministerinnen und Kultusminister hoffen, die Corona-Krise weiter aussitzen zu können, übernimmt der ExpertInnenrat der Bundesregierung zu Covid-19 Forderungen, die die Schülerinitiative „WirWerdenLaut“ aufgeworfen hatte: In einer aktuellen Stellungnahme verlangt das 19-köpfige Gremium aus MedizinerInnen und WissenschaftlerInnen einen „verantwortungsvollen Umgang mit Kindern und Jugendlichen in der Pandemie“ – und der sieht anders aus als bislang praktiziert. Eine Klatsche für die KMK.
Die Position der Kultusministerinnen und Kultusminister in Deutschland ist vergleichsweise schlicht. In einem Satz ausgedrückt (dem jüngsten Beschluss der KMK vom 5. Januar entnommen): „Das Präsenzlernen hat auch unter dem Eindruck der Omikron-Variante höchste Priorität, damit Bildungschancen weitestgehend sichergestellt und psychosoziale Folgeschäden bei Kindern und Jugendlichen verhindert bzw. erkannt werden können.“ Konkrete staatliche Schutzmaßnahmen in Schulen? Kein Wort dazu.
Dem stellt der Corona-ExpertInnenrat der Bundesregierung nun ein deutlich differenzierteres Bild entgegen: „Die Pandemie belastet Kinder und Jugendliche aus vielfältigen Gründen besonders stark. Dies schließt zum einen, wenn auch in geringerem Ausmaß als in anderen Altersgruppen, die primäre Krankheitslast durch die SARS-CoV-2-Infektion selbst ein. Besonders schwerwiegend ist allerdings die sekundäre Krankheitslast durch psychische und physische Erkrankungen der Kinder und Jugendlichen, ausgelöst u.a. durch Lockdown-Maßnahmen, Belastungen in der Familie wie Angst, Krankheit, Tod oder Existenzverlust, Verlust an sozialer Teilhabe und Planungsunsicherheit. Besonders betroffen davon sind Kinder aus sozial benachteiligten Familien. Eine sorgfältige und der jeweiligen Situation angepasste Verbindung von Infektionsschutz und sozialer Teilhabe ist zusammen mit psychosozial stabilisierenden Maßnahmen dringend erforderlich.“
“Es bedarf es der Umgestaltung von Lehrplänen ebenso wie nachhaltiger staatlicher Förderprogramme”
Bei der Beurteilung der psychischen Belastungen für Kinder und Jugendliche ist für die WissenschaftlerInnen auch der schulische Leistungsdruck – den die Kultusministerinnen und Kultusminister zu verantworten haben – ein Thema. Um diesen zu mildern „bedarf es der Umgestaltung von Lehrplänen ebenso wie nachhaltiger staatlicher Förderprogramme, die ohne Verzögerung implementiert und umgesetzt werden“.
Ganz konkret zum Vorschlag des Expertenrats: Kann man jetzt eine Woche von den Osterferien vorziehen und in dieser Zeit die S3-Leitlinie an allen Betreuungseinrichtungen umsetzen? #SARSCoV2 #COVID19 #Kinder #Schulen
— Isabella Eckerle (@EckerleIsabella) February 18, 2022
Der wohl schwerste implizite Vorwurf: Die Kultusministerinnen und Kultusminister interessieren sich nicht mal für die Folgen ihrer Corona-Politik. Wie sich die gesundheitliche Lage bei den Kindern und Jugendlichen darstellt, dazu wurde von ihnen keinerlei Begleitforschung in Auftrag gegeben – ein großes Versäumnis aus Sicht des ExpertInnenrats. „Sowohl die primäre als auch die sekundäre Krankheitslast sind unter spezifischer Berücksichtigung von Kindern und Jugendlichen wissenschaftlich zu erfassen und zu bewerten“, so fordert er.
