BERLIN. Mobile Luftfilter gibt es in den wenigsten Klassenräumen in Deutschland, die Maskenpflicht im Unterricht wird nach und nach abgebaut, eine Abstandsregel gibt es nicht – bleibt als einziger Corona-Schutz für Millionen von ungeimpften Schülerinnen und Schülern: offene Fenster. Allerdings beginnt jetzt die kalte Jahreszeit; der zweite Corona-Winter steht bevor. In vielen Klassenräumen werden die Arbeitsbedingungen damit wieder unzumutbar.
„Bitte, liebe Minister, stellt Euch selbst mal wie wir Lehrer eine Woche bei Minustemperaturen stundenlang in den Durchzug, setzt Euch selbst wie die Kinder bei Minustemperaturen in Jacke und Decken still in die Klasse und versucht dabei, Euch auf den Unterricht zu konzentrieren, kommt selbst durchgefroren aus einer einstündigen Mittagspause in einen total ausgekühlten Raum, der nach Vorschrift über die gesamte Pause bei kaltem Ostwind gelüftet wurde“, so bittet News4teachers-Leser und Lehrer „kanndochnichtwahrsein“ in einem Kommentar.
Man muss kein Hellseher sein, um vorhersagen zu können: Dass ein Kultusminister diesen Wunsch erfüllt und sich einen Schultag lang in ein kaltes Klassenzimmer setzt, wird nicht passieren – auch in diesem Winter nicht. Dass es kalt wird in den meisten Schulen – hingegen schon.
„Das richtige Lüften ist eine wichtige und wirkungsvolle Maßnahme im Gesamtpaket der Hygienemaßnahmen, um die potentielle Viruslast in der Lernumgebung zu senken und eine Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen“, so meinte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD), seinerzeit noch KMK-Präsidentin, im Dezember vergangenen Jahres. „Eltern sorgen sich vielleicht, dass es zu kalt in den Räumen werden könnte. Beim richtigen Lüften, so die Experten, kühlt sich die Raumtemperatur allerdings nur um zwei bis drei Grad Celsius ab.“ Die „Experten“, auf die sich Hubig bezog – sie selbst bekräftigte mehrfach: Stoßlüften in Schulen sei auch bei frostigen Temperaturen kein Problem –, waren Ingenieure des Bundesumweltamts.
Die schulfernen Experten haben im Auftrag der KMK ein „Lüftungskonzept“ für die Schulen erarbeitet. In der kalten Jahreszeit soll demnach während des Unterrichts alle 20 Minuten mit weit geöffneten Fenstern für 3 bis 5 Minuten gelüftet werden – sogenanntes Stoßlüften. Zudem solle während der gesamten Pausen gelüftet werden.
Einen anderen Schutz vor Infektionen vor dem Coronavirus haben die vielen ungeimpften Schülerinnen und Schüler bis heute nicht: Die Abstandsregel im Klassenraum wurde von den Kultusministern verworfen; die Maskenpflicht im Unterricht gilt vielerorts, wenn überhaupt noch, nur für ältere Jahrgänge – und Luftfilter wurden in den meisten Bundesländern lediglich für Räume angeschafft, die sich schlecht nur per Fenster lüften lassen und deshalb eigentlich gar nicht für den Unterricht geeignet sind (schon aufgrund des steigenden CO2-Gehalts in der Atemluft).
Dabei gilt die Gefahr durch Corona-belastete Aerosole im Unterricht als besonders hoch. Schüler und Lehrer einer weiterführenden Schule ohne Maske in einem vollbesetzten Klassenraum tragen ein 11,5 Mal so hohes Risiko, sich über Aerosole mit dem Coronavirus anzustecken, als Menschen in einem Supermarkt – und selbst im Wechselunterricht, also bei halbierter Klassenstärke, mit Maske ist das Risiko im Klassenraum noch 2,9 Mal höher. Das haben Berechnungen von Wissenschaftlern der TU Berlin ergeben.
