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Bildungsmonitor attestiert Deutschland “dramatisch sinkendes Bildungsniveau” – KMK-Präsidentin will Vorschulpflicht

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BERLIN. Grundschüler schneiden in Studien beim Lesen und Textverständnis immer schlechter ab. Sollten Kinder mit Deutsch-Problemen deshalb vor der Schule ein Kita-Pflichtjahr machen? Ja, findet die wirtschaftsnahe Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die heute ihr alljährliches Bildungsranking der Bundesländer vorgelegt hat – und bekommt Unterstützung von der KMK-Präsidentin.

Fünfjährige, die nicht genug Deutsch sprechen, sollen besser gefördert werden – notfalls zwangsweise. (Symbolfoto) Foto: Shutterstock

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Katharina Günther-Wünsch (CDU), unterstützt eine gegebenenfalls auch mit Bußgeldern durchgesetzte «Vorschulpflicht» für Kinder mit Sprachschwierigkeiten. Die Berliner Bildungssenatorin verwies am Mittwoch auf entsprechende Pläne für Kinder in Berlin: «In der letzten Instanz werden wir auch die Maßnahme der Bußgelder nicht scheuen, weil es darum geht, Kindern von Anfang an die besten Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen.»

Anlass war die Vorstellung des jährlichen «Bildungsmonitors» der wirtschaftsnahen «Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft» (INSM) – einem Vergleich der Bildungssysteme der Bundesländer anhand verschiedener Kriterien «aus einer explizit ökonomischen Perspektive», wie es heißt. Es war die 20. Auflage der Studie. Die INSM kommt anlässlich der Vorstellung zu dem Schluss, dass sich das Bildungsniveau in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verschlechtert habe. Vor allem in den Bereichen Schulqualität, Integration und Bildungsarmut gebe es negative Entwicklungen.

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«Bildung ist der Schlüssel, um Deutschland aus der Abwärtsspirale zu holen. Wann handeln Bund und Länder endlich?»

«Die Kitas und Schulen haben noch keine gute Antwort darauf gefunden, dass die Schülerschaft in den vergangenen Jahren deutlich heterogener wurde, ein steigender Anteil zu Hause nicht deutsch spricht oder nur wenige Bücher im Haushalt besitzt», sagte Studienautor Axel Plünnecke vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW). Folge sei, dass die Ergebnisse von Kindern aus Haushalten mit Migrationshintergrund oder von bildungsfernen Haushalten besonders stark gesunken seien.

INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben forderte eine «Zeitenwende in der Bildungspolitik». Deutschland verliere in vielen Bereichen den Anschluss an die Weltspitze, seit einigen Jahren auch in der Bildungspolitik, so Alsleben: «Bildung ist der Schlüssel, um Deutschland aus der Abwärtsspirale zu holen. Wann handeln Bund und Länder endlich?»

«Die Herausforderungen durch massive Zuwanderung haben leider auch viele Schulen überfordert»

Alsleben sieht es sehr kritisch, dass immer mehr Kinder in der Grundschule nicht ausreichend Deutsch sprechen: «Die Herausforderungen durch massive Zuwanderung haben leider auch viele Schulen überfordert. Die Länder müssen umsteuern und viel mehr in frühkindliche Bildung investieren. Wir brauchen eine Vorschulpflicht für alle, die nicht oder schlecht Deutsch sprechen.» Schulen mit hohem Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Sprachdefiziten müssten viel besser ausgestattet und die betroffenen Lehrkräfte mehr unterstützt werden, so die Forderung der INSM.

In Berlin soll es nach den Plänen der CDU-SPD-Regierung ab 2025 eine Vorschulpflicht geben. Hier heißt das Modell «Kita-Chancenjahr». Ab Herbst 2024 sollen Kinder, die nicht zur Kita gehen, zu Sprachstandstests verpflichtet werden, wie Günther-Wünsch am Mittwoch ausführte. Ab Frühjahr 2025 würden Kinder, bei denen einen Förderbedarf festgestellt wurde oder die nicht zu den Tests erschienen sind, dann zum Kita-Besuch verpflichtet.

Bußgelder für Eltern, die dabei nicht mitwirken, seien nicht vorrangig das Ziel, sagte die CDU-Politikerin, «sondern wir wollen tatsächlich beratend und unterstützend zunächst mit den Eltern arbeiten. Wir werden die Kita-Sozialarbeit ausbauen, um aufsuchende Beratung dann noch mal zu machen.» Wenn alles nicht greife, würden aber Bußgelder umgesetzt. Wer soll aber die zusätzliche Sprachförderung in den Kitas leisten? Bundesweit – auch in Berlin – herrscht ein akuter Kita-Fachrkräftemangel. Eine Umfrage unter Kitaleitungen im März ergab, dass etwa 10.000 Kitas im vergangenen Jahr in Deutschland in mehr als der Hälfte der Zeit mit so wenig Personal arbeiten mussten, dass nicht mal mehr die Aufsichtspflicht wie vorgeschrieben erfüllt werden konnte (News4teachers berichtete).

Im am Mittwoch vorgestellten Bildungsmonitor stand wie schon in den Jahren zuvor erneut Sachsen auf Rang eins mit dem nach Ansicht der Autoren leistungsfähigsten Bildungssystem im Land. Dahinter landeten Bayern, Thüringen und Hamburg. Schlusslicht in der Rangliste war Bremen, hinter Berlin, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen. Doch auch an der Spitze sei das Niveau in den letzten zehn Jahren gesunken, hieß es. Baden-Württemberg, aktuell auf Platz 5 im Ländervergleich, hat gegenüber 2013 am deutlichsten verloren (- 9,6 Punkte).

Die Untersuchung wird seit 2004 jährlich im Auftrag der INSM gemacht, die sich selbst als überparteiliches Bündnis aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft bezeichnet. Sie wird von den Arbeitgeberverbänden der Metall-und Elektroindustrie finanziert. Hauptfragestellung im Bildungsmonitor sei es, in welchem Umfang ein Bildungssystem gute Voraussetzungen zur Förderung des wirtschaftlichen Wachstums und von Bildungsgerechtigkeit schaffe.

Untersucht wird dabei etwa, inwieweit das jeweilige Bildungssystem zur Fachkräftesicherung beiträgt oder Aufstiegsmöglichkeiten für den Einzelnen schafft. Dabei wird beispielsweise das Verhältnis der Bildungsausgaben pro Schüler zu den Gesamtausgaben öffentlicher Haushalte pro Einwohner untersucht, verglichen werden zudem die Investitionen in Schulen und Hochschulen, der Betreuungsschlüssel in Bildungseinrichtungen oder die Klassengrößen. Zudem fließen Ergebnisse aus Bildungsstudien ein, etwa zur Lesekompetenz von Grundschülern. News4teachers / mit Material der dpa

Ansehen der Schulen im Sinkflug, Bürger wollen mehr Investitionen in Bildung

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