Eine Analyse von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.
BERLIN. Die Kultusminister verharmlosen Corona bei Kindern praktisch seit Beginn der Pandemie – und haben die Schulen damit nun in eine Sackgasse manövriert. Impfungen von Kindern und Jugendlichen würden helfen, eine erneute Corona-Welle im Herbst zu vermeiden. Weil aber die KMK die Gefahren negiert und nun sogar beschlossen hat, sämtliche Schutzmaßnahmen an Schulen trotz hoher Kinder-Inzidenzen „spätestens im Mai“ zu beenden (ist ja alles harmlos), sehen viele Eltern dafür keine Notwendigkeit. Die Folge: Der nächste Corona-Winter in Schulen ist absehbar.
KMK-Präsidentin Karin Prien traf sich unlängst mit Vertretern der Schülerinitiative #WirWerdenLaut, die Corona-Schutzmaßnahmen entsprechend der von Medizinern und Wissenschaftlern entwickelten S3-Leitlinie für den Schulbetrieb fordert. Von der Videokonferenz war – anders als von Prien zunächst angekündigt – die Öffentlichkeit ausgesperrt worden. Einer der Schüler berichtete jedoch hinterher auf Twitter von den Inhalten.
„Die Infektionen, die wir in der Schule feststellen, sind im überwiegenden Teil im privaten Umfeld erfolgt“
Die Bildungsministerin von Schleswig-Holstein „verbreitete das Narrativ einer für Schüler*innen vollkommen harmlosen Krankheit“, schreibt er. „Zugleich aber stellte sie unsere Aussagen immer wieder in Frage und warf uns vor zu lügen. Vielmehr seien die Sicherheitsmaßnahmen in den Schulen die Ursache für eine Kultur der Angst, die die psychosoziale Gesundheit der Kinder und Jugendlichen gefährdet.“ Und weiter: „Wir haben ihr erklärt, was eine Endemie eigentlich ist, dass wir uns noch nicht in einer frühen Phase der Endemie befinden und warum voreilige Lockerungen den Übergang in eine Endemie erschweren.“ Prien aber habe ihre „Wahrnehmung belächelt und noch am gleichen Tag weitreichende Lockerungen für Schulen in Schleswig-Holstein angekündigt.“
Tatsächlich entsprechen die Prien zugeschriebenen Aussagen dem, was sie und alle anderen Kultusministerinnen und Kultusminister – mit unterschiedlicher Vehemenz – praktisch seit Beginn der Pandemie behaupten. „Schulen sind keine Treiber der Pandemie“ beziehungsweise (so Bundesfamilienministerin Anne Spiegel, Grüne, noch im Dezember) „Kinder sind keine Treiber der Pandemie“, lauteten die irreführenden Slogans der Pandemie-Jahre 2020 und 2021.
Damit wurde der Eindruck erweckt, Kinder und Jugendliche hätten mit dem Infektionsgeschehen praktisch nichts zu tun – weshalb auf Schutzmaßnahmen in Kitas und Schulen bis auf offene Fenster weitgehend verzichtet werden könne. Spätestens die Omikron-Welle und die damit verbundenen monströsen Ansteckungsquoten unter Kita-Kindern sowie Schülerinnen und Schülern haben die wissenschaftlich immer schon unsinnigen Sprüche augenfällig widerlegt. Tatsächlich waren sie in diesem Jahr nicht wieder zu hören.
Die Kultusministerinnen und Kultusminister bleiben jedoch auf ihrem Verharmlosungskurs – kommuniziert jetzt eben in neuen Variationen. Beispiele aus den letzten Wochen: „Die Infektionen, die wir in der Schule feststellen, sind im überwiegenden Teil im privaten Umfeld erfolgt“, so meinte Hessens Kultusminister Alexander Lorz (CDU). „Wir alle wissen um die riesige Herausforderung, Schule in der Pandemie zu organisieren und Präsenzunterricht anzubieten. Wir alle wissen aber auch, wie gut das den Kindern und Jugendlichen tut“, befand Niedersachsens Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD). Zuvor hatte die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) erklärt: „Unsere Schulen sind durch das regelmäßige Testen, den Schutz der Masken und die konsequente Einhaltung der Hygiene-Vorschriften sehr sichere Orte.“
Und auch Prien mischt weiter kräftig mit. „Omikron ist keine gefährliche Erkrankung für Fünf- bis Elfjährige, glauben sie mir, wenn ich davon nicht wissenschaftlich überzeugt wäre, würde ich nachts nicht mehr in den Schlaf kommen“, erklärte die CDU-Politikerin in der ZDF-Talkshow „Markus Lanz“ vor einem Millionenpublikum.
