Website-Icon News4teachers

384.000 Kita-Plätze fehlen 2023: “Worauf kann verzichtet werden, ohne das Recht der Kinder zu verletzen?”

Anzeige

BERLIN. Im kommenden Jahr stehen deutlich weniger Kita-Plätze zur Verfügung stehen, als benötigt werden. Das hat der von der Bertelsmann-Stiftung herausgegebene bundesweite Ländermonitor Frühkindliche Bildung mit Zahlen untermauert. Platzausbau, Personalgewinnung und -qualifizierung oder gar ein kindgerechter Betreuungsschlüssel? Sind mit den zur Verfügung gestellten Mitteln nicht zu stemmen, lautet die düstere Prognose. Die GEW ruft nach einer Finanzoffensive. Die Studienautor*innen schlagen unter anderem vor, den Aufgabenbereich von Erzieher*innen zu begrenzen.

Mangelversorgung: Zu wenig Plätze, zu wenig Fachpersonal, zu geringe Betreeungsqualität und Erzieher*innen am Limit. Das Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssystemesieht keine Voraussetzungen für Besserung im kommenden Jahr. Foto: Shutterstock.

Besonders im Westen Deutschlands, wo 362.400 zusätzliche Betreuungsplätze gebraucht werden, gibt es gegenüber dem Osten mit 21.200 benötigten Plätzen eine große Versorgungslücke. Um der Nachfrage gerecht zu werden, müssten im Westen 93 700 Fachkräfte und im Osten 4900 eingestellt werden, teilte die Bertelsmann-Stiftung am Donnerstag mit. Allein der Platzausbau führe zu zusätzlichen Personalkosten von insgesamt 4,3 Milliarden Euro pro Jahr. Der Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz werde auch also auch im kommenden Jahr nicht erfüllt, prognostizieren die Studienautor*innen.

Grundlage der Berechnung sind Erhebungen aus dem Jahr 2021. Die Analyse ergibt für fast alle Bundesländer, dass die Nachfrage der Eltern nach Kita-Plätzen höher ist als der Anteil an Kindern, die im vergangenen Jahr in Betreuung waren. Der größte Mangel besteht demnach im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen mit 101.600 fehlenden Kita-Plätzen. In Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen sei dagegen kein Ausbau der Plätze nötig.

Der Ausbaubedarf ist den Berechnungen zufolge für Kinder unter drei Jahren am höchsten. Demnach fehlen für diese Gruppe in Westdeutschland rund 250.300 Kita-Plätze, in Ost-Deutschland – inklusive Berlin – sind es rund 20.700.

Anzeige
Kindgerechter Personalschlüssel? Wenig wahrscheinlich

Damit 2023 nicht nur ausreichend Kita-Plätze zur Deckung der Betreuungsbedarfe bereitstehen, sondern auch alle Plätze kindgerechte Personalschlüssel aufweisen, müssten 308.800 Fachkräfte zusätzlich beschäftigt werden. Das entspräche Personalkosten von noch einmal rund 13,8 Milliarden Euro jährlich.

Die Bundesmittel für die frühkindliche Bildung von je zwei Milliarden Euro für 2023 und 2024, die im neuen Kita-Qualitätsgesetz vorgesehenen sind, reichten dafür nicht. Es sei also unausweichlich, dass der Bund in größerem Umfang in die dauerhafte Finanzierung des Kita-Systems einsteigt, so Anette Stein, Expertin für frühkindliche Bildung der Bertelsmann Stiftung. Sie fordert, die Bundesmittel einzusetzen, um den Qualitätsausbau in Form kindgerechter Personalschlüssel voranzutreiben. Dieses Vorhaben hat die Ampelregierung im Koalitionsvertrag vereinbart.

GEW: “Finanzpolitische Offensive nötig”
Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert hingegen eine finanzpolitische Offensive von Bund, Ländern und Kommunen. “Mit den knapp 18 Milliarden Euro, die die Bertelsmann Stiftung veranschlagt, sind multiprofessionelle Teams, Qualifikation und Weiterbildung der Fachkräfte oder der Ganztag an Grundschulen noch nicht ausfinanziert”, erklärt Doreen Siebernik, GEW-Vorstandsmitglied für Jugendhilfe und Sozialarbeit. Das System müsse nachhaltig stabilisiert und qualitativ weiterentwickelt werden. „Jetzt rächt sich, dass wir zwar seit vielen Jahren wissen, was gute frühkindliche Bildung ausmacht, doch niemand die Verantwortung übernommen hat, das konkret umzusetzen.“ Die Beschäftigten in den Kitas seien hochmotiviert, sich zu qualifizieren und jedes Kind individuell zu fördern. Die Erzieherinnen und Erzieher wollen alle Kinder begleiten und unterstützen. Das gelinge aber nur, wenn die Rahmenbedingungen stimmen und die Fachkräfte gute pädagogische Arbeit leisten können.
Kosten nur Teil des Problems

Die Kosten sind laut Studienautor*innen allerdings nicht einmal das Kernproblem. „Die größte Hürde auf dem Weg zu genügend Plätzen und mehr Qualität in der frühkindlichen Bildung ist und bleibt der enorme Fachkräftemangel. Es muss jetzt sehr schnell gelingen, viel mehr Personen für das Berufsfeld zu gewinnen“, betont Annette Stein, und verweist auf die Wechselwirkung: „Mit mehr Personal verbessern sich die Arbeitsbedingungen für alle. Damit steigen die Chancen, dass sich mehr Menschen für die Arbeit in einer Kita entscheiden, und zugleich die vorhandenen Fachkräfte im Beruf verbleiben.“

Damit mittelfristig eine bessere Personalausstattung möglich ist, brauche
es eine verbindliche Strategie, wie zukünftig mehr und qualifiziertes Personal hinzukommen
wird. Hierfür können gesetzlich verankerte Stufenpläne hilfreich sein. Ansonsten verlieren die Kitas ihre Attraktivität als Arbeitsplatz und können ihren Bildungsauftrag nicht mehr erfüllen, so Stein weiter.

Pragmatismus gefordert (aber nicht auf Kosten der Kinder)

Es gelte nun dringend, die benötigten Fachkräfte zu gewinnen und zu qualifizieren. Gleichzeitig müsse es aber bereits jetzt gelingen, das vorhandene Kita-Personal zu entlasten – nicht nur durch die Beschäftigung von beispielsweise Hauswirtschaftskräften, sondern gegebenenfalls durch Priorisierung von Aufgaben. Die Anforderungen an das Kita-Personal seien sehr vielfältig und ließen sich mit der aktuellen Personalbemessung nicht mehr umsetzen. „Die Politik muss gemeinsam mit der Praxis und mit Beteiligung der Eltern die Frage beantworten: Worauf kann verzichtet werden, ohne das Recht der Kinder auf Bildung und gutes Aufwachsen zu verletzen?“, so Stein. (News4teachers mit Material der dpa)

Details zur Studie finden Sie unter:

Anzeige
Die mobile Version verlassen