KÖLN. André Szymkowiak wollte ursprünglich Chemiker werden – heute ist er Schulleiter. Und zwar ein ausgezeichneter: Der Direktor des Gymnasiums Thusneldastraße in Köln wurde im vergangenen Jahr in der Kategorie „Vorbildliche Schulleitung“ mit dem Deutschen Lehrkräftepreis ausgezeichnet (dessen neue Bewerbungsrunde jetzt gestartet ist). Warum für ihn Kommunikation der Schlüssel zu guter Führung ist und wie er sein Kollegium sowie die Schülerschaft aktiv einbindet, das berichtet er im Interview. Ein Gespräch über Leidenschaft, Teamgeist und den Mut zur Veränderung.
News4teachers: Mit welcher Motivation sind Sie Lehrer geworden?
André Szymkowiak: Meine Motivation entstand zunächst aus der Freude daran, komplexe Sachverhalte zu vermitteln. Die fachliche Auseinandersetzung mit Themen war mir immer sehr wichtig, und ich wollte dieses Wissen so aufbereiten, dass es anderen Spaß macht, sich damit zu beschäftigen und es zu verstehen.
Eine prägende Erfahrung war meine Zeit als Ausbilder bei der Bundeswehr nach dem Abitur. Dort habe ich intensiv erlebt, wie es ist, anderen Menschen etwas beizubringen. Das hat mir viel Freude bereitet und in mir den Wunsch geweckt, diesen Weg weiterzuverfolgen. Es war jedoch nicht von Anfang an mein Ziel, Lehrer zu werden. Eigentlich wollte ich Chemiker, werden. Doch diese ersten Erfahrungen haben mich zum Nachdenken gebracht und letztlich dazu geführt, auch die Lehrertätigkeit als Möglichkeit in Betracht zu ziehen.
Während meines Chemiestudiums auf Diplom kam ein weiterer Aspekt hinzu: Einige meiner Freunde studierten auf Lehramt mit dem Fach Geografie. Als ich sah, womit sich Geografie beschäftigt, fand ich das sehr spannend. Ich habe oft die Unterlagen meines Mitbewohners durchgesehen, wir haben uns über die Inhalte ausgetauscht, und ich habe gemerkt, dass mich das Fach begeistert. Das hat mich weiter in Richtung Lehrberuf gebracht und ich habe mein Geografiestudium aufgenommen. Anstatt als Chemiker in die Forschung oder Industrie zu gehen, habe ich mir ernsthaft überlegt, mein Wissen an Schülerinnen und Schüler weiterzugeben. Diese Idee reifte in mir immer mehr, bis ich schließlich die Entscheidung traf, Lehrer zu werden.
Start zur Bewerbungsphase für den „Deutschen Lehrkräftepreis – Unterricht innovativ“ 2025.
Über die Auswahl der Preisträgerinnen und Preisträger des „Deutschen Lehrkräftepreises – Unterricht innovativ“ entscheidet nach einer intensiven Gutachterphase eine hochkarätig besetzte Jury unter Vorsitz von Prof. Dr. David-S. Di Fuccia (Universität Kassel). Die Träger des Wettbewerbs, der Deutsche Philologenverband und die Heraeus Bildungsstiftung, wollen mit der Auszeichnung die Leistungen von Lehrkräften und Schulleitungen würdigen und in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung rücken.
News4teachers: Warum sind Sie dann Schulleiter geworden?
André Szymkowiak: Eigentlich hatte ich nie geplant, Schulleiter zu werden. Ich konnte mir gut vorstellen, mein gesamtes Berufsleben als Lehrer zu arbeiten, da mir der Unterricht sehr viel Freude bereitet hat und ich viel mit meinen Schülerinnen und Schülern erreichen konnte. Ich habe mit ihnen erfolgreich an Wettbewerben teilgenommen, und das hat mich sehr erfüllt. Doch wie es oft im Leben ist, ergeben sich neue Möglichkeiten.
Ich habe Chemie und Geografie unterrichtet. Zusätzlich habe ich aufgrund meines Diplomstudiums Chemie auch Physik unterrichten können. Außerdem habe ich eine Zusatzqualifikation für Deutsch als Fremdsprache erworben.
