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Woran erkennt man seriöse Informationen? Was Lehrer ihren Schülern beibringen sollten

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GÜTERSLOH. Zum Angriff Russlands auf die Ukraine finden sich im Internet auf einmal zahlreiche manipulierte Informationen, die sich um die Geschichte des Konflikts und das Kriegsgeschehen drehen. Über Online-Nachrichtendienste sowie soziale Medien verbreiteten sie sich wahnsinnig schnell – und zeigen damit einmal mehr, wie wichtig es in der heutigen Zeit ist, die Qualität von Informationen einschätzen zu können. Auf schulischer Ebene kann dies Teil der politischen Bildung sein.

Was sind seriöse Informationen – und was ist Klatsch und Tratsch? Das unterscheiden zu lernen, ist Teil von politischer Bildung. Illustration: Shutterstock

Es waren großteils vollkommen abwegige Nachrichten, die im Zuge der Corona-Pandemie über Whatsapp, Facebook, Instagram und ähnliche Kanäle Aufmerksamkeit erregten: Das Coronavirus sei in einem Biolabor gezüchtet worden, ein US-amerikanischer Unternehmer habe das Virus erschaffen, um die Welt zu regieren oder der Mobilfunkstandard 5G verursache die Krankheit.

Nadine Eikenbusch, Referentin der EU-Initiative klicksafe bei der Landesanstalt für Medien NRW, erstaunt die Flut an Falschmeldungen nicht: „In Verbindung mit Katastrophen treten Verschwörungstheorien und Fake News besonders häufig auf. Sie liefern einfache Erklärungen und Lösungen für komplexe Sachverhalte.“ In Zeiten voller Verunsicherung seien Menschen sehr anfällig, solchen Geschichten Glauben zu schenken. „Vielleicht kennt man das auch von sich selbst, dass man dazu neigt, sich dann auf Informationen zu stürzen, die einen beruhigen, oder die die eigene Meinung untermauern“, sagt die Medienexpertin.

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Auch andersherum wird Desinformation betrieben – indem die Authentizität von womöglich echten Bildern aus dem Krieg in der Ukraine auf den sozialen Medien in Zweifel gezogen werden, die Zeugen in den sozialen Medien veröffentlichen. „Was wir jetzt sehen, ist vor allen Dingen, dass diese Fotos in Frage gestellt werden, also dass versucht wird, diese Fotos und Videoaufnahmen als Fake zu bezeichnen”, sagt Factcheckerin Alice Echtermann vom Recherchezentrum Correktiv gegenüber dem Deutschlandfunk. Das beste Mittel, um der Wahrheit nahe zu kommen, ist ihr zufolge: solides Hintergrundwissen.

„Wachsende Gefahr für die Demokratie“

Vielfach teilten Menschen Falschmeldungen und Verschwörungstheorien vor diesem Hintergrund nicht in böser Absicht, sondern weil sie ihre Familie und Freunde über Gefahren oder Neuigkeiten informieren wollen. „Oder auch um sich zu profilieren, beispielsweise wenn jemand der offiziellen Einschätzung der Regierung zum Virus kritisch gegenübersteht und im Internet Beiträge findet, die seine Ansicht stützen“, erklärt Eikenbusch. Das sei im Übrigen um einiges einfacher geworden: „Mittlerweile gibt es ja im Internet für jede Theorie mindestens eine weitere Person, die die gleichen Überzeugungen teilt wie man selbst.“ Das Problem: Falschmeldungen und Verschwörungstheorien stellen eine wachsende Gefahr für die Demokratie dar, weil sie versuchen, Meinungen in eine gewünschte Richtung zu manipulieren.

Neue Leitmedien

Hinzukommt, dass sich die Art und Weise verändert hat, wie sich Menschen informieren. „Ganz viele Menschen beziehen auch die politischen und gesellschaftlichen Informationen vornehmlich aus sozialen Medien“, sagt Anja Besand, Professorin für die Didaktik der politischen Bildung an der TU Dresden. Sie hätten das Fernsehen als politisches Leitmedium abgelöst, schlussfolgert Besand im Interview, das im Zusammenhang mit der kostenlosen Online-Weiterbildung „Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen“ der Bertelsmann Stiftung und der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik entstanden ist. Ihr Fazit: Die politische Bildung müsse darauf reagieren.

Dazu gehöre auch, auf die veränderte Haltung vieler Schülerinnen und Schüler sowie vieler Erwachsener einzugehen, sich nicht mehr aktiv mit dem Nachrichtengeschehen beschäftigen zu müssen, denn sie gehen laut Besand davon aus: „Wichtige Informationen erreichen mich schon, also wenn etwas passiert, dann taucht das in meinen sozialen Netzwerken schon früher oder später auf.“ Lehrkräften sollte diese Einstellung bewusst sein, damit sie im Unterricht darauf reagieren und entsprechend notwendiges Wissen sowie geforderte Kompetenzen vermitteln könnten.