„Kitas, Schulen und Betreuungseinrichtungen bergen durch die hohe Zahl an Kontakten unmittelbare Infektionsrisiken“
„Schulen sind keine Treiber der Pandemie“ – diesem seit fast zwei Jahren von den Kultusministern verbreiteten Mantra stellt der ExpertInnenrat die wissenschaftliche Sicht entgegen: „Kitas, Schulen und Betreuungseinrichtungen bergen durch die hohe Zahl an Kontakten unmittelbare Infektionsrisiken.“
Und weiter: „Um neue Infektionen so weit wie möglich zu verhindern empfiehlt der ExpertInnenrat, den Betrieb der o. g. Einrichtungen unter Umsetzung insbesondere der AWMF-S3-Leitlinie zur Sicherstellung des Schulbetriebs unter Pandemiebedingungen durch bestmöglich implementierten Infektionsschutz so sicher wie möglich zu gestalten, und eine Schließung allenfalls als ultima ratio in Betracht zu ziehen, wenn alle anderen gesamtgesellschaftlichen Maßnahmen der Kontaktbeschränkung nicht erfolgreich waren. Dies gilt analog für Kitas und andere Einrichtungen. Eine Erneuerung schulischer Infrastrukturen, die zur Umsetzung der Leitlinie notwendig sind, ist dringend geboten.“
Hintergrund: Unter Federführung von vier medizinischen Gesellschaften, der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, der Deutsche Gesellschaft für Public Health, der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin sowie der Deutsche Gesellschaft für pädiatrische Infektiologie, war die S3-Leitlinie von 27 Fachverbänden – darunter als Lehrerverband der VBE – entwickelt und vor einem Jahr von der damaligen Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) vorgestellt worden. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) hatte mitgewirkt.
In der S3-Leitlinie heißt es beispielsweise: „Bei mäßigem Infektionsgeschehen sollte eine Kohortierung von Klassen/Jahrgängen erfolgen. Bei hohem Infektionsgeschehen soll zusätzlich zur Kohortierung von Klassen/Jahrgängen eine gestaffelte Öffnung nach Jahrgängen und/oder eine Halbierung der Klassen erfolgen. Bei sehr hohem Infektionsgeschehen sollen alle Maßnahmen umgesetzt werden.“
das ist deutlich mehr als ich erwartet habe #Expertenrat #Kinder #Pandemie das ist nicht so leicht wegzuwischen, wie eltern, #WirWerdenLaut und so viele weitere initiativen. bin auf die #KMK gespannthttps://t.co/bvLNTWHRG7
— Martin Berghaeuser (@MBerghaeuser) February 17, 2022
Alle Bundesländer ignorieren die S3-Leitlinie. Deren Einhaltung wird auch von der Schülerinitiative „WirWerdenLaut“ gefordert, die mit ihrer Petition – die bislang von knapp 140.000 Menschen unterzeichnet wurde – seit einer Woche für Wirbel sorgt. Der ExpertInnenrat der Bundesregierung, dessen Forderungen sich im Wesentlichen mit denen von „WirWerdenLaut“ decken, solidarisiert sich in seiner Stellungnahme demonstrativ mit den Kindern und Jugendlichen: Er fordert, Schülerinnen und Schüler „partizipativ“ bei den Entscheidungen einzubeziehen. News4teachers
Hier geht es zur vollständigen Stellungnahme des ExpertInnenrats.
Die Expertenrat hat der Bundesregierung & der KMK anspruchsvolle Aufgaben ins Heft geschrieben. Es gilt jetzt keine Zeit zu verlieren. Der nächste Herbst kommt bestimmt und viele Kinder & Jugendliche sind psychisch krank aber nicht versorgt. https://t.co/F33q8Z1sPP
— Julian Schmitz (@JSchmitzLeipzig) February 18, 2022
Mitglieder des ExpertInnenrates der Bundesregierung zu COVID–19 sind:
- Vorsitzender: Heyo K. Kroemer, Vorstandsvorsitzender der Berliner Charité
- Stellvertretende Vorsitzende: Melanie Brinkmann, Professorin für Virologie an der Technischen Universität Braunschweig
- Reinhard Berner, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
- Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Universität Erfurt
- Alena Buyx, Vorsitzende des Deutschen Ethikrats
- Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin
- Christian Drosten, Leiter des Instituts für Virologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin
- Christine Falk, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie
- Ralph Hertwig, Psychologe und Direktor des Forschungsbereichs Adaptive Rationalität am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin
- Lars Kaderali, Institut für Bioinformatik Universitätsmedizin Greifswald
- Christian Karagiannidis, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin
- Thomas Mertens, Vorsitzender der Ständigen Impfkommission (STIKO)
- Michael Meyer-Hermann, Leiter der Abteilung System-Immunologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung
- Johannes Nießen, Leiter des Gesundheitsamts Köln
- Viola Priesemann, Physikerin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation
- Leif Erik Sander, Leiter der Forschungsgruppe Infektionsimmunologie und Impfforschung der Charité
- Stefan Sternberg, Landrat des Landkreises Ludwigslust-Parchim
- Hendrik Streeck, Direktor des Institutes für Virologie und HIV-Forschung an der Medizinischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
- Lothar H. Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI)
