Vorbild Hamburg! Schulbehörde bestellt 21.000 mobile Luftfilter – alle Klassenräume werden bis Oktober ausgestattet

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HAMBURG. Die Hamburger Schulbehörde hat jetzt über 21.000 mobile Luftfiltergeräte im Wert von über 21 Millionen Euro bei verschiedenen Herstellern für die Unterrichtsräume der staatlichen Hamburger Schulen verbindlich bestellt. Im Gegenzug hätten die Firmen zugesichert, ab Anfang September und bis Ende der Herbstferien mindestens rund 18.000 Geräte zu liefern, hieß es. Die weiteren  sollen im Oktober folgen. Hamburg wäre damit das erste Bundesland, das alle Klassenräume tatsächlich mit den Geräten ausstattet. Bemerkenswert: Noch im Juli hatte Schulsenator Ties Rabe (SPD) erklärt, dass nach wie vor nicht feststehe, ob mobile Raumluftfilter wirklich Sinn machen.

Mobile Luftfilter können Viren aus der Raumluft beseitigen – kosten aber Geld. Das Foto zeigt einen Klassenraum im bayerischen Unterbiberg, der mit Luftfilter und Plexiglas-Schutzwänden ausgestattet ist. Foto: Shutterstock / Alexandra Goertz

Mehr noch: Monatelang hatte Rabe sich unter Hinweis auf bestehende Abstandsregeln, Hygiene- und Lüftungskonzepte gegen den flächendeckenden Einsatz von Luftfilteranlagen in Klassenräumen ausgesprochen. «In keinem anderen Lebensbereich gelten so weitgehende Sicherheitsmaßnahmen wie in den Schulen», behauptete der Bildungssenator noch am 8. Juli. «Es ist schwer zu erklären, warum trotz dieser Maßnahmen der Schulbetrieb auch noch von Luftfiltern abhängen soll, die in anderen Lebensbereichen mit weniger strengen Schutzmaßnahmen – beispielsweise in Einzelhandel, Freizeitangeboten oder Gastronomie – keineswegs vorgeschrieben sind.»

„Mit mobilen Luftfiltergeräten wollen wir Hamburgs Schulen noch besser vor Corona-Infektionen schützen“

Der SPD-Politiker, als Sprecher der SPD-geführten Kultusministerien in Deutschland bundesweit mit Einfluss, hat sich offenbar mittlerweile über den Stand der Wissenschaft informiert. Denn er ist plötzlich umgeschwenkt – und erklärt laut Pressemitteilung jetzt: „Mit unserer sehr umfangreichen Bestellung von mobilen Luftfiltergeräten wollen wir Hamburgs Schulen noch besser vor Corona-Infektionen schützen. Hamburg ist bislang das einzige Bundesland, das flächendeckend alle Klassenräume und einen großen Teil der weiteren Unterrichtsräume an den Schulen mit mobilen Luftfiltergeräten ausstattet. Ich freue mich, dass es uns trotz einer angespannten Marktsituation gelungen ist, rechtzeitig eine so große Zahl von Geräten sicher zu bestellen.“

In der Pressemitteilung der Bildungsbehörde wird zudem erklärt: Die mobilen Luftfiltergeräte haben ungefähr die Größe eines kleinen oder mittleren Kühlschrankes und funktionieren ähnlich wie ein Staubsauger, dessen Ansaugrohr auf dem Boden liegt: Mithilfe eines Ventilators wird die verbrauchte Luft des Klassenraumes angesaugt und über ein extrem feines Filtermedium gereinigt. Dabei werden selbst winzige Partikel wie beispielsweise mit Corona-Viren verunreinigte Aerosole aus der Luft herausgefiltert. Um die Wirksamkeit und Sicherheit zu erhöhen, plant die Schulbehörde, in jedem Raum statt eines größeren Gerätes zwei kleinere Geräte gegenüber aufzustellen. Der Vorteil besteht darin, dass die eventuell verunreinigte Luft kürzere Wege bis zum Filter zurücklegen muss.

Ziel der Schulbehörde sei es, 10.000 Unterrichtsräume mit Luftfiltergeräten auszustatten und so die Sicherheit für die rund 8.600 Schulklassen an den allgemeinbildenden Schulen sowie die Schulklassen an den berufsbildenden Schulen zu erhöhen. Bereits jetzt hätten einzelne allgemeinbildende Schulen rund 800 Klassenräume mit Luftreinigungsanlagen ausgestattet.