“Wie das werden soll, wenn es kälter wird, weiß ich nicht. Und Ideen vom Ministerium oder den Schulträgern dazu gibt es keine“
„Mit dem Lüften hat es bisher aufgrund des milden Herbstes gut funktioniert“, berichtete ein Chemie- und Physiklehrer an einem Kölner Gymnasium im vergangenen Dezember. Aber: „Da es in der Nacht von Sonntag auf Montag zum ersten Mal Nachtfrost in Köln gegeben hat, war es am Montag sehr kalt im Klassenraum – zwölf Grad zeigte das Thermometer an. Vor einem Jahr hätte man bei so einer Temperatur die Schule geschlossen, weil das keine akzeptablen Lern- und Arbeitsbedingungen sind. Heute sitzen die Schüler den ganzen Tag mit Jacke, teilweise auch mit Handschuhen und Schals da. Der Alarm des CO2-Messgeräts geht in Klassen mit 30 Schülerinnen und Schülern schon in weniger als zehn Minuten nach dem letzten Lüften wieder los, sodass fast ständig gelüftet werden muss. Wie das werden soll, wenn es noch kälter wird, weiß ich nicht. Und Ideen vom Ministerium oder den Schulträgern dazu gibt es auch keine.“
Obwohl das Problem der Ansteckungen mit dem Coronavirus durch Aerosole bereits seit spätestens Mai 2020 bekannt war, hatten die Kultusminister das Thema schnell abgehakt: mit der Handreichung des Umweltbundesamtes eben. Erkenntnisse, nach denen mobile Luftfilter die gefährlichen Schwebeteilchen in Klassenräumen größtenteils beseitigen können, wurden erst ignoriert und dann nur zögerlich von Landesregierungen aufgenommen. Dabei kann das Lüften in Klassenräumen, die mit den Geräten ausgestattet sind, auf ein Normalmaß beschränkt werden. Offensichtlich rechneten die Kultusminister aber nicht damit, dass die Coronakrise auch im kommenden Winter noch ein Thema wäre. Sie haben gezockt – und Schüler, Lehrer und Eltern haben verloren.
Erst nachdem die Bundesregierung im Juni 2021 (sic!) ein 200-Millionen-Euro-Förderprogramm für mobile Luftreiniger aufgelegt hat, kam Bewegung in die Angelegenheit – ein wenig. Hamburg und Bremen haben als einzige Bundesländer angekündigt, alle Klassenräume bis Oktober mit mobilen Luftfiltern auszustatten. Bayern wollte das ursprünglich ebenfalls erreichen, scheitert aber aktuell am Widerstand der Schulträger, die den geforderten Eigenanteil nicht aufbringen wollen, wie News4teachers berichtete. Lediglich Berlin hat darüber hinaus einen nennenswerten Anteil seiner Schulen mit den Geräten bestückt. In den übrigen Bundesländern passiert wenig bis gar nichts. Letztlich hängt es vom Engagement des Schulträgers ab, ob mobile Luftfilter für die Bildungseinrichtungen angeschafft werden. Und die haben meistens keine Lust, Geld für Kinder auszugeben, die angeblich ohnehin nicht schwer erkranken, meistens jedenfalls nicht.
Die Folgen bekommen Millionen von Schülern und Lehrern in Deutschland in diesen Tagen zu spüren. Der Leiter einer Grundschule im westfälischen Vörden machte im Rat seiner Stadt mit einem Lüftungsprotokoll anschaulich, wie wenig praktikabel das „Lüftungskonzept“ der KMK ist. Demnach wurden die Temperaturen am 25. und 30. November 2020 jeweils von 8.15 bis 11.45 Uhr im Raum EG05 (Außenseite nach Süden, innen grenzt die Aula an) gemessen. „Das Thermometer lag dabei auf einem Tisch im Klassenraum genau mittig zwischen Fensterfront und der gegenüberliegenden Innenwand. Für die Tests wurde außerdem die automatische Heizsperre bei geöffnetem Fenster aufgehoben – es wurde also dauerhaft auf 23 Grad geheizt“, so berichtete der Schulleiter.
Am ersten Testtag mit einer morgendlichen Außentemperatur von sechs Grad habe der Höchstwert nach einer Lüftung um 11.20 Uhr bei 14,6 Grad gelegen, der niedrigste Wert nach dem Öffnen der Fenster sei um 10.55 Uhr mit 11,7 Grad erreicht worden. Noch deutlich kälter sei es am zweiten Testtag geworden, der um 8 Uhr bei minus vier Grad Außentemperatur begann. Hier kühlte sich der Raum zu Schulbeginn innerhalb von fünf Minuten von 21,5 auf 4,9 Grad herunter.
„Ich persönlich werde die Verantwortung für die Gesundheit der Kinder in diesem Fall ablehnen“
Am wärmsten blieb es laut Bericht nach einer fünfminütigen Lüftung um 11.45 Uhr mit 8,3 Grad, der kälteste Wert wurde nach Ende der großen Pause erreicht: Die Schüler begannen die Unterrichtsstunde um 10.25 Uhr bei einer Raumtemperatur von nur noch 2,4 Grad. „Wir haben uns sowohl bei den Tests auch als im Schulalltag genau an die Vorgaben bezüglich der Lüftungsintervalle und -zeiten gehalten“, erklärte der Schulleiter und betonte: „Ich persönlich werde die Verantwortung für die Gesundheit der Kinder in diesem Fall ablehnen.“
Zu kalt für den Unterricht? Iwo – befand Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) noch im Juni. In einem Brief, über den News4teachers berichtete, schrieb er: „Zur Reduktion des Übertragungsrisikos von Covid-19-Viren ist auf eine intensive Lüftung der Räume zu achten. Etwa alle 20 Minuten soll eine Stoßlüftung oder Querlüftung durch möglichst vollständig geöffnete Fenster vorgenommen werden. Hier gilt das sog. 20-5-20-Prizinp. In Abhängigkeit von der Außentemperatur dauert eine solche Lüftung nur 3 bis 10 Minuten und ist somit auch im Herbst und Winter problemlos möglich. Die Raumluft kühlt beim Stoßlüften in Räumen über wenige Minuten lediglich um ca. 2 – 3 Grad ab, was für Schülerinnen und Schüler als gesundheitlich unproblematisch anzusehen ist. Frische Luft ist gesund, das Lüften verursacht keinerlei gesundheitliche Risiken, auch keine Erkältungen – im Gegenteil, das regelmäßige Lüften wirkt hier sogar vorbeugend.“
Wie wenig das Lüftungskonzept der KMK im Herbst und Winter wirkt, zeigt sich in einer Statistik des Robert-Koch-Instituts, über die News4teachers ebenfalls berichtete: Corona-Ausbrüche in Schulen nahmen ab September 2020, also vor genau einem Jahr, drastisch zu – pünktlich mit Beginn der kalten Jahreszeit. News4teachers
Eine Lehrerin hat die Temperaturen im Klassenraum während eines Tages im Dezember 2020 mithilfe eines CO2-Messgeräts dokumentiert – und auf der Facebook-Seite von News4teachers veröffentlicht. Bei Temperaturen über 15 Grad stieg der CO2-Gehalt in den Risikobereich.
Sie schreibt dazu: “So sah gestern eine Doppelstunde nach Lüftungskonzept der Schulbehörde aus. An Unterricht ist während und nach der Lüftung nicht zu denken, weil es einfach zu kalt ist und alle sich dick anziehen müssen. Der eisige, norddeutsche Wind fegte sämtliche Blätter vom Tisch. Die Heizung läuft auch Hochtouren. Was das für die Umwelt und den Klimawandel bedeutet…”
Und sie betont: “Laut Arbeitsschutzgesetz muss die Raumtemperatur bei überwiegend sitzender Tätigkeit 20 Grad betragen. Tja! Arbeitsschutz scheint in den Schulen nicht zu gelten, denn auch alle anderen Schutzmaßnahmen nach ‘Sars-Cov-2 Schutzstandard Schule’ der DGUV gelten ja nicht.” Über den fehlenden Arbeitsschutz in der Schule hat News4teachers auch schon berichtet – hier nachzulesen.