Was Prien mit „gefährlich“ meint, ist allerdings interpretierbar. Fakten sind: Bislang wurden Millionen von Schülern in Deutschland infiziert, derzeit müssen sich wöchentlich geschätzt rund 100.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland aufgrund von symptomatischen Corona-Infektionen in ärztliche Behandlung begeben. Eine unbestimmte Zahl an Kindern in Deutschland leidet aufgrund einer Corona-Infektion unter Long Covid und dem lebensbedrohlichen PIM-Syndrom. Mittlerweile 57 Kinder und Jugendliche sind Corona-bedingt verstorben.
„Wir haben es mit einer chronischen, bisher noch nicht heilbaren Krankheit zu tun“
In einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) warnte die Chefärztin der Median-Klinik in Heiligendamm, Dr. med. Jördis Frommhold (die Long-Covid-Patienten behandelt) davor, die langfristigen Beschwerden nach Covid-19-Erkrankungen zu unterschätzen – auch bei jungen, zunächst gesunden Menschen. „Wir haben es mit einer chronischen, bisher noch nicht heilbaren Krankheit zu tun“, sagte Frommhold.
Solche Warnungen, die auch der Expertenrat der Bundesregierung in einer aktuellen Stellungnahme zu Kindern und Jugendlichen verbreitet, verhallen allerdings in der Öffentlichkeit weitgehend ungehört – die Kultusministerinnen und Kultusminister sowie ihre Pressestellen haben ganze Arbeit geleistet. Tatsächlich glauben offensichtlich viele Eltern, ihr Kind sei durch Corona nicht gefährdet. Das spiegelt sich in den Impfquoten: So sind laut Robert-Koch-Institut gerade mal 14 Prozent der Fünf- bis Elfjährigen in Deutschland geimpft; von den Zwölf- bis 17-Jährigen sind es lediglich die Hälfte. Die von der Stiko empfohlene Auffrischungsimpfung haben sogar nur 42 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen bekommen.
Genau das wird zum Problem – aktuell, weil das Infektionsgeschehen in den Schulen nach wie vor hoch ist, und perspektivisch, wenn im Herbst die Zahlen wohl nochmal deutlich steigen werden. Der Expertenrat der Bundesregierung mahnt deshalb die Politik eindringlich: „Da bislang die Impfquote bei 12-17-Jährigen trotz vorliegender Stiko-Empfehlung niedrig ist und Eltern von 5-11-Jährigen auch ohne allgemeine Empfehlung gemeinsam mit ihrer Ärztin/ihrem Arzt eine individuelle Impfentscheidung treffen können, ist eine zusätzliche, an Eltern, Kinder und Jugendliche gerichtete Informations- und Aufklärungskampagne erforderlich.“
Nur: Wie sollen Kultusministerinnen und Kultusminister glaubhaft für eine Impfung gegen eine Krankheit werben, die sie seit fast zwei Jahren kleinreden? So verwandelt sich der kommunikative Erfolg der verantwortlichen Politikerinnen und Politiker, ihr Nichtstun als sachgerecht zu verkaufen, in einen Pyrrhussieg. Er wird damit erkauft, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit dieser Winter nicht die letzte Corona-Saison in den Schulen war (zumal eine Ansteckung mit Omikron nicht vor weiteren Corona-Infektionen schützt, wie Lauterbach warnt) – mit allen Konsequenzen: daueroffenen Klassenraum-Fenstern bei Minus-Temperaturen, Angst in vulnerablen Familien, ungebremsten Infektionswellen, Mehrfach-Ansteckungen, Unterrichtsausfall, Chaos im Schulbetrieb.
“Es ist müßig, darüber zu sprechen, ob man im neuen Schuljahr zur einen oder anderen Maßnahme zurückkehren muss”
Ein halbes Jahr bis dahin ist aber augenscheinlich ein zu langer Zeitraum für einen Kultusminister, um sich mit der absehbaren Entwicklung zu beschäftigen. Niemand könne sagen, wie es im Herbst aussieht, befand Hessens Ressortchef Lorz noch am Freitag – und begründete so, warum die KMK vergangene Woche beschlossen hat, bis spätestens Mai alle Schutzmaßnahmen in Schulen einzustellen. Es sei derzeit müßig, darüber zu sprechen, ob man im neuen Schuljahr zur einen oder anderen Maßnahme zurückkehren müsse. „Jetzt ist es richtig, dass wir den Sommer nutzen und dass die Kinder, die seit zwei Jahren zum Teil keinen normalen Schulunterricht kennengelernt haben, wenigstens über den Sommer hinweg normalen Schulbetrieb erfahren“, meinte er. Wohlgemerkt: Bei nach wie vor extrem hohen Inzidenzen unter Schülern und Lehrkräften.
Die KMK begrüßt in ihrem aktuellen Beschluss die Stellungnahme des Expertenrats, ohne auf den Inhalt einzugehen. Eine Informations- und Aufklärungskampagne zur Impfung von Kindern und Jugendlichen? Erwähnt sie mit keinem Wort. News4teachers / mit Material der dpa