„Hamburg hat sich aufgrund der geänderten Experteneinschätzungen deshalb entschieden, die Geräte flächendeckend anzuschaffen“

Die bestellten Geräte seien mit maximal 45 dB unter Berücksichtigung der Frequenz ausreichend leise, um den Unterricht nicht zu stören. Sie filtern pro Stunde mindestens die dreifache Luftmenge des Raumes. Wartung und Filterwechsel werden von der Schulbehörde in Zusammenarbeit mit Schulbau Hamburg organisiert. Alle Schulen werden in der nächsten Woche ausführlich über das Projekt informiert. Auslieferung und Aufstellung der Geräte erfolgt zunächst an Grundschulen, danach an weiterführenden Schulen und zuletzt an berufsbildenden Schulen. Diese Reihenfolge berücksichtigt, dass sich ältere Schülerinnen und Schüler bereits impfen lassen können, während es für Grundschülerinnen und Grundschüler noch nicht einmal Impfstoffe gibt.“

Wirkung und Notwendigkeit der Geräte wurden von Experten lange Zeit unterschiedlich bewertet, so heißt es zur Begründung, warum sich Hamburg bislang bei der Beschaffung von Luftfiltern zurückhielt. „Erst in den letzten Monaten gab es klarere Voten für die Aufstellung der Geräte, beispielsweise durch das Bundesumweltamt und die Bundesregierung. Hamburg hat sich aufgrund der geänderten Experteneinschätzungen deshalb entschieden, die Geräte flächendeckend anzuschaffen. Die Geräte ergänzen die anderen Sicherheitsmaßnahmen, sie ersetzen sie jedoch nicht. Auch weiterhin müssen alle Unterrichtsräume alle 20 Minuten ordentlich durchgelüftet werden.“

Rabe: „Ausschreibung, Beschaffung und Aufstellung einer derart großen Menge anspruchsvoller technischer Geräte ist ein sehr ambitioniertes Vorhaben, das es bislang in der Schulbehörde noch nicht gegeben hat. Die Dimension wird bereits daran deutlich, dass trotz Einbeziehung mehrerer namhafter Hersteller selbst die Firmen Mühe haben, überhaupt so viele Geräte zu produzieren und zu liefern. Deshalb freue ich mich sehr, dass die Hersteller die Lieferung von über 18.000 Geräten bis zu den Herbstferien zugesagt haben. Damit können wir alle Klassenräume und zahlreiche Fachräume zügig ausstatten. Ergänzend werden weitere Geräte im Oktober nachgeliefert und aufgestellt.“ News4teachers / mit Material der dpa

Hamburgs Sicherheitskonzept

Die mobilen Luftfiltergeräte seien Baustein eines umfassenden Fünf-Stufen-Sicherheitskonzeptes an den Hamburger Schulen, so teilt die Bildungsbehörde mit. So seien frühzeitig allen Schulbeschäftigten Impfangebote gemacht worden, die auch in hoher Zahl wahrgenommen wurden. Zudem müssten sich alle Schülerinnen und Schüler zwei Mal pro Woche auf Corona testen. In allen Gebäuden gelte die Maskenpflicht. Und alle 20 Minuten würden die Unterrichtsräume ordentlich durchgelüftet.

Das „Fünf-Stufen-Sicherheitskonzept für Hamburgs Schulen zum Schutz vor Corona“ im Wortlaut:

  1. „Alle Schulbeschäftigten haben sehr frühzeitig umfassende Impfangebote bekommen und in großem Umfang wahrgenommen. Die Gefahr einer Übertragung von Corona durch Lehrkräfte oder andere Schulbeschäftige auf die Schülerinnen und Schüler ist damit erheblich verringert worden. Impfangebote für Schülerinnen und Schüler an den Berufsbildenden Schulen gibt es seit dem 10. August, Impfangebote für Schülerinnen und Schüler ab 12 Jahre an den allgemeinbildenden Schulen sind in Vorbereitung.
  2. Zweimal in der Woche müssen alle Schülerinnen und Schüler mit einem Antigen-Schnelltest nachweisen, dass sie keine Corona-Viren übertragen. Die Tests sind kostenlos und werden in der Regel unter Anleitung der Lehrkräfte in der Schule durchgeführt. Geimpfte und Genesene sind getesteten Personen gleichgestellt.
  3. Wer sich im Schulgebäude aufhält, muss eine medizinische Maske tragen, denn die ansteckenden Virusvarianten bleiben eine Gefahr, gegen die medizinische Masken einen guten Schutz bieten. Ausnahmen von der Maskenpflicht gibt es beim Essen in der Schulkantine, auf dem Schulhof, beim Sport, auf dem Außengelände der Schule und bei Klassenfahrten außerhalb von Gebäuden.
  4. Alle Unterrichtsräume sollen alle 20 Minuten für fünf Minuten gelüftet werden, um verbrauchte Luft und krankheitsübertragende Luftpartikel (Aerosole) durch frische Luft zu ersetzen. Fachleute warnen dringend vor einer „Dauerlüftung“. In der kühlen Jahreszeit behindern dauerhaft angekippte Fenster den Luftaustausch und kühlen die Räume unnötig aus. Deswegen ist es im Herbst und Winter viel besser, die Fenster 20 Minuten lang zu schließen, dann für fünf Minuten weit zu öffnen (Stoß- oder Querlüften) und danach wieder zu schließen. Das hält die Wärme im Gebäude, denn die Wärme ist in Wänden und Mobiliar gespeichert und erwärmt die ausgetauschte frische Luft schnell wieder.
  5. Die Schulbehörde wird größtenteils bis zu den Herbstferien zusätzlich alle Klassenräume mit mobilen Lüftungsgeräten ausstatten, die restlichen bis Ende Oktober. Lange Zeit haben Fachleute deren Einsatz unterschiedlich bewertet, sind aber in den letzten Wochen zu klareren Einschätzungen gekommen. Hamburg wird deshalb diese Geräte flächendeckend einsetzen, um das noch so kleinste Risiko zur Krankheitsübertragung auszuschließen. Die Geräte ähneln einem Kühlschrank, sind beweglich, wartungsarm und funktionieren wie eine Dunstabzugshaube in der Küche: Sie saugen Luft an und filtern sie mit besonderer Filterwatte. Die Schulbehörde wird nur solche Geräte einsetzen, die leiser sind als die modernsten und besonders leisen Geschirrspüler.“

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19 KOMMENTARE

  1. Daran sollte sich Yvonne Gebauer mal ein Beispiel nehmen . In NRW sollen ja nur Räume ausgestattet werden , die man nicht lüften kann . Ties Rabe ist wohl lernfähig . Da hat er den anderen Kumis etwas voraus …

      • Die Schule in HH hat ja auch schon am 04.08. angefangen … In NRW ging es erst gestern los . Wir werden aber sehr schnell aufschließen .

        • Schön wäre das, aber NRW wird ein paar mehr Geräte brauchen als Hamburg und das werden die Lieferzeiten dann widerspiegeln.
          Mich ärgert vor allem, dass sich hier der Lindner als Mr. Luftfilter inszeniert und Fr. Gebauer aus derselben Partei zugleich wissenschaftliche Erkentnisse und sinnvolle technische Lösungen (z. B. Pool-Tests auch an weiterführenden Schulen) aussitzt.

      • Nun ja….in unserer Stadt (Bi) haben wir heute einen I-Wert von gut 110 … am letzten Montag waren es noch 70 und am Freitag davor 35…wir lassen mal unsere Phantasie spielen und exponenzieren diese Zahlen fröhlich weiter…und dennoch spricht der OB Pit Claussen, der auch noch Präsident des Städtetages in NRW ist, dass „mobile Luftfilter in Schulen lediglich `Hilfskrücken´ seien“.

        Wir denken diese Aussage ebenfalls mal zuende:

        Wenn ich mir das Bein breche, dann verweigert mir Herr Claussen diese Gehhilfen, da sie ja lediglich meine Gehfähigkeit ermöglichen – aber nicht gegen den Beinbruch helfen.

        Wenn ich den Herrn `Genossen´ beim nächsten Hundespaziergang in den grünen Auen um Bielefeld (Achtung!! das gibt es doch 😉 !!) treffe, dann werde ich ihn mal fragen, wie er sich diese Aussage eigentlich gedacht hat und wie er sich in Zukunft als „bürgernah“ verkaufen möchte. Ich glaube, dass sein Retreiver mehr Empathie aufbringt…der wedelt wenigstens, wenn wir uns treffen.

  2. Ich drücke den Hamburgern die Daumen, dass das Vorhaben auch gelingt.
    Und hoffe für alle anderen Bundesländer….

  3. Hamburg ist noch vor NRW Inzidenz-Spitzenreiter……die 100 ist bald geschafft.
    Vielleicht hat das bei der Entscheidung für Luftfilter geholfen.
    Oder die bevorstehende Wahl.
    Wirkliches Interesse an den Schülern, Lehrern und Eltern wird es kaum gewesen sein.
    Dann wären sie schon vor den Ferien bestellt und in den Ferien aufgestellt worden.
    Aber besser zu spät als nie.