Der erste Schritt weg von der reinen Lehrtätigkeit war dann die Frage, ob ich als Fachleiter in die Lehrerausbildung gehen möchte. Solch eine Gelegenheit schlägt man nicht einfach aus. Noch hatte ich nicht die Absicht, in die Schulleitung zu wechseln. Doch dann kam mein Wunsch auf, im Ausland zu arbeiten. Aufgrund meiner Besoldungsstufe war dies nur möglich, wenn ich eine Leitungsfunktion übernehme. Also bewarb ich mich erfolgreich auf eine Stelle als stellvertretender Schulleiter an einer deutschen Auslandsschule in Namibia.
Dort arbeitete ich drei Jahre lang, und es hat mir so viel Spaß gemacht, dass ich erkannte: Das ist genau das Richtige für mich.
News4teachers: Was macht aus Ihrer Sicht eine gute Schulleitung aus?
André Szymkowiak: Es gibt viele Aspekte, aber zwei halte ich für besonders wichtig. Erstens sollte eine Schulleitung gerne kommunizieren, auch wenn es um schwierige Themen geht. Man darf keine Scheu vor Konflikten haben, denn diese gehören zum Job. Gute Kommunikation macht mindestens 80 Prozent der Arbeit aus, da man mit verschiedenen Menschen in unterschiedlichen Bereichen sprechen und vermitteln muss.
Zweitens sollte eine Schulleitung die Schule nicht nur verwalten, sondern aktiv weiterentwickeln und verbessern wollen. Dies sollte in Zusammenarbeit mit dem Kollegium, den Eltern sowie den Schülerinnen und Schülern geschehen. Es geht darum, die Schule optimal an die Bedürfnisse der Menschen anzupassen, die dort lernen und lehren.
News4teachers: Was bedeutet aus Ihrer Sicht Führungsstärke?
André Szymkowiak: Führungsstärke bedeutet nicht, der dominante Chef zu sein und alles zu kontrollieren. Vielmehr bedeutet es, Ideen, Visionen und Initiativen aufzugreifen, selbst zu entwickeln und Impulse zu setzen. Es geht darum, Menschen mitzunehmen, zu begeistern und zu überzeugen. Führungsstärke bedeutet nicht, allein den Kurs vorzugeben, sondern unterschiedliche Interessen zu bündeln, den richtigen Weg zu finden und diesen gemeinsam zu gehen.
News4teachers: Sie haben gerade von den verschiedenen Interessen gesprochen, die eingebunden werden müssen. Wie binden Sie Ihr Kollegium und die Schülerschaft in Entscheidungsprozesse mit ein?
André Szymkowiak: Zunächst gibt es die Mitwirkungsgremien, die eine zentrale Rolle spielen. Eltern, das Kollegium sowie die Schülerinnen und Schüler haben hier ein Mandat und bringen ihre Ideen und Bedürfnisse ein. Der regelmäßige Austausch ist essenziell, damit diese Anliegen gebündelt und weiterverarbeitet werden können. Letztendlich läuft alles bei mir zusammen, da ich mit allen Beteiligten kommuniziere. Ein guter Kontakt zu Kolleginnen und Kollegen, Eltern sowie zur Schülervertretung ist mir besonders wichtig. Es finden zahlreiche Gespräche statt, sowohl in festen Treffen als auch spontan. Kommunikation ist in unserem Beruf das A und O.
News4teachers: Würden Sie sagen, dass es an Ihrer Schule einen Teamspirit gibt?
André Szymkowiak: Es gibt eine gemeinsame Idee, aber bei einer Kollegiumsgröße von etwa 80 Personen wäre es übertrieben zu behaupten, dass sich alle als ein einziges Team verstehen. Dennoch gibt es innerhalb des Kollegiums Teams, sei es in Fachschaften oder Projektgruppen, die einen starken Teamgeist entwickeln. Auch unser Leitungsteam, bestehend aus etwa acht Personen, arbeitet eng zusammen und verfolgt eine gemeinsame Vision für die Schule.
“Meine Vision ist es, Kinder und Jugendliche bestmöglich auf die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten”
News4teachers: Wie ist das Unterrichtsklima an Ihrer Schule?
André Szymkowiak: Sehr gut, soweit ich das beurteilen kann. Natürlich gibt es immer mal wieder Vorfälle, die nicht optimal laufen, aber insgesamt erlebe ich eine sehr harmonische und wertschätzende Zusammenarbeit zwischen Kollegium und Schülerschaft. Wertschätzung ist uns sehr wichtig, sowohl gegenüber den Schülerinnen und Schülern als auch den Eltern. Wir möchten, dass sich alle hier wohl und als Partner in der Bildung verstehen. Diese Atmosphäre macht unsere Schule aus und ist mir persönlich ein großes Anliegen.
News4teachers: Welche Vision haben Sie als Schulleiter für das Gymnasium Thusneldastraße?
André Szymkowiak: Meine Vision ist es, Kinder und Jugendliche bestmöglich auf die gesellschaftlichen Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten. Dazu gehört, dass wir als Schule mit der Zeit gehen und unsere Methoden stetig hinterfragen und anpassen. Wir müssen uns fragen, wie wir unser Handeln gestalten können, um die Schülerinnen und Schüler optimal auf aktuelle und zukünftige Herausforderungen vorzubereiten.
So sind wir kürzlich zur KI-Projektschule in Nordrhein-Westfalen ernannt worden, als eine von nur 25 Schulen und die einzige in Köln. Das ist eine große Auszeichnung, da wir uns seit Jahren intensiv mit dem Thema künstliche Intelligenz befassen und deren Vorteile in den Unterricht integrieren. Bereits während der Corona-Pandemie haben wir früh auf digitale Bildung gesetzt, indem wir MS 365 eingeführt und umfassende Fortbildungen angeboten haben. Dadurch verfügen wir über eine hohe digitale Kompetenz im Kollegium. Uns ist wichtig, digitale Medien kreativ und kollaborativ einzusetzen, um den Unterricht zu bereichern.
News4teachers: Gab es bereits Hürden auf dem Weg zu Ihrer Vision? Und wie haben Sie diese Hürden überwunden?
André Szymkowiak: Hürden gibt es immer wieder. Schule ist in ein stark bürokratisches System eingebunden, sowohl seitens der Schulaufsicht als auch des Schulträgers. Zudem kämpfen wir mit chronischer Unterfinanzierung, beispielsweise bei der Ausstattung mit IT-Geräten. Hindernisse lassen sich überwinden, indem man mit den richtigen Leuten spricht, nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten sucht und sich Beratung holt. Vor allem aber darf man sich nicht entmutigen lassen, sondern muss mit Zuversicht an Herausforderungen herangehen.
News4teachers: Welche Rolle spielt für Ihre Arbeit die Beziehung zur Schülerschaft?
André Szymkowiak: Persönliche Kontakte zur Schülerschaft sind mir sehr wichtig, auch wenn ich zur Zeit aufgrund meiner Abordnung zur Schulleitungsqualifizierung in NRW nicht unterrichte. Dennoch begrüße ich die Schülerinnen und Schüler morgens im Foyer, damit sie mich kennen und eine Beziehung zur Schulleitung aufbauen können. Ich bewege mich viel in der Schule und stehe für Gespräche zur Verfügung. Diese Wertschätzung und Zugewandtheit sind auch zentrale Werte, die ich dem Kollegium vermittle. Eine gute Atmosphäre ist für das Lernen essenziell und daher eine unserer Prioritäten.
News4teachers: Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie erfahren haben, dass Sie von Ihrem Kollegium für den Deutschen Lehrkräftepreis nominiert wurden?
André Szymkowiak: Das war ein wirklich tolles Gefühl, weil es gerade die Menschen betrifft, die mir in meinem Arbeitsumfeld am wichtigsten sind. Als Führungskraft bekommt man selten direktes Lob. Man muss lernen, damit umzugehen. Umso besonderer ist es, wenn eine solche Wertschätzung erfolgt – vor allem in dieser Form. Besonders bewegt hat mich, dass nicht nur das Kollegium, sondern auch Schülerinnen, Schüler und Eltern diese Meinung teilten.
News4teachers: Sie haben dann in der Kategorie „Vorbildliche Schulleitung“ den ersten Platz belegt. Wie war es für Sie, im Rampenlicht zu stehen?
André Szymkowiak: Um ehrlich zu sein, war mir die Platzierung gar nicht so wichtig. Die Veranstaltung und die Preisverleihung waren großartig, weil eine starke Wertschätzung spürbar war – sowohl durch die hochrangigen Gäste als auch durch die allgemeine Anteilnahme. Einen solchen Preis zu bekommen, ist einfach schön. Es ist kein Wettbewerb im klassischen Sinne, bei dem jemand schneller läuft als der andere. Natürlich habe ich mich über den ersten Platz gefreut, aber entscheidender war für mich, dass die Auszeichnung meine Arbeit gewürdigt hat. Dass sie auch externe Personen überzeugen konnte, war für mich besonders bedeutend.
News4teachers: Hatte die Auszeichnung denn positive Auswirkungen auf Ihre Tätigkeit als Schulleiter oder auf das Schulleben am Gymnasium Thusneldastraße?
André Szymkowiak: Das ist schwer zu sagen. Ich merke aber eine größere Sichtbarkeit – nicht nur in der Schule, sondern auch in der Stadtgesellschaft. Viele haben die Auszeichnung positiv wahrgenommen, darunter auch ehemalige Schülerinnen und Schüler, die stolz darauf sind, dass der Schulleiter ihrer früheren Schule diesen Preis erhalten hat. Eine solche externe Anerkennung ist immer etwas Besonderes. Ich denke, das hat der Schule insgesamt an Renommee eingebracht. Besonders habe ich das bei den Schülerinnen und Schülern gespürt. Während das Kollegium sich sicherlich auch gefreut hat, war es für die Schülerinnen und Schüler noch einmal etwas Besonderes, dass ihr Schulleiter ausgezeichnet wurde.
“Wir haben schon viel verbessert, aber ich wünsche mir, dass der Wohlfühlcharakter der Schule weiter steigt”
News4teachers: Was wünschen Sie sich für die Zukunft Ihrer Arbeit an der Schule?
André Szymkowiak: Speziell für das Gymnasium Thusneldastraße gibt es viele Dinge, die derzeit umgesetzt werden müssen. Wir bekommen ein neues Gebäude – ein riesiges Projekt, das viel Planung erfordert und sich über Jahre erstreckt. Mein Wunsch ist es, dass wir dadurch bessere Räume mit moderner Ausstattung erhalten, um eine höhere Aufenthaltsqualität zu schaffen. Das ist mir besonders wichtig, da wir eine Ganztagsschule sind und in diesem Bereich noch Luft nach oben haben. Wir haben schon viel verbessert, aber ich wünsche mir, dass der Wohlfühlcharakter der Schule weiter steigt. Die persönliche Atmosphäre ist bereits sehr gut, aber es fehlen noch mehr Räume, in denen man zusammenarbeiten, sich austauschen und zusammensitzen kann. Die Aufwertung des Sozialraums wäre ein großes Anliegen für mich.
News4teachers: Und was wünschen Sie sich konkret für Ihre Arbeit als Schulleiter?
André Szymkowiak: Persönlich bin ich sehr zufrieden mit meiner Arbeit. Schulleiterin oder Schulleiter zu sein, ist ein großartiger Beruf, der unheimlich erfüllend ist. Man kann Dinge bündeln, Akzente setzen und gestalten. Es geht nicht um Machtausübung, sondern darum, in einer zentralen Position viel in der Hand zu haben und wirklich etwas bewegen zu können. Oft wirkt es so, als sei man in einem festen Korsett gefangen, aber das stimmt aus meiner Sicht nicht. Man hat große Gestaltungsspielräume. Wer Lust darauf hat, kreativ zu sein, mit Menschen zusammenzuarbeiten und etwas zu bewirken, für den ist es ein wunderbarer Beruf. Nina Odenius, Agentur für Bildungsjournalismus, führte das Interview.
