HANNOVER. Immer mehr Kinder und Jugendliche sind zu dick – sogar krankhaft dick. Vor allem in der Corona-Pandemie mit ihren Lockdowns und Einschränkungen stieg ihre Zahl in Deutschland spürbar. Aber schon vor der Pandemie war die Entwicklung eindeutig. Besonders betroffen scheint Ostdeutschland zu sein.
Die Zahl der krankhaft übergewichtigen Kinder in Deutschland ist nach einer Auswertung der Barmer-Krankenkasse zwischen 2011 und 2021 deutlich gestiegen. Bundesweit liegt der Anteil der Kinder und Jugendlichen mit der Diagnose Adipositas der Krankenkasse zufolge im jüngsten Erhebungsjahr bei 3,55 Prozent – gegenüber 2,95 Prozent zehn Jahre zuvor (also eine Steigerung um rund 20 Prozent im Bundesdurchschnitt).
Am geringsten ist der Anteil der betroffenen Kinder und Jugendlichen nach den aktuellsten Daten mit 2,7 Prozent in Bayern, 3 Prozent in Hessen und 3 Prozent in Baden-Württemberg, am höchsten in Mecklenburg-Vorpommern mit 5,4 Prozent und Sachsen-Anhalt mit 4,7 Prozent und Brandenburg mit 4,3 Prozent aller bei der Kasse versicherten Kinder und Jugendlichen.
«Bereits in jungen Jahren ist Übergewicht ein Risikofaktor für viele Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen»
Die Entwicklung ist deutlich auch in Niedersachsen und Bremen zu beobachten. Demnach waren 2011 in Niedersachsen noch etwa 32.000 Kinder im Alter bis 14 Jahre krankhaft übergewichtig, 2021 waren es gut 43.000 – ein Anstieg um knapp ein Drittel, wie die Kasse zu der Auswertung von Daten der eigenen Versicherten mitteilte. In Bremen verdoppelte sich in dem Zeitraum die Zahl der betroffenen Kinder sogar von 2.300 auf 4.600.
«Der Anteil an Kindern mit Adipositas hat in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen», sagte die Landesgeschäftsführerin der Barmer in Niedersachsen und Bremen, Heike Sander. «Im Verlauf der Corona-Pandemie hat sich diese Entwicklung noch beschleunigt.» Denn zwischen 2019 und 2021 seien allein in Niedersachsen rund 3.000 Adipositas-Diagnosen hinzugekommen, in Bremen seien es 1.100. «Die Pandemie mit ihren Einschränkungen im Sportbereich, digitalem Unterricht und dem Wegfall von Sportunterricht hat im wahrsten Sinne des Wortes ein dickes Problem noch verstärkt», sagte sie.
«Es kann leicht ein ungesunder Teufelskreis entstehen, wenn sich Kinder aufgrund ihres Übergewichts zurückziehen»
«Bereits in jungen Jahren ist Übergewicht ein Risikofaktor für viele Folgeerkrankungen wie Bluthochdruck und Stoffwechselstörungen», warnte Barmer-Landeschefin Sander. «Außerdem leiden Beweglichkeit, Ausdauer und Kraft unter zu starkem Übergewicht.»
Warum die Rate in Mecklenburg-Vorpommern fast doppelt so hoch wie in Bayern liegt, ist unklar. Barmer-Landeschef Henning Kutzbach verweist auf die psychische Komponente, wenn adipöse Kinder Hänseleien und Spott ausgesetzt seien. «Es kann leicht ein ungesunder Teufelskreis entstehen, wenn sich Kinder aufgrund ihres Übergewichts zurückziehen, Freunde nicht mehr treffen oder nicht mehr in den Sportverein gehen», so Kutzbach.
Ob ein Kind unter Adipositas leidet, wird anhand des Body Mass Index (BMI) ermittelt. Hier geht es zu einem BMI-Rechner für Kinder.
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