Wichtige Kernkompetenzen

Diese Auffassung vertritt auch klicksafe-Referentin Eikenbusch: „Unabhängig von Corona ist es zentral, sich mit dem Informationsverhalten von Kindern und Jugendlichen zu beschäftigen.“ Oftmals fehle es ihnen an gesundem Misstrauen; Influencerinnen und Influencer hätten etwa viel Einflusspotenzial. Informationskompetenz und auch Quellenkritik seien daher sehr wichtige Kernkompetenzen.

Lehrkräfte, so zeigen sich Professorin Besand und Medienexpertin Eikenbusch einig, sollten sich zusammen mit ihren Schülerinnen und Schülern in einen Reflexionsprozess begeben und – so formuliert es Anja Besand – „gemeinsam lernen, aus welchen Kanälen Informationen in welcher Weise zu beurteilen sind“. Für die Analyse von Inhalten empfiehlt Nadine Eikenbusch, sich an den folgenden vier Punkten zu orientieren:

  1. Überschrift
  2. Bebilderung
  3. Quelle
  4. Aktualität

Anlass zur Vorsicht sei demnach geboten, wenn

„In der Schule ließe sich so eine Fake News-Überprüfung etwa in Form einer Textanalyse schulen, um das kritische Bewusstsein zu fördern“, sagt Medienexpertin Eikenbusch. Unterstützung dabei biete die klicksafe-Unterrichtsreihe „Fakt oder Fake“.

Eine detaillierte Video-Anleitung für Kinder und Jugendliche, wie sie Fake News im Netz erkennen können, finden Sie auf der Medienkompetenzseite „So geht Medien“ von ARD, ZDF und Deutschlandradio. Lassen sich Meldungen einmal nicht einwandfrei beurteilen, können auch Online-Angebote professioneller Faktenprüfer weiterhelfen wie der ARD-Faktenfinder oder der Faktencheck des gemeinnützigen Recherchezentrums Correctiv.

Selbstwirksamkeit fördern

Entscheidend ist aus Sicht von Nadine Eikenbusch aber nicht nur Schülerinnen und Schülern das Wissen zu vermitteln, wie sie Falschmeldungen und Verschwörungstheorien erkennen können, sondern ihnen auch aufzuzeigen, dass sie aktiv gegen sie vorgehen können: entweder, indem sie den Verdacht der jeweiligen Plattform melden, oder Bekannte, die solche Inhalte geteilt haben, auf den Charakter der Nachricht hinweisen – „sehr respektvoll und im besten Fall in einer privaten Nachricht“. „Sie erleben, dass sie dazu beitragen können, Falschinformationen zu stoppen, damit diese nicht weiter als Brandbeschleuniger wirken.“

Verschiedene Medien machen sich zwar die Mühe, die falschen Inhalte als solche zu enttarnen, doch nicht immer sorgt dies auch dafür, dass sie aus der öffentlichen Diskussion verschwinden. Vor allem Verschwörungstheorien halten sich laut Nadine Eikenbusch „nachhaltiger oder hartnäckiger“. Und: Der Artikel, der eine Falschmeldung enttarnt, erreicht nicht alle Personen gleichermaßen. Wer sich im Internet nur mit gleichdenkenden Menschen umgibt, erfährt eventuell nie davon oder brandmarkt – durch die eigene Gruppe bestärkt – das Ergebnis eines Faktenchecks als Fake News. Darüber hinaus tauchen regelmäßig neue manipulierte Informationen im Internet auf. Anna Hückelheim / Agentur für Bildungsjournalismus

Demokratiebildung: Kostenloser Online-Kurs für Lehrer
„Schule ist ein zentraler Ort, an dem junge Menschen Demokratie und Engagement lernen, erfahren und gestalten können.” Foto: Shutterstock

Die Demokratiebildung in der Schule hat im Zuge der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen an Bedeutung gewonnen. Schülerinnen und Schüler sollen lernen, sich als Part der Gesellschaft zu begreifen, der diese aktiv verändern kann. Doch wie können Lehrkräfte dies erreichen? Unterstützung bietet der kostenlose Online-Kurs „Citizenship Education – Demokratiebildung in Schulen“, den die Bertelsmann Stiftung zusammen mit dem Institut für Didaktik der Demokratie an der Leibniz Universität Hannover entwickelt hat.

Hier gibt es weitere Informationen.

Der Beitrag ist ursprünglich am 6. September 2020 erschienen; er wurde am 27. Februar 2022 aktualisiert.

 

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