HANNOVER. Wie verrückt ist das? Weil die Förderung des Bundes und des Landes Niedersachsen für mobile Luftfilter auf Räume auf schlecht zu belüftende Klassenräume beschränkt ist, will Hannover Schulfenster so umrüsten, dass das Lüften in Klassenräumen schwieriger wird. Das Kultusministerium kritisiert die Stadt dafür. Dabei macht die Posse einmal mehr deutlich, wie wenig sachgerecht die Begrenzung der Förderprogramme ist.
Die Stadt Hannover hat angekündigt, mobile Luftfilter für 200 Klassenräume kaufen zu wollen. Die Filter würden in Räumen eingesetzt, die sich nur schwer belüften lassen. Zunächst sollten 40 Geräte beschafft werden, die Filter sollten in Räumen eingesetzt werden, die sich nur schwer belüften lassen. Im vergangenen Jahr war in diesen Räumen für Frischluft gesorgt worden, indem Kippsperren an den Fenstern entfernt wurden. Diese Sperren würden wieder eingebaut. Ohnehin ist an einen flächendeckenden Einsatz der Geräte nicht gedacht: Flächendeckend erhalten die Klassen 1 bis 6 lediglich sogenannte CO2-Ampeln, die den steigenden Kohlendioxid-Gehalt in der Atemluft anzeigen. Diese Geräte haben zwar wenig mit möglicherweise Corona-belasteten Aerosolen zu tun, sind aber deutlich billiger als mobile Luftfilter.
Mit der Ankündigung, Fenstersperren in Klassenräumen wieder zu installieren, um so die Belüftungsmöglichkeiten zu verringern und die Förderung für Luftfilter zu erhalten, hat die Stadt den Unwillen des niedersächsischen Kultusministeriums erregt. Das Ministerium kritisiert das Vorgehen. «Künstlich die Luftzufuhr zu verknappen, um eine Förderfähigkeit für mobile Luftreiniger zu erreichen, widerspräche dem Geiste der Richtlinie und würde den Schutz der Schülerinnen und Schüler schmälern», sagt ein Ministeriumssprecher gegenüber der «Hannoverschen Allgemeinen Zeitung».
«Wir möchten nicht fördern, dass schlechter gelüftet werden kann. Das ist nicht im Sinne des Gesundheits- und Infektionsschutzes»
Der Sprecher mahnt, mit dem Einbau sogenannter Drehkippsperren würden die betreffenden Räume nicht zu Klassenräumen mit eingeschränkter Lüftungsmöglichkeit, weil sich die Fenster mit einem Schlüssel öffnen ließen. Fraglich sei, ob eine Förderung für solche Räume überhaupt möglich wäre: «Wir möchten nicht fördern, dass schlechter gelüftet werden kann. Das ist nicht im Sinne des Gesundheits- und Infektionsschutzes.» Stattdessen solle geprüft werden, ob nicht der Einbau von Zu- und Abluftanlagen und Fensterventilatoren besser wäre. Das Ministerium bietet der Stadt jetzt einen fachlichen Austausch über Maßnahmen und Fördermöglichkeiten an.
Die Posse macht einmal mehr deutlich, wie wenig sachgerecht die Beschränkung der Förderprogramme auf „schlecht zu belüftende Räume“ in Kitas und Schulen überhaupt ist. Die liegt offenbar in der zu knapp bemessenen Finanzausstattung der Bundesförderung begründet. Insgesamt 200 Millionen Euro liegen dort parat – der Bedarf, um alle Klassenräume in Deutschland flächendeckend mit mobilen Luftfiltern auszustatten (Kita-Räume nicht eingerechnet), liegt aber bei 1,5 Milliarden Euro, kalkulieren Experten.
Passenderweise lieferte das Umweltbundesamts (UBA) eine Schätzung, nach der 15 bis 25 Prozent der Klassen- und Gruppenräume nicht gut zu belüften seien. Wie kommt das UBA darauf? Die Kultusminister in Deutschland erklären seit fast einem Jahr unisono, die Kitas und Schulen seien dank Fensterlüftung sicher – und das Amt warnt selbst auf seiner Homepage seit vergangenem Herbst grundsätzlich davor, nicht gut belüftbare Räume für den Unterricht zu nutzen. Wo kommen also jetzt auf einmal die nicht gut zu belüftenden Räume her? Das Beispiel Hannover scheint einen Hinweis zu geben.
Wie fragwürdig die aktuelle Kommunikationslinie des UBA ist – lange Zeit hatte es die Kultusminister darin bestärkt, mobile Luftfilter in Klassenräumen überhaupt als sinnvoll anzuerkennen, war dann aber plötzlich umgeschwenkt –, lässt sich an Äußerungen von UBA-Direktor Heinz-Jörn Moriske erkennen. Er behauptete nämlich unlängst in der „Rheinischen Post“: Wenn sich in einem Klassenzimmer zwei Fenster weit öffnen ließen, sei von ausreichender Belüftung auszugehen, selbst wenn kein Durchzug möglich ist. Virenfilter brauche es dann nicht. „Unter diesen Bedingungen können wir den Präsenzbetrieb in den Schulen gut und sicher aufnehmen.“ Fensterfronten mit Oberlichtern, die nur gekippt werden können, reichten hingegen für die Belüftung nicht aus, meint er; hier könnten Luftfilter helfen.