  4. In Hamburg (SPD) werden Luftfilter für Schulklassen angeschafft, in NRW schafft Fr. Gebauer ( FDP) und H. Laschet (CDU) Einschränkungen des Unterrichts bei hohen Inzidenzen sowie vorsichtige Quarantäneregeln ab. Der eine betreibt offensichtlich den Schutz der SuS und deren Familie, die anderen schützen die Arbeitgeber vor möglichen Ausfällen seitens betreuende Eltern/Arbeitnehmer mit den billigsten Tricks. Schade, dass es in HH vermutlich einige Wochen dauern wird, bevor alle Räume ausgestattet werden, sonst könnte man einen unmittelbaren Vergleich ziehen, welche „Schutzmaßnahmen“ welche Wirkung erzielen. Auf jeden Fall können die Familien sehen, was sie den jeweiligen Landesregierung wert sind.

    • „Ab Freitag muss der Schülerausweis ab 15 Jahren kontrolliert bzw. mitgeführt werden. Bei allen jüngeren Schülerinnen und Schülern besteht ohnehin eine Schulpflicht und daher gilt auch die Testannahme. Auch wenn Schülerinnen und Schüler aufgrund einer Erkrankung nicht an einer Testung teilgenommen haben, gilt für diese das Schülertestprivileg. Das Gesundheitsministerium appelliert aber an die Vernunft und Verantwortung der Eltern, in einem solchen Fall einen Schnell- oder Selbsttest vor einer Teilnahme an 3G-Veranstaltungen durchzuführen“, so Auszug aus den WDR Textnachrichten. Nach einer Idee von Markus Söder weicht im „Luschenland“ die Landesregierung die 3G Regel mit dem Nachweis über einen negativen Test für SuS auf. Vor dem Schwimm-bzw. Hallenbad ungläubiges Kopfschütteln selbst bei Eltern.

    • Tja, schade, dass im September Bundestagswahlen sind und nicht Landtagswahlen…ich musste ganz herzlich lachen, als ich ein Wahlkampfplakat des lokalen FDP-Kandidaten sah. Der warb für sich mit den Worten „Ich bin Mr. Luftfilter“

      Rechts ranfahren, herzhaft übergeben und dann mit Gruseln an die kommenden Monate denken. Das mit dem Wählen „muss ich mir noch mal durch den Kopf gehen lassen“.

    • Einfach Münster ansehen. Die haben viele Luftfilter in Schulen seit letztem Jahr eingesetzt und sind mit den Zahlen immer recht weit unten gewesen.
      Habe es deswegen immer neben meinen Landkreisen, in denen ich tätig bin, auch auf der Inzidenz-Karte angeguckt.

  5. Da braucht sich der Kanzlerkandidat der SPD nicht vor Fragen bezüglich der 4.Welle in Deutschland’s Schulen fürchten. Ebensowenig Herr Söder.

    Herr Laschet schon eher.
    Falls er im September überhaupt noch Kandidat ist.

    Die Bundestagswahl und die Deltavariante sorgen für Schutz in deutschen Schulen.

    Wer nicht proaktiv handelt, wird das Nachsehen haben.

  6. „Sie filtern pro Stunde mindestens die dreifache Luftmenge des Raumes. “

    Experten empfehlen mindestens die sechsfache Luftmenge des Raums, also sechs Luftfilterungen pro Stunde.

    Natürlich sind drei Filterungen viel besser als gar keine Filterung, das steht wohl außer Frage. Ich fürchte nur, dass man das dann als Alibi nimmt, um andere Schutzmaßnahmen zu streichen – so nach dem Motto „wir haben ja Luftfilter“.

    Wie sämtliche einschlägigen Studien zeigen, müssen Luftfilter Teil eines Gesamtkonzepts sein. Wenn man sie also zusätzlich zu anderen Maßnahmen verwendet, erhöhen sie die Sicherheit, wenn man statt dessen andere Maßnahmen streicht, dann muss das nicht zwingend der Fall sein. Hoffen wir, dass das bedacht wird.

  7. @Klugscheißer: Münster taugt leider wirklich nicht als leuchtendes Beispiel in Sachen Luftfilter. Die Stadt hat 300 (voll refinanzierte) Geräte für mehr als 2.500 Räume angeschafft – lächerlich! Ich bin Teil einer Elterninitiative, die sich seit Monaten für eine flächendeckende Ausstattung einsetzt. Bislang vergebens. Man hofft, dass es nicht so schlimm kommt und ist nicht bereit das Geld auszugeben. Münsters gute Inzidenzwerte im bisherigen Verlauf der Pandemie sind der günstigen Sozialstruktur und der Disziplin beim Masketragen geschuldet. Ob das für Delta reicht…?

    • Danke für de Info. Immerhin haben sie etwas Geld in die Hand genommen.
      Und nein für Delta wirds nicht reichen, fürchte ich.

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