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Kita von halb sieben bis 21 Uhr? Fachkräfte schreiben DIHK-Chef einen bösen Brief: “Kitas sind keine Aufbewahrungsanstalten”

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BERLIN. Ein werktägliches Kita-Betreuungsangebot von 6.30 bis 21 Uhr – sichergestellt von Rentnern und ukrainischen Frauen? Die Kita-Fachkräfteverbände zeigen sich entsetzt über die Ideen von Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer (DIHK); News4teachers berichtete. Sie haben einen Brief an den Immobilienunternehmer verfasst, in dem sie darlegen, warum seine Vorstellungen nicht mit dem Kindeswohl vereinbar sind und alle pädagogischen und psychologischen Grundlagen außer Acht lassen. Darüber hinaus fordern sie angesichts der Personalnot in den Einrichtungen einen Kita-Gipfel auf Bundesebene.

In der Kritik: Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer. Foto: DIHK

Wir dokumentieren das Schreiben im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Adrian,

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im Interview mit der Bild-Zeitung haben Sie den Vorschlag gemacht, dass deutsche Kitas mit Hilfe von Rentnern, die stundenweise Kita-Kinder betreuen und ukrainischen Frauen, die problemlos aushelfen könnten, ein bedarfsgerechtes Angebot von 6.30 Uhr- 21.00 Uhr realisieren sollten. Die Kita-Fachkräfteverbände der Bundesländer fragen sich, ob Sie sich über den gesetzlichen Auftrag der Kitas und über entwicklungspsychologische Grundlagen schon einmal Gedanken gemacht haben.

Kitas sind keine Aufbewahrungsanstalten, in denen viele verschiedene Leute stundenweise auf Kinder aufpassen. Es geht nicht darum, Kinder zu parken, damit Eltern möglichst viele Stunden dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Laut SGBVIII, Abschnitt 3, §§ 22-26 hat jedes Kind ab einem Jahr einen Anspruch auf Betreuung, Bildung und individuelle Förderung. Die Ausgestaltung dieses Angebots steht unter dem Vorbehalt des Kindeswohls, der Aufsichts- und Fürsorgepflicht. Hauptsache, jemand passt auf die Kinder auf – das ist sehr kurz gedacht. Damit junge Kinder sich in den ersten Lebensjahren emotional, sozial, motorisch, sprachlich und kognitiv gut entwickeln können, braucht es eine kindgerechte Kita-Qualität.

“Junge Kinder sind keine Meerschweinchen, die man herumreichen kann, solange sichergestellt ist, dass sie gefüttert oder gemistet werden”

Die DIHK braucht nicht nur aktuell, sondern auch in 15 bis 20 Jahren stabile Persönlichkeiten und gut gebildete Menschen, die unsere Wirtschaft am Laufen halten und mit innovativen Ideen voranbringen. Die Bildungsbiografie beginnt in der Kita, und Bindung kommt vor Bildung. Kleinkinder brauchen verlässliche stabile Bezugspersonen, die feinfühlig auf ihre Bedürfnisse eingehen, sich individuell zuwenden sowie Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Ausgebildete Fachkräfte, die frühpädagogisch arbeiten, sind wichtig, um Kinder in ihrer Entwicklung zu begleiten, ihre Talente zu fördern, mit ihnen zu forschen, zu experimentieren, die Welt zu entdecken und in einem intensiven sprachlichen Austausch zu stehen.

Glauben Sie wirklich, dass Kinder, die stundenweise von wechselnden Aushilfskräften und Menschen ohne adäquate Deutschkenntnisse betreut werden, gute Entwicklungschancen haben und die für sie notwendige frühpädagogische Bildung erhalten? Junge Kinder sind weder Meerschweinchen, die man herumreichen kann, solange sichergestellt ist, dass sie gefüttert oder gemistet werden noch Gepäckstücke, die zur Aufbewahrung gegeben werden, bis jemand Zeit hat, sie hoffentlich unversehrt abzuholen.

Wer Kita-Betreuung losgelöst von ihren pädagogischen und psychologischen Zusammenhängen betrachtet, hat nicht verstanden, was Kinder brauchen, um sich gesund zu entwickeln. Wenn Sie mehr über entwicklungspsychologischen Grundlagen im Klein- und Kindergartenalter erfahren möchten, kontaktieren Sie uns gern. Wir werden Ihnen entsprechende Quellen zur Verfügung stellen.

Mit freundlichen Grüßen
Ihre Kita-Fachkräfteverbände

News4teachers

Kita-Gipfel des Bundes gefordert

BERLIN. Pädagogische Fachkräfte aus zwölf Bundesländern fordern einen bundesweiten Kita-Gipfel, um die Arbeitsbedingungen in der Kinderbetreuung zu verbessern. Immer mehr Kitas müssten wegen fehlenden Personals die Öffnungszeiten oder Kinderzahlen reduzieren oder ganze Gruppen schließen, teilten die Kita-Fachkräfteverbände mit. Viele Mitglieder berichteten, dass sie dauerhaft in Unterbesetzung arbeiteten und Bildungsarbeit, bedürfnisorientierte Betreuung und Förderung kaum mehr möglich seien. „Die Gesundheit vieler pädagogischer Fachkräfte leidet und die psychische Belastung nimmt immer weiter zu“, hieß es.

Und: „Die Situation ist vom Norden bis in den Süden angespannt und so problematisch, dass immer mehr Kitas Öffnungszeiten oder Kinderzahlen reduzieren müssen oder ganze Gruppen geschlossen werden. Unsere Mitglieder berichten kontinuierlich davon, dass sie dauerhaft in Unterbesetzung arbeiten und Bildungsarbeit, bedürfnisorientierte Betreuung und Förderung kaum mehr möglich sind.“

“Das System muss auf neue tragfähige Füße gestellt werden. Weitere Qualitätsverluste sind im Sinne der Kinder und der Fachkräfte inakzeptabel”

Um das zu ändern, sehen die Fachkräfte den Bund in der Verantwortung, im Sinne der Bildungsgerechtigkeit in allen Bundesländern vergleichbare Standards in der frühkindlichen Bildung zu schaffen. Am besten geeignet, um Personal zu finden und zu halten, seien dabei kindgerechte Personalschlüssel und adäquate Räumlichkeiten.

Im  Wortlaut: „Es braucht endlich eine ehrliche Analyse der Ursachen für die vielfältigen Probleme im Kita-Bereich und einen entschlossenen politischen Willen, bessere Rahmenbedingungen zu etablieren. Das System muss auf neue tragfähige Füße gestellt werden. Weitere Qualitätsverluste sind im Sinne der Kinder und der Fachkräfte inakzeptabel. Über die erforderlichen räumlichen und personellen Standards, die eine kindgerechte pädagogische Qualität ermöglichen, sind sich Fachwelt und Fachpraxis seit Jahren einig. Diese Anforderungen an eine gute Kita-Qualität müssen nun endlich umgesetzt werden.“

Zu den Unterzeichnern der Mitteilung zählten die Fachverbände aus Rheinland-Pfalz, Niedersachsen/Bremen, Baden-Württemberg, Hessen, Berlin, dem Saarland, Nordrhein-Westfalen, Sachsen/Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bayern.

Nach Umfrage: Verdi fürchtet Personalflucht aus den Kitas – wegen Überlastung

 

 

 

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