Website-Icon News4teachers

„Ende der Zeitzeugenschaft“: Deutschlehrer fordern, das Thema Holocaust in den Lehrplänen ihres Faches zu verankern

Anzeige

BERLIN. Die Erinnerung an den Holocaust verblasst – auch weil Zeitzeuginnen und -zeugen immer seltener in Schulen gehen, um Kindern und Jugendlichen von den Ereignissen aus persönlicher Perspektive zu berichten. Zwar gibt es ein KMK-Papier, das Schulen empfiehlt, sich auch außerhalb des Geschichtsunterrichts mit der Shoa zu beschäftigen. Dies ist aber zu unverbindlich – meinen Deutschlehrkräfte nun. Sie fordern, die Beschäftigung mit dem Holocaust in den Lehrplänen ihres Faches zu verankern.

In Auschwitz wurden zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Menschen ermordet. Foto: Shutterstock

„Erinnerungskultur in der Schule soll junge Menschen befähigen, historische Entwicklungen zu beschreiben und zu bewerten sowie unsere Welt als durch eigenes Tun gestaltbar und veränderbar zu begreifen“, so heißt es in dem KMK-Beschluss „Erinnern für die Zukunft. Empfehlungen zur Erinnerungskultur als Gegenstand historisch-politischer Bildung in der Schule“ von 2014, der bis heute gültig ist. Wie das geschehen soll, bleibt allerdings vage.

„Erinnern und Erinnerungskultur sind Teil historisch-politischer Bildung und somit Gegenstand auch des schulischen Lernens. Viele Schulen integrieren Gedenktage oder den Besuch von Orten der Erinnerung, Gedenkstätten und Museen in ein langfristig wirkendes pädagogisches Konzept historisch-politischer Bildung. In zahlreichen Unterrichtsfächern gibt es vielfache An- und Verknüpfungspunkte.“ Die Kultusministerien der Länder werden aufgefordert, das Thema „in Lehr- und Bildungsplänen, Prüfungsanforderungen und Prüfungsaufgaben sowie in Aus- und Fortbildung“ zu berücksichtigen. In Richtung der Lehrkräfte heißt es: „Alle Fächer können – ungeachtet der besonderen Verantwortung des Fachs Geschichte – Anknüpfungspunkte für die Auseinandersetzung mit Inhalten der Erinnerungskultur bieten.“ Wohlgemerkt: Können – nicht müssen.

Anzeige

„Dringlichkeit und Eile sind geboten, weil zahlreiche erschreckende Ereignisse die Gefahren von Verdrängen und Vergessen dokumentieren”

Das reicht Deutschlehrkräften nicht mehr aus. In einer aktuellen Erklärung des Fachverbandes Deutsch im Deutschen Germanistenverband (DGV) zur Erinnerungskultur wird eine obligatorische Einbindung der Holocaustliteratur in die Curricula gefordert. Die KMK-Vorgabe „berücksichtigt zahlreiche relevante Ziele, Grundsätze und Formen des Erinnerns, blendet allerdings aus, dass Erinnern und Er­innerungskultur nicht nur Teil historisch-politischer, sondern dezidiert auch Teil sprachlich-literari­scher sowie medialer Bildung sind“, so heißt es in dem Papier. „Daher muss die Verpflichtung auf eine Beschäftigung mit Holo­caustliteratur in den Kerncurricula und Lehrplänen für das Fach Deutsch in allen Schulformen schnellstmöglich Berücksichtigung finden.“

Nicht erst in ferner Zukunft. „Dringlichkeit und Eile sind geboten, weil zahlreiche erschreckende Ereignisse und Geschehnisse, nicht erst seit der Jahrtausendwende, die Gefahren von Verdrängen und Vergessen in bedrohlicher Deutlichkeit dokumentieren. Nicht zuletzt jüngere Studien zum Wissen um den Holocaust bei jünge­ren Menschen müssen in diesem Zusammenhang tief besorgen. Daher muss eine Beschäftigung mit dem Holocaust zukünftig breiter und anders aufgestellt werden durch eine Verknüpfung von historisch-politischen Lernprozessen mit Formen ästhetischer Bildung.“

„Der Sozialraum Schule ist der einzige, den alle Menschen durchlaufen, dessen Beiträge zu einer modernen Erinnerungskultur also nicht zu überschätzen sind“

In der Kombination von Erinnern und Erzählen, von multidirektionaler Erinnerung und der Auseinandersetzung mit literarischen Inszenierungsmustern lägen große Chancen für sprachlich-literarische, zugleich für persönlichkeits- und entwicklungsfördernde Lernprozesse. Zudem mache es das „Ende der Zeitzeugenschaft“, das Sterben der Überlebenden des Holocaust, erforderlich, die Beschäftigung mit fiktionalen und faktualen Zeugnissen sowie neuen medialen For­men der Erinnerung verbindlich im schulischen Bildungsplan, vor allem auch für das Kernfach Deutsch, zu verankern. „Denn der Sozialraum Schule ist der einzige, den alle Menschen durchlaufen, dessen Beiträge zu einer modernen Erinnerungskultur also nicht zu überschätzen sind.“

Zu den Fragen curricularer Implementierung einer Beschäftigung mit Holocaustliteratur hat der Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband im Rahmen des 27. Deutschen Germanistentages an der Universität Paderborn im September 2022 namhafte Forscherinnen und Forscher sowie Schulpraktikerinnen und -praktiker versammelt, die Potenziale eines zeitgemäßen Zugangs diskutiert und modellhaft vorgestellt haben.

Ein zentrales Ergebnis dieses Treffens lautet: Die Auswahl an Texten und weiteren Medien sollte multiperspekti­vische Zugänge eröffnen, wobei fiktionale (epische, dramatische sowie lyrische) und ‚authenti­sche‘ Holocaustliteratur einzubeziehen sind. Daneben ist an Comics, Graphic Novels, Filme und digi­tale Angebote zu denken; zudem sollte die Beschäftigung mit „Zeitzeugen-Interviews“ (gerade in ihrer digitalen Form) im Deutschunterricht gestärkt werden.

„Ein zentrales Ziel der Auseinandersetzung mit Holocaustliteratur muss es sein, einen reflektierten Umgang mit Erinnerung im Allgemeinen und mit der Dichotomie von Fakten und Fiktionen im Besonderen zu schulen. Diese Erkenntnisse sind auch hilfreich, um die Vielgestaltigkeit von Erfahrungen einer heterogenen Schüler*innenschaft zu berücksichtigen und die Erinnerung an den Holocaust, wie auch anderer Genozide, in einer sich wandelnden Gesellschaft wach und relevant zu halten“, so heißt es. News4teachers

Zentralrats-Präsident Schuster über Antisemitismus unter Schülern und Lehrkräften: „Das gesamte System Schule muss auf den Prüfstand“

Anzeige
Die mobile Version verlassen