STUTTGART. Kinderpsychotherapeutin Gisela Geist warnt vor den Folgen eines frühen Kita-Besuchs: Aus entwicklungspsychologischer Sicht stelle dieser für Kinder unter drei Jahren ein Risiko für ihre gesunde Entwicklung dar. Ähnliche Bedenken äußerte bereits vor wenigen Wochen Psychologin und Bildungswissenschaftlerin Veronika Verbeek (News4teachers berichtete). Beide kritisieren die hohe Stressbelastung, die ein Kita-Besuch für junge Kinder bedeute, – und zwar, so Geist, „selbst bei relativ guter Krippen-Qualität“.
„In den ersten Lebensjahren ist es entscheidend, dass die Bedürfnisse und Emotionen eines Kindes zuverlässig und liebevoll reguliert werden“, erklärt die Stuttgarter Kinderpsychotherapeutin Gisela Geist im Interview mit der Online-Nachrichtenseite ZVW des Zeitungsverlags Waiblingen. Sie betont: Nur so könne ein stabiles Urvertrauen und eine Basis für ein gesundes Selbstwertgefühl entstehen.
Die emotionale Bindung zu wenigen, vertrauten Erwachsenen liefere die Grundlagen „für alle emotionalen und kognitiven Fähigkeiten eines Menschen“. „Dies ist die beste und nachhaltigste ‚Frühe Bildung‘“, sagt Geist, die mit ihrer Initiative „Gute erste Kinderjahre“ schon seit Jahren über die Bedeutung sicherer Bindungen im Kleinkindalter aufklärt. Das Problem laut Geist: Die Rahmenbedingungen im U3-Bereich verhinderten eine ausreichend sichere Bindung. „Daher stellt die frühe Fremdbetreuung ein Risiko für eine gesunde kindliche Entwicklung dar.“
„Je jünger die Kinder, je länger die Betreuungsdauer, desto höher ist die Stressbelastung“
Geist, die vor vier Jahren auch den „Aufruf zur Wende in der Frühbetreuung von Kindern“ in der Vereinigung Analytischer Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeuten Deutschland e.V. (VAKJP) initiierte, untermauert ihre Aussagen mit wissenschaftlichen Studien. Im Fokus dieser steht der Stresshormonspiegel bei Kleinkindern in verschiedenen Betreuungssituationen. Der Vergleich des Cortisolspiegels – einem Marker für Stress – bei Kindern, die in der Kita betreut werden, mit jenen, die zu Hause bei den Eltern sind, zeige signifikante Unterschiede.
„Je jünger die Kinder, je länger die Betreuungsdauer, desto höher ist die Stressbelastung“, führt Geist aus. Diese resultiere aus der frühen Trennung von den Eltern, einer Reizüberflutung durch die Gruppensituation, häufigen Betreuerwechseln und einem Missverhältnis zwischen Anzahl der Kinder und Fachkräften. Dies gelte „selbst bei relativ guter Krippen-Qualität“.
In der Realität kämpften Kitas allerdings mit sich verschlechternder Rahmenbedingungen, mahnt Geist. Der Fachkräftemangel sei enorm und verschärfe sich zunehmend. Studien, wie die des Deutschen Kitaleitungskongresses, belegten regelmäßig, dass es in vielen Kitas an Ressourcen fehle. Auch auf der Webseite ihrer Initiative berichteten Erzieherinnen und Erzieher von belastenden Arbeitsbedingungen, die sich letztlich auch auf die Betreuungsqualität auswirkten. Ein Mangel an Zuwendung, Trost und Sicherheit führe bei Kindern jedoch zu frühkindlichem Stress, dessen Auswirkungen sich oft erst später im Leben zeigten, erklärt die Psychotherapeutin.
Solche Langzeitfolgen beobachtet Geist nach eigenen Angaben auch in ihrer Praxis. Oft wirkten Kinder, die früh fremdbetreut wurden, auf den ersten Blick selbstbewusst und kontaktfreudig. Doch bei näherem Hinsehen zeigten sich unter anderem Anzeichen innerer Unruhe, Rastlosigkeit und Ablenkbarkeit, „was sich später zum Beispiel in ADHS-Diagnosen widerspiegeln kann“.
Familienpolitische Maßnahmen gefordert
Auch Psychologin und Bildungswissenschaftlerin Veronika Verbeek von der Internationalen Hochschule Mannheim betonte zuletzt die Bedeutung der frühen Bindung zu den Eltern (News4teachers berichtete). Sie sei „der Garant für eine gute Entwicklung von Kindern“. Dagegen führe zu frühe und zu lange Kita-Betreuung zu Stress bei Kindern, insbesondere in Einrichtungen mit großen Gruppen und unzureichendem Personal. Wie Geist verwies Verbeek zur Unterstützung ihrer Aussagen auf Studien zum Cortisolspiegel von Kleinkindern in Kitas. Ihre Forderung: „Das Kindeswohl sollte im Fokus stehen“ und Eltern durch familienpolitische Maßnahmen daher mehr Zeit nach der Geburt erhalten, sich um ihre Kinder zu kümmern, bevor sie wieder zur Arbeit gehen müssten.
Derzeit, so kritisiert auch Geist, würden Eltern jedoch eher zu früher außerfamiliärer Betreuung gedrängt. „Eltern werden oft unter sozialen Druck gesetzt, entgegen ihrer eigenen Intuition und Einfühlung früh auf Fremdbetreuung zu setzen“, sagt die Kinderpsychotherapeutin. Um Familien echte Wahlfreiheit zu ermöglichen, schlägt sie daher eine finanzielle Unterstützung für Eltern vor, die ihre Kinder in den ersten drei Jahren selbst betreuen möchten.
„Ein Krippenplatz kostet die öffentliche Hand zum Teil bis zu 1.800 Euro“, rechnet sie vor. Würden die Eltern einen Teil dieser Summe als Betreuungsgeld erhalten, könnten sich viele die Möglichkeit schaffen, ihr Kind zu Hause zu betreuen. Dies könnte wiederum auch zu besseren Rahmenbedingungen in den Kitas führen. Gepaart mit einer stärkeren Einbindung der Väter könnte laut Geist eine solche finanzielle Unterstützung zudem den Weg für eine echte Gleichberechtigung ebnen, ohne für dieses Ziel, die emotionalen Bedürfnisse der Kinder zu vernachlässigen. News4teachers
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