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„Die Zahlen sind erschreckend“: Schulen sind kein sicherer Ort für Sinti und Roma (Schuld tragen auch Lehrkräfte)

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BERLIN. Mehr als 300 rassistische Vorfälle gegen Sinti und Roma im Schulkontext – allein im vergangenen Jahr. Der aktuelle Jahresbericht der Meldestelle MIA zeichnet ein düsteres Bild: Sinti und Roma sind in Schulen regelmäßig Diskriminierung, Ausgrenzung und offenem Hass ausgesetzt. Die Dunkelziffer dürfte deutlich höher liegen. Bundesbildungs- und -familienministerin Karin Prien (CDU) fordert Konsequenzen.

Sinti- und Roma-Kinder leiden in deutschen Bildungseinrichtungen unter Diskriminierung und Rassismus – auch durch Lehrkräfte und Schulleitungen. Symbolfoto: Shutterstock/lzf

Die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus (MIA) hat im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben deutlich mehr Vorfälle registriert, die sich gegen Sinti und Roma richteten. 2024 wurden demnach bundesweit 1.678 antiziganistische Vorfälle gemeldet, heißt es im aktuellen MIA-Jahresbericht. Das sind im Schnitt mehr als vier Fälle pro Tag.

Antiziganismus ist eine spezifische Form des Rassismus, die sich gegen Sinti und Roma oder gegen Menschen richtet, die als solche wahrgenommen werden. Die Zahlen stammen aus der MIA-Bundesgeschäftsstelle sowie von den sechs regionalen Meldestellen in Bayern, Berlin, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen und Schleswig-Holstein.

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Hohe Dunkelziffer vermutet

«Wir sprechen hier von einem Bruchteil der tatsächlichen Vorfälle. Es besteht weiterhin ein enormes Dunkelfeld», sagte MIA-Geschäftsführer Guillermo Ruiz bei der Vorstellung des Berichts. Im Vergleich zum Vorjahr mit 1.233 Vorfällen stieg die Zahl der registrierten Fälle um 36 Prozent. Die Zunahme habe nicht nur damit zu tun, dass die Meldestelle bekannter geworden sei, sondern auch mit einer zunehmend feindseligen, antiziganistischen Stimmung, sagte Ruiz.

Am häufigsten würden verbale Stereotypisierungen (856 Fälle) und Diskriminierungen (666 Fälle) registriert. Zudem gebe es Sachbeschädigungen, Bedrohungen und Angriffe bis hin zu extremer Gewalt.

Hunderte Fälle in Kontakt mit Behörden und Schulen

Knapp ein Viertel aller gemeldeten Vorfälle (369 Fälle) fand im Kontakt mit Behörden statt. Viele weitere ereigneten sich im Wohnkontext (295 Fälle). Zudem seien Sinti und Roma im Internet, auf offener Straße, durch Politiker und im Job mit Hass konfrontiert. Am zweithäufigsten erleben Angehörige der Minderheit jedoch Diskriminierung und Rassismus im Bildungssektor (313 Fälle), „wobei die meisten Fälle an Schulen stattfinden“, wie es im MIA-Jahresbericht heißt. In diesem Zusammenhang besonders erschreckend: Bei 62 Prozent der Meldungen im Bildungsbereich handelte es sich um Vorfälle, bei denen der Antiziganismus von Personen in offizieller Funktion ausging – etwa Lehrkräften, Schulsozialarbeiter*innen und Schulleitungen.

Vor allem verbale Stereotypisierungen und individuelle Diskriminierungen durch Lehrkräfte

Detaillierte Informationen zu Betroffenen, Formen und Folgen von Antiziganismus im Bildungsbereich bietet der gleichnamige MIA-Kurzbericht, der im April dieses Jahres erschienen ist. Demnach meldeten Betroffene seit 2023 in diesem Bereich vor allem verbale Stereotypisierungen und individuelle Diskriminierungen durch Lehrer*innen und andere Personen in offizieller Position im Bildungssektor. Dabei handele es sich um wiederkehrende Vorfälle im Alltagsleben der Betroffenen. „Gehäuft gemeldet wurden die Benutzung der antiziganistischen Fremdbezeichnung und diskriminierende Zuschreibungen angeblicher Eigenschaften wie Dummheit, Faulheit, Kriminalität, Gewalttätigkeit und Bildungsferne“, erläutert der Bericht und nennt einige Beispiele:

Fehlende Unterstützung für Betroffene

Daneben erleiden Sinti und Roma Mobbing, Ausgrenzung und verbale sowie körperliche Angriffe durch Mitschüler*innen – häufig schon ab der Grundschule. Beschwerden von Seiten der betroffenen Schüler*innen oder deren Eltern werden jedoch von Lehrkräften oder Schulleiter*innen nicht ernst genommen. Wehren sich die Kinder allerdings selbst gegen die Diskriminierung, reagieren Lehrkräfte und Schulleitungen „mit unverhältnismäßigen Maßnahmen […], indem sie die von Antiziganismus betroffenen Schüler*innen bestrafen“.