In den Empfehlungen des UBA für die Schulen findet sich aber nichts dazu, dass es ausreichend sei, wenn zwei Fenster in einem Klassenzimmer zu öffnen sind – im Gegenteil: Dort heißt es, „alle Fenster müssen weit geöffnet werden (Stoßlüften)“. Das klingt nach mehr als zwei. Und: „Noch besser als Stoßlüften ist Querlüften. Das bedeutet, dass gegenüberliegende Fenster gleichzeitig weit geöffnet werden.“ Das Problem hier: Es gibt in Klassenräumen in aller Regel keine gegenüberliegenden Fenster.
Folgt man den Erkenntnissen von Aerosol-Forschern, die den Einsatz von mobilen Luftfiltern in Klassenräumen tatsächlich untersucht haben (das UBA selbst hat das nicht getan), so sind Moriskes Behauptungen ohnehin – schlicht falsch.
So riet die Deutsche Physikalische Gesellschaft (DPG) bereits im Januar, bei der Belüftung von Klassenzimmern – und zwar von allen – auf technische Lösungen zu setzen, die einen kontrollierten Luftwechsel gewährleisten. Der Einsatz technischer Geräte zur Belüftung ist nach Ansicht der Fachgesellschaft grundsätzlich jeder Art passiver Lüftung durch bloßes Öffnen von Fenster und Türen weit überlegen, da bei der technischen Belüftung der Luftaustausch bzw. die Luftreinigung in kontrollierter Art und Weise geschieht. Bei der momentan empfohlenen passiven Lüftung von Klassenräumen mit Außenluft über die Fenster sei dies in einem typischen Klassenzimmer dagegen nicht zu erreichen, da diese stark von Faktoren wie Wind, Temperatur, Fensteröffnungen oder der Lage der Heizkörper abhänge.
In die gleiche Kerbe schlägt ein aktuelles Positionspapier der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). „Ein schneller Luftaustausch durch Fensterlüftung erfordert regelmäßiges Querlüften (6-mal pro Stunde, Durchzug durch Öffnen von Fenstern auf gegenüberliegenden Raumseiten, ggf. auch in benachbarten Räumen) oder ebenso häufiges Stoßlüften (durch vollständiges Öffnen aller vorhandenen Fenster in dem genutzten Raum)“, so heißt es darin. Trotzdem könne die Fensterlüftung physikalisch unwirksam sein, wenn kein Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen und kein ausreichender Wind vor den Fenstern herrsche. Das gilt natürlich für alle Klassenräume – nicht nur für Räume, die über zu wenige Fenster verfügen (und die deshalb grundsätzlich nicht für den Schul- und Kitabetrieb infrage kommen, schon aufgrund des steigenden CO2-Gehalts in der Atemluft nicht).
Die Wahrscheinlichkeit, sich im Unterricht anzustecken, ist ohne mobile Luftfilter im Schnitt mindestens fünf Mal größer als ohne
Eine aktuelle Studie der Universität Stuttgart kommt zu bemerkenswerten Ergebnissen: Luftreinigungsgeräte seien „meist“ wirksamer als die Stoßlüftung, heißt es in dem Papier. Wie viel wirksamer, das haben die Forscher im Rahmen eines Modellprojekts an zehn Schulen ermittelt: In den untersuchten normalen Klassenräumen sank die Infektionswahrscheinlichkeit durch den Einsatz von hinreichend dimensionierten mobilen Luftfiltern ohne Maske von 38 Prozent auf sechs Prozent, mit Maske von knapp zehn Prozent auf unter zwei Prozent – heißt: Die Wahrscheinlichkeit für Schülerinnen und Schüler, sich während des Unterrichts anzustecken, ist ohne mobile Luftfilter im Schnitt mindestens fünf Mal größer als ohne.
Warum Lüften in Gruppenräumen wichtig ist und schlecht zu belüftende Räume deshalb gar nicht für den Unterricht geeignet sind – unabhängig von Corona –, erklärt das UBA selbst auf seiner Seite: „Beim Lüften strömt frische Luft in den Raum und ersetzt die verbrauchte. So wird Feuchtigkeit aus dem Raum abtransportiert, was das Risiko von Schimmelbildung reduziert. Zudem werden Feinstaub, Gerüche und Ausdünstungen aus z. B. Möbeln oder von Kosmetika entfernt. Nicht zuletzt wird CO2 nach außen abgeführt, welches müde machen und die Konzentration verringern kann.“ News4teachers / mit Material der dpa