Dazu heißt es im Kurzbericht: „MIA liegen Meldungen vor, bei denen Schüler*innen und Studierende Antiziganismus thematisieren und in der Folge eine nicht nachvollziehbar schlechte Benotung erhalten. In mehreren gemeldeten Vorfällen konnte eine Täter*innen-Opfer-Umkehr beobachtet werden: gemobbte Schüler*innen der Minderheit, die sich verbal, physisch oder durch Beschwerden wehren, werden zu Täter*innen gemacht und bestraft. Die eigentlichen Täter*innen hingegen bleiben ungestraft.“

Auch vor körperlichen Angriffen sind Sinti- und Roma-Schüler*innen an Bildungseinrichtungen nicht sicher. Mehrheitlich sind zwar Mitschüler*innen die Täter, doch bei einem Viertel der Meldungen gingen die Angriffe dem MIA-Kurzbericht zufolge vom Lehrpersonal oder anderen Personen in offizieller Funktion aus. „Es wird berichtet, dass sie von Lehrer*innen grob angefasst, geschubst, an Schulbänke gedrückt und geschlagen werden.“

Institutioneller und struktureller Antiziganismus

Neben des Antiziganismus‘, der von einzelnen Personen im Bildungsbereich ausgeht, kämpfen Angehörige der Minderheit auch mit institutionellem und strukturellem Antiziganismus. So müssen die Kinder von zugewanderten oder geflüchteten Roma laut MIA-Kurzbericht oft überproportional lange warten, bis sie einen Platz in einer Schule oder einer Kita erhalten. Bildungsplätze erweisen sich zudem immer wieder als unsicher. Es kommt vor, dass Kitas und Schulen Sinti- und Roma-Kinder aufgrund von Sprachschwierigkeiten und/oder imaginiertem Förderbedarf aus der eigenen Bildungseinrichtung verweisen. Schulen verlangen bei Schulanmeldung unnötige Bescheinigungen wie beispielsweise Stromrechnungen oder schließen Eltern bei Schulveranstaltungen aus.

„Institutioneller Antiziganismus äußert sich auch in Drohungen mit dem Jugendamt und Kindesentziehung vonseiten der Schulsozialarbeiter*innen und des Lehrpersonals bis hin zur Auferlegung von Bußgeldern sowie zum tatsächlichen Kindesentzug aufgrund von Schulabwesenheit.“ Demnach liegen der Melde- und Informationsstelle Antiziganismus „mehrere Meldungen vor, bei denen kein Interesse der Schule vorzuliegen schien, die Gründe für den Schulabsentismus herauszufinden und kein Gespräch mit den Eltern vor Einschaltung des Jugendamtes gesucht wurde. In den vorliegenden Meldungen lag tatsächlich jeweils Schulangst aufgrund kontinuierlichen antiziganistischen Mobbings bis hin zu Angriffen gegen die Kinder und Jugendlichen oder eine attestierte Erkrankung als Grund für die Schulabstinenz vor.“

„Menschenrecht auf Bildung […] systematisch und rassistisch fundiert eingeschränkt“

Die „Vorfälle im Bildungskontext zeigen, dass das Menschenrecht auf Bildung für Personen, die von Antiziganismus betroffen sind, in Deutschland systematisch und rassistisch fundiert eingeschränkt wird“, fasst die Melde- und Informationsstelle Antiziganismus die Lage im Bildungsbereich in ihrem Jahresbericht zusammen. Das Ausmaß der antiziganistisch motivierten verbalen und physischen Angriffe, Bedrohungen und Beleidigungen, denen Kinder und Jugendliche in den deutschen Bildungseinrichtungen ausgesetzt sind, sei erschreckend. Ebenso, dass die Vorfälle mehrheitlich von Personen in offizieller Funktion ausgehen – Lehrkräfte, Schulsozialarbeiter*innen und Schulleitungen. Lange Abwesenheiten bis hin zu Schulabstinenz könnten die Folge sein, mit weiteren Konsequenzen für den individuellen Bildungs- und Lebensweg. Dies schade einer gleichberechtigten Bildungsteilhabe.

«Die Zahlen sind erschreckend», kommentierte auch Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) den aktuellen Bericht, wie die Meldestelle beim Kurzmitteilungsdienst X schrieb. Besonders schockiert sei Prien von den Vorfällen an Schulen. «Schule muss sicher sein – für alle», so die Ministerin. Dies fordert auch MIA-Geschäftsführer Ruiz. Insbesondere im Bildungsbereich gelte es, systematisch gegen strukturelle Diskriminierung vorzugehen und echte Chancengleichheit zu schaffen. Instrumente zur Bekämpfung von Diskriminierung an Schulen seien beispielsweise ein unabhängiges Beschwerdesystem, um Opfern von Rassismus an Schulen Beratung zu bieten, sowie Sensibilisierungsprogramme für Pädagog*innen. News4teachers / mit Material der dpa

Zu problemzentriert: Schulbuch-Analyse kritisiert Darstellung von Sinti und Roma

